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Während meiner ersten Australienreise arbeitete ich auf verschiedenen Farmen im Outback von Queensland und reiste an der Ostküste entlang von Cairns nach Sydney.
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Happiness is a journey - not a destination
09.12.06 - 28.12.06
Am Sonntagmorgen machten wir uns endlich auf den Weg nach Strathburn Station. Margaret fuhr den Pick Up, in dem Kate, Troy und ich saßen, während Greg und James im Truck fuhren.
Auf dem Dach des Pick Ups geht mein Rucksack wieder auf Reisen...
Wir starteten in Cairns und fuhren immer weiter Richtung Norden. Allmählich wurden die Häuser weniger, dann und wann sah man eine Zufahrt zu einer Farm. Unsere kleine Kolonne kam nur langsam voran, da der Truck nicht sehr schnell fahren konnte. Ab und zu legten wir eine Pause an einem einsamen Roadhouse ein, dann verließen wir die geteerte Straße und ratterten über Sandpisten weiter.
Australische Wahrzeichen am Roadhouse: Ein Emu...
...und meterlange Roadtrains
Greg und James steigen wieder in den Truck
Gegen Abend - nach zehn Stunden Fahrt und drei Stunden nach dem letzten Roadhouse - erreichten wir die Abzweigung von der Straße zur Farm. Durch ein Tor hindurch und schon befanden wir uns auf Strathburn und auf dem Weg zum Wohnhaus. "Unsere Straße", wie Margaret freudig rief. Nun hieß es abschnallen, alle Fenster auf. Die Kinder schrien vor Freude und hüpften auf und ab. Tatsächlich dauerte es noch eine Stunde, bis wir dann endlich am Wohnhaus angelangt waren, denn das Grundstück der Farm war beinahe 26.000 Quadratkilometer groß! Als endlich die Yards und ein paar Arbeitshütten in Sicht kamen, war es schon dämmerig. Nach einem weiteren Kilometer hatten wir das Wohnhaus erreicht. Sofort sprangen alle aus dem Auto und begannen, die Sachen abzuladen.
Den Wohnwagen, der ab nun mein Zuhause war, hatte Margaret als "very basic" beschrieben. In der Tat war er sehr alt und etwas schmutzig, alles war abgegriffen und nicht gut in Schuss. Doch ich fühlte mich wohl hier, ich mochte die Atmosphäre auf Anhieb und packte fröhlich meine Sachen aus.
Der rechte Wohnwagen war meiner, der andere diente Margaret als "Rumpelkammer".
Mein "Badezimmer": Eine Blechhütte
Dort befand sich auch die Waschmaschine
In den nächsten Tagen kehrte auf Strathburn zunächst erstmal nicht der Alltag ein, denn all die Lebensmittel mussten vom Truck abgeladen und ausgepackt werden. Das war harte Arbeit und zudem musste ich mich nach zehn Tagen im vergleichsweise kühlen Cairns erst wieder an die Hitze im Outback gewöhnen. Mittags herrschten vierzig Grad - meinem Kreislauf gefiel das nicht.
Ich fühlte mich zunächst sehr wohl auf Strathburn und war froh, bei so einer netten Familie gelandet zu sein. Doch auch dieser Job war wirklich nicht das, was Margaret am Telefon versprochen hatte. Denn dort hatte sie erklärt, hauptsächlich solle ich auf die Kinder aufpassen und mich mit ihnen beschäftigen. Außerdem beinhalte der Job ein wenig Hausarbeit - so viel, wie man auch zuhause in der Familie helfe. Vielleicht war es in ihrer Familie üblich, zehn Stunden am Tag im Haushalt zu helfen. Wahrscheinlicher ist wohl, dass sie diese Tatsache sehr beschönigt hatte, um mich nicht abzuschrecken. Denn wie sie mir später erzählte, war es sehr schwer für sie, jemanden für den Job zu finden, da die meisten Frauen nicht so weit weg von den Städten arbeiten wollten und schon gar nicht während der Regenzeit.
Trotzdem war es zunächst ein Schock für mich, dass ich schon wieder den ganzen Tag putzte, abwusch und Wäsche aufhängte.
Meine Situation hatte sich also gegenüber der auf Somerville dahingehend verbessert, dass ich mich hier mit der Familie verstand, mit ihnen aß und viel mehr am Leben auf der Farm teilhatte. Trotzdem war ich bezüglich des Jobs schon wieder über's Ohr gehauen worden. Als ich Margaret darauf ansprach, sagte sie, sie hätte mir am Telefon erklärt, es sei ein Haushaltsjob - eine glatte Lüge.
