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Soll man nach der Tsunami-Katastrophe nach Asien reisen? Wir denken ja. Die Rückkehr zur Normalität ist die einzige Perspektive auch angesichts dieser apokalyptischen Tragödie. Wem ist geholfen, wenn Reisende nun Asien jenseits der unmittelbar betroffenen Regionen meiden würden?
Wir beginnen nicht in Sri Lanka (...) sondern in Bangkok, um in den Süden von Laos weiterzureisen. Kambodscha und Vietnam könnten nächste Stationen sein, aber weiterhin entscheidet sich die Reiseroute spontan vor Ort.
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04. Januar, Bangkok
[Die nackten Fakten: Taxi von der Mittenwalder Strasse in Berlin zum Bahnhof Zoo, Nachtzug nach München, Strassenbahn vom Bahnhof in die Baldurstraße, Strassenbahn zum Bahnhof, Nachtzug nach Bonn, Taxi vom Bahnhof in die Hans-Grade-Strasse, Pkw zum Bahnhof, Nachtzug nach München, Strassenbahn in die Baldurstrasse, PKW zum Flughafen im Erdinger Moos, Flug nach Zürich, Flug nach Bangkok, Bus in den Stadtteil Banglamphu, Tuk Tuk ins Villa Guest House]
Wie ein kontinuierlich undurchlaessigerer schwarzer Schleier legten sich seit dem zweiten Weihnachtstag die apokalyptischen Nachrichten aus Sued(ost)asien auf unsere Vorfreude auf die baldige Abreise: 10.000 Tote, 20.000 Tote, 140.000 Tote: wer kann das fassen? Regionen, die wir bereisen wollten: nachhaltig zerstoert. Sri Lanka, Indien, Thailand: Ausnahmezustand. Bald waren wir in einer Art emotionaler Betaeubung. Darf man sich auf die Ankunft in einer Gegend freuen, in der unfassbares menschliches Leid bereits eingetroffen ist?
Es ergaben sich drei Optionen (sowie die Nulloption -wir fahren nicht- die niemals in Betracht kam)
- komplett ignorieren: Schicksal, das uns nichts angeht
- Einstiegspunkt aendern und Geld spenden
- nach Sri Lanka fahren und helfen.
Unser Freund Matteo mit seinem grossen italienischen Herzen, der schon vor der Katastrophe auf Sri Lanka unterwegs war und den wir dort eigentlich treffen wollten, entschied sich zu helfen. Wir haben uns nicht eben heldenhaft fuer den Mittelweg entschieden.
So kommen wir am Nachmittag des 02. Januar in Bangkok an. Ueberraschend wenige Menschen vor den Immigration-Schaltern, Hinweise fuer Angehoerige, die Vermisste suchen, sich an einem bestimmten Ort zu melden, gewohnte thailaendische Effizienz: innerhalb einer halben Stunde sind unsere Paesse gestempelt, die Rucksaecke vom Band genommen, ein paar Guest Houses abtelefoniert und ein freies Zimmer gefunden und dann der Airport-Bus bestiegen. Bangkok here we come.
Und auf die Bibel war wieder Verlass: Im "South-East-Asia on a shoestring", unserem Lonely-Planet Reisefuehrer steht, was der Traveller zum unabhaengigen Reisen braucht: wo schlafe ich, wo esse ich, wie komme ich von A nach B, was lohnt sich anzuschauen. Dort ist auch unsere jetzige Bleibe vermerkt, "Villa Guest House", ein altes Teak-Haus in einem kleinen Innenhof, Oase der Ruhe inmitten des lauten Molochs Bangkok, wo wir ein Zimmer haben, wie man es nur in Asien findet: Zu drei Seiten offen, Himmelbett, schoene alte thailaendische Moebel.
