Kongo-Reisebericht :MITTENDRIN IN AFRIKA

Fotosafari im Kongo

Goma, 16. Juni 2007

Wenn bevorstehende Grenzübertritte mit den damit verbundenen Grenzkontrollen bei mir stets leichte Bauchschmerzen hervorriefen so müsste ich heute Morgen eigentlich vor einem Magendurchbruch stehen. Schließlich geht es heute in eines der bizarrsten Länder der Erde, der "Demokratischen Republik" Kongo.

Noch immer ist der Kongo Sinnbild für das geheimnisvolle Afrika, das Reich der Finsternis, wie Joseph Conrad einst schrieb. Wie kaum ein anderes Land ist der Kongo leider auch Sinnbild für das, was geschieht, wenn durchgeknallte Machthaber ihr Land als Privatbesitz ansehen und internationale Großkonzerne ein an Bodenschätzen reiches Land rücksichtslos zum eigenen Wohle ausbeuten. Einige wenige werden steinreich, die Bevölkerung bettelarm. Ohne Regulativ entsteht Anarchie, das Recht des Stärkeren.

Da helfen auch keine kürzlich mehr oder weniger demokratisch und friedlich verlaufenen Wahlen. Das Land, immerhin so groß wie Westeuropa, liegt danieder. Aber Kinshasa ist weit, was in der Mitte, in und am Rande der großen Regenwälder passiert, weiß niemand und im Osten kocht jeder sein eigenes Süppchen.

So haben einige versprengte Touristen wie ich die Gelegenheit, für 30 Dollar "Eintrittsgeld" den "Abenteuerspielplatz" Kongo zu betreten. Wer das so organisiert hat, ob die Offiziellen in Kinshasa wissen, dass hier irgendwelche Stempel in Pässe gesetzt werden und wo das Geld hängen bleibt ist mir unbekannt.

Die Grenze ist nur einen Steinwurf entfernt, Goma ist Schwesterstadt von Gisenyi, aber viel größer, und mein Hotel liegt gerade einmal 300 Meter entfernt. G O M A - wenn dieser Name früher in den Nachrichtensendungen fiel, konnte man sich auf Schreckensbilder einstellen. Mitte der 90er die Flüchtlingsströme aus Ruanda, als Hunderttausende unter erbärmlichsten Bedingungen in der Umgebung hausten. Als die Menschen wieder zurückkehrten, kam die Lava. 2002 brach der Vulkan Nyragongo, einer der aktivsten der Erde, aus. Die Lava floss quer durch die Stadt und ergoss sich im Kivusee. Auf der Lava entstand die Stadt neu, ein modernes Pompeji.

Für den Kongo habe ich mir nur ein paar Stunden reserviert, das muss reichen um zu Hause damit angeben zu können, ich war im Kongo ! Wer kann das schon ? Also fahre ich frühmorgens schnell noch zur Busgesellschaft und kaufe mir für den Nachmittag ein Busticket zurück nach Kigali.

Dann gehe ich bewusst zu Fuß die 30 Minuten zur Grenze, um mir noch mal überlegen zu können, ob ich das was ich vorhabe, wirklich durchziehen will. Ich reise mit leichtem Gepäck: 1 Digicam, 1 Taschentuch, einen 50 Dollar-, einen 10 Dollarschein, ein paar kongolesische Francs, das war's. Was ich nicht dabei habe, kann mir auch nicht abgenommen werden.

An der Grenzstation sehe ich einige Weiße, Mitarbeiter von NGOs, allerdings in der entgegen gesetzten Richtung. Auf kongolesischer Seite werde ich zum Bürovorsteher gebeten, der freundlich fragt, was ich denn vorhätte. Ich antworte in meinem besten Französisch, das ich mir mal die Stadt ansehen möchte und er meint, kein Problem, wünscht mir einen schönen Aufenthalt und bittet mich, bei der Mama im Vorzimmer die Formalitäten zu erledigen. Die kassiert die 30 Dollar, haut mir einen Stempel in den Pass und stellt auch noch eine Art Passierschein aus, für 8 Tage.

