Tunesien-Reisebericht :Mit dem Camper durch das nachrevolutionäre Tunesien

Datteloasen

Auf der Weiterfahrt zu der Bergoase Midès verfahren wir uns und landen zunächst an der algerischen Grenze: Die mitgeführte Michelinkarte erweist sich ein weiteres Mal als ungenau. Doch dann erreichen wir doch noch den wunderbar schattigen Palmenhain der Oase Midès. Mit unserem Führer Salem durchwandern wir ein Stück weit eine der gewaltigen bis zu sechzig Meter tiefen Schluchten, bevor wir das alte, aus Lehmziegeln erbaute Dorf besichtigen. Es ist seit den 1970er Jahren, als schwere Regenfälle viele Häuser zum Einsturz brachten, nicht mehr bewohnt. Wir erstehen einige Souvenirs, aus Kamelknochen gearbeitete Halsketten und Sandrosen. Letztere sind fragile Gebilde, entstanden aus aufsteigendem Grundwasser, das sich mit Gips und Quarzsand verband. Als wir uns mit Pfefferminztee von unserer Wanderung erholen und uns ein bisschen mit den Männern unterhalten, meinen sie zur politischen Lage, es wäre zwar gut, dass Ben Ali weg sei, zum Besseren hätte sich allerdings noch nichts geändert. Sehr viele Familien litten Not, weil immer mehr Jobs wegfallen und auch die Touristen ausbleiben. Auch die Sicherheitslage hätte sich verschlechtert, denn die Polizei sei praktisch nicht mehr existent.

Bergoase Midès

Bergoase Midès

Lehmziegeldorf Midès: Verkauf von Sandrosen

Lehmziegeldorf Midès: Verkauf von Sandrosen

Midès:  Schlucht

Midès: Schlucht

Unser nächstes Ziel ist die Wüstenstadt Tamerza. Als wir uns am ersten Kreisverkehr suchend umblicken, fragt uns ein junger Mann nach unseren Wünschen. Wir sind hungrig und suchen ein Restaurant. Daraufhin führt er uns in das hübsche und wie sich herausstellt auch gute Restaurant Diari, das abseits in einer kleinen Seitenstraße liegt. Wir nehmen das Menü und bereuen unsere Entscheidung nicht: Zuerst wird uns ein kleines Antipasto bestehend aus Thunfisch und Oliven zu Weißbrot gereicht, dann folgt die leicht scharfe Chorba-Gemüsesuppe. Als Primo gibt es eine so genannte Tajine, bei der es sich um einen festen Auflauf aus Gemüse, Kartoffeln und Fleisch handelt. Den Hauptgang bildet ein Couscousgericht mit Lammfleisch und scharfer Sauce, abgerundet wird das Ganze mit Orangen, Datteln und einem Glas gesüßten Pfefferminztee. Köstlich!

So gestärkt lassen wir uns von dem sympathischen jungen Mann, der uns nach dem Essen abholt und sich als Bessi Melki vorstellt, zuerst durch die verfallene Altstadt von Tamerza führen, dann durch die Palmenhaine und endlich besuchen wir den malerischen Wasserfall von Tamerza und durchwandern ein Stück weit die steile Schlucht mit den hohen Felswänden, bevor wir uns in einem kleinen Café mit Minztee bewirten lassen und einige Souvenirs erstehen. Die malerischen Schluchten hier in den Bergen dienten als Filmkulisse sowohl für "Der englische Patient" als auch "Krieg der Sterne".

Schlucht von Tamerza

Schlucht von Tamerza

Wir decken uns im großen Stil mit Datteln ein und weil das nicht reicht, besorgt uns Bessi, der sich wirklich als Glücksfall erweist, auch noch Dattelsetzlinge für unseren Garten in Italien. Für deren Aufzucht und Pflege bekommen wir von ihm eine genaue Anleitung.

Tamerza: Mit Bessi im Dattelhain

Tamerza: Mit Bessi im Dattelhain

Auf dem Weg nach Touzeur machen wir Halt an der Grande Cascade, um die sich viele bunte Verkaufsstände angesiedelt haben, die der noch ausbleibenden Touristen harren. Als wir abends - wir lagern fast auf Passhöhe in den kargen Bergen - den Sonnenuntergang hinter grandiosen purpurnen Canyons und den Blick in die Ebene genießen, besucht uns Mustafa. Auch er beglückt uns mit Dattelpalmsetzlingen. Auf unsere Frage bestätigt er, dass es hier Schlangen gibt, die aber nur bei großer Trockenheit beißen würden. Im Moment bestünde keine Gefahr. Er zeigt auch gleich die beiden Narben an seinen Armen, die er als Andenken von Bissen giftiger Hornvipern zurückbehielt. Er hätte sich damals den Arm fest abgebunden und die Bissstellen in Ermangelung eines Messers mit einem scharfen Stein aufgeritzt und möglichst ausbluten lassen. Die Schlangen wären nicht sehr groß gewesen und als junger Mann hätte er noch ein kräftiges Herz gehabt und so konnte er überleben.

Grande Cascade

Grande Cascade

© Angelika Gutsche, 2012
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Auf unserem Weg in den Süden Tunesiens besuchen wir römische Ausgrabungen, besteigen hohe Felsplateaus und durchfahren wilde Schluchten, bevor unser Weg durch das große Schott führt und wir die Sahara erreichen. Auf der Rückfährt werden wir mit den Realitäten der tunesischen Revolution konfrontiert: Wir finden uns zwischen Barrikaden, inmitten von Aufständen und Demonstrationen wieder. Die tunesische Revolution: verheddert in der Stunde null.
Details:
Aufbruch: 20.03.2012
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 17.04.2012
Reiseziele: Tunesien
Der Autor
 
Angelika Gutsche berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
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