Tibet-Reisebericht :Tibet - Ein Traum wurde wahr

Himmelsbestattung ... den Geiern zum Fraße

Auf meiner Reise durch Tibet habe ich nicht nur die Landschaft kennen gelernt, sondern auch etwas mehr über die Kultur erfahren. Manche Dinge haben mich abgestoßen und trotzdem derartig fasziniert, dass ich mehr darüber erfahren wollte. Zum Beispiel ...
Die Sache mit der "Himmelsbestattung" Klingt irgendwie poetisch, ist jedoch weit davon entfernt. Tote werden im wahrsten Sinne des Wortes, den Geiern zum Fraß vorgeworfen.
Mit langen Messern wird eine menschliche Leiche zerlegt, ihr Knochengerippe zerbrochen. Seit Menschengedenken die verbreiteste Form der Beisetzung in Tibet.
Ein grausiges Szenario ... auch wenn man es nicht selbst erlebt hat.

Der Ritus der Himmelsbestattung hat ihren Ursprung in der BOEN-Religion. Übersetzt heißt das "Beschwörung" und war der Vorgänger des Buddhismus, der wiederum dem Lamaismus der heutig praktizierten Religion vorausgeht. In der Boen-Religion sind magische Rituale, Tier und sogar Menschenopfer dazu benutzt worden die vielen nach Blut dürstenden Dämonen friedlich zu stimmen. Natur war heilig und somit unantastbar. Jedes geschaufelte Grab wäre eine Verletzung des Bodens gewesen. Mit der Zeit kamen praktische Überlegungen hinzu. Der felsige Untergrund war ungünstig für eine Erdbestattung, oft war der Boden gefroren und in den kargen Gebirgsgegenden fehlte das Brennholz für Leichenverbrennungen.

Ehe ich näher darauf eingehe. Es handelt sich hier um eine Art Beerdigung und sollte auch als eine solche respektiert werden. Es kommt immer wieder vor, dass geschäftstüchtige Einheimische gut zahlende Touristen zu solchen Plätzen führen und man kann davon ausgehen, dass die "Trauernden" nicht sehr angetan davon sind.
Auch die chinesische Regierung versucht dieses mit drastischen Strafen zu unterbinden.
Deshalb mein Tipp ... Selbst wenn sich die Möglichkeit bieten sollte und der eigene Magen einiges auszuhalten vermag, lieber fern bleiben.

Wurden die früheren Könige Tibets mit komplexen Beerdigungszeremonien beigesetzt, so galt dieses nicht für die normale Bevölkerung. Witwen, sehr Arme und Bettler warf man einfach in einen Fluss ... die Asche der Heiligen bzw. die einbalsamierten Körper kamen in einen Schrein (Choerten). Aber in einem Land wo Erde kostbar, Wasser heilig und Holz selten ist wurden und werden immer noch die Toten durch eine Himmelsbestattung "beseitigt"
Nur Kranke und Kriminelle werden beispielsweise beerdigt. Das kam mir nun wieder ziemlich widersinnig vor nach der Aussage, dass Erde kostbar und Wasser heilig sind. Die Erklärung hierfür ... es hat mit den Erdgeistern zu tun, die von nun an die Seelen der Verstorbenen im Erdreich gefangen halten. Somit können sie keinen Schaden mehr anrichten.

Nach dem Tod wird der Leichnam in einer sitzenden Position aufgebahrt. Während dieser Zeit liest ein Lama dem Verstorbenen aus dem "Tibetischen Buch des Todes" vor, um seine Seele auf die Reise durch die 49 Ebenen des Bardo vorzubereiten. Diese 49 Ebenen sind die Spanne zwischen Tod und Wiedergeburt.
Drei bis fünf Tage nach Beginn der Zeremonien, beschwört man den Geist des Toten nicht mehr zurückzukehren, die Lebenden nicht heimzusuchen.
Nach Segnung des Leichnams, einem Frühgebet und Opfergaben an das Kloster, beginnt die eigentliche Beisetzung. Dafür wird der Verstorbene "zusammengeklappt" und auf dem Rücken des engsten Freundes zum Bestattungsplatz gebracht. Wie ich mittlerweile lesen konnte, übernahmen diese Aufgabe auch schon mal die Knochenbrecher selbst. Dort, kann das grausame Werk beginnen.
An diesem Ort hat Traurigkeit keinen Platz, da man annimmt, dass die Seele den Körper schon lange verlassen hat und dieser letzte "Schritt" nur eine Beseitigung der Überreste ist. Oder aber die Vorstellung, dass nach diesem "Fütterungsritual" der Geier (in Tibet gilt der Geier als heiliger Vogel auf den niemand Jagd macht) der Kreislauf der Natur geschlossen ist.

