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Michael's Reise im Januar und Februar 2007.
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Am Freitagabend geht meine Maschine. Eigentlich ganz gut. Ich muss nicht fuer eine Fruehmaschine ein Hotel am Flughafen nehmen und mich stressen, rechtzeitig am Morgen da zu sein. Den ganzen Tag habe ich, um von Mamallapuram nach Chennai zu kommen.
Friend
Einer der Bediensteten im Lakshmi verabschiedet sich. Er hat mich frueh "friend" getauft, weil ich mich mit ihm unterhalten hatte. (Ansonsten ist das staendig ueber die Strasse gerufene "friend" ein Schimpfwort, auf das ich nicht mehr hoere. Ich uebersetze es mir als "Fremder mit Geld".) Der Boy hat beim Abschied ein geschwollenes Auge. Was ist passiert, frage ich. Ein Metallsplitter, sagt er. (Er betreut die Technik im Lakshmi.) "Today I have to go to the doctor." Ich gebe ihm wie jedem ein kleines Abschieds-Trinkgeld. "I have to go to the doctor," sagt er enttauescht. Er muss den Arztbesuch wohl selber abdruecken. Aber ich schnalle es erst spaeter.
Sri Amandha Bhavan II
Ich gehe noch einmal zum Mittagsessen ins Sri Amandha Bhavan, mein vegetarisches Restaurant, und habe ein Doldge oder so aehnlich, das mir empfohlen worden war. Wirklich nur das, fragt der Ober in Nationalfarben (heute ist Republic day). Doldge (?) stellt sich als eine Art Gruetze heraus, die mit Currysaucen serviert wird. Keine grosse Portion, aber ausreichend und - wie immer hier - sehr lecker.
26.1. ist "Republic day" in Indien. 57. Unabhaengigkeitstag, Putin als Ehrengast. Ansonsten geht das Leben seinen Gang. Der Ober im Sri Amandha Bhavan traegt ein Schweissband in den Nationalfarben.
Ich nehme ein "Auto", eine Riksha, zur Landstrasse, die an Mamallapuram vorbei fuehrt und werde vom Fahrer sofort in einen Expressbus gesetzt, den er fuer mich anhaelt. Ich habe Schwierigkeiten, mein Gepaeck zu wuchten. Es ist, wie erwartet, sehr schwer. Hoffentlich vergesse ich nichts im Riksha, aber ich kriege alles mit.
Der ECR-Bus, von Pondycherry kommend, haelt bis nach Chennai kein einziges Mal. Die Landschaft fliesst vorbei. Ich habe hinten viel Platz. Sehr angenehm.
Rechts liegt die flache Kueste. Meer von blau bis gruen, weisse Wellengischt, heller Strand und schliesslich rote Erde. Und wieder indischer Kontrast. Praechtige Wochendvillen, noch leere, aber schon ummauerte Parzellen und dazwischen, wo noch nichts abgesteckt ist, vom Wetter grau gegerbte Palmenhuetten, nackte Kinder davor. Sehr aermlich. Die werden hier vertrieben. Wohlstand braucht Platz. Chennai ist eine aufstrebende Stadt.
Tamil Movie
Im Bus laueft ein Tamil Movie, eine Action-Liebes-Komoedie. Ich habe viel Spass. Laecherliche Amtsperson ist ein Polizist, der ueber seinen eigenen Stock stolpert. Er gibt die autoritaere Respektsperson, die keiner ernst nimmt. (Im Lakshmi war es am Morgen noch ganz anders. Polizisten kontrollierten durchs Hotel und die beiden Brueder zitterten vor ihnen. "Wenn du Aerger hast, geh nie zur Polizei," hatte man mir eingetrichert. "Sonst kriegst du noch mehr.")
Der Heldentyp im Tamil Movie neigt zum Fettansatz, ist aber erstaunlich kaempferisch. Ausserdem kann er singen und schoene Augen machen, ganz wie der Casting Agent gesagt hat. In den Kampfszenen sieht man eine Art Kung Fu, bei dem die Angreifer erst richtig aus sich rauskommen, wenn sie vom Helden aufs Kreuz gelegt werden. Sie drehen dabei mindestens einen Salto. Es macht "Splish" und "Splash". Toll, so was wuerde ich auch gerne koennen.
