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Michael's Reise im Januar und Februar 2007.
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Arm und aermer.
Ich dachte, ich haette das Elend in Delhi schon gesehen. Im Main Bazar: die Obdachlosen, die herumlungernden Kinder. Aber dann komme ich im fahlen Morgenlicht gegen 6 Uhr zur New Delhi Railway Station und sehe zwei erdgraue Gestalten ein schweres Buendel ueber die Gleise wuppen. Sie kriegen es ueberhaupt nicht vom Fleck. Der Zug ist im Anmarsch, und ich gucke weg, weil es mir zu brenzlig wird. Aber dann schaffen sie es doch.
Ueberall diese grauen Menschen am Morgen. Eingehuellt in graues oder beiges Tuch (ca 2 x 1,5m), sehr duerftig gekleidet fuer 4 Grad plus. Vermummt und klappernd auf der Riksha, ob man die letzten Meter zum Bahnhof nicht mit ihnen in den Stau fahren will. (Natuerlich nicht.) Vor dem Bahnhof Lasten rollend, schiebend, schleppend, Schuhe putzend. Auf den Gleisen. Auf dem Bahnsteig. Habe ich erst gar nicht erkannt: Diese kleinen Buendel, mitten im Weg, schlafende Menschen, komplett von erdfarbenem Tuch bedeckt.
Und dann die Ausfahrt aus Dehli: Slums entlang der Gleise. Eine Huette an die andere gesetzt. Jede wenige Meter breit. Hie und da eine Funzelbirne. Jemand putzt die Zaehne, spuckt auf die Gleise. Jemand hockt ueber einer Rinne. Armut, Dreck, Gleichgueltigkeit, unbeschreiblich und - malerisch, dieses Ton in Ton: braun, grau, beige, roetlich, erdig ...
In den naechsten Tagen merke ich: Armut bedeutet nicht zwangslaeufig Elend. Es wird viel gelacht, gestaunt, gespielt. Der Bauarbeiter auf der Baustelle mit seinem Kind, das genauso mitarbeitet wie die Frau.
Shadabti Express
Ich sitze im Shadabti Express von Delhi nach Ajmer, 11 Euro fuer 400 km. Sehr empfehlenswert dieser Zug. Verbindet die grossen Staedte, kommt puenktlich. Anders als andere Zuege. Auf dem Bahnhof in Delhi hoere ich eine Computerfrau endlos Verspaetungen durchsagen: "4 hours and 11 minutes" ... "6 hours and 24 minutes", jedes Mal mit der Formel endend: "We apologize for your inconvenience."
Ich dagegen rolle im Shadabti-Grossraumwagen: Alle halbe Stunde kostenlos Tee, Snack, Omelett oder Hindu-Food (vegetarisch). Super.
Auf meiner versiegelten Wasserflasche von "Indian Railway Needs" steht: "Remove label before dumping." Wenn man das Label drauflaesst, wird die Flasche aus dem Muell geholt, nachgefuellt und wiederverkauft. Man achte auch auf die Versiegelung. Die wird ebenfalls "recycelt".
Der Shadabti laesst sich uebrigens gut im Internet buchen. Mit Kreditkarte zahlen und Ticket ausdrucken. Erspart lange Schlangen am Bahnhofsschalter: Klick
Morgens am Bahnhof von New Delhi. Der Shadabti Express nach Ajmer laueft ein. Shadabti - so reist man gut und puenktlich.
Das ist der thrill: Tueroeffnen in voller Fahrt und dann Einnicken.
Ueber die Armut denke ich in Pushkar nach. Es kommen viele Menschen auf der Suche nach Arbeit, erzaehlt ein "Kleiderfabrikant". Die Traveller kaufen viel Klamotten.
Der Mann zeigt mir seine "Fabrik": zehn Naehmaschinen. Wenn er zu tun hat, holt er sich Arbeiter von der Strasse. Er nimmt nur Schneider mit wenigstens fuenf Jahren Erfahrung. Es gibt genug. Nur Arbeit fehlt. Der Fabrikant arbeitet auch als Postbote.
Also ueberall auf der Strasse arme Menschen, Tageloehner, Bettler. Warten. Manche sehen hungrig aus. Irgendwie ueberleben sie.
