Ein Jahr lang unglaubliche Momente erleben!
Das Leben im Gatton-Ghetto
Und dann war ich im Land Down Under! Bevor ich mich allerdings zum Arbeiten aufgemacht habe, habe ich mir noch zwei Tage in Brisbane gegoennt. Bin bei einem netten Paerchen ueber Couchsurfing untergekommen. Die haben etwas ausserhalb von Brisbane gewohnt und ein Besuch bei ihnen war wirklich das Paradies (besser wie jede Fijiinsel aus meiner momentanen Sichtweise). Die beiden haben in einem kleinen Luxushaeuschen gewohnt und ich hatte mein eigenes Gaestezimmer mit riesen Bett und ein eigenes Gaestebad. Und die beiden haben sich sehr bemueht meinen Aufethalt unvergesslich zu machen, viele schoene Gespraeche, leckeres Essen und an dem einen Tag sind wir gemeinsam zum Strand (ja ja ich weiss schon wieder, wollte ja eigentlich mal ne Strandpause machen) gefahren. Aber dann ging es los nach Gatton. Hatte von anderen Reisenden gehoert, dass es dort Farmarbeit gibt und das wohnen dort in einem Caravanpark im Vergleich zu anderen Orten guenstig sein soll. Da der Ort nicht im Lonely Planet war, dachte ich mir, ist das sicherlich ne gute Wahl. Da auch die Wirtschaftskrise Australien erreicht hat und es seit diesem Jahr um einiges schwieriger sein soll Arbeit zu finden. Gatton ist wirklich ein Kaff (besitzt allerdings einen Golfplatz) in the Middle of Nowhere ca. 1 1/2 Stunden von Brisbane entfernt. Wie gesagt einquartiert habe ich mich dort im Caravanpark, wo ich mir mit drei weiteren Reisenden einen Caravan geteilt habe. Kaum war ich dort, habe ich den Caravanpark auch schon gleich Gatton-Ghetto getauft. Die meisten Caravans sind leicht bis sehr dreckig und heruntergekommen. Gluecklicherweise hatte ich einen kleinen Caravan am Ende des Parks, dass ich ab vom Schuss war, wo die Ghettopartys stattgefunden haben. Die Massen von Backpackern sind immer noch nicht meins und mir reichen immer eine handvoll nette Leute fuer den Sozialkontakt aus. Der Park ist wirklich wie ein Ghetto, hier wohenen nur Farmarbeiter entweder welche mit nem Work and Travel Visa oder mehr oder weniger legale Einwanderer aus aller Welt. So gibt es hier ein Afrikaviertel mit hauptsachlich Sudanesen, little India, Asiatown, einen Chilecorner und dazwischen ein paar Europaer. Tagsueber ist der Park wie ausgesorben und nachmittags sitzen immer ein paar Leute vor den Campingwaegen. Ein typisches Gatton-Ghetto Gespraech: "Und was hast du heute gemacht?" "Brokkoli. Und du?" "Fruehlingszwiebeln" "Oh scheisse man, Fruehlingszwiebeln sind echt das uebelste" " Du sagst es, man" Das Leben im Gatton-Ghetto ist also mehr oder minder richtig langweilig. Schoen genau das Richtige was ich brauche.
Dann muss nur noch ein Job her, also habe ich mal mehrere Farmarbeitvermittler angerufen, nix! Also habe ich mich nach Down Town Gatton aufgemacht und jedes Geschaeft, jedes Restaurant und jede Kneipe abgeklappert und nach nem Job gefragt, nix. War nach ner Stunde damit fertig, wie gesagt, Gatton ist nicht so gross. Also was macht man den Rest des Tages in Gatton, irgenwie muss man sich ja beschaeftigen. Ich bin dann mal in den Gatton Zoo (bzw. die Zoohandlung) und habe mir ein paar Fische in dreckigen Aquarien und ein paar Voegel angeschaut. Am naechsten Tag immer noch nichts, also habe ich mal den Friedhof von Gatton besichtigt. War wirklich sehr interessant, teilweise gab es alte Grabsteine mit Inschriften in Deutsch und teilweise stand die Todesursache auf dem Grabstein. Gatton ist ein gefaehrliches Pflaster, wenn man sich so die Grabsteine anschaut, ganz schoen viele sind ausversehen erschossen worden.
