Lome-Reisebericht :Westafrika: 17 Tage in Ghana / Togo / Benin

Lomé


Dienstag, 11.03.2003:

Heute ist Friseurtermin. Nicht für mich, für Nateki. Sie will sich Locken machen lassen, das ist hier viel billiger als in Accra. Ich komme erst einmal mit. Die Wahl der richtigen Haarteile und das Feilschen dauert bereits endlos, dann werden die Haare gewaschen und die eigentliche Prozedur beginnt. Nichts für mich, ich verabschiede mich Richtung Marché des Feticheurs. Der ist seit einiger Zeit aus der Innenstadt ausgelagert, in einen Vorort. Die Gegend sieht verwahrlost aus, huckelige Straßen, übersät mit Abfall, überall schrottreife Autos und Ersatzteile.

Nateki beim Friseur in Lomé.

Nateki beim Friseur in Lomé.

Der Fetischmarkt ist recht überschaubar. Ich bin der einzige Besucher, ein Guide eilt gleich herbei und bietet mir seine Dienste an. Er erklärt alles, was es hier zu sehen gibt, ausführlich, ist sehr kundig, allerdings verstehe ich seine Ausführungen auf französisch nur zur Hälfte, kann mir auch nicht merken, für welche Zwecke und Krankheiten welche Substanzen und Tierteile nun gut sind. Erstaunlich ist auf jeden Fall, was hier alles für Dinge als Auslage zu sehen sind.

Auf dem Fetischmarkt von Lomé.

Auf dem Fetischmarkt von Lomé.

Neben verschiedenen für Voodoo-Prozeduren benötigten Gegenständen und Substanzen sind es vor allem die Teile aller möglichen Tiere, die einen zugleich faszinieren und erschaudern lassen. Köpfe von Hunden, Katzen, Pferden, Krokodilen, Affen, Elefanten, Büffeln, ganze Vögel, Echsen, Chamäleons, Schlangen, Skorpione, Füße, Krallen, Haare, Penisse selbiger Tiere. Und vieles mehr. Alles dient bestimmten Zwecken und wird von der Bevölkerung bzw. Voodoo-Praktizierenden hier gekauft und für ihre Zeremonien verwendet.

Auf dem Fetischmarkt von Lomé.

Auf dem Fetischmarkt von Lomé.

Auch ein Voodoo-Priester hat sich hier niedergelassen und bietet dem neugierigen Touristen einen Einblick in verschiedene Praktiken. Natürlich werden auch bestimmte Fetische zum Kauf angeboten, der Preis ist nicht fix, sondern wird vom Priester persönlich durch den Wurf und den Fall von Steinen ermittelt. Wird mir jedenfalls erzählt. Ob das nun ein haarsträubender Touristennepp ist und der ahnungslose Touri dadurch vom Feilschen abgehalten werden soll oder tatsächlich zu den Dingen rund um den Voodoo-Kult gehören, deren Sinn sich dem ahnungslosen Fremden entzieht, vermag ich nicht zu beurteilen. Auf jeden Fall ist es ganz nett gemacht und man hat zu Hause Einiges zu erzählen.

Gegen 12 Uhr schaue ich mal wieder nach Nateki. Eigentlich wollten wir uns später im Hotel verabreden, weil ich den Friseurstand sowieso nicht wiederfinden würde. Ich hatte mir aber den Weg gut eingeprägt und finde tatsächlich wieder zurück. Wer afrikanische Märkte in großen Städten wie Lome kennt, wird zugeben, dass ich darauf wirklich stolz sein kann. So ist auch das Erstaunen von Nateki und der Friseusen groß, als ich plötzlich wieder auftauche. Sie wird gerade von fünf jungen Frauen gleichzeitig bearbeitet und macht einen leidenden Eindruck. Um 13 Uhr soll ich wiederkommen, dann wäre sie fertig.

Um 13 Uhr bin ich aber in einem gut gekühlten Restaurant am Rande des Marktes und esse Reis mit Gemüse, um 14 Uhr im Cafe gegenüber bei einer Cola, um 15 Uhr gehe ich ins Internetcafe. Ich lasse mich nicht mehr veralbern, bin ja schon seit fast vier Tagen wieder in Afrika und kenne die hiesigen Zeitangaben.