Der Held kann sehr kunstvoll seine Augenbrauen zusammenziehen und damit zeigen, dass er es fuer diese Frau mit der ganzen Welt aufnimmt. Die Frau wirft dafuer ihr Haar und schaut geheimnisvoll verlegen ueber die Schulter. Mehrmals sehe ich diese Einstellung: Frau dreht Kopf ueber Schulter und laechelt knapp an der Kamera vorbei. Suess!
Frauenschlagen
Uebrigens, so zaertlich geht es nicht immer zu in Tamil Nadu. In Mamallapuram habe ich zweimal Maenner gesehen, die Frauen Schlaege androhten. Die Eine war beim Jahrmarkt offenbar ihrem Mann nicht schnell genug gefolgt, schon hob er drohend seine Hand. Die andere hatte eine verbale Auseinandersetzung mit ihrem Bruder am Strand. Beide etwa 14 bis 16 Jahre alt. Auch er holt drohend aus. Sie haelt inne, aber ihr Blick weicht ihm nicht aus.
Sie werden hier wohl geschlagen, die Frauen.
Republic Day
Es ist 26. Januar, Republic Day. Aber alles geht seinen Gang. In Chennai ist maechtig viel Verkehr. Vom Bus aus sehe ich nichts besonders Schoenes. Das typische Einerlei grauer, niedriger Bebauung. Manchmal ein ueppiges Bankgebauede dazwischen. Farbe bringen die Menschen, die Waren, das Obst und Gemuese und die Riskhas herein.
Dann kommen wir zum Busbahnhof, von dem ich mir soviel versprochen habe. Er soll der modernste in Asien sein. Aber darunter wuerde ich verstehen, dass jeder schnell seinen Bus findet. Ich suche dagegen ergebnislos nach einem Bus zum Flughafen. Erst beharrliches Nachfragen bringt mich weiter.
Chennai (Madras) hat den modernsten Bus-Bahnhof Asiens. Ziemlich gross, mit vielen gut beschilderten Haltestellen fuer Ueberlandbusse. Aber bei den Platforms fuer die Stadtbusse hoert die Uebersichtlichgkeit auf.
Sai Baba in town - damit machen alle Magazine auf. Selbst auf Sri Lanka werde ich noch auf Sai Baba angesprochen.
Chai-Koeche scheinen immer nur um die elf Jahre alt zu sein.
Und der ist noch juenger. Verkauft aus dem Karton frittierte Gemuesebaelle auf dem Busbahnhof.
Eigentlich wollte ich die Mutter fotografieren, weil sie sich wie manche Frauen gelb geschminkt hat. Aber fuer ein Foto hat sie lieber ihre Tochter geweckt. Immer wieder habe ich die fotografiert, weil sie sich im Display sehen wollte. Ist aber auch suess.
Dann geht es 18 Kilometer hinaus. Die letzten hundert Meter muss ich laufen, weil der Bus den Flughafen nur streift. Es ist kurz vor drei. Viel zu frueh. Mein Flug mit Air Sahara geht erst halb zehn am Abend. Und trotz Ticket komme ich in den Flughafen nicht hinein. Sicherheitsgruende. Erst zum Check-in drei Stunden vor Abflug. Andererseits ist hier draussen bis auf ein paar Imbisse und Chai Shops nichts los. Drinnen gibt es Restaurants und ein Internetcafe. Ich versuche es noch einmal beim Airport Manager. Keine Chance. Aus Sicherheitsgruenden abgelehnt. Was sind das bloss fuer gewichtige Gruende?
Ich treibe mich eine Weile draussen herum. Ich koennte mich in einem retiring room etwas hinlegen, aber das Zimmer soll 1000 Rupees kosten. Danke nein. Ich gebe mein Gepaeck bei einer Aufbewahrung ab. Mein kompletter Pass wird abgeschrieben. Gibt mir wenigstens das Gefuehl, dass das Gepaeck sicher ist.
Draussen faehrt ein Abschleppwagen mit Megaphon auf dem Dach vorbei. Sobald ein Fahrzeug haelt, um eine Reisenden abzusetzen, legt der Abschleppwagen los. Mahnende Worte hallen aus dem Megaphon. Der Abschlepper mit seinem Kran naehert sich drohend. Die Leute machen ganz schnell, springen aus dem Wagen, der Fahrer gibt beschwichtigende Zeichen. Und der Abschleppwagen faehrt ganz dicht auf. Den Stress ertragen nicht viele. Meist ist die Zufahrt zum Abflugterminal frei.
