Kambodscha-Reisebericht :Südostasien, nur wohin?

KAMBODSCHA: Angkor: Auf eigene Faust

Mit meinem Leih-Motorrad erreiche ich die fast 50 Kilometer weit im Norden gelegenen Tempel Banteay Srei und Kbal Spean, teils über übelste Pisten, und bin dort bis auf die oben erwähnten Ticketkontrolleure fast allein.
Ein bettelndes Kind hat ein vollkommen verbranntes und entstelltes Gesicht und nur noch ein Bein. Überall sieht man die Auswirkungen der Landminen.
In Kambodscha ist es ein ganz gewöhnlicher Anblick, Leute mit fehlenden Körperteilen zu sehen. Manche haben Prothesen, andere ziehen sich auf ihren Händen voran. Und die medizinische Versorgung ist ohnehin praktisch nicht vorhanden.

An einem der abgelegeneren Tempel. Schön zu sehen hier die Durchschnittsgröße der Asiaten.
Und ich - ganz brav - in Motorradmontur, bei (an diesem Tag) 37,5 Grad.

An einem der abgelegeneren Tempel. Schön zu sehen hier die Durchschnittsgröße der Asiaten.
Und ich - ganz brav - in Motorradmontur, bei (an diesem Tag) 37,5 Grad.

Die Landbevölkerung lebt hier nicht - wie man das ja eigentlich erwartet - in Dörfern, gruppiert um die Dorfeiche. Vielmehr versuchen die Leute offenbar so nah wie möglich an ihren Feldern UND am nächsten Verkehrsweg zu leben. Das Resultat sind 10 km lange Dörfer, es gibt kaum mal 100 Meter Strasse, an denen nichts los ist. Um ein Fussballspiel mit 22 Spielern zu organisieren, benötigt man hier vermutlich einen Regionalbus.

Schotterpiste nördlich von Angkor.

Schotterpiste nördlich von Angkor.

Die Dorfgemeinschaft beim Baden.

Die Dorfgemeinschaft beim Baden.

Am nächsten Morgen quäle ich mich nochmal frühmorgens aus dem Bett, diesmal, um die Mietzeit für das Motorrad voll auszunutzen. Um 6 Uhr erreiche ich einen Aussichtspunkt innerhalb des Tempelareals. Oben auf dem Berg steht, wie nicht anders zu erwarten, ein Tempel und bietet von seiner Aussichtsplattform einen perfekten Überblick, inklusive Sonnenaufgang. 6 Uhr ist mir ein bisschen zu früh zum Bergsteigen, außerdem habe ich das vor 2 Tagen schon hinter mich gebracht. Also diesmal der faule Weg: Mit dem Motorrad fahre ich den vorhandenen Elefantenpfad bis zum Gipfel hoch und bin recht froh, keinem Dickhäuter zu begegnen. Um diese Zeit sind auf dem Gipfel nur eine Hand voll Touristen und so habe ich mit meiner Aktion hoffentlich niemanden gestört.

Per Elefantenpfad zum Gipfel.

Per Elefantenpfad zum Gipfel.

Da sag noch mal einer, DER MENSCH sei unersättlich.

Da sag noch mal einer, DER MENSCH sei unersättlich.

So was weckt gewisse Erinnerungen an H. R. Giger. Angst vor Aliens?

So was weckt gewisse Erinnerungen an H. R. Giger. Angst vor Aliens?

Nach der Besichtigung einiger anderer Tempel verbleiben mir noch 3 Stunden bis zur Rückgabe des Motorrads und so entschließe ich mich, eine etwas abenteuerlichere Tour zum westlich gelegenen Tempel Bong Melea einzuschieben. Mehr als 50 Kilometer stehen mir bevor, ich sollte mich also beeilen. Leider ist meine Geschwindigkeit durch den Zustand der Straße begrenzt, 10 cm Sand fordern ihren Tribut. Vor allem, wenn man die ganze Zeit einhändig fahren muss, weil die andere Hand mit Winken beschäftigt ist.

Straße kann man das nicht nennen. Trotzdem sind auch hier überall Menschen unterwegs.

Straße kann man das nicht nennen. Trotzdem sind auch hier überall Menschen unterwegs.

So eine Brücke macht beim Überqueren einen Höllenlärm, wenn alle Planken gleichzeitig knarzen, ächzen und sich biegen.

So eine Brücke macht beim Überqueren einen Höllenlärm, wenn alle Planken gleichzeitig knarzen, ächzen und sich biegen.

Nach knapp 30 Kilometern entscheide ich mich, wieder umzukehren. Noch habe ich genügend Zeit, also fahre ich gemütlich. Überall sind Kinder und alle winken. Ein älterer Mann, wie sich zeigt der Dorfvorsteher, gibt mir zu verstehen, dass ich anhalten soll. Und da stehe ich nun, umringt von Einheimischen, und keiner spricht auch nur ein Wort Englisch.

Verständigungsschwierigkeiten:

Mein Khmer beschränkt sich aufs Trivialste: Hallo, Danke, Tschüss, Ich heiße Martin, Wie heißt Du?, eins bis fünf.
Es dauert 5 Minuten, bis mir der Dorfvorsteher erklärt hat, dass sie gerade einen Tempel bauen (vielmehr eine einfache Hütte) und er mich zum Rauchen einladen will. In diesem Moment kommt ein etwas jüngerer, offenbar freundlich gesinnter Soldat vorbei, beendet die ganze Diskussion und bedeutet mir, ihm zu folgen. Ich finde mich in seiner Hütte wieder, die auf Stelzen steht und seine schöne Frau serviert mir ein einfaches, sehr seltsames, aber schmackhaftes Gericht.
Ich habe reichlich Gelegenheit, das schwerste Wort, das ich in meinem Leben gelernt habe, zu üben: "tschengangn - schmeckt gut!" Die Aussprache ist komplizierter als die Schreibweise verrät.

Die Familie besitzt ein amerikanisches Mathematik-Grundlagen-Buch aus den 70er Jahren. Vielleicht haben sie es einmal gefunden, gewiss jedoch haben sie keine Ahnung, wozu es gut ist, sie sprechen kein Englisch. Aber das Buch erleichtert die Kommunikation, denn es sind Bilder darin:

  • Fisch? Bild mit Wasser und Booten.

  • Obst? Bild vom Markt.

Ein einfaches Essen und ein amerikanisches Mathematikbuch.

Ein einfaches Essen und ein amerikanisches Mathematikbuch.

Bildungslücken:

Doch mit dem Bild von der Mondlandung 1969 können sie absolut nichts anfangen. Ich soll es ihnen erklären.
Wie erklärt man den Mond in Zeichensprache? Ich benutze den Fußboden als Erde:
"Amerika hier, Germany da, Kambodscha dort. Grooooss!"
Kein Problem, war ihnen bekannt. Dann mache ich Zeichen, die andeuten sollen, dass es eine Kugel ist, rudere wild mit den Armen. Unverständnis. Okay, sah bestimmt lustig aus. Also das Ganze noch mal, mit meinem Motorradhelm: "Amerika hier, Germany da, Kambodscha dort. Grooooss!"
Unverständnis. Ich schaffe es einfach nicht, ihnen zu erklären, dass die Erde rund ist. Klingt ja auch reichlich verrückt, da würde man schließlich runterfallen ...
Mit meinen weiteren Versuchen, per Fingerzeig auf die Sonne (senkrecht über uns) den Mond zu erklären, scheitere ich ohnehin.
Mit viel Lachen und unter allgemeiner Erheiterung, als mein Motorradhelm von jedem Familienmitglied anprobiert wird, verlasse ich die Leute und befinde mich schon bald wieder in der sicheren Obhut meiner Busladungen von Japanern.

© Martin Gädeke, 2003
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nachdem offenbar vor wenigen Stunden die thailändische Botschaft in Kambodscha abgebrannt ist - offenbar nicht ohne Fremdeinwirkung - stehe ich nun vor dem Scherbenhaufen meiner hochtrabenden Kambodscha-Pläne. Sicher scheint im Augenblick nur die Landung in Bangkok - die Frage nach dem "Wohin" wird sich dann wohl dort lösen.
Details:
Aufbruch: 08.02.2003
Dauer: 6 Wochen
Heimkehr: 23.03.2003
Reiseziele: Katar
Thailand
Kambodscha
Phnom Penh
Laos
Kambodscha-Packliste
Der Autor
 
Martin Gädeke berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Martin sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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