Erste Überraschung. Hinter der Grenze stürzen keine Horden von Mopedfahrern auf mich zu. Niemand nimmt Notiz von mir. Ich komme an dem Hotel vorbei, das ich schon vom Strand in Gisenyi aus sehen konnte, das Beste und Teuerste der Stadt. Im Hof stehen viele UN-Fahrzeuge.

Zweite Überraschung. Die Stadt an sich. Ich nehme mir an der nächsten Kreuzung einen Mopedfahrer, der mich kreuz und quer durch die Stadt fährt und auch eine der Ausfallstraßen raus aus der Stadt, Richtung Nyragongo, der sich heute aber leider in Wolken hüllt. Es ist eine Stadt vom Allerhärtesten, schwarz, voller Lavagestein, armseligster Hütten und dreckiger Märkte, überall Abfall, Gestank. Und voller Menschen, genauso armselige Gestalten. An jeder Ecke Uniformträger der unterschiedlichsten Sorte, aber meist mit Spiegelsonnenbrillen, geladenen Maschinengewehren und finsteren Blicken. Eine Gruppe Soldaten mit MPs belegt eine der wenigen Rasenflächen der Stadt. Dazwischen UN-Fahrzeuge, Pick-Ups mit aufgesetzten Geschützen. Die Ladeflächen von Lastwagen sind voll gestopft mit singenden Menschen. Werden die zu Kundgebungen gekarrt oder ist das der öffentliche Nahverkehr ?

Natürlich mache ich auch ein paar Fotos, man will ja schließlich ein paar Erinnerungen mit nach Hause nehmen. Nichts Spezielles, einfach so vom Rücksitz des Mopeds draufgehalten. Aber immer darauf bedacht ja keinen Uniformträger vor die Linse zu bekommen.

Zurück in der City gehe ich zu Fuß weiter, und weil bisher alles prima geklappt hat mache ich munter weiter mit meiner Fotosafari.

Allerdings genau ein Foto zuviel. Von einem bunten Haus.

Ein aufgebrachter Motorradfahrer hält neben mir, einer von der Sorte Macho, die ich schon zu Hause nicht ab kann, Sonnenbrille, Goldkettchen um den Hals, dicker Ring am Finger. Er schreit mich an, wie ich denn dazu komme hier zu fotografieren und dass ich nun verhaftet wäre - Dass sich hier im Kongo jeder wichtig vorkommt und meint etwas zu sagen zu haben, habe ich schon gelesen. Also lasse ich den aufgeblasenen Heini einfach stehen und gehe weiter, zu einer Gruppe Mopedfahrer und frage einen, ob er mich irgendwo hinfahren kann, wo man mal in Ruhe eine Cola trinken kann. Da ist mein Macho aber schon wieder zur Stelle und wird noch wütender. Nun schaue ich mir den Typen erst mal richtig an. Am Gürtel sehe ich Handschellen baumeln -oops- und er hält mir irgendeinen offiziellen Ausweis unter die Nase. Die Mopedfahrer kuschen vor ihm. Einen weist er an, mich zu einer bestimmten Adresse zu fahren, und er fährt hinterher.

An einer Kreuzung biegt er rechts ab, in eine wenig befahrene Straße. Links ginge es zur Grenze, ca. 2 Kilometer entfernt. Ich überlege noch, meinem Fahrer meine ganzen Dollar anzubieten, wenn er mit Vollgas losbraust und die Schlagbäume Richtung Ruanda durchbricht. Aber das Motorrad vom Goldkettchen wäre allemal schneller.

An einem zweigeschossigen Haus endet unsere Fahrt. Muss irgendwas Wichtiges sein. Das Gelände wird von einer Wäscheleine gesichert, allerdings auch von mächtig vielen Uniformträger mit MPs.

Goldkettchen zitiert mich nach hinten, wo ein Verließ mit Gittern ins Haus gebaut ist, weist einen Uniformierten an, die Knasttür aufzusperren und mich, mein Handy abzugeben und mich dort hinein zu begeben. Netter Versuch. Ich sage, ich will sofort jemanden sprechen, der Englisch kann und wissen was mir vorgeworfen wird. Dabei bewege ich mich schnell von dem Verließ weg. Der Ort ist mir gar nicht sympathisch.