Ansonsten herrscht hier grosse Gelassenheit. Die Aufregung, die ich noch am Flughafen in Jaipur gespuert hatte, gibts hier nicht. Nur am Ankunftsterminal kaempfen Riksha- und Taxifahrer um Gaeste.
Sie haben so ein suesses Kopfschuetteln, die Inder. Das werde ich nie vergessen. Wenn sie einem Zustimmen, wenn sie ein "Ja" ausdruecken wollen, wiegen sie den Kopf wie eine Marionette, als waere er oben an einem Faden aufgehaengt. Es sieht aus wie ein abwaegendes Kopfschuetteln, aber schneller, die Bewegung dabei ganz weich. Total ruehrend.
Ich nehme einen Chai nach dem andern, esse eine Kleinigkeit nach der anderen und die Zeit vergeht nicht. Nicht mal die Flugzeuge kann man sich anschauen. Ein hoher Zaun verhindert das.
Schliesslich feilsche ich mit den Riskhafahrern um eine Fahrt zum naechstgelegenen Internetshop. Die meisten verstehen nicht und zeigen auf das Terminal fuer internationale Abfluege. Nein, Internet. Schliesslich bringt mich einer in eine nah gelegene Vorstadt von Chennai.
Eigentlich kein schoener Vorort von Chennai. Aber die Obsthaendler schichten ihre Auslagen sehr schoen.
Dafuer sind die Heiligen Kuehe - zum Melken.
Sieht gesund aus. Warum ist Gruenzeug in Deutchland bloss so teuer geworden.
Ich streife ein bisschen auf dem Markt umher. Viele Menschen, zahllose Laeden, aber nichts bannt mich. In einer Unterfuehrung unter der Hauptstrasse halt das Jammer einer jungen Bettlerin mit Kind.
Ich gehe in einen Internetladen und warte eine halbe Stunde auf einen freien Platz. Viele PCs in einem Raum von vielleicht 15 qm, an der Decke machen sich vier Ventilatoren Konkurrenz. Ich muss Namen und Anschrift in ein Buch eintragen. Das war schon in Delhi so. Einige Seiten sind im Internet Explorer blockiert. Ob es in Indien Internet-Zensur gibt?
Das ist Indien, wie ich es erlebt habe: Farbenfroh und hinreissend, nachlaessig und dreckig.
Endlich ist es spaet genug fuer den Flughafen, und ich fahre im Bus zurueck. Ich hole mein Gepaeck ziehe mich waermer fuer das Air Conditioning an und stelle mich in die Schlange fuer meinen Flug. Saemtliches Gepaeck wird von einer einzigen Roentgenmaschine gescannt. Die meisten Leute haben viel Gepaeck. Das Laufband stoppt, Gepaeck wird geoeffnet und kontrolliert. Was das ist, fragt der Sicherheitsmann schliesslich bei einem verdaechtig in Papier gewickeltem Gegenstand meines Handgepaecks. Ich verstehe sein Missttrauen. Das Ding hat etwas von Al Capones Geigenkaesten. Koennte ne Knarre sein. "Mandala," sage ich und darf anstandslos passieren.
Im Terminal ist es wie draussen. Nichts fuers Auge, bis auf ein paar Bildschirme mit Fernsehprogramm. (Ein milder, weiser Schauspieler mit sonorer Stimme wird ausgiebig zu seinem neuesten Film befragt.) Ich trinke einen Chai und langweile mich zu Tode. Jemand fragt, ob ich nach Dubai wolle. Die Maschine ist naemlich abflugbereit. Mir ist so langweilig, ich wuerde am liebsten einsteigen. Aber ich beherrsche mich.
Dann werden wir endlich aufgerufen. Unter den Fluggaesten augenscheinlich viele Muslime. (Auf Sri Lanka sind sie zwar eine Minderheit, aber stark im Kommen.) Das Flugzeug ist nur eine kleine 737. Ich haette gedacht, es fliegen mehr Menschen nach Sri Lanka. Immerhin ist Chennai der haeufigste Abflughafen fuer das Ziel.
Am Flughafen von Chennai isst man Schwarzwaelder Kirschtorte.
Die Air Sahara-Maschine macht keinen guten Eindruck. Aussen blaettert Farbe, innen sind die Sitze ramponiert. Bei den Sicherheitshinweisen zeigen uns die Stewardessen, wie wir unsere Sitzflaeche als Schwimmweste bei Notwasserung benutzen sollen. Das ist zum Schiessen. Wuerde im Notfall nie gutgehen.
Beim Start ist meine Sitzlehne locker. Das Flugzeug beschleunigt, und ich nehme die Schlafposition ein. Sehr unangenehm. Bei der Landung fordert ein Steward, ich solle den Sitz nach vorne stellen. Ich sage, dass das nicht geht, und er nickt. Weiss Bescheid.
Ansonsten aber besticht Air Sahara durch guten Service. Noch vor dem Abflug gibt's ein Fruchtgetraenk (suess-salzig). Dann ein Bier. Dann leckeres und ueppiges Dinner und Dessert. Dann noch mal ein Getraenk. So was auf einem 1 Stunde 20-Flug funktioniert nur, wenn man so hastig konsumiert, wie es die Inder gewohnt sind.
Meine Nachbarn sind ein Ehepaar in den 30ern. Die Frau wird vom Personal gleich in die First Class versetzt, als sie Schwierigkeiten hat, fuer mich aufzustehen. Sie ist schwanger. Kuenstliche Befruchtung, sagt ihr Mann umunwunden, der bei mir in der Economy bleibt. Sie sind Tamilen von Sri Lanka, die in einer tamilischen Klinik in Chennai waren. Auch Auslaender kommen dahin. Ein teures Vergnuegen. Bei ihnen hat es aber gleich beim ersten Mal geklappt. Doch fuer Untersuchungen muessen immer wieder hin.
Der Flug ist ruhig. Wir fliegen die indische Ostkueste hinunter. Ich habe die Seeseite. Alles schwarz. Dann kurven wir lange ueber den Gewaessern vor Colombo. Das Festland da drueben ist nett beleuchtet, und wir sinken tiefer und tiefer ins Schwarz. Ich erkenne Fischerboote. Die wuerden uns doch notfalls bergen, nehme ich an. Zum Schwimmen waere es zu weit.
Democratic socialist republic
Alles geht gut. Es ist kurz vor Mitternacht. Colombos Bandaranaike Airport liegt im Schlaf. Das Terminal glaenzt. Anders als in Indien. Alles ist sauber und aufgeraeumt. Tut meinen Augen gut. Hatte ich vermisst.
Ein grosser Schriftzug an der Wand: "Democratic socialist republic of Sri Lanka". Oh, wusste ich auch noch nicht. (Spaeter erzaehlt mir eine Rostockerin, Sri Lanka war Reiseland der DDR. Aber viel Sozialismus scheint hier nicht mehr ueber zu sein.)
Erst muessen alle durch die Passkontrolle. Erst danach geht's zum Gepaeck. Dann kommt der Zoll, aber sie lassen Leute mit den obskursten Sachen passieren. Ein junger Westler importiert hunderte von Bezuegen und Lampen.
Ich frage eine aeltere Beamtin in kurzem olivgruenen Rock nach einem Retiring room. (Ich muss auf Chaminde warten, der morgens um halb fuenf mit einem Flug aus Frankfurt kommt.) Sie verweist mich an einen Desk gegenueber, ueber dem "Taxi" steht und laechelt mich an. Sie hat strahlend weisse Zaehne mit einer suessen Luecke zwischen den Schneidezaehnen.
Nein, es gibt keine Raeume zum Ausspannen. Alles belegt, sagt die Frau mit dem "Taxi" drueber. Okay, das bedeutet ein paar Stunden wach halten. Hatte ich sowieso mit gerechnet.
Sehr plastische Darstellung Sri Lankas am Bahnhof von Delhi. Da unten in den Schatten der Berge geht's.
Ich gehe hinaus und komme in einen kurzen Gang, der von Hotel-, Tourismus- und Mietwagen-Agenten gepflastert ist. Ich bin unsicher. Da draussen sehe ich schon gruene Parkanlagen. Gibt's denn hier keine Wartebaenke, auf die ich mich setzen kann?
