Niger-Reisebericht :Durch die Wüste - Sahara 2003

In Agadez

Kurz bevor wir das staubige und heiße Agadez erreichen, schwenken wir auf die Teerstraße ein. Wir folgen ihr bis zur Polizeistation, um unsere Ankunft zu melden. Rex darf nicht mit in das große Gebäude. In einer Eingangshalle müssen wir erst einmal Zettel ausfüllen und warten. Endlich werden wir in ein sehr kleines, fensterloses Kabuff geführt, vollgestopft mit schäbigen Regalen und Schränken, aus denen vergilbtes Papier quillt. Gelangweilt sitzt ein Schwarzer in Uniform hinter einem großen, mit Papieren übersäten Schreibtisch. Zwei weitere Männer in Zivil lümmeln auf Stühlen vor dem Schreibtisch. Uns acht lässt man an der Wand Aufstellung nehmen. Es riecht nicht gut in diesem versifften Büro. Der Uniformierte schiebt irgendwelche Papiere hin und her, die Zivilen schauen uns von Zeit zu Zeit gelangweilt an. Wir müssen wieder warten. Die Machtverhältnisse werden hier von Anfang an geklärt. Der Uniformierte hinter dem Schreibtisch verlangt unsere Pässe. Mit einer lässigen Geste öffnet er seine Schreibtischschublade und lässt darin unsere Pässe verschwinden. Schublade zu, Pässe weg. Aha. Der Mann in Zivil, der vor dem Schreibtisch lümmelt, trommelt mit den Fingern auf den Tisch. Woher wir denn kämen, fragt der Uniformierte. Wo wir eingereist wären? Wir wären also über Chirfa in den Niger eingereist? Das sei illegal. Einer nach dem anderen werden wir eingehend gemustert. Der Blick soll uns wohl einschüchtern. Die Augen wirken brutal und durchtrieben. Die Atmosphäre in dem engen Raum ist angespannt. Ich fühle Wut in mir aufsteigen. Tief durchatmen, ruhig bleiben. Auf unsere Erwiderung, wir hätten alle nötigen Einreisestempel an den passierten Militärposten erhalten, folgt durch den Uniformierten eine Belehrung in Form eines langen Monologs. Wir hätten illegal gehandelt, wir hätten uns in Gefahr gebracht. Irgendwie wirkt der Uniformierte wie weggetreten. Alkohol? Drogen? Die beiden Männer in Zivil beteiligen sich nicht an der Unterhaltung. Sie beobachten nur. Geheimdienst? Bestimmt. Eine junge Schwarze kommt herein. Sie ist sehr hübsch und offenherzig gekleidet. Die Blicke, die sie mit den Beamten wechselt, deuten darauf hin, dass sie hier nicht nur das Diktat aufnimmt. Die Drei genießen es, uns ihre Überlegenheit spüren zu lassen. Wir stehen an der Wand und lassen die Rügen über uns ergehen. Während seines Monologs öffnet der Uniformierte immer mal wieder die Schreibtischschublade, um uns einen Blick auf die außerhalb unserer Reichweite gebrachten Pässe werfen zu lassen. Nur um gleich darauf die Schublade mit einem genüsslichen Knall wieder zu schließen. Ja, ja, wir haben schon kapiert, dass wir die Pässe nur wieder kriegen, wenn, ja, wenn was? Na klar, eine Gebühr hätten wir zu entrichten! Hellmut verlangt die Ausstellung einer Quittung. Da dämmert es dem Beamten plötzlich, dass wir schon im letzten Jahr hier waren und es da auch schon Stunk wegen der Quittung gegeben hatte. Wir signalisieren, diesmal könnten wir auf eine Quittung verzichten. Wie auf ein Zeichen stehen plötzlich die beiden Zivilen auf und verlassen den Raum. Wir sind wohl ausreichend weichgekocht und wahrscheinlich wollen sie nicht Zeuge der Geldübergabe sein. Wenigstens hält sich die Forderung im Rahmen: gegen fünfundzwanzig Euro bekommen wir nach dieser qualvollen Stunde die abgestempelten Pässe zurück. Tief atmen wir durch, als wir das Kabuff verlassen. Wir sind acht europäische Touristen. Außer ein bisschen Schikane hätten sie uns nicht wirklich etwas anhaben können. Nur, wie mag es einem Einheimischen ergehen, der in ihre Fänge gerät?

Im Hotel Telwa gönnen wir uns jetzt erst mal eine heiße Dusche - die erste nach gut zwei Wochen Fahrt, ein Schläfchen in weißen Linnen und danach ein Kuskusessen im Restaurant. Göttlich! Der nächste Tag im Hotel bringt Verhandlungen mit potentiellen Autokäufern. Der Blaue soll seinen Besitzer wechseln. Auch für den Roten bekommen wir ein Angebot, von einem ewig langen und dünnen Lulatsch, halb Targi, halb Haussa, der angeblich einen potenten Autokäufer vertritt. Obwohl uns der "bayerische Targi" Achmed, er ist in Agadez ansässig und spricht wirklich gut bayrisch, vorwarnt, es wäre im Moment für große Autokäufe kein Geld in Agadez vorhanden, verfallen wir in eine Verkaufseuphorie und schmieden Pläne, wie wir ohne Autos wieder nach Hause kommen. Der lange Lulatsch, in den Vierzigern mit sehr markanten Gesichtszügen, schleppt uns auf den Markt und meint, der Autokauf würde aus Sicherheitsgründen erst an der algerischen Grenze vonstatten gehen. Es wäre aber unbedingt nötig, einige Kleidungsstücke hier auf dem Markt zu kaufen, als Geschenk für den algerischen Zöllner. Natürlich kaufte ich die weiten Gewänder und natürlich ging später an der algerischen Grenze überhaupt nichts vonstatten. Die teuren, indigoblauen Tuareggewänder trage ich jetzt bevorzugt auf Faschingsbällen in München. Wie hoch wohl die Provision an den Kleiderständen für den langen Lulatsch ausfiel? Es sei ihm gegönnt, clever war er ja - im Gegensatz zu uns.

Wir gönnen uns noch einen schönen Abend bei einem guten Kuskus auf dem Flachdach des Hotel de l'Air, das in dem ehemaligen Kaocen-Palast untergebracht ist. Gegenüber liegt die alte Lehmmoschee aus dem fünfzehnten Jahrhundert mit ihrem stöckchendurchbohrten Minarett. Der Vollmond leuchtet hell und Agadez wirkt jetzt sehr romantisch.

Vor unserem Aufbruch am nächsten Tag warten auf der staubigen Straße vor dem Hotel einige Kinder, darunter auch ein vielleicht dreijähriger Bub, nur mit einem kurzen Hemdchen bekleidet und rotzverschmiert. Ich kann nicht wiederstehen und schenke ihm ein frischgeschmiertes Käsebrot. Die anderen Kinder stehen mit großen Augen um ihn herum. Darauf bricht der Knirps von dem Brot jeweils kleine Stückchen ab, die er an die anderen Kinder verteilt. Sie schieben es in den Mund und kauen andächtig darauf herum. Für sich selbst behält der Kleine nur einen winzigen Rest.

© Angelika Gutsche, 2004
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Reisebericht Sahara: Tunesien - Algerien - Niger - Algerien - Tunesien
Details:
Aufbruch: 12.01.2003
Dauer: 8 Wochen
Heimkehr: 05.03.2003
Reiseziele: Tunesien
Algerien
Niger
Der Autor
 
Angelika Gutsche berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
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