Nachdem ich mich beschwert hatte, durfte ich dann schon ab und zu etwas mit den Kindern machen und beschäftigte mich manchmal nachmittags einige Stunden mit ihnen. Jedoch gestaltete sich auch das als sehr schwierig. Diese Kinder legten ein völlig anderes soziales Verhalten an den Tag als andere Kinder in ihrem Alter. Sie schwankten zwischen übertrieben erwachsen und übertrieben kindlich, was für mich sehr schwer war. Trotzdem hatte ich meist einen guten Draht zu ihnen. Ihre Kindheit unterschied sich eben grundsätzlich von der eines Stadtkinds: Keine Spielkameraden außer den Geschwistern, keine normale Schule, kein Sportverein, kein Musikunterricht, nur dreimal im Jahr Schokolade. Dafür konnte James schon mit neun Jahren besser Auto fahren als ich, sie düsten mit ihren Motorbikes über die Farm und waren bei der Arbeit genauso fest eingeplant wie die Erwachsenen. Ob so eine Kindheit gut ist, darüber lässt sich streiten, aber sicherlich prägt sie sehr.
James auf seinem Quadbike
Troy, Kate und James
Trotzdem ging es mir auf Strathburn zunächst gut, da ich eben wirklich in die Familie integriert war. Ich lebte nicht isoliert wie auf Somerville. Margaret, Greg und auch die Kinder unterhielten sich oft mit mir und ich lernte viel über ihr Leben und ihre Ansichten. Das war das, was ich mir vorgestellt hatte.
Das Wohnhaus
Die vordere Veranda, die beiden rechten Türen führen zu Bad und Toilette, die große Tür ins Wohnzimmer (es gibt keine Wohnungstür und keinen Flur)
Durcheinander auf der Veranda, die Tür gegenüber führt in die Speisekammer
Die hintere Veranda
Blick aus dem Küchenfenster
Die Wasseranlage, dahinter das Haus
Der Weg vom Wohnwagen zum Haus
Natürlich war es für mich frustrierend, nun Haushaltshilfe zu sein, statt "Cowgirl" , wie ich es mir erträumt hatte. Nie in meinem Leben hatte ich so einen Job machen wollen, nie hatte ich mich für Kochen interessiert, nie den Drang verspürt, Au Pair zu werden oder ähnliches. Die Notlage, dass ich den Hitzschlag auf Ettiewyn gehabt hatte, hatte mich dazu gezwungen, diesen Job zu machen. Ich war mit weitaus anderen Plänen nach Australien gekommen und nun hatte ich schon zum zweiten Mal einen Job angetreten, der sich hinterher als ein ganz anderer Job entpuppt hatte. Doch ich versuchte, mich zu motivieren und mich über die schönen Seiten des Lebens auf Strathburn zu freuen - wovon es schließlich auch jede Menge gab.
Der Garten
Im Wohnhaus
Ein Ausschnitt der Speisekammer...
Das Schulzimmer
Hinter dem Haus wuchs ein Bananenbaum
Als der Alltag auf Strathburn eingekehrte und ich zur Ruhe kam, begann ich jedoch auch, einige Dinge sehr stark zu vermissen. Mein Traum war nun zumindest zum Teil wahr, ich lebte auf einer Farm im tiefsten australischen Outback. Doch es war schwieriger als ich dachte. Die ewig gleiche Ernährung machte mir zu schaffen, dazu das heiße Wetter. Und ich vermisste sehr stark die Dinge, die in Deutschland meinen Alltag ausgemacht hatten: Meine Hobbys, meine Ernährung, Small Talk mit anderen Menschen, meine Kleidung. Auch fehlten mir Dinge geistiger Art, denn so nett Margaret und Greg auch waren, so war dies eine typische Situation am Abend: Die Nachrichten begannen mit Cricket und Greg fuhr jedes Kind an, dass ein Wort sagte. Dann kamen die wie ich finde wirklich wichtigen Sachen: Eine Bush-Rede, Atomstreit, Krieg im Irak, Bomben im nahen Osten - und jeder unterhielt sich plötzlich laut über andere Dinge, so dass ich kein Wort verstehen konnte. Mir fehlten Gespräche und Lesestoff über gesellschaftliche und politische Themen, der Austausch mit Menschen, die dachten wie ich. Ich hatte nicht erwartet, dass ich all das so schmerzlich vermissen würde.
Es war sehr gewöhnungsbedürftig, nie etwas anderes zu sehen als meinen Wohnwagen und das Haupthaus. Man konnte hier nicht wie in der Stadt einfach in einen Laden gehen und sich eine Zeitung kaufen. Ringsherum war nur das Outback. Das war das, wovon ich geträumt hatte und es faszinierte mich sehr, doch gleichzeitig vermisste ich das Stadtleben, andere Menschen zu sehen, andere Geräusche. Jeden Tag die gleichen Gesichter, die gleichen Stimmen, das war sehr hart für mich.
Doch auf der anderen Seite gab es unglaublich schöne Momente. An meinem zweiten Tag auf Strathburn gab es einen Regenschauer - der erste Regen, den die Kinder seit April gesehen hatten. Sie rannten hinaus und tanzten und sangen vor Freude und ich stand dort und sah ihnen mit Tränen in den Augen zu.