Die Agenten erkennen sofort meine Unsicherheit und stuermen auf mich ein. Ein junger, grosser Mannn laesst nicht ab und verfolgt mich. Er sei Tourismusagent in Diensten des Staates. Ich solle mir keine Sorgen machen. Er koenne mir einen Platz zum Ausruhen an seinem Desk anbieten. Das Angebot nehme ich an.
In der folgenden halben Stunde stellt mir der Mann ein umfangreiches Programm saemtlicher Sehenswuerdigkeiten Sri Lankas zusammen. Sinnlos, ihm zu sagen, ich wuerde zu einem Freund auf die Teefarm fahren. Wie lange ich dort bliebe? Drei Tage, vier Tage? Ich weiss es nicht. Vielleicht auch laenger. Naja, laenger als drei, vier Tage werde es kaum sein.
Er ueberarbeitet sein Programm. Hier ist es. Er weist auf eine grosse Karte, in der "points of interest" abgebildet sind. Auf in den Norden, in den Osten, in den Sueden. Natuerlich fernab der Kaempfe mit den Tamil Tigers. Zehn Tage rundtour, sonst fuer 55 Dollar pro Tag, heute und fuer mich nur 50 Dollar. Dafuer gibt es Fahrer und Fahrzeug, Uebernachtung und Essen und ueberall freien Eintritt. Fuer taeglich nur 50 Dollar.
Ein kleines Zeichen von Enttaeuschung zuckt ueber sein Gesicht, als ich ihm sage, dass 50 Dollar am Tag, bzw. 500 in zehn Tagen, fuer mich kein "Nur"-Betrag sind. Aber ich will meinen Sitzplatz an seinem Desk nicht gefaehrden und verspreche, es mir zu ueberlegen. Arbeitet der wirklich fuer den Staat? Kommt mir nicht so vor.
Mann, es ist warm hier - und feucht. Gerade mal 660 Kilometer suedlich von Chennai und ein ganz anderes Klima, noch tropischer. Ich gehe hinaus, einen Kaffee trinken. Ueppige Vegetation.
Gegenueber gibt es ein kleines Cafe fuer Taxifahrer. Es ist natuerlich Tee, den sie ausschenken, und suesse Teile aus Hefeteig gibts auch. Ich esse noch mehr. (Meine Lieblingsbeschaeftigung beim Transit.)
Schreck, Leichen am Strassenrand. Nein, die Menschen schlafen im Park des Flughafens von Colombo und warten auf die Fruehmaschinen. Ich dagegen wandere wartend umher.
Ein Mann mit lichtem Haar setzt sich zu mir. Ein jovialer Typ. Er ist Singalese, spricht aber fliessend deutsch: Athula de Silva, Abkoemmling portugiesischer Einwanderer. (de Silvas gibt es viele auf Sri Lanka, stelle ich fest.) Athula arbeitet fuer "Meiers Reisen" und andere. Er wartet ebenfalls auf die Maschine aus Frankfurt.
Athula erzaehlt, seit dem Tsunami sei der Tourismus tot auf Sri Lanka. Jetzt sei doch Saison. Da habe er sonst dutzende Reisende am Tag vom Flughafen abgeholt. Heute sind es gerade mal vier. (Nur zwei kommen spaeter tatsaechlich an.) Er weiss nicht, wie es weitergehen soll. Er muss sich und seine Frau ernaehren. Vielleicht hat er einen Job in Dubai in Aussicht. Gutes Geld waere das.
Athula spricht ausgewaehltes Deutsch. Ich frage, woher er das kann, und er erzaehlt, er habe sieben Jahre in Hamburg gelebt und dort sein Abitur nachgemacht. Als seine Mutter krank wurde, habe es ihn zurueck nach Sri Lanka gezogen. In einer Woche sei das alles ueber die Buehne gegangen. Seine deutsche Freundin habe nicht mitkommen wollen. "Das musst du wissen," habe er gesagt.
Ich gehe wieder zum Ankunftsterminal. Um ueberhaupt in die Gasse der Reiseagenten zu duerfen, muss ich mich ausweisen und eine peinlich genaue Koerperkontrolle eines Soldaten ueber mich ergehen lassen. Er ertastet meine Kamera, will sie sehen. "How much" fragt er. 200 Euro, sage ich. So eine haette er gerne, merke ich. Aber soviel Geld ist niemals drin.