Live can be short in Gatton
Nach einem weitern Tag mit Absagen am Telefon habe ich beschlossen die Sache anders in die Hand zu nehmen. Habe mich also am naechsten Morgen um 5 Uhr morgens vor den Caravan Park an den Parkplatz gestellt und mich dem groessten Arbeitsvermittler aufgedraengt. Das ist echt mal ne Erfahrung, da geht es zu wie auf einem orientalischen Viehmarkt, nur dass nicht Waare oder Tiere angeboten wird, sondern dass jeder versucht sich dem Vermittler aufzudraengen. Wahnsinn! Ich hatte aber Glueck und so hatte ich meinen ersten Tag Arbeit: Zwiebelnernten! Die Arbeit wird pro Bin (grosse meistens gelbe Kiste), je schneller man ist also um so mehr verdient man. Man bekommt eine schon etwas rostige, leider oft nicht allzu scharfe Metallschere und drei Koerbe und ein oder zwei Reihen Zwiebeln zugeordnent und dann werden die Zwiebeln wie die Weltmeister aus der Erde gerupft, die Wurzeln und das Gruenzeug abgeschnitten, rupf rupf, schnipp schnapp. Habe den ersten Tag mit zwei weiteren Deutschen zusammen gearbeitet. In acht Stunden, sengender Hitze, haben wir 5 Kisten geschafft, das entspricht einem Stundelohn von 8 AUS $, umgerechnet (ich weiss das sollte man nicht, da das Leben in Australien auch guenstiger ist wie in Deutschland) 4 Euro! Zwiebelnernten ist nach Scharlottenernten die zweitschwerste Arbeit. Teilweise kniet man im Dreck, damit man sich nicht immer Buecken muss und einem irgendwann der Ruecken wehtut und irgendwann tuen einem die Handgelenke von den schweren Zwiebeln weh (wenn man immer nur eine in die Hand nimmt, bekommt man seinen Bin ja nie voll) und die Finger der rechten Hand von der Schneidebewegung. Hatte schon nach ner halbe Stunde zwei aufgerissene Stellen und zwei Blasen an der rechten Hand, hatte leider keine Handschuhe, also Pflaster drauf, Schmerz in die hinterste Ecke des Gehirns vergraben und immer schoen weiter arbeiten. Nach 6 Stunden setzt dann der eiskalte-Cola-Durst ein, was wuerde man nicht fuer so eine kleine rote Dose alles tun. Aber es ist echt eine gute Erfahrung. Man will immer nur billiges Gemuese im Supermarkt haben, damit das moeglich ist, leisten mehrere hundert Menschen (hauptsaechlich hier Sudanesen, Inder und Asiaten) eine Schweineharte Knochenarbeit. Und das taeglich und seit Monaten! Bin der Meinung jeder sollte mal fuer einen Tag Zwiebelpfluecken, damit man das was hinter den Produkten steckt besser schaetzen kann.
Ein Feld voller Zwiebeln: die Weisheit eines Inders, der diese schon seit Monaten erntet: Big Onions - Big Money, Small Onions - Smal Money
Oh und nach der Arbeit stinkt man so nach Zwiebeln! Da ich keine Handschuhe anhatte, bin ich den Gestank von meinen Haenden mehrer Tage nicht los geworden (A Propo Zwiebeldampfe: eines Abends hat mir eine Asiatin erzaehlt, sie habe hier in Gatton eines Nachts ein UFO gesehen und gehoert, mich wunderts nicht, dass wenn man Tag ein Tag aus Zwiebelduensten ausgesetzt ist, Haluzinationen bekommt, diese Duenste koennen nicht gesund sein...) und am naechsten Tag haben mir die Handgelenke und die Finger weