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Michael's Reise im Januar und Februar 2007.
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Heute geht es zurueck nach Deutschland. Das heisst, eigentlich erst Morgen. Aber Abflug ist morgens um halb drei, Check in kurz vor Mitternacht. Lange Naechte bin ich auf dieser Reise ja gewohnt. Ich freue mich drauf.
Ich habe alle Zeit der Welt. Ich bin nicht scharf auf Galle und Colombo, kann also ganz bedaechtig in den Morgen starten. Ein besonderer Morgen, weil alles das letzte Mal ist, Wehmut in der Luft. Ich gehe zum Sonnenaufgang an den Strand, dann rueber zum Kiosk Kaffee trinken.
Es wird mal wieder gefegt. Auf der Strasse der Zahnlose, vor dem benachbarten Tempel ein Moench. Sie haben zwei dieser Tempel in Polhena. Der andere liegt weiter zurueck und ist auch groesser. Auf einem Schild steht, es sei eine Anlage von besonderem Wert. Der Tempel hier am Strand ist vom Tsunami getroffen worden. Eine buddhistische Organisation hat ihn wiederhergestellt, steht auf einer Tafel.
Der alte und der junge Moench
Saranga hat mir eine Geschichte zu diesem Tempel erzaehlt. Hier lebt ein junger, freundlicher Moench. Vor zwei Jahren, beim Tsunami, waren nur er und ein aelterer Moench hier. Der junge Moench war fast noch ein Kind. Er sah die grosse Welle kommen. Er rannte zum alten Moench und sagte, sie muessten sich auf dem Dach in Sicherheit bringen. Der alte Moench sagte: 'Ich bin alt, ich habe viel gesehen. Das Meer kommt nie bis hier.' Und so ueberlebte der junge Moench auf dem Dach, und der alte ertrank.
Tja, manchmal ist es weiser, auf die Jugend zu hoeren.
Kurze Unterbrechung in meditativer Morgenarbeit: Der Moench haelt ein Plaueschchen. Im Hintergrund mein zahnloser Kaffeebruder.
Ich habe wenig ueber den Tsunami geschrieben. Dabei hoere ich jeden Tag davon. Jeder hat sein Erlebnis damit. Aber ich will sie nicht alle aufschreiben. Ein paar Worte dazu, wie der Tsunami im "Blue Corals" nachwirkt.
Das Bild von Nishantha und Saranga geht mir nicht aus dem Kopf, wie beide abgewandt aus dem "Restaurant" aufs naechtliche Meer schauen. Das war am ersten Abend.
Wir hatten gerade ueber den Tsunami gesprochen, und mir wurde klar, dass wir das Meer mit verschiedenen Augen sehen. Fuer mich ist er viel friedlicher als die Nordsee, selbst an stuermischen Tagen wie ein Teich. Aber die beiden haben "die Welle" kommen sehen. Das steckt nun im Hinterkopf und liegt auf der Lauer: 'Ja, das Meer ist friedlich, aber gib Acht.'
Nishantha war gerade zehn Minuten frueher vom Schnorcheln gekommen. Die zehn Minuten haben ihm das Leben gerettet. Ein aelteres Paar, das im "Blue Corals" immer zu Abend ass, schaffte es nicht mehr rechtzeitig aus dem Wasser.
So wie ich Nishantha verstehe, kam die erste Welle "von der Seite". Er konnte ihre Silhouette sehen und sofort die Gefahr erkennen. Also sind sie gleich los gerannt. Das erzaehlen auch andere: Die Welle war frueh zu sehen - und sie war laut.
Trotzdem waren sie wohl noch nicht weit weg, als die erste Welle das Ufer erreichte. Saranga sagt, die Welle sei hoch gewesen, aber gleich verebbt. Es habe grossen Krach gemacht, als sie in die Strommasten vorm Haus einschlug.
Sie ist mit ihren beiden Toechtern weiter gerannt. Dann hat sie die Kinder einem Mann gegeben, einem Freund oder Verwandten, der mit den beiden auf ein Hausdach gefluechtet ist. Da waren sie sicher vor der zweiten und dritten Welle. Erst diese beiden Wellen brachten die Flut, und nun brachen die Haeuser ein, und Mensch und Tier wurden weggespuelt.
Wie Saranga und Nishantha den Tsunami ueberstanden haben, weiss ich nicht. Sie haben das am ersten Abend erzaehlt. Vorher hatte bereits Lal, der Strandwaechter, seine Geschichte erzaehlt und mir traurig seine "Gedenkpflanze" gezeigt. (Er hat mir einen Samen mitgegeben, den ich in Deutschland pflanzen soll.) Es war ein heikles Thema. Also habe ich die beiden gefragt: "Is it good or bad to talk about it?" und Saranga sagte spontan: "Bad." Also war das Thema erledigt.
Viele Leute haben einen Schock. Die Flut ist erst zwei Jahre her, und sie haben eine Naturgewalt erlebt, Zerstoerung und viele Tote. Sie verdraengen das. So muessen es die Menschen wohl machen. Erst wenn sie alt sind, bevor sie sterben, kommen die schlimmen Erinnerungen wieder hoch.
Saranga und Nishantha sind pragmatisch. Touristen wollen Strandnaehe. Also versuchen sie, das "Blue Corals" zu erhalten. Saranga sagt sogar: 'Es war ein Jahrtausend-Ereignis. Die Flut wird nicht wieder kommen.' Aber ihre beiden Toechter fuerchten sich. Deshalb bauen die Eltern landeinwaerts. Im Moment fehlt das Geld. Solange bleiben sie im ersten Stock am Strand.
