Marokko-Reisebericht :Mit dem VW-Bus durch Marokko

Durch das Oued Draa nach TanTan

Auf guter Teerstraße erreichen wir Assa. Tanken, einkaufen, das örtliche Internet-Café aufsuchen - und wieder raus aus der Stadt Richtung Torkoz. Es wird schon dunkel und so suchen wir uns bald neben der Straße in einer kleinen Senke einen Rastplatz für die Nacht.

Als wir am nächsten Tag Torkoz erreichen, entpuppt sich dieser Ort als ein sehr einfaches Wüstenkaff. Ein älterer Mann zeigt uns den Bäcker, der hinter einer Eisentür versteckt ist. Hinter dem Ort endet die Teerstraße und die zunächst gut gekennzeichnete Sandpiste beginnt. Wir wollen Richtung Westen, entlang des Ouet Draa, das sich bis zum Atlantik erstreckt.

Torkoz

Torkoz

Langsam nähern wir uns durch Schwemmsandebenen den Bergen. Die Piste verzweigt sich. Wir entscheiden uns für eine Piste, die nach rechts über eine Bergkuppe führt. Schon nach kurzer Zeit gebe ich das Steuer an Hellmut ab. Es wird immer steiler und die Felsbrocken auf der Piste immer größer. Umzukehren ist nicht mehr möglich. Seit Torkoz ist uns kein Fahrzeug mehr begegnet. Mühsam quält sich unser Bus den Berg hinauf. Als wir den Kamm erreichen, zeigt sich, dass wir erst am Anfang des Anstiegs sind. Es geht weiter und weiter und weiter bergauf... erst nach stundenlanger, mühseliger Quälerei haben wir die höchste Stelle erreicht und es geht endlich wieder bergab. Die Piste lässt sich zuerst recht gut an und wir atmen auf. Doch schon bald wird es wirklich abenteuerlich. Die Piste wird immer schmaler und ist kaum noch auszumachen. Felsplatten mit Abbrüchen versperren die Weiterfahrt. Ein anderer Weg muss gesucht werden. Wir räumen Felsen zur Seite, legen woanders Steine unter. So basteln wir uns eine Piste. Inzwischen ist klar, dass dies nie die reguläre Piste sein kann. Wo wir wohl sind? Es ist spät geworden und dunkle Wolken ziehen auf.

Ins Oued Draa

Ins Oued Draa

Endlich erreichen wir eine schmale, von Felsen begrenzte Senke. Es gibt hier ein paar Büsche und Bäume und so beschließen wir, hier zu lagern. Hatte ich schon erwähnt, dass heute der 24. Dezember ist? Also koche ich leckere Pasta, die wir mit einem Schlückchen Rotwein hinunter spülen. Wilde Esel, die sich in einiger Entfernung eingefunden haben, beäugen uns ebenso neugierig wie wir sie. Das hat doch was von einem Weihnachtskripperl. Wir hoffen, morgen den Rest der Abfahrt gut zu bewältigen.

Weihnacht mit wilden Eseln

Weihnacht mit wilden Eseln

Als wir Motorengeräusche vernehmen, trauen wir unseren Ohren nicht. Ein klappriger, alter Landrover mit drei jungen Männern kommt um die Ecke gebogen. So wie wir unseren Ohren nicht trauten, so trauen die nun ihren Augen nicht. Touristen mit VW-Bus auf dieser Piste mitten in den Bergen? Die Männer sprechen nur marokkanisch, bedeuten uns aber, wir könnten nicht am Berg bleiben, sondern müssten ihnen unbedingt ins Tal folgen. Doch der VW-Bus ist schon für die Nacht bereitet, wir sind im Schlafgewand und so weigern wir uns, loszufahren. Da muss Hellmut mit dem jungen Mann den Berg hochklettern, damit dieser ihm zeigen kann, wo sie unten in der Ebene biwakieren würden. Wir sollen morgen früh um 7 Uhr da sein, um die Fahrt gemeinsam fortzusetzen.