Um 16 Uhr schaue ich mal wieder vorbei. Ich hatte es fast erwartet, sie ist noch nicht ganz fertig. Aber gleich, 5 Minuten, ich könne warten. Auf den Märkten findet man im übrigen in jeder Gasse, an jeder Ecke Frauen, die sich die Haare machen lassen, teils atemberaubende Frisuren tragen.

Natekis Salon ist ein ca. vier mal drei Meter großer Raum direkt hinter einem mit ein paar Brettern abgetrennten Verkaufsstand, zum Schutz vor der Sonne mit Planen oben abgedeckt. Die Luft ist hier entsetzlich, der Schweiß läuft mir mehr wie in einer Sauna. Auch den Friseusen, die hier Schwerstarbeit leisten. Gleichzeitig lassen sich auf engstem Raum vier Frauen die Haare machen. Was ist das für ein Leben, hier sieben Tage die Woche von morgens bis abends zu arbeiten. Und für welchen Lohn? Nateki bezahlt für alles etwa 11 Euro, für insgesamt sechs Stunden mit teilweise gleichzeitiger Arbeit von fünf Friseusen. Was hätte so etwas in Deutschland gekostet ? Mir ist aber bewusst, dass es hier weit schlimmere Arbeiten gibt, unter teils menschenunwürdigen Umständen. Zwei Tage später werde ich z.B. auf der Bahnfahrt aus Cotonou an den entsetzlich stinkenden Gerbervierteln vorbeikommen, wo es von Menschen, die in dem Sud umherwaten, nur so wimmelt. Es sind solche Augenblicke und Anblicke auf derartigen Reisen, in denen man ganz plötzlich eine tiefe Dankbarkeit empfindet für das, was man zuhause vorfindet, wenn man heimkehrt von der Reise.

Es hat natürlich länger gedauert als fünf Minuten, ca. 45 und ich bin froh, als alles vorüber ist. Nateki auch und sie hat ziemliche Schmerzen. Die werden noch etwa drei Tage andauern, sagt sie. Eine solche Frisur hält ca. drei bis vier Monate. Sie freut sich, als ich ihr vorschwärme, wie toll sie mit ihrer Frisur aussieht. Ihr ehrlich zu sagen, dass sie mir vorher nicht unbedingt schlechter gefallen hat, bringe ich nicht übers Herz.

Nateki nach dem Friseur.

Nateki nach dem Friseur.

Abends steht dasselbe Programm an wie gestern, es hatte uns ja toll gefallen. Dieses Mal setzen wir uns aber erst in das Straßenrestaurant mit den Kebab-Ständen, mit dem wohlklingenden Namen "Brochettes de la Capitale" und essen dort. Mir schmeckt es wieder gut, Nateki meckert aber an allem herum, an der Qualität des Fleisches, dass es viel teurer wäre wie gestern usw. Mir geht solche Nörgelei, ehrlich gesagt auf die Nerven, ich finde es manchmal sogar peinlich. Aber es ist hier Usus, jeder palavert endlos über jede Kleinigkeit, streitet mit dem Kellner, Verkäufer oder sonst wem, aber am Ende ist alles ok, niemand nimmt dem anderen etwas übel und es wird wieder gelacht. Die Zwanglosigkeit im Umgang miteinander ist faszinierend, jeder redet den anderen, zumindest in den englischsprachigen Ländern, aber manchmal auch in den frankophonen, mit "sista" bzw. "brother" an, man hat ja einen Stammbaum, und sofort stellt sich ein Gefühl der Vertrautheit ein. Ich finde das absolut beneidenswert.

Die Stimmung im Panini ist nicht ganz so ausgelassen wie gestern, Nateki geht es wegen ihren Haaren nicht so gut, und so machen wir uns recht zeitig auf den Heimweg.

© Uwe Decker, 2004
Du bist hier : Startseite Afrika Togo Togo-Reisebericht: Lome
Die Reise
 
Worum geht's?:
Eine Reise durch Ghana, Togo und Benin im Frühjahr 2003.
Details:
Aufbruch: 08.03.2003
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 25.03.2003
Reiseziele: Ghana
Lome
Benin
Der Autor
 
Uwe Decker berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
Bild des Autors