Alles Gute
Nishantha wird mich in seinem Tuc Tuc zum Bus bringen. Ich koennte auch mit dem Zug nach Galle fahren, aber dazu muesste ich erst zurueck nach Matara. Wir verabreden uns eine Stunde spaeter. Ich muss noch zu Ende packen. Und ich will auch Saranga noch was sagen.
Ich weiss, dass sie in jedem Touristen einen potentiellen Kreditgeber fuer das Nachbargrundstueck sieht. Fuer alle Faelle hat sie auch mir ihre Bankverbindung gegeben. Aber das verschreckt mich und wohl auch andere. Ich sage ihr, sie soll ihre Gaeste nicht so angehen. Vielleicht kommt eines Tages einer vorbei, der sieht, dass er ihnen helfen muss.
Saranga nickt. Aber sie hat nicht die Gelassenheit von Nishantha. "She's the boss", erklaert Nishantha. Sie ist die treibende Kraft im "Blue Corals". Was sie nicht weiss: dass ich wegen Nishantha hier bin. "It's up to god," sagt Nishantha. Das habe er gedacht, als der Tuc Tuc-Fahrer am ersten Tag mit mir weiterfuhr. Und dann sei ich zurueckgekommen.
"Just tell your story," sage ich Saranga, "maybe it attracts someone." Und: "I will tell your story." Zum Abschied nimmt sie meine Hand in beide Haende.
Nishantha faehrt mich zur Hauptstrasse. Oh, diesen Weg kannte ich noch nicht. Der ist ja viel kuerzer. Er wartet mit mir auf den Bus. Wir haben nichts Rechtes zu reden. Aber der Bus kommt schon. Nishantha haelt ihn an, und ich springe hinein. Vorbei, Adieu.
Zum Glueck gibt's hinten im Bus Platz fuer mich und meinen Rucksack. Es geht die Suedkueste entlang. Doerfer, Buchten, kleine Inseln, buddhistische Pickelhauben. So taufe ich die Tempel, deren Kuppeln alle paar Kilometer aus dem Gruen ragen. In einem Ort werden viele Reihenhaeuser gebaut. Bautraeger ist laut Schild das Sozialministerium. Die Anlage sieht schoen aus.
Es war eine Liebesheirat, sagt Nishantha zum Abschied. Nicht selbstverstaendlich. Sein Bruder wurde verheiratet - und hat versucht, sich zu vergiften.
Je naeher wir nach Galle kommen, umso haeufiger gibt es Checkpoints. Die Strasse verlaeuft direkt am Meer. Die schoenen Straende sind von schlichten Bauten verstellt: Laeden, Fischhaendler, Gemuesehaendler ...
Was ich noch fuer einen Vorort gehalten habe, ist schon Galle. Habe ich mir groesser vorgestellt. Der Bus haelt am Busbahnhof gegenueber dem Alten Fort. Hier ist auch gleich der Bahnhof.
Ich gehe hinein. In zweieinhalb Stunden faehrt der naechste Zug nach Colombo. Eigentlich wollte ich mich ein bisschen in Galle umsehen und einen spaeteren Zug nehmen. Aber mein Rucksack ist so schwer, und ich weiss nicht, wo ich ihn lagern kann. Ausserdem ist der Ort wirklich nicht schoen. Ich werde also um halb drei weiterfahren.
Das Fort von Galle. Sehenswert, hatte die Rostockerin gesagt. Aber mein Rucksack zwingt mich in die Knie. Ab hier drehe ich um.
Ich gehe am Busbahnhof entlang, werde von vielen Tuc Tuc-Fahrern und Haendlern angesprochen. Ein unachtsamer Blick, ein Zoegern, und sofort habe ich einen an der Backe: "Yes sir ... What do you want? ... Where you're going? Colombo?" Im Tuc Tuc nach Colombo - sonst noch Wuensche?! Die Geschaefte laufen wohl wirklich schlecht.
Die portraitierten Menschen auf Sri Lanka wirken immer sehr aus dem Leben gegriffen.
Kino auf Sri Lanka: Ohne zu wissen, was da steht, nehme ich an, dieser Moench hadert mit seiner Entscheidung. An seinem Plakat gehen gerad wieder zwei Attraktionen vorbei.
Kino auf Sri Lanka: Diese Mutter ist vom Schicksal geschlagen. Beide Soehne heiratsfaehig, aber den einen zieht's zu Buddha, und der andere wird gezogen. Seht ihr denn, wer hinter eurer Mutter auf euch wartet?
Ich klappere einen Tee-Imbiss nach dem anderen ab. Ich weiss nicht, wo ich mich reinsetzen soll. Am besten natuerlich, wo schon viele sitzen. Aber die Laeden sind alle so dunkel. Dann kommt ein hell gekacheltes Restaurant. 'Sued srilankische und chinesische Kueche' steht dran. Hier bleibe ich fuer eine Stunde, trinke Tee und Wasser und probiere allerlei Gebaeck, weil sie noch kein warmes Essen haben. Reisezeit ist Essenszeit.
Ich studiere den "Daily Mirror" aus Colombo. Die Frontseite handelt von Krieg mit den Tamilen: Notstandsgesetze gegen Terror, verhaftete Journalisten, arretierte Fischer, Beschwerden ueber staatliche Geisterschwadronen, verschleppte und vermisste Personen. Es ist wirklich Krieg, oben im Norden, und im ganzen Land.
Im Innenteil ganz gross: "Sir Cliff Richard." Er gibt ein Konzert in Colombo und sagt nette Sachen ueber Sri Lanka.
Ich schultere meinen Rucksack auf diese merkwuerdige Art, wo ich ihn erst auf einen Stuhl hieve und dann "hinein krabbele".