Goldkettchen führt mich daraufhin ins Haus zu seinem obersten Boss im zweiten Stock. Kurz darauf erscheint ein älterer Mann, offensichtlich ein niederer Scherge, der aber leidlich Englisch spricht und sich nach und nach als der hellste Kopf dieser ganzen Bande herausstellt.

Oberboss beginnt sein Verhör. Alle sprechen ein gut verständliches Französisch, ich aber gebe vor rein gar nichts zu verstehen und lasse mir alles umständlich übersetzen. So gewinne ich Zeit für meine Antworten. Während der ganzen Zeit bleibe ich überraschend ruhig, wohl wissend was das Ganze hier soll. Dafür habe ich ja auch meine Dollarscheine eingesteckt. Bis wir zum zentralen Punkt kommen, vergeht aber eine ganze Weile. Die Jungs beherrschen das Spiel, haben wohl auch genug Erfahrung darin und führen eine Befragung durch, die in Sachen Dämlichkeit kaum noch zu überbieten ist. Beispiel ? Oberboss fragt nach meinem Beruf. "Ich arbeite in einer Bank". Und was mache ich hier in seinem Land ? "Ich möchte mir seine schöne Stadt anschauen. Ich komme als Tourist". Ja was bin ich denn nun ? Oberboss wird ungehalten. Banker oder Tourist ? Eines geht ja wohl nur. Da erbarmt sich mein Übersetzer und erklärt ihm wortreich, dass man sehr wohl beides sein kann, man aber natürlich in der Zeit, in der man als Tourist in Afrika unterwegs ist, nicht gleichzeitig in einer deutschen Bank arbeiten kann. - Ich erspare mir weitere Details unserer Unterhaltung. Leider muss ich mich die ganze Zeit zerknirscht geben angesichts meines unverzeihlichen Fehlers, mich nicht vorher über die Gebräuche des Landes ausreichend informiert zu haben, dass man hier nicht so einfach in der Gegend herum fotografieren darf. Steht natürlich nirgends. Das Gegenteil aber auch nicht. Eigentlich steht hier nirgends etwas. Ist halt der Kongo.

Als Oberboss endlich darauf zu sprechen kommt, dass man fürs Fotografieren eine Erlaubnis brauche, die natürlich etwas koste, die ich nicht hätte und folglich erwerben müsste, obendrein auch noch eine saftige Strafe zu entrichten hätte, mache ich innerlich einen Luftsprung. Es geht voran. Geld habe ich ja. Wenn auch nicht die Menge, die sie zunächst fordern, insgesamt 500 Dollar. Ich habe eine Null weniger. Das langt aber nach einigem Hin und Her auch.

Leider ist damit die Sache noch lange nicht beendet. Selbstverständlich muss ein Protokoll aufgenommen werden, einen Stock tiefer, in einem anderen Amtszimmer, von einem anderen Amtsträger. Der lässt sich von meinem Übersetzer kurz ins Bild setzen und holt sich vier leere DINA4-Seiten Papier. Eine gute Stunde später werden diese vier Seiten in kleinster Schrift von dem Hansel in Uniform voll geschrieben sein, mit selten dämlichem Schwachsinn. Der gute Mann fängt ein ganz neues Verhör an, konzentriert sich dabei auf meinen Reisepass, in dem er allerlei Ungereimtheiten entdeckt. Wo ist denn mein Ausreisestempel aus Deutschland ? - "So etwas gibt es bei uns nicht." - "Unsinn. Wenn man ein Land verlässt benötigt man einen Stempel. So ist das überall !" - Wie ich denn überhaupt ins Land gekommen bin. - "Wie bitte ?" Der Mann ist schier fassungslos. "Sie haben gar kein offizielles Visum unserer Botschaft ?? Woher haben Sie diesen Stempel im Pass ?" - "Den haben Sie hier an der Grenze bekommen ? Das ist illegal. Ich werde sofort jemanden losschicken, diese Leute zu verhaften !" - "Wieso haben Sie nur einen Vornamen ? Jeder Mensch hat mindestens zwei." - "Wieso hat Ihre Frau denselben Vornamen wie Ihre Mutter ? Wollen Sie mich verarschen ?" - "Wo ist Ihr Großvater zur Schule gegangen ?" Und, und, und. Er würde sein Spielchen heute noch betreiben wenn nicht Oberboss zur Tür reinschaut, sichtlich ungehalten darüber ist, dass ich immer noch da bin und seinen Untergebenen anweist, schleunigst das Protokoll aufzunehmen und mich dann außer Landes zu schaffen.