Dann die Freude und Aufregung, wenn am Donnerstag das Postflugzeug kam. Den ganzen Vormittag warteten wir auf das Motorengeräusch und dann hörten wir es endlich und jeder rannte hinaus auf das Landefeld. Nun gab es Gelegenheit, ein Pläuschen zu halten mit dem Piloten oder ein paar Touristen, die im Flugzeug mitflogen, und dann wurde aufgeregt im Wohnzimmer der Postsack aufgerissen, die Briefe über die ganze Erde verteilt und nach vertrauten Handschriften gesucht.
Und auch mein Job hatte seine schönen Seiten, so musste ich z.B. abends zum Hühnerstall gehen und alle Küken zählen, um sicher zu gehen, dass keines verloren war. Drei schwarze, drei weiße - alle da, ich konnte beruhigt schlafen gehen.
Auch hier leben die Hunden in kleinen Boxen
Ich war froh, mich wirklich als Teil dieser Familie zu fühlen und so hatte ich auch an den schwierigeren Dingen des Lebens im Outback Anteil. Das verzweifelte Warten auf Regen. Ich hörte, wie Kate mit ihrer Freundin telefonierte und sagte, am meisten wünsche sie sich zu Weihnachten Regen. Es war in der Tat dringend. Wenn es innerhalb der nächsten drei Wochen nicht regnete, würden die Kälber und ihre Mütter nicht genug Kraft haben, um zu überleben. Aber es durfte auch nicht zuviel regnen, denn dann würde es eine gewaltige Flut geben. So eine Flut hatte im letzten Jahr vierhundert Rindern das Leben genommen - ein schrecklicher Verlust für Strathburn.
Es war ein aufregendes Gefühl, sich so weit entfernt vom nächsten Nachbarn zu befinden. Man war hier sehr auf sich alleine gestellt. So erzählte mir Margaret von einigen Dingen, die sich auf der Farm ereignet hatten. Vor einem Jahr z.B. war ein Gast von einem Stier aufgespießt worden und beinahe verblutet, bis endlich die Flying Doctors gekommen waren.
In der Speisekammer stand eine große Kiste mit der Aufschrift "Royal Flying Doctor Service". In dieser Kiste befanden sich, streng in Fächern geordnet und nach Nummern sortiert, hunderte von Medikamenten. Wenn auf Strathburn etwas passierte, musste man die Fliegenden Ärzte anrufen, ihnen am Telefon den Fall beschreiben und konnte das nötige Medikament in Sekundenschnelle in der Kiste finden. Ich bekam selbst mit, wie Greg an einem Tag plötzlich große Schmerzen im Bauch hatte und Margaret ihm selbst ein Schmerzmittel spritzen musste. Zum Glück verschwanden die Schmerzen wieder, so dass die Ärzte nicht kommen mussten.
Ist es angesichts dieses Lebens verwunderlich, dass die Bewohner des Outbacks von einem anderen Schlag sind und man sie als Stadtmensch häufig nicht begreifen kann? Wohl eher nicht. Hier zählt nur die Arbeit, das Überleben, der Kampf gegen die Natur. Für einen Außenstehenden mag dies unverständlich wirken - warum sollte man so ein Leben führen? Es muss den Menschen im Blut liegen, denn sonst hält man es einfach nicht aus.
Doch wenn ich nachts in meinem Wohnwagen lag und die Wildschweine am Kompost herumwühlen hörte, wenn ich abends um neun, halb zehn mit der letzten Arbeit fertig war und unter dem klaren Sternenhimmel des Outbacks zu meinem Wohnwagen hinüber lief, dann liebte auch ich es und war fasziniert davon, etwas so Einzigartiges erleben zu dürfen.
Auf der Flugzeuglandebahn
All diese Erlebnisse und Geschichten berührten mich sehr tief und so hatte ich Stunden, in denen ich überglücklich war. Ich spürte, dass diese Zeit mich prägte und mich sehr weiter brachte und dass ich begann, Strathburn und seine Menschen zu lieben. Doch andererseits hatte ich auch oft Heimweh, zwar nicht der schlimmsten Art, aber doch so sehr, dass ich wusste, ich konnte hier nicht sehr lange bleiben. Ich vermisste weniger meine Familie, denn mit ihr stand ich per Satelliten-Internet in Kontakt. Doch ich hatte einfach nicht erwartet, dass mir die Stadt so sehr fehlen würde, das Stadtleben mit all seinen Zerstreuungen, Möglichkeiten und allem, an das ich gewöhnt war, und mit einem Leben, das nicht einzig und allein von der Arbeit bestimmt war.
So blieb für mich zunächst offen, wie lange ich auf Strathburn bleiben würde, denn einerseits war ich froh hier zu sein, aber andererseits gab es viele Momente, in denen ich glaubte, es keinen Tag länger durchhalten zu können.
Die "Straße"
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