Ein alter Mann neben mir haelt die Hand auf. Ich gebe ihm einen 10 Rupees-Schein. Er schaut enttaeuscht.
Endlich mal vor der Linse: Der schwarze Punkt auf Kinderstirn. Auf Sri Lanka hat das keinen Hindugrund. Bis zum dritten Lebensjahr malen die Muetter es den Kindern zum Schutz gegen "badness" auf. Abends wird der Punkt - und alle darin gefangenen Schlechtigkeiten - abgewaschen.
Ich kaufe noch ein bisschen Obst und gehe hinueber zum Bahnhof. Aber ich stehe am falschen Fahrkartenschalter, wie mir der Bahnbeamte bedeutet: 3. Klasse. Ich soll um die Ecke gehen. Da erwartet er mich schon: 2. Klasse. 110 Rupees (80 cent) kostet das Ticket fuer die zweieinhalb Stunden Fahrt nach Colombo.
Ich habe noch reichlich Zeit, die ich auf dem Bahnsteig verbringe. Atlanta hatte gesagt, ich solle unbedingt den Zug nehmen. Das sei ein Erlebnis. Jetzt sehe ich, was sie meint. Die Waggons sind wohl aus der Kolonialzeit. Sie haben Holzsitze. Naja, ich habe ja auch keinen ICE erwartet.
Ein Triebwagen von Hitachi im Bahnhof von Galle. Von Hitachi hatten wir mal einen Staubsauber. Machte einen Mordslaerm, konnte aber nicht so viel ziehen.
Hatten wir auch mal: die Holzklasse. Hier als 3. Klasse annonciert, Standard auf Sri Lanka. 2. Klasse gibt's aber auch.
Rote Haekchen: Die Bruchrechnung ging auf. Jetzt ist die Mathearbeit eine Erdnusstuete. Meinen Sarong verpackt der Haendler in einem Singhalesisch-Diktat. Schularbeiten werden hier als Verpackung recycelt.
Zwei japanische Backpacker warten ebenfalls auf den Zug. Sie haben Schutzfolien ueber ihre Rucksaecke gestreift. Auf meiner Reise sind mir viele Japaner begegnet. Aber sie schauen immer gerade woanders hin. Ich bin mit keinen ins Gespraech gekommen.
Gegen zwei ist Schulschluss, und aus einer nahen Schule stroemen hunderte von Kindern auf den Bahnsteig. Ein paar steigen in den Zug nach Matara. Die meisten aber gehen bis zum Ende des Bahnsteigs und dann hinunter auf die Gleise, wo sie in einer Biegung verschwinden. Es ist ja kaum Verkehr, und die Zuege fahren langsam. Wird schon gut gehen.
Ein Junge mit Mutter schaut meine Mandarinen an. Ich gebe ihm eine, und er freut sich sehr. 20 Rupees pro Stueck. So teures Obst koennen sie sich wohl nicht leisten.
Nachmittags ist alles in Weiss. Schulkinder stuermen Zuege und Gleise.
Dann laeuft der Zug nach Colombo ein. Galle ist Kopfbahnhof. Die Diesellok wird abgekoppelt und ans andere Zugende gefahren.
Inzwischen hat natuerlich alles die Waggons gestuermt. Es ist aber genug Platz. Ich setze mich auf einen Polstersitz, da faellt mir die "3" an der Wandverkleidung auf. Sind also doch nicht alles Holzsitze in der 3. Aber wo ich schon fuer die 2. Klasse bezahlt habe, gehe ich sie mal suchen.
Der Unterschied ist, dass in der 2. Klasse Ventilatoren an der Decke haengen. Ich finde zwei Sitze fuer mich und meinen Rucksack. Aber dann reden sie hinter mir Deutsch. Ach ne. Das hoere ich noch frueh genug. Ich ziehe nochmal um.
Im naechsten Waggon gibt es zwei gegenueberliegende Sitzreihen. Da sitzt nur ein einzelner Singhalese, ein aelterer Mann. Ich frage ihn, ob ich mich dazu setzen darf. Er sagt: "As you wish," und macht eine einladende Handbewegung. Hier ist es besser.
Der Zug faehrt mit einem Ruck an und macht genau die Geraeusche, die ich erwartet habe. Erst quietscht er, dann geht es "Ka-klaak, ka-klaak ..." bei jedem Schienenstueck. Sehr gemaechlich. 50 Kilometer schaffen wir in der Stunde.
Bei der Ausfahrt aus Galle sehe ich auf einem Fussball- oder Cricketplatz ein grosses Transparent: "Start enemies finishs friends". Das ist wohl als Mahnung fuer jugendliche Heisssporne gedacht. Trifft aber auch ganz gut die innenpolitische Situation.
Verkaeufer mit Bauchlaeden gehen durch die Waggons. Einer hat Erfrischungen, einer Snacks und einer frittierte Gemuese- und Fischhappen. Sieht gut aus, aber ich habe noch genug.
Dann schlurft ein Mann ohne Beine ueber den Boden, klagt und haelt die Hand auf. Viele geben ihm. Vor mir hockt er besonders lange und stoesst mein Bein an, und ich schaue besonders konzentriert aus dem Fenster. Ich weiss nicht, warum mich das so nervt. Die tschechischen Backpacker eine Reihe weiter, zwei junge Paerchen, geben ihm freimuetig.
Ab Hikkaduwa komme ich mit meinem Nachbarn ins Gespraech. In Hikkaduwa stehen auf einem Abstellgleis demolierte Waggons. Sie gehoeren zu dem Zug, der vom Tsunami erfasst wurde. 1000 Menschen sind dabei gestorben.