Nachts fängt es an zu regnen. Hoffentlich wird die Piste jetzt nicht auch noch glitschig. Beim Morgengrauen sind wir wach, packen alles zusammen und fahren hinunter in die Ebene. Der Regen hat aufgehört. Wir haben das Licht an, hupen und suchen die Buschgruppe. Wir finden die Leute mit dem Landrover nicht und vermuten, sie wären vielleicht wegen des Regens weitergefahren. Als Hellmut Reifenspuren im Gelände ausmacht, folgen wir diesen.

Oued Draa: unbefahrbare Pisten

Oued Draa: unbefahrbare Pisten

Wirr fahren nach Westen. Zu unserer Rechten sind die Berge, zu unserer Linken ein Flusslauf, der viel Wasser führt. Die Landschaft ist überschwemmt, es muss hier die letzte Zeit schwere Niederschläge gegeben haben. Das von den Bergen herabstürzende Wasser hat große Kerben in den Boden gerissen, die wir immer wieder weiträumig umfahren müssen. Da ist neben uns ein großer, schwarzer Fleck in Form eines Wagens. Das muss einmal ein Auto gewesen sein, bevor es auf eine Mine gefahren ist. Wie uns später erzählt wird, haben die schweren Regenfälle Minen, die aus dem nordöstlichen Grenzgebiet zu Algerien stammen, weggeschwemmt. In dieser Gegend wurden sie bei zurückgehenden Wasserfluten abgelagert und so passiert es immer wieder, dass ein Wagen auf eine Mine fährt.

Endlich treffen wir auf einige Nomaden mit ihren Tieren. Wir fragen nach dem Weg: "La route à M'Sied?" - "Naâm! Naâm! M'Sied!" wird uns geantwortet. Also fahren wir weiter und suchen uns den Weg zwischen Bergen und Fluss entlang der mäandernden Piste beziehungsweise deren rudimentärer Reste. Das Vorankommen gestaltet sich sehr mühsam, da immer wieder ganze Pistenabschnitte vom Wasser weggerissen sind. Wenn diese Passagen nicht zu steil und eng sind, kann man sie durchfahren, meist ist es aber unumgänglich, sie weiträumig zu umfahren.

Oued Draa: Nomadenlager

Oued Draa: Nomadenlager

"Das ist das Aus!", ruft Hellmut plötzlich. Die Piste macht eine Kurve nach links und führt durch den Fluss. Ratlos steigen wir aus und versuchen, zu Fuß durch den Fluss zu waten. Zwar reicht das Wasser bis gut zu den Knien und die Strömung ist sehr stark, doch spüren wir mit den Füßen, dass am Grund große Steine und Platten ausgelegt sind. Was tun? Fahren wir durch und riskieren mitten im Fluss stecken zu bleiben? Bis jetzt sind wir heute noch keinem einzigen Fahrzeug begegnet. Wer weiß, wie lange wir warten müssten, bis uns jemand herausziehen kann? Und wenn es wieder zu regnen anfinge und unser Bus weggeschwemmt würde? Aber was bietet sich als Alternative an? Zurück ist völlig unmöglich. Und hier warten, bis wir Wurzeln schlagen? Auch keine so gute Option. Hellmut will es riskieren. Ich warte mit Wolfi am anderen Flussufer und kann gar nicht hinsehen... Langsam lenkt Hellmut den Bus durch die Furt, der sich - ohne wegzurutschen oder stecken zu bleiben - seinen Weg durch das Wasser bahnt. Endlich ist das andere Ufer des Oued Drâa erreicht!

Auf diesen Schrecken rauchen wir erst mal eine Zigarre. Wir brauchen die Pause auch zum Überlegen, weil wir uns jetzt auf einer Ebene befinden und sich unsere Piste schon wieder teilt. Vor uns erhebt sich in der Ferne ein massiver Bergkamm.