Der Tod selbst wird als eine gewaltige Transformation und spirituelle Entwicklungsphase angesehen. Aber nicht für den Körper, sondern für die Seele. Tibeter werden dazu aufgefordert solch einer "Leichenbeseitigung" beizuwohnen, damit sie dadurch ihre Angst verlieren und offener mit dem Thema umgehen können. Dieses ist auch einer der Gründe warum bei den Tantrikern (diese glaubten an die Verbindung von irdischer und jenseitiger Welten) oftmals rituelle Gegenstände aus menschlichen Knochen gefertigt sind. So soll gezeigt werden, dass nur die Seele wichtig ist für die Wiedergeburt.

Die Ragyapas gehören zu jener verachteten Gruppe der berufsmäßigen Bettler, Metzger und Totengräber. Sie werden in der Stadt nicht geduldet und leben deshalb irgendwo am Rande der Stadt und doch werden sie gebraucht um ihre professionelle "Arbeit" zu verrichten.
Sie halten das grässliche Zerstückeln von Leichen für eine "angesehene Tätigkeit", genau wie das Betteln. Kein Ragyapa würde jemals eine "richtige" Arbeit verrichten, so etwas ist unter ihrer Würde.

Nur was ist bei der Himmelsbestattung "würdevoll". Zuerst wird ein Feuer angezündet und darin Tsampa ( gemahlene Gerste die mit heißem Sand in großen, flachen Eisenschüsseln über einem Feuer geröstet wurde ) verbrannt um die Geier anzulocken. Danach wird der Leichnam durch Räuchern gereinigt und in kleine Teile zerlegt, mit Tsampa vermischt und an die Vögel verfüttert. Danach zerstampft man die Knochen, mischt mit Tsampa und wirft diese als Kugeln ebenfalls wieder den Geiern zum Fraß vor. Jede "Zerstückelung" wird auf die gleiche Art und Weise durchgeführt. Nur so, kann auch wirklich gewährleistet werden, dass die Seele frei wird für das nächste Leben.
Mit einem scharfen Schlag muss zuerst der Schädel gespalten werden, damit nun wirklich ... wenn noch immer nicht geschehen, die Seele den Körper verlassen kann.

Ich habe zwei Aussagen welche Bedeutung dieser Zeremonie angemessen wird. Eine ist der Verdienst für den Verstorbenen, noch als Futter für ein anderes Lebewesen zu dienen, die andere, diese "Himmelsbestattung" ist lediglich eine "Beseitigung"

Tatsache, wurde der Leichnam nicht ganz aufgefressen ist dieses eine ganz schlechte Ausgangsbasis für eine Wiedergeburt. Auch der kleinste Überrest muss verschwinden und wenn nötig verbrannt werden. Nur so ist die Seele wirklich frei.
Damit alles auch wirklich ordnungsgemäß durch geführt wird, bleiben meist der Sohn und höchstens ein naher Verwandter bei der "Zerstückelung" dabei.

Auf unserer Reise durch Tibet habe ich sehr viel über seine Historie erfahren, aber auch über seine Mythen und Gebräuche. Selbst noch Monate danach, lässt mich dieses Land einfach nicht los und je mehr Fragen entstehen, desto mehr Antworten möchte ich finden. Wie heißt es im National Geographic Channel ... "Uncover the Facts" ... also versuche ich "meine" Fakten" aufzudecken.

© Monika Rück, 2005
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Schon immer träumte mein Mann davon, irgend wann einmal nach Tibet zu reisen und mit den Jahren wurde es auch mein Traum. Letztes Jahr wurde er dann Wirklichkeit. Wir flogen von Kathmandu aus nach Lhasa und fuhren anschließend mit einem Jeep wieder zurück. Eine unvergessliche Reise die mich teilweise an die Grenzen meiner Kraft brachte.
Details:
Aufbruch: 26.10.2004
Dauer: 11 Tage
Heimkehr: 05.11.2004
Reiseziele: Tibet
Der Autor
 
Monika Rück berichtet seit 11 Jahren auf umdiewelt.
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Monika über sich:
Ich gehöre zur "Rasse" der Hausfrauen und bin sehr stolz darauf. Meine zwei Ableger "Söhne" sind mittlerweile aus dem Gröbsten raus und somit kann ich wann immer es mich packt zu meinem Mann ins Ausland reisen. Ich habe sehr viele Interessen und bin allem Neuen gegenüber offen. Liebe alles was mit der Küche zu tun hat und arbeite auch sehr gerne mit meinen Händen in Gartenerde. Mir fällt es nicht schwer, jemandem der vorüber geht einen Gruß zu sagen, obwohl ich ihn nicht kenne. Bin teilweise etwas flippig (liebevolle Aussage meiner Söhne) und auch manchmal etwas chaotisch. Sehe die Welt mit dem Herzen und versuche ganz einfach "ICH" zu sein und zu bleiben.