Der Unglueckszug, in dem beim Tsunami tausend Menschen starben. Er steht am Bahnhof von Hikkaduwa.
Das ist das erste, was mir mein Nachbar zeigt. Dann weist er noch auf die Beschriftung eines Cafes am Bahnsteig. Sie ist dreisprachig: Singhalesisch, Englisch und Tamilisch. Er will damit zeigen, dass man den Tamilen entgegen kommt. Meine letzte Gelegenheit, den Buergerkrieg besser zu verstehen.
Der Mann ist Beamter des Industrieministeriums im Ruhestand, aber immer noch im Sueden Sri Lankas taetig. Leider verstehe ich ihn kaum. Er spricht fliessend Englisch, aber es klingt wie Singhalesisch. Fahrtwind und Ventilatoren blasen viele Worte weg. So achte ich notgedrungen auf Mimik und Tonfall.
Er ist bitter. Er hat kein Verstaendnis fuer den Terror der "Tamil Tigers". Unschuldige sterben. Aber in den 80er Jahren hat die Regierung mit den Tamilen einen Fehler gemacht. Welchen? Aber ich verstehe seine Antwort nicht. Gibt es eine Loesung, frage ich. "Negogiations," sagt er. "We are peaceful buddhists. We don't want the war."
Das hoere ich immer wieder: Sie verhandeln mit den "Tamil Tigers", schliessen ein Abkommen, und dann legen die doch wieder eine Bombe. Die "Tamil Tigers" sind schuld, ihr verrueckter Anfuehrer.
Das ist jetzt ein heikles Terrain. Was verstehe ich von diesem Krieg?
"You are responsible for your disease." Das hat Guruji Mohan (in dessen Ashram ich war) zu einem Mann gesagt, der mit Krebs zu ihm kam. Der Mann hatte jahrelang Lachkurse besucht, um das Leben leichter zu nehmen, und dann kam dieser bloede Krebs. Guruji konnte nicht helfen.
"You are responsible for your disease." Das denke ich auch ueber diesen Krieg. Es hat keinen Sinn, einer Seite die Schuld zu geben. Das loest den Konflikt nicht. Es zeigt sogar, dass etwas im Verstaendnis nicht stimmt.
Viele Singhalesen, selbst Freunde wie Chaminde und Saranga, werden polemisch, wenn es um die Tamilen geht. Die wollen die Haelfte von Sri Lanka, sagt Saranga empoert. Nie! "Als wenn die Tuerken ein Stueck von Deutschland verlangen." So hatte Chaminde seinen Aerger erklaert.
Eine beeindruckende Vorstellung. Berliner Tuerken verlangen Autonomie fuer Neukoelln - und unterstreichen das mit Selbstmord-Attentaten. Bewahre! Und so eine Unverschaemtheit leisten sich also die Tamilen auf Sri Lanka? Nein, ganz so ist es nicht.
Auf Sri Lanka hat es ein tamilisches Koenigreich gegeben. Das haben erst die Briten "eingemeindet". Und seit der Unabhaengigkeit will niemand mehr was davon wissen. Die Tamilen fuehlen sich nicht repraesentiert, und das macht sie rebellisch.
Bis hierhin geben einem viele gemaessigte Singhalesen auch recht. Man muss den Tamilen entgegenkommen ... aber nicht den "Tamil Tigers". Eine vertrackte Situation, denn die "Tamil Tigers" haben alle gemaessigten Tamilen beseitigt. Was also tun gegen diese Radikalisierung?
Ich waere ein schlechter Politiker. Ich weiss es auch nicht. Aber mit ihrem Revanchismus stecken viele Singhalesen in der Sackgasse. Verhandlungen verlangen Augenhoehe. Da muessen sie sich bewegen. (Die Reisewarnung des Auswaertigen Amtes macht da uebrigens guten Druck.)
Absolutely trustworthy: Sri Lankas Praesident verteilt Schokolade an Kinder einer zurueckeroberten Stadt im Osten. Er will verhandeln. Elite-Soldaten stehen bereit.
Der Beamte a. D. verlaesst das Thema, und ich bin froh. Eine Weile klackern wir ueber die Gleise und schauen hinaus. Er zeigt mir etwas von der Industrie, ein Werk der Bahn. Dann fragt er, wo ich ueberall auf Sri Lanka war. Ich erzaehle von meiner Stationen und ende in Polhena. Da habe ich zwei besondere Menschen kennen gelernt: schlicht, ehrlich, herzlich.
Er hoert sich das an. Er ist beruehrt. Wer sind diese Menschen, fragt er. Er will etwas fuer sie tun. Ja, kann er das denn? Er war leitender Beamter, sagt er, er hat Einfluss. Ich zuecke Nishanthas Visitenkarte, und er schreibt sie ab. Dann will er noch meinen Namen wissen, damit er Nishantha sagen kann, wer ihn "schickt".
Ich kann es gar nicht glauben. Eben habe ich Saranga noch gesagt, sie solle vertrauen, dass der Rechte vorbeikommt, und nun das. Es waere ja zu schoen, wenn er ihnen wenigstens die Last mit dem drohenden Abriss nimmt. Aber ich bin ganz still. Soll es seinen Lauf nehmen. Nishantha wuerde sagen: "It's up to god."
Blick vom Zug aufs Meer. Dem Moench gefaellts. Wir sind nahe Colombo, nicht etwa auf dem Hindenburgdamm.
Die Bahnstrecke in Colombo ist wie alle neuralgischen Bombenziele bewacht. Alle paar hundert Meter steht so ein Turm. Auch an der Strasse Checkpoints ueberall.
Bald darauf steigt man Nachbar aus, und etwas spaeter laufen wir in "Colombo Fort" ein, dem Hauptbahnhof. Es ist etwa fuenf am Nachmittag. Ich habe Lust, etwas von der Stadt zu sehen und verlasse den Bahnhof.
Draussen ist Demo. Der Redner will lauter sein, als die Lautsprecher erlauben. Zwischen den Demonstranten wuseln Tuc Tuc-Fahrer. Ich habe gleich wieder welche an den Hacken. Dass mich mein Rucksack aber auch so outet. Wohin ich wolle. Zum Flughafen, sage ich. Der Airport-Bus fahre einen Kilometer entfernt von hier. Ich habe aber gehoert, er geht direkt vom Hauptbahnhof. Nein, stimmt nicht. Ich soll bei ihm einsteigen. Warum muessen sie einen immer so verarschen? Ich traue diesen Fahrern keinen Jota mehr.
In einem Bahnhofsfenster prangt "Tourist Office". Ich steuere darauf zu. An der Tuer das Schild "Closed". Kein Wunder. Gibt ja im Moment auch keine Touristen.
Mir vergeht die Lust, durch Colombo zu irren. Es soll einen Zug zum Flughafen geben. Ich reihe mich in die Schlange vor einen Ticketschalter. Etwas Verwirrung, aber dann ist der Bahnbeamte sicher: Ja, dieser Vorortzug faehrt auch zum Flughafen. Abfahrt in einer Stunde von Gleis 1.
Ich gehe dorthin, aber Gleis 1 sieht seltsam verlassen aus. Ich frage einen Beamten. Nein, der Zug faehrt von Gleis 3.
Da warte ich dann, bis er eigentlich einlaufen muesste. Ich zeige einem anderen Wartenden mein Ticket. "No airport," sagt der. Er diskutiert mit seinem Nachbarn. Dann sagt er: "Airport, yes, airport." Ich werde mal einsteigen.
Demo vorm Hauptbahnhof "Colombo Fort". Es wird skandiert und Arm gereckt. Keinen Blassen warum. Ich gehe wieder hinein und nehme einen Vorortzug zum Flughafen.
Vorortzuege sind natuerlich nur 3. Klasse und ein paar Waggons zu kurz. Man steigt nicht ein, man wird eingestiegen. Bei all dem Gequetschte haben die anderen aber noch weniger Spass als ich, denn mein Rucksack nervt sie tuechtig. Er gibt nicht nach.
Ich finde gluecklicherweise eine Ablage dafuer und sogar einen Stehplatz, nur ein Fenster vom Ausgang entfernt. Ich drehe mich um und zaehle 18 Menschen bis zum Ausstieg. Drei bis fuenf kleben draussen auf dem Trittbrett. Ich kann die Menschentraube vom Fenster aus sehen.
Ich frage meine Nachbarn, wie viele Stationen es bis zum Flughafen sind. Er sagt, der Zug faehrt nicht zum Flughafen. Aber sein Nachbar korrigiert ihn. Sorry, er faehrt doch zum Flughafen. Noch 20 Stationen.
Wir fahren in die aufkommende Nacht. Die Gluehlampen an der Decke sind genauso funzelig wie in Delhi. Das ganze Abteil ist in braeunlichen Halbschatten getaucht. Nur die Menschen sehen anders aus, ihre Kleidung.
In Indien sind alle erdfarben: Anzuege, Hemden, Schals und Tuecher. Und hier sind sie bunt: kariert, Bluemchen, Kontraste, Maenner mit weissem Hemd - Tropenbewohner. Die meisten wohl Angestellte aus der Stadt. Die auf den Sitzplaetzen haben die Augen geschlossen.
Zwei Fenster weiter sitzen drei Jugendliche auf gegenueberliegenden Baenken. Einer von ihnen singt. Nach einigen Stationen, in denen niemand aus- aber viele zugestiegen sind, werden die Jungs richtig munter. Sie brennen ein Feuerwerk von Gesaengen ab. Der "Cheerleader" hat ne ganz schoene Wanne, aber eine ansteckende Froehlichkeit. Er singt gerne, und noch lieber trommelt er. Es ist genauso wie bei den Jungs im Boot am Strand. Er benutzt alles, was Sound macht. Dieser 3. Klasse-Waggon ist eine drum'n bass machine.
Ich bin "voll fasziniert". Wie macht er das nur? Wie kriegt er diese tiefen Toene hin? Er haut wohl einfach mit der Handflaeche gegen die Waggonverkleidung. Und seine "high hats" macht er offenbar mit den Fingernaegel ebenfalls an der Waggonverkleidung. Das ist echt irre. Und wieder diese Synkopen. Ich komme ins Wippen. Klingt arabisch und karibisch zugleich, ist aber einfach ceylonesisch. Ja, und der 3/4 ist auch wieder dabei.
Die Jungs sind richtig laut. Die anderen Passagiere achten nicht auf sie. Aber manchmal singt der Froehliche wohl was Anzuegliches oder Lustiges, und dann schmunzeln manche. Ich kriege richtig gute Laune.
Da links sitzt uebrigens einer mit einem riesigen verpackten Gegenstand. Sieht aus wie ein Gemaelderahmen in Zeitungspapier. Sperrig und schwer ist es. Er hat versucht, es zu drehen. (Spaeter steigt er aus, und die Leute reichen ihm das Ding aus dem Fenster, hinunter auf die Gleise.)
So, jetzt ist die Musik aus. Die Jungs sind ausgestiegen. Die Zeit vergeht, aber sie verfliegt nicht gerade. Wieviel Stationen sind es denn noch? Viele. Stationen werden hier wohl genauso pi mal Daumen geschaetzt wie Entfernungen.
Nun steigt mein Scout auch noch aus. Aber er uebergibt mich an seinen Nachbarn. Der wird mir sagen, wann ich aussteigen muss. Der verlaesst mich dann aber auch, und schliesslich ist es eine ganze Gruppe, sechs Leute, Maenner und Frauen, auf gegenueberliegenden Sitzbaenken, die mir sagen werden, wann ich aussteigen muss. Sie finden mich interessant. Es hat wohl noch niemand versucht, mit diesem Zug zum Flughafen zu kommen.
Es ist Nacht geworden. Der Zug ist nicht mehr voll. Ich kann mich setzen. Zwei Stunden sind wir bald unterwegs. Ich habe ein paar Fragen beantwortet und bin den Augen einer zuckersuessen Frau ausgewichen, die ich ja doch nicht wiedersehen werde. Ich will ja nicht nerven, aber wie weit ... ? Die naechste Station ist es. Ups! Dann mal schnell den Rucksack von oben herunter geholt. Sorry, die uebernaechste.
Nur 1 Kilometer?
Der Zug haelt. Ich bedanke mich bei meinen Guides und steige aus. Das Licht der Bahnstation verdraengt kaum die Nacht. Es ist aber nur "1 Kilometer" bis zum Flughafen.
Ich hatte eine eskalierende Fantasie im Zug: dass ich naemlich nicht am Flughafen, sondern sonstwo ankomme. Nur ein eiliges Taxi wuerde mich retten. Dafuer haette ich aber nicht genug srilankische Kroeten. Ich wuerde furchtbar ins Schwitzen geraten, alle Hebel in Bewegung setzen, und am Ende waere mein Flieger weg.
Seltsam, dass ich kein einziges Mal auf der Reise eine solche Unruhe hatte wie kurz vorm Rueckflug.
Tatsaechlich ist ein paar Meter weiter ein Bahnuebergang, ueber den sich eine Fahrzeugschlange schiebt. In der Pampa bin ich schon mal nicht. Kaum ueberm Bahnuebergang haelt ein Bus. "Airport" steht dran. Rein da. Mit meinem geschulterten Rucksack steige ich schwerfaellig ein wie ein Elefant. Keine Freude in den Augen der Insassen.
Auch dieser Bus faehrt nicht wirklich zum Airport. Nach etwa drei Kilometer haelt er in einem kleinen Ort. Immerhin sehe ich "nebenan" einen erleuchteten Himmel. Der Flughafen kann nicht mehr weit sein.
Ich lasse alle nervigen Tuc Tuc-Fahrer hinter mir und gehe zu Fuss. Einen Militaerposten nach dem anderen passiere ich mit einem Rucksack, der locker eine Fuenf-Zentner Bombe sein koennte. Aber sie laecheln. Ich bin voellig untamilisch.
Ja, es ist der Flughafen: "Bandaranaike Airport". Noch sechs Stunden bis zum Abflug. Was sollte die ganze Panik?
Ich habe ueberhaupt keine Lust, jetzt ins Terminal zu gehen. Flughaefen sind irgendwie alle gleich, aseptisch, ohne Folklore, Charakter ...
Ich habe mir das schon im Zug ueberlegt: Ich gehe in das kleine Lokal gegenueber vom "Arrival", wo ich Athula de Silva kennen gelernt habe. Da laesst es sich besser warten.
Drueben im Park leuchtet ein Toilettenhaus. Erstmal mache ich mich "flugfein": lange Hose und Pullover um die Hueften fuer die Klimaanlage.
Toilette am Flughafen: Wir muessen draussen bleiben.
Das Lokal heisst "Green Gardens". Ein typisch srilankischer Tee-Imbiss im Stil einer Bahnhofsmission. Das sitze ich die naechsten drei Stunden, spiegele mich in der polierten Tischoberflaeche, esse ein Eis und trinke einen Tee nach dem anderen. Hier sind nur Einheimische: Fahrer, Polizisten, Soldaten, Putzfrauen, Porter ...
Sie sind ziemlich ueberrascht, mich zu sehen. Und ich freue mich, sie zu sehen. 'Ich nehme gerade Abschied, wisst Ihr?' Selbst die kleinen Insekten an meinen nackten Fuessen nerven heute nicht. Sie machen irgendwas, das juckt. Doch heute denke ich: 'Egal. Ist das letzte Mal.' Chill out ist angesagt, Tee trinken und Leute anlaecheln.
Erst zum Schluss wird es nochmal nervig. Gegen elf kommt ein junger Mann herein und setzt sich zu mir. Er ist Gepaecktraeger, erzaehlt er, mit Freundin in England. Er zeigt ihre Visitenkarte. Darauf der Name einer Frau und einer Hilfsorganisation. Und die ist mit diesem Lausebengel zusammen? Wer's glaubt ... Er verschwindet kurz, um seine Freundin "anzurufen". Dann ist er wieder da. Er hat sie nicht erreicht.
Ein anderer Mann kommt dazu, auch ein "Porter". Wir plaudern ueber dies und das. Eigentlich habe ich keine Lust. Die beiden sehen ein bisschen schaebig aus. Aber die Standardfragen beantworte ich: Von wo? Germany (Sie haben kein singhalesisches Wort dafuer, nur Germany.) Verheiratet? Nein ... etc.
Nun kommt eine der beiden Bedienungen an unsern Tisch. (Sie wechseln hinter der Theke alle Stunde. Seltsam.) Dieser ist ganz jung, maximal 17. Der Lausebengel zu meiner Linken grinst: Der Junge wuerde gerne mit mir in den Park gehen. Der Knabe grinst auch. Ich zische: "Shit." Das verstehen sie.