Doch schon naht Rettung in Form eines einheimischen Geländefahrzeugs, besetzt mit einem jungen Fahrer und vier Damen unterschiedlichen Alters. Alle Fünf steigen hocherfreut über die Abwechslung aus und fangen auf marokkanisch an zu palavern. Wir begreifen nur so viel: Ja, rechts geht es nach M'Sied, und ja, die Pisten seien durch die Regenfälle sehr chaib! Die Älteste der Frauen, wohl die Mutter, überreicht uns ein mit Frischkäse belegtes Fladenbrot zur Stärkung für die Weiterfahrt, wofür wir uns mit einer Tafel Schokolade bedanken. Wir winken bei der Abfahrt und folgen der rechten Piste nach M'Sied.

Zunächst fährt es sich recht flott im Vergleich zu den vergangenen Stunden. Doch dann beginnen die ersten Sandpassagen und wir bleiben stecken. Hellmut bockt den Bus auf, wir schaufeln ein bisschen, legen Steine und unsere Sandbleche unter und weiter geht's. Bis zum nächsten Sandloch. Nachdem wir uns noch einmal freigeschaufelt haben, kreuzt schon wieder eine Piste und wir wissen nicht so recht, welche Richtung wir nehmen sollen. Da kommt erneut von hinten ein Landrover angefahren. Quelle surprise! Das sind die drei jungen Männer von gestern Abend! Jetzt hatten wir den ganzen Tag gedacht, wir wären deren Spuren gefolgt und jetzt sind die hinter uns? Aber das waren dann wohl andere Autos gewesen. Sie fragen, wo wir denn heute früh gewesen wären. Als wir antworten, wir hätten sie nicht gefunden und wären deshalb alleine weiter gefahren, meinen sie: "Ce n'est pas possible!" Aber natürlich ist das möglich, sonst wären wir ja nicht hier! Wie schon Kurt sagte: Mit dem VW-Bus kommt man überall hin! Bevor wir uns verabschieden, raten sie dringend, auf der rechten Piste zu bleiben, weil man auf der linken mit angeschwemmten Minen rechnen müsse. Sauber!

Da nähert sich seitlich von der anderen Piste ein weiteres Fahrzeug. Ein großer Allrad-Wohnmobil-Truck mit - ist es möglich - Friedberger Kennzeichen. Ein Paar steigt aus. Wir begrüßen uns. Sie sagen, sie kämen aus Friedberg in Hessen und hätten vor zwei Tagen andere Friedberger aus Hessen getroffen, die gesagt hätten, sie wären gerade mit zwei Münchnern mit VW-Bus unterwegs gewesen. Das können ja nur wir gewesen sein. Kleiner kann die Welt wohl nicht sein!

Oued Draa: sandiger Pistenabschnitt

Oued Draa: sandiger Pistenabschnitt

Wir beschließen, mit Gertraud und Werner ein Stück des Weges gemeinsam zurückzulegen und finden alsbald einen schönen Lagerplatz. Die beiden laden uns in ihren Luxus-Truck mit aufklappbarem Panoramafenster zum Abendessen ein. Es gibt Pasta mit Lachs-Sahne-Sauce und anschließend Weihnachtsstollen. Dass wir nach all den Aufregungen des heutigen Tages dank Gertraud und Werner den Ersten Weihnachtstag so luxuriös begehen würden, hätten wir uns auch nicht träumen lassen. Danke!

Lager im Oued Draa

Lager im Oued Draa

Am nächsten Vormittag stellt sich schnell heraus, dass wir mit dem Truck-Tempo nicht Schritt halten können. Deshalb zuckeln wir wieder alleine durch die steinig-sandige Ebene, deren ganze Abwechslung in stacheligen Büschen und ein paar Kakteen besteht. Und dann gabelt sich erneut die Piste: rechts oder links? Wir entscheiden uns für rechts. Die Piste ist schon bald recht schwierig zu fahren, denn der Mittelkamm wird so hoch, dass ich vorausgehe, um die großen Steine wegzuräumen, damit der Bus nicht aufsitzt. Nur im Schritttempo kommen wir Meter für Meter vorwärts. Nach einer guten halben Stunde und ungefähr vier Kilometern macht die Piste eine Kurve und führt wieder hinein in die Berge. Nein, das kann nicht richtig sein! Wir hätten uns doch links halten sollen. Wir wenden und zuckeln die vier Kilometer zurück.

Oued Draa : steiniger Pistenabschnitt

Oued Draa : steiniger Pistenabschnitt

Fast an der Gabelung angekommen, rasen uns plötzlich zwei Geländewagen mit jungen Spaniern entgegen. Sie wollen auch nach M'Sied, auf der gleichen Piste wie wir. Sie überzeugen uns, dass wir doch richtig waren. Das wäre die einstige Strecke der Rallye Paris - Dakar und sie würden nach GPS fahren. Also: wenden und die vier Kilometer eine halbe Stunde lang zurückhoppeln. Jetzt haben wir die Berge erreicht und beginnen gerade mit dem mühsamen Aufstieg. Doch was sehen wir da? Von oben kommen uns die beiden spanischen Geländewagen entgegen. Wir suchen eine Stelle zum Ausweichen und auch gleich zum Wenden, denn das war doch die falsche Piste.

Wieder eine halbe Stunde lang über die miserable Piste vier Kilometer zurückhoppeln! Jetzt machen wir diesen schrecklichen Streckenabschnitt zum vierten Mal! Wir fühlen uns wie Igel und Hase.

Zurück auf der richtigen Piste machen wir bald Lager. Mutterseelenallein in einer Ebene, die erst in weiter Ferne von Bergen begrenzt wird, genießen wir das Wunder eines traumhaft schönen Sonnenuntergangs. War doch dieser Abend allein die Fahrt durch das Oued Drâa wert.

Oued Draa: letztes Lager vor TanTan

Oued Draa: letztes Lager vor TanTan

Die Piste ist ab jetzt gut und nach nicht mal zwei Stunden erreichen wir bereits 15 Kilometer nördlich von M'Sied die Teerstraße. Wir fahren nicht in den Ort zurück, sondern gleich weiter Richtung TanTan. Zuerst kommen wir durch den Ort Tilemsen, dann führt die Straße über steile Pässe hinunter nach TanTan. Zurück in der Zivilisation. Das feiern wir in einem Café in der Hauptstraße von TanTan mit einer Tasse Pfefferminztee.

In dem Café läuft der Fernseher. Erschütternde Bilder von toten Kindern, weinenden Frauen, zerstörten Häusern flimmern über den Bildschirm. Wir fragen entsetzt, ob im Irak schon wieder ein Selbstmordattentäter zugeschlagen hätte. Man verneint und erzählt, dies wären Aufnahmen aus dem Gaza-Streifen; die Israelis hätten das Palästinensergebiet mit Krieg überzogen. Beim anschließenden Einkauf in der Hauptgeschäftsstraße von TanTan sehen wir immer wieder die gleichen schrecklichen Bilder. Jeder arabische Sender sendet sie ununterbrochen den ganzen Tag. Mir ist, als wäre die uns sonst entgegen gebrachte herzliche Gastfreundlichkeit der Marokkaner plötzlich in ein distanziert-höfliches, bisweilen sogar feindseliges Misstrauen umgeschlagen. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.

© Angelika Gutsche, 2010
Du bist hier : Startseite Afrika Marokko Marokko-Reisebericht
Die Reise
 
Worum geht's?:
Bei dieser Reise wollen wir entlang des Rif-Gebirges und des Atlas-Gebirges in den Süden Marokkos, dort die Landschaften rund um Tafraoute im Anti-Atlas besuchen, um anschließend durch das Oued Draa nach TanTan zu gelangen. Über Guelmim, dem Tor zur Sahara, und entlang der Atlantik-Küste - unter anderem mit Aufenthalt in Rabat - geht es zurück nach Ceuta.
Details:
Aufbruch: 04.12.2008
Dauer: 5 Wochen
Heimkehr: 10.01.2009
Reiseziele: Spanien
Marokko
Der Autor
 
Angelika Gutsche berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
Bild des Autors