Leider geht es nun nur unwesentlich schneller voran. Natürlich gehört auch das zum Geschäft. Endlich kommt der Protokollant zum Wesentlichen. Er hätte ja Verständnis, das ich auch gern ein paar Fotos mit nach Hause nehmen möchte, ich könne sie seinetwegen auch behalten, aber ob ich im Gegenzug nicht auch etwas für ihn tun könne. Nun kommen meine 10 Dollar aus der linken Hosentasche zum Einsatz. Danach geht alles blitzschnell. Als ich das Protokoll unterschreibe weist mich mein Übersetzer dezent auf sein Augenleiden hin, das dringend behandelt werden müsste, aber das ist sein Problem. Auf dem Ohr bin ich taub. Niedere Schergen bekommen von mir nichts, besonders dann nicht, wenn ich nichts mehr habe.

Der Protokollant meint tatsächlich einen neuen Freund in mir gefunden zu haben. Zum Abschluss versorgt er mich mit seiner Telefonnummer und bittet mich, ihn doch mal anzurufen, wenn ich wieder zuhause bin. Wir wären ja nun dicke Freunde. Ich sehe die Freundschaft aber als eher einseitig an. Immerhin schreibt er auch seinen Namen und seine Dienstelle auf. So erfahre ich zumindest wo ich hier gelandet bin, nämlich bei einer Art kongolesischer Stasi.

Endlich geht es wieder nach draußen. Ich gehe Richtung Wäscheleine, hinter der die Mopedfahrer warten, Richtung Freiheit. Da schreit ein dicklicher Kerl aus einer Gruppe Männer etwas, mein Übersetzer flitzt sofort hin, macht einen Diener, und ich kriege nun endlich Panik. Der Dicke scheint ein Ranghoher zu sein. Wenn der auch noch einen Anteil vom Kuchen will wird's brenzlig. Ich habe ja nichts mehr außer ein paar Francs-Scheinen für das Moped.

Nach endlosen Minuten ist die Sache geklärt. Ich kann endlich Richtung Mopeds gehen und lasse mich zur Grenze fahren. Die Mama in der Amtsstube kennt mich noch, donnert einen weiteren Stempel in meinen Pass und zwei Minuten später blicke ich in das strahlende Gesicht des ruandischen Grenzbeamten, der mich freundlichst fragt, ob es mir in Goma gefallen hat.

Gut vier Stunden hat das Abenteuer Kongo gedauert, mehr als die Hälfte davon in kongolesischen Amtsstuben.

Weitere vier Stunden später, gegen Abend, bin ich wieder in Kigali. Heute am Samstag hat sogar die größte Diskothek des Landes geöffnet, das "New Cadillac". Es ist proppenvoll, auch viele Muzungus, wie die Weißen überall in Ostafrika genannt werden, sind hier. Auf mein kongolesisches Abenteuer genehmige ich mir heute ein Mützig Bier mehr als sonst üblich. Morgen ist Sonntag. Morgen ist nicht viel los. Da kann ich mal wieder ausschlafen.

© Uwe Decker, 2007
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Die Reise
 
Worum geht's?:
- im Afrika der Großen Seen - 23 Tage allein durch Kenia, Uganda, Ruanda, Kongo
Details:
Aufbruch: 02.06.2007
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 26.06.2007
Reiseziele: Ruanda
Kenia
Uganda
Kongo / Demokratische Republik Kongo
Der Autor
 
Uwe Decker berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
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