Der Mann von rechts beschwichtigt. Sei nur ein "joke" gewesen. Die Bedienung verfluechtigt sich. Der Lausebengel muss "back to work".
Nun ist der andere dran. Wenn ich nicht verheiratet sei, dann sei eine Frau von Sri Lanka genau das Richtige fuer mich. Ich sage ihm, das ich nicht heiraten will. Er sagt: "Not mary. Have fun." Er koenne das sofort organisieren.
Jetzt reicht's aber. Ich will mir meine Laune nicht versauen lassen. Bezahlt habe ich schon. Ich kann wortlos gehen.
Wie mir das passieren konnte? Hinterlistige Tuc Tuc-Fahrer erkenne ich inzwischen. Aber diese habe ich nicht kommen sehen.
Bis zum Einchecken warte ich draussen vor dem Airport. Ein Tee-Imbiss fuer Taxifahrer, unterbeschaeftigte Reiseleiter, Soldaten und Putzfrauen. Schlicht, aber mir gefaellt's.
Ich komme problemlos durch die Sicherheitsschleuse zum Check in. Hier dauert's etwas laenger, weil der Computer ausgefallen ist. Aber ich freue mich auf ein bisschen "Entertainment". Ich muss fast noch drei Stunden warten. Also her mit genervten Passagieren, boesen Kommentaren, hektischem Personal. Das haelt wach. Aber schon habe ich meine Boarding Card. Und "Embarking" geht auch viel zu schnell. Nicht mal Dramen am Nachbarschalter. Alle werden freundlich hinausgewunken aus Sri Lanka.
Ganz smooth bin ich schon ein Stockwerk hoeher im Abflugbereich. Allerlei ceylonesische Angebote - von Kleidung ueber Tee bis Buddha - zu satten Preisen. Ansonsten gutgemacht. Panoramablick ueber Bandaranaike Airport (mit landenden Militaerhubschraubern) und viele Sitzreihen zum Ablegen. Ich daemmere ein bisschen von mich hin. Dann gehe ich zum Gate.
Auf dem Weg verteile ich meiner letzten Rupee-Scheine an die Putzfrauen. Sie nehmen sie sehr wuerdevoll an, nicken nur, ohne mich anzusehen.
Ein Vexierbild zum laenger Hinschauen: Im Fenster spiegelt sich der Warteraum, wo ich vorne links auf einer Sitzreihe liege. Rechts durch die Spiegelung geschaut sieht man drei Groraumflieger von "Sri Lankan". Bandaranaike Airport bietet ein grossartiges Panorama.
Am Gate ist es voll. Ich setzte mich neben einen Ceylonesen und schaue CNN-Nachrichten ueber Europa. Das geht mich jetzt wieder an. Aber ich kann mich ueberhaupt nicht konzentrieren.
Der Mann neben mir wippt naemlich nervoes mit seinem Bein. Jetzt weiss ich ja, es ist eine Volkskrankheit auf Sri Lanka. Aber es macht mich wahnsinnig. Die ganze Sitzreihe wippt in seinem Rhythmus. Er soll aufhoeren! Und dann ... mache ich einfach mit. Es ist das Beste, was ich tun kann. Sein nervoeses Wippen macht mich nervoes, also wippe ich mit. Und - Schwupps - verfliegt meine Spannung. Dafuer hoert er jetzt auf. Aber ich wippe noch ein bisschen weiter. Man kann ja nie wissen.
Deja vu. Nachts am Airport von Colombo zieht mal wieder ne emsige Frauenschar vorueber. Die hier sind von Emirates. Die Stewardessen von "Sri Lankan" tragen hueftenfreie Uniform. Immer wenn ich sie sehe, muss ich da hinschauen. Sexy, sexy. Die Stewardessen nehmens gelassen bis genervt. Ist wohl ihr taeglich Brot.
Diese Fluggesellschaft hat Klasse-Service, -Essen und -Flugzeuge. Und sie ist guenstiger als die Europaeer. Ich fliege Emirates. (Fuer diesen Spruch kriege ich - noch - kein Geld.) Auch der Passagiermix macht Spass: Alle Sprachen, alle Laender. Ein paar Kuriositaeten gibt es aber doch, und die sind arabisch.
"Emirates" fliegt zwar mit amerikanischen Maschinen, englischem Management, europaeischen Piloten und internationalem Kabinenpersonal, aber sie gehoeren nun mal zu den Vereinigten Arabischen Emiraten. Deshalb sind alle Ansagen zweisprachig: Englisch und Arabisch.
Ich habe versucht mitzustenografieren, was "Fasten your seat belts" auf Arabisch heisst. (Das Apostroph symbolisiert die betonte Silbe): "Hara'dsche hob a 'sine te la a'cha." So geht es mit allen Ansagen, ob "Willkommen an Bord," "Wir servieren nun einen kleinen Snack" oder "Unsere Flugzeit betraegt ...". Alles kommt nochmal auf Arabisch, obwohl keine Araber zu sehen ist. Auch die Spielfilme sind arabisch untertitelt. (Ich schaffe drei Spielfilme a 120 Minuten.) Nur der Pilot macht seiner Ansagen einsprachig auf Englisch. Oh, Unglaeubiger!
Ausserdem wird regelmaessig eine Grafik des "Schwarzen Steins" eingeblendet, die zeigt, wo Mekka liegt. (Meistens links hinter dem Flugzeug.) Das erleichtert die Ausrichtung des Gebetsteppichs. Von Teppichen war bei uns in der "Economy" aber keine Spur.