Sie sind sehr, sehr arm. Aber sie sehen nicht wirklich ungluecklich aus, eher abgehaertet. Ein einziges Mal ist im Bus einen Betrunkener, der ordentlich Aufsehen erregt. Der Schaffner setzt ihn vor die Tuer. Ansonsten Armut und Gelassenheit. Irgendein ein kleines Ereignis, ein ueber die Strasse geschleudertes Wort, ein Blick, und sie lachen. Dann haben sie wieder diese verschlossenen, sich fuegenden Gesichter. 'Es ist wie es ist.'
Auf jeden Fall sehr festgefuegt. Kastensystem. Soll keiner sagen, das spielt keine Rolle. Ein Shopbesitzer erklaert mir die Kasten. Die oberste Kaste, das sind nicht, wie ich erwarte, die Brahmanen, sondern "the very rich people".
Es funktioniert. Sie machen alle mit. Und ich weiss nicht, wie ich es finden soll. Im doppelten Sinn.
Die Situation schreit nach Ausgleich, nach mehr Gerechtigkeit. "Typisch deutsch" halten mir andere Traveller vor. "Die leben hier eben anders." Ja schon, und sogar die Lebenserwartung steigt. Aber sie liegt trotzdem nur bei 58 Jahren. Darf man denn wirklich keine universalen Massstaebe anlegen? Darf das nur die UNO? Bleibt das nur fuer die Armutsberichte?
So viele Menschen hier bekommen kaum oder gar keine Bildung. Ziehen ihr Wissen aus dritter, vierter, fuenfter Hand. So kommt eine Menge Aberglauben zustande, Scharlatanerie, Schicksalsergebenheit. Wir Backpacker sind Gestalten aus einer andern Welt. Uns kann man ein paar Rupees abluchsen. Aber unser Wohlstand und die Bildung, auf der er fusst, sind unerreichbar, undenkbar - jedenfalls fuer die meisten Menschen hier.
Das sind meine Zweifel am Indian way of life. Aber zugegeben ist das nicht mein einziger und vor allem nicht mein erster Eindruck. Zuerst ist da die Freundlichkeit der Menschen, ihre gute Laune, die good vibes, die einen bald anstecken.
"Live a normal life," sagt ein gelassener Armeeoffizier mit hennarotem Haar im Ashram: "That is all you need." Der ist lustig. Wie denn? Aber fuer diese Frage bin ich ja hierher gekommen.
Singen fuer Touristen, hier mal fuer Einheimische. Die Frau hat eine sehr schoene melancholische Stimme.
Und darauf schauen die Touristen, die im Bild zuvor besungen wurden: Der heilige Pushkar Lake. Auf dem Berg dahinter steht, glaube ich, der Savitri Temple.
Pushkar, die Stadt der tausend Tempel, ist eine heilige Stadt am Rand der Wueste. Der heilige See entstand, als Gott Brahma im Kampf gegen einen Daemon eine Lotusblume fallen liess. Nun ist er eines der fuenf wichtigsten hinduistischen Heiligtuemer. Abertausende pilgern zu Festen hierher.
Aber leben tun die Leute von den Touristen, wie ein Schuhhaendler sagt. An hinduistischen Feiertagen kaemen zwar viel mehr Menschen in seinen Shop. Sie fragten aber immer nur nach den Preisen. "Very poor people".
Die meisten Touris hier sind aus Israel, Frankreich und Japan. Ansonsten hoert man Englaender, Amerikaner, Australier, Deutsche ... Auch einige Aussteiger in der Stadt, Althippies. Wie die das mit dem Visum machen (max. 6 Monate), wuerde mich mal interessieren.
Schwarzkopfaffen, das sind die nicht-heiligen Affen, werden hier aber trotzdem gefuettert, weil keine Rotkopfaffen, die heiligen, da sind. Und "Heilige Maenner" wollten mich unbedingt zum heiligen Blumenschmeissen in den See ueberreden, natuerlich fuer Geld. Hinduistischer Ablasshandel.
Ich strunze am See entlang und mache Fotos. Gleich zwei Fettnaepfchen mit einer Klappe. Erstens sind Schuhe verboten und zweitens Fotos wie dieses. Aber meine "Opfer" haben sich gefreut, sich im Display zu sehen.
Gerade mal wieder Suenden-Tilgung am See. Aber nicht so schlimm wie im November, wenn hunderttausende Hindus alle an einem Tag in ein recht kleines Gewaesser springen - halb so gross wie die Binnenalster.