Mein staatlicher Reiseagent ist nicht mehr an seinem Desk. Ich schaue hektisch nach, ob mein Gepaeck noch da ist. Ja, es steht da, unberuehrt. Der Mann schlaeft zwei Desks weiter an einem Schreibtisch. Irgendwie habe ich Zweifel, dass er wirklich vom Staat ist. Warum wollte er mir nicht einmal eine kleine Touristen-Landkarte geben, wie man sie in Indien ueberall bekommt? "Vom 'Staat' sind die immer alle," klaert mich spaeter eine Touristin auf. Duerfe ich nciht so ernst nehmen.
Es ist 2:30 Uhr. Ploetzlich passiert etwas Merkwuerdiges. Eine Geraeuschwelle vieler gleichfoermig gezogener Trolleys naht. Sie wird immer lauter. Dann kommen 50 bis 100 kleine Indonesierinnen um die Ecke gebogen. Die Frauen sind jung, tragen Kopftuecher, haben alle die gleichen gruen-weissen Trolleys. Sie ziehen ernst, schnell, entschlossen ans uns vorueber. Dann ist es wieder still. Eine Erscheinung, kommt mir vor. Aber was fuer eine?
Ich laufe im Gang auf und ab. Eine kleine blau-purpurne Neonreklame von "Dialog GSM" britzelt, als haette sie gerade ein Insekt verschluckt. Herzzerreissend einsam finde ich dieses Bild. Aber Neonlichter sind nicht einsam, hoechstens der, der sie betrachtet.
Am Desk meines Agenten sitzen inzwischen zwei junge Maenner. Einer traegt ein T-Shirt mit dem Emblem "des Canadian Red Cross". Er ist Fahrer und wartet auf einen Fluggast des Roten Kreuzes. Er und der andere, auch ein Fahrer, sind etwas ratlos. Das hier war die letzte Ankunft. Nun ist erstmal Schluss bis zur Morgenmaschine aus Frankfurt. Beide warten auf die selbe Flugnummer: UL 506. Ein Flug von Sri Lankan, offenbar aus Kanada, der aber auf dem Flugplan nicht aufgefuehrt ist. Auch Sri Lankan weiss nichts davon. Aber beide haben unabhaengig voneinander die selbe Ankunftszeit gefaxt bekommen. Was tun?
Der Red Cross-Fahrer wird von seinem Chef bald telefonisch nach Hause geschickt. Er soll es morgen noch einmal versuchen. Da gibt es diese Flugnummer. Der andere muss noch bleiben. Sein Chef hat gesagt, er solle die drei Maschinen am Morgen noch abwarten.
Bald macht er mir das gleiche Fahrer-Angebot, das ich schon einmal bekommen habe. Nur 50 Dollar am Tag. Ich lehne ab. Sri Lanka sei wirklich sehr schoen, Sri Lankan boys "much fun". Ich schaue ihn pruefend an. Raekelnd schlaegt er seine langen Wimpern nieder: "I like boys". Ich schuettele den Kopf.
Jetzt prueft er mich. "How old are you?" "Guess," sage ich. "Fifty," sagt er. Das hat gesessen. Das erste Mal in meinem Leben. An solche Schaetzungen werde mich gewoehnen muessen. Ich bin etwas unwirsch. Ich habe kein Geld fuer einen Fahrer. Er soll es lassen.
Oh, wir koennten auch mit Zug oder Bus fahren. Er koenne sich freinehmen. Aber er sei ein armer Junge. Ich muesse ihn einladen. Ich fuehle mich wie Gustaf Gruendgens mit Lustknabe in Manila. "Lass mich schlafen." Und dann tot am naechsten Morgen. Bin ja auch schon "50".
Chiro, so nennt sich der Lustknabe, tippt mir noch seine Telefonnumer ins Handy. Aber ich duerfe es niemandem sagen, auch Chaminde nicht, auf den ich warte. Warum nicht? Ach, Jungs auf Sri Lanka seien manchmal komisch zueinander.
Ich stelle mich nach draussen in den Gang. Langsam fuellt es sich. Das Frankfurter Flugzeug kommt in einer halben Stunde. Eine junge huebsche Frau stellt sich neben mich und wirft mir verstohlene Blicke zu. Das tut mir gut. Ich werde wieder etwas juenger.