Ansonsten aber ist diese Fluggesellschaft voellig weltlich und voellig westlich. Wie auch ihr Heimatflughafen Dubai. Kurz vor der Landung laeuft ein Werbefilm: Mit dem Gelaendewagen durch die Wueste, Falkner im Wuestensand, ein Pool direkt neben der Wueste, endlose Duenen, rieselnder Sand ... Die Emirate sind einfach das Urlaubsland.
Dubai
Ich werfe mich ins Getuemmel der Duty Free Shops und traue meinen Augen nicht. Das ist wirklich Babel. Die Leute horten Pullover von Beneton, Hemden von Gilberto, Krawatten von Kenzo, Taschen von Delsey ... Sie bilden Tuerme in ihren Einkaufswagen, kaufen wie besinnungslos, weil ... es zuhause teurer waere.
Gegenueber ist ein Lebensmittel Duty Free. Da passiert das gleiche mit Whiskey, Schokolade und Konserven.
Und dann die Duft-Laeden. Diesmal gehe ich hinein: Ralph Lauren, Nina Rici, Paco Rabanne, Prada, Issey Myake, Giorgio Armani, Lancome, Kenzo, Yves Saint Laurent, Cartier, Givenchy, Clarins, Thierry Mugler, Elizabeth Arden, Dior, Versace, Helena Rubinstein, Gucci, Lacoste, Dunhill, Estee Lauder, Dunhill, Tommy Hilfiger, Chanel, Clinique, Calvin Klein, Moschino, David Beckham, Davidoff ...
Notizblock raus und einmal im Kreis gedreht. Ich habe nicht um die Ecke geschaut, die es auch noch gibt. Da stehen die Leute, Maenner wie Frauen, lassen sich Tuecher bespruehen, schnuppern an Flaschen, betupfen sich. Eine Kakophonie der Duefte, ein Dschungel, angestiftet von ... der Ersparnis.
Jetzt, wo ich es schreibe, und meine Nase Distanz hat, denke ich: Menschen sind grossartig. Sie bringen extreme Situation zu Stande, Hoehepunkte der Zivilisation. Man muss sie einfach gern haben.
Als wir Dubai schliesslich wieder verlassen sehe ich an einem Flieger die Werbung "Dubai Shopping Festival 2006-2007". So kann man es auch ausdruecken. Oder auch "Consumer happening". Mich erstaunt nur, dass 2007 Schluss sein soll. Das werden sie sich in Dubai wohl nach mal ueberlegen.
Eins noch zu Arabisch: "Rechner an." Diese Aufforderung hoere ich einige hundertmal am Flughafen. Die Leute sollen endlich ihren Rechner anmachen. Das bedeutet auf Arabisch "flight number."
Dubai downtown. Mit Wolkenkratzern verbinde ich wuselnde Menschenmassen in den Strassenschluchten dazwischen. Die sucht man hier vergebens.
Meine Erlebnisse an Bord lasse ich mal weg.
Ich erwecke den Neid anderer Passagiere, weil ich seinerzeit bei der Internetbuchung "Asian vegetarian food" angeklickt hatte. Dies Essen wird vor den anderen serviert.
Ausserdem sieht der Iran bei Tage anders aus als in der Nacht - wen wundert's. In der Nacht sind ueberall beleuchtete Ortschaften und lodernde, orange Feuer. Das ist wohl abgefackeltes Gas. Aber weder die Feuer noch die Ortschaften erkennt man tagsueber. Es sieht voellig unwirtlich aus, als ob da unten kein Mensch lebt. Erst im Norden gibt es gruene Felder.
Flussmuendung im Iran. Schoen blau bis karg.
Das Wetter ueber Europa beginnt auf der Krim. Ein dichter, weisser Wolkenteppich versperrt die Sicht, waehrend mein Display behauptet, wir seien ueber Weissrussland, Polen und Meck Pomm. Dann wird gesunken, dann sind wir da: Hamburg im Schnee.
Bei der Landung zeigt die Frontkamera der Emirates-Maschine ein verschneites Hamburg. Startbahn und Vorfeld sind aber gestreut. Jetzt muss ich wohl aussteigen. Mit nach New York fliegen waere aber auch ne Option.
Ich hoere jetzt auf. Ich danke allen, die bis hierhin durchgehalten haben. Ich danke auch fuer die freundlichen Eintraege ins Gaestebuch. Das hat mir auf der Reise gut getan. Ich habe gerne fuer euch geschrieben.
So'n Jieker. Zuhause beim "Jaffna Store" erstmal ne Dose Senfblatt-Curry gekauft, warm gemacht und in mich reingeschuettet. Mein Kuhmagen braucht das Gruenzeug.
PS: Im Flugzeug habe ich lange eine Stewardess beobachtet, eine Asiatin. Sie wuerde vielleicht sagen, ich habe sie "angestarrt". Aber sie war so hingebungsvoll, so geduldig. Die "schoenen Menschen" sind selten, aber sie sind ueberall.
| Marina | ||
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Danke für die vielen Informationen. Ich lese seit Wochen immer mal wieder in Deinem Bericht und fühle mich nun vorbereitet. In 3 Tagen geht mein Flug nach Delhi
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| Volker | ||
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Danke für diesen lebhaften und spannenden Reisebericht. Ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Besonders gefallen hat mir die Stelle, wo man Euch als Schauspieler angeheuert hat. Grüße von Volker | ||
| Andreas | ||
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Hallo, bin zufällig auf deinen Bericht gestoßen (weiß gar nicht mehr wie...) und habe ihn den halben Tag durchgelesen vielen Dank für die angenehme Samstag-Nachmittags-Beschäftigung!! Gruß Andreas | ||
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