Das wird ein Hocker. Man sieht im Hintergrund die fertigen. Der Rand oben und unten besteht aus alten Fahrradreifen. Sitze ich immer morgens im Teeshop drauf. Mit dem Mann im Vordergrund arbeiten noch ein Kind dahinter und eine alte Frau links.
Viele Handwerker hier: Holzkamm-Tischler, Puppenbastler, Motorradmechaniker und vor allem Schneider. Faehrt man abends um halb sieben mit dem Bus aus der Stadt, ist er voller Maenner mit Henkeltopf und Fadenresten an der Kleidung. Arbeiter aus der groessten Kleiderfabrik mit 500 Beschaeftigten.
Die meisten machen hier wohl in Naehen und Schneidern. Allerdings sind Stoffe und Verarbeitung von maessiger Qualitaet - abgestimmt auf die sparsamen Backpacker. Meiner Weste im Nehru-Style (600rs) faellt taeglich ein Knopf ab. Bei Raymond im nahen Ajmer soll man alles billiger und besser bekommen.
Einen Faden meiner "Wolldecke", die ich hier gekauft habe, fackelt ein tuerkischer Textilhaendler vor meinen Augen ab: "Plastic" sagt er. Auf kein Etikett ist hier Verlass.
Gerueche und Duefte kann ich leider nicht transportieren. Aber sie sind genauso intensiv wie diese Farben. Das gefragteste Pulver ist rot fuer das "dritte Auge" auf der Stirn. Frauen zeigen mit rot, dass sie verheiratet sind. (So schuetzt sich manche Travellerin vor Zudringlichkeiten.) Maenner nehmen manchmal auch nur Asche.
Fernab vom Meer, in Radjasthans Wueste, ein Motorrad mit Muschelverzierung.
Hier eine Serie der drei hauefigsten Tiere auf der Strasse.
Pushkar, die Stadt der Kamele: Als Tragetier, als Lastenzieher, als Touristenkamel. Eigentlich sind die Tiere ueberall in Rajasthan, wegen der steppenartigen Landschaft. In Pushkar gibts aber zudem einen grossen Kamelmarkt.
"Crazy camels", davon erzaehlt mir ein Farmersohn, gefaehrliche Tiere. Canetti beschreibt sie in "Stimmen von Marrakesh".
Strassentier No 2: Mit Kamelen werden Touristen in die nahe Wueste Thar gebracht, wo sie eine Nacht hart schlafen. Dann gehts wieder zurueck. Man hoert solche und solche Erfahrungen. Kann wohl auch ganz nett sein.
Das waere in Deutschland nicht passiert: Eine Frau kommt vom Markt, stellt ihre Tasche mit Blumenkohl und Chili ab und - Bumms - der Blumenkohl ist weg, aufgefressen von einer Kuh. Da muessen sich Kaeufer und Marktbeschicker echt vorsehen. Eine alte Markfrau buesst so ein grosses Koriander-Buendel ein. Sie kann die Kuh nicht aufhalten.
Strassentier No 3: Frueh uebt sich, was eine heilige Kuh werden will. Hier an einem Drachen waehrend des Drachenfestivals.
Am Sonntag ist in Pushkar Drachenfestival. Nach Jaipur, Radasthans Hauptstadt, angeblich das groesste im Bundestaat. In den Tagen davor belagern Kinder das Drachen-Sortiment kleiner Laeden. Am Himmel ziehen Drachen ungelenke Bahnen. Beim Festival holen sie sich dann gegenseitig herunter. Es gewinnt, wer am laengsten oben bleibt.
Ueber den Anlass hoere ich Verschiedenes: Es ist das Fruehlingsfest, sagt einer. Der kalte Nordwind endet und der Sommer beginnt. Ein Shopbesitzer erzaehlt: Die Drachen steigen, und die Alten schauen in den Himmel. So sorge der Kinderspass fuer die Gesundheit der Alten.
Ich weiss nicht, ob es stimmt, aber es klingt sehr indisch. Vieles hat hier eine verborgene Bedeutung. "Our life is philosophical but not philosophical," sagt einer im Chaishop zu mir.
Tatsaechlich liegt heute Fruehling in der Luft. Das verstaerkt sich noch in den naechsten Tagen. Wie kommt es bloss, dass sich Fruehling ueberall gleich anfuehlt? So ein Aufbruch in der Luft. Was macht bloss dies Gefuehl?
Solange sie fliegen, geht es ihnen gut.