Gelandet
Es vergeht noch eine kleine Ewigkeit. Die Maschine landet puenktlich, aber bis die ersten Reisenden erscheinen, braucht es fast eine Stunde.
Die junge huebsche Frau umarmt bald einen jungen huebschen Mann und zieht mit ihm davon. Ein seltener Augenblick, dass hier mal Gefuehl gezeigt wird. Die meisten Reisenden und Abholer nicken sich nur wortlos zu, laecheln fluechtig. Dabei werden hier ganze Familien zusammengefuehrt. Aber sie scheinen sehr beherrscht die Ceylonesen.
Langsam fuehle ich mich wie ein vergessenes Gepaeckstueck auf dem Laufband. Ein Koffer nach dem anderen wird herunter genommen. Aber diesen will keiner haben. Es wird still um ihn.
Es dauert lange bis Chaminde erscheint. Lange genug um mir auszumalen, wie ich mich vielleicht doch mit einem Taxi-Fahrer werde rumschlagen muessen. "Bitte in ein guenstiges Hotel." Und dann bringen sie einen doch nur dahin, wo sie Provision bekommen, die man selber bezahlt. Aetzend. Bitte nicht.
Aber da ist er, Chaminde. Der Strom der Reisenden war nur ein troepfelndes Rinnsal (wirklich kaum Touristen). Das hat das Warten schwer gemacht.
Auch Chaminde nickt nur. Erstaunlich bei der logistischen Meisterleistung, uns nach vielen tausend Kilometern wiederzutreffen. Er verschwindet fast hinter zwei Kartons, die ihm ein Porter voraus schiebt. Chaminde hat einen Breitwandfernseher und ein Koloss von Elektroofen dabei. Gerade fuer einen Freund im Duty free-Bereich erstanden. Das muss nun in den Kleinbus eines anderen Freundes, der uns abholen kommt.
Alles laueft wie am Schnuerchen. (Chaminde mag die deutschen Tugenden.) Der Freund steht mit Bus bereit, fuer alle und alles ist Platz und ich strecke mich bald aus und schlafe.
Chaminde hat es Nacken, kriege ich noch mit. Bis tief in die Nacht hat er in Bremen im "Paulaner" gearbeitet, ein paar Stunden geschlafen und morgens um vier beim Aufstehen ist es ihm in die Halswirbelsaeule geschossen. Ich gebe ihm eine Ibuprofen.
Ist als Sehenswuerdigkeit eingezeichnet auf Sri Lankas Landkarte fuer Touristen. Ein Tempel auf dem Weg nach Galle. Wir fahren dran vorbei.
Spaeter fruehstuecken wir auf der Strecke nach Galle. Ein Restaurant mit einer chicen Holz-Veranda gleich an der Strasse. Es gibt ein Buffet. "Eat as much as you can." Ich komme nicht weit und nehme schnell eine Tablette gegen Uebelkeit. War doch sehr scharf.
Die Bedienung erkennt Chaminde. Beide haben frueher im selben Hotel gearbeitet. Der Mann damals noch als Elektriker. Aber im Hotel lief es nicht mehr. Er ist gegangen. Nun ist er Kellner.
Weiterfahrt. Ich schlafe. Hinter Galle geht es hinein in die Berge, zunaechst nach Akurasse, dann weiter nach Deniyaya, einem Staedtchen inmitten von Teeplantagen. Es serpentint ordentlich, aber ich lasse mich davon nicht abhalten und daemmere ausgestreckt auf meiner Ruecksitzbank.
Unsere Fahrt endet vor der Rainforest Lodge von Chamindes Eltern. Ich bin zwar kreuzmuede, aber ich lass mich doch gerne von Chamindes Mutter mit einer Blumenbinde behaengen und zum Tee einladen.
Wow, ist das schoen hier. So gepflegt, so malerisch hab ich es nicht erwartet.
Wer ist Chaminde?
Er putzt das Treppenhaus, wo ich wohne. Wir haben uns angefreundet. Dann hat er mich zu seiner Familie eingeladen. Ich soll einen kurzen Film ueber die Rainforest Lodge drehen. Sie wollen den Tourismus ankurbeln. (Wie alle auf Sri Lanka.)
Herzlich willkommen. Chamindes Mutter legt mir eine selbst geflochtene Bluetenkette um. Hier werde ich es gut haben.
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