Villa Guest House, Room # 4
Waehrend wir uns in Deutschland den schrecklichen Bildern und Nachrichten der Tsunami-Katastrophe nicht entziehen konnten und wollten, meiden wir nun soweit moeglich jede Konfrontation mit dem Unfassbaren. So sind wir paradoxerweise vor Ort deutlich weiter von der Katastrophe entfernt. Wenn man nicht wuesste, was vorgefallen ist, man wuerde es kaum merken. Post-Tsunami Bangkok ist wenig anders als ein Bangkok vor dem 26.12.04.
Vermisstenanzeigen und Aufruf zu Blutspenden
Bangkok: Stadt ohne jede Stadtplanung, urbaner Albtraum, staendiger Verkehrsinfarkt, atemberaubende Luftverschmutzung, feuchtheissee 30 (jetzt) oder 40 Grad (bald). Wie New York laesst diese Stadt niemanden im Ungewissen: you love it or you hate, du willst entweder sofort hier weg und nie wieder hin oder kommst oft zurueck. Wir sind zum x-ten Male hier.
Skytrain, Bangkoks neues Heilmittel gegen den Verkehrsinfarkt
Stillstand: Dauerzustand auf Bangkoks Strassen
Wat Phra Kaew
Das Bangkok, das wir am meisten lieben, ist Bangkok am Fluss, dem Chao Praya. Hier befinden sich die aeltesten Stadtteile, hier hat Bangkok seine unendliche Ausdehnung begonnen. Jedem, der kommt, sei eine Fahrt mit dem "Chao Praya Express Boat" empfohlen: als oeffentliches Transportmittel ist dieses Schnellboot zugleich Alternative zu immer verstopften Strassen und Aussichtsplattform. Nur mit seinem Heck faehrt es fuer wenige Sekunden gegen die Anlegestellen, so dass entschlossenes Auf- und Anspringen geboten ist und ab die Post, superschlanken Speed-Boats mit unwirklich grossen Dieselaggregaten, bauchigen Transportkaehnen, Floessen, Faehren kreuz und quer und kitschig bunt erleuchteten Dinner-Cruises entgegen.
Chao Praya Express Boot: haelt nur wenige Sekunden ....
... und faehrt gleich weiter
Speed-Boat
Buddhistische Moenche unterwegs auf dem Chao Praya
Aber Bangkok ist nicht nur schoen anzuschauende Uferfassade. Diese Stadt ist auch globale Megacity mit mehr als 12 Millionen Einwohnern und DIE wirtschaftliche Metropole in Suedostasien, ist auch Abgase, Krach, Hektik und eine Dynamik, die alle Staedte Deutschlands (einschliesslich seiner Welt-Hauptstadt) als verschnarchte Kaeffer im mittleren Westerwald erscheinen lassen. Wenn die allgegenwaertige wirtschaftliche Superdynamik hier nicht nur eine Luftblase ist (die Hoffnung besteht wohl ...), was haben wir im gesaettigten Mitteleuropa dem entgegenzusetzen ausser Endlosschleifen ueber Rechtschreibreform und die 38,5 Stunden Woche?
Das MRC Einkaufs-Center
Uhrengeschaeft im MRC-Shopping Center
Wer ermessen moechte, wie unendlich gross, aufregend, abstossend und unbeschreiblich dieses Bangkok ist, kann dies bei Drinks, wahrlich grandiosem Essen und cooler Lounge-Musik im "Hoechsten Offenen Dachterrassen Stadt Restaurant im Asiatisch Pazifischen Raum" geniessen. Das "Vertigo" im 61. Stock des Banyan Tree Hotels ist ein unbedingtes Muss und jeden einzelnen Euro wert, auch wenn es wie in unserem Fall das sportliche Reisebudget arg (ueber)strapaziert. A truly incredible place!!
Bangkok, vom Vertigo Restaurant im 61. Stock gesehen
Der Erhabene, diesmal in einer Hotel-Lobby (liebe Gruesse an Holger K. aus H.)
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