Sonntag, 14. Januar, Drachenfestival. Heute geht es in Pushkar recht relaxt zu. Von irgendwo droehnt heftige Jahrmarktsmusik. Dann wieder Stille. Alle Viertelstunde Sromausfall im Ort, vielleicht wegen der lauten Musik.
Der Old Rangji Temple mitten in Pushkar. Die Frau rechts hat sich ins Bild geschmuggelt, nachdem ich schon abgedrueckt hatte. Sehr nett von ihr.
Marionetten aus Rajasthan kenne ich als Wandschmuck in einem indischen Restaurant in Deutschland. Die Maenner mit den beeindruckenden Schnurrbaerten gibts hier auch in echt. Meist Respektspersonen am Strassenrand, um die sich Menschentrauben bilden.
Ich treffe Onur, einen Tuerken aus dem Ashram, in einem kleinen Chaishop in Pushkar. Onur hat einen guten Riecher fuer besondere Orte: Der Chaishop-Besitzer ist ein leuchtenden Wesen.
Im Chaishop: Die britische Touristin (links) hat dem bettelnden Strassenkind (rechts) Spaghetti ausgegeben. Aber so hungrig, wie er getan hat, ist der Junge gar nicht. Er spielt mit dem Essen, und sie weist ihn zurecht.
Der Hanuman Temple am Ortseingang von Pushkar. Am Fuss lagern Obdachlose, von denen es hier so viele gibt, dass ich ueber sie hinwegschaue.
Drachenfestival. Im Bus dachte ich noch, es sei Zufall: Mehrere neongruene Schals und Turbane. Aber nein, in Pushkar sind heute fast alle bunt.
Am Tag des Drachenfestivals. Dieser Tempel, ich glaube Gurudwara, steht auch am Ortseingang von Pushkar. Ich tippe auf einen der Sikhs.
Eine der zahlreichen Kuechen fuer Fettgebackenes in Pushkar. Sehr gehaltvoll, aber man will immer mehr. Erstaunlich, dass die Inder all die guten Sachen so herunterschlingen.
Wer kann daran vorbeigehen? Ich zwinge mich dazu. Gleich gibt's doch Essen im Ashram. Und das liegt bestimmt nicht so schwer im Magen.
Das schoenste Guesthouse, das ich in Pushkar gesehen habe, ist das "Krishna" kurz nach Beginn des Bazars auf der rechten Seite. Ein gepflegter Innenhof mit vielen Blumen und einem Getraenkestand. Regelmaessig drehen Bedienstete ihre Runden. Sehr achtsam, um spirituelles Vokabular zu benutzen. Eine Frau, die ich dort besuche, sagt, es wird sehr auf die Gaeste achtgegeben. Keine Fremden dort, keine Diebstaehle. Sie zahlt fuer ihr Zimmer ohne Dusche/WC 150 Rupees.
Beim Goldschmied: Die Frauen brauchen etwas Nerven, denn angepasst wird der Armreif (siehe Hintergrund) mit dem Hammer. Klingt ein bisschen wie beim Schmied.
Am Busstand in Pushkar. Wir warten auf die Abfahrt. Die Nacht zieht herauf.
Im Bus gerate ich beinahe in Streit mit dem Schaffner. Er will den doppelten Fahrpreis: 4 statt 2 Rupees. Spaeter stellt sich heraus: Hin nach Pushkar kostet es mehr, weil man eine Tax fuer den Strassen-Erhalt zahlen muss. Raus nehmen sie nichts.
Am Abend rechne ich nach: 4 Rupees = 8 cent, 2 Rupees = 4 cent. Oh man, jetzt ist es mir peinlich. In zwei Wochen habe ich nicht einmal hundert Euro ausgegeben.
Unser Schaffner (links) wird kontrolliert. Der Mann in Zivil (rechts) hat den Bus angehalten. Eine Amtsperson, denn er traegt einen Stock mit silbernem Knauf unter dem Arm rechts. Der Schaffner muss einen Kontrollstreifen aus seiner elektronischen Ticketmaschine ausdrucken.
Die Kontrolle tut not, denn die Schaffner schaffen gerne beiseite. Einer verlangt beim Ausstieg mein Ticket zurueck, um es noch einmal zu verkaufen. Ich bin zu verdattert und gebe es ihm.
Ich lebe fuenf Kilometer ausserhalb von Pushkar. Am Tag des Drachenfestivals musste ich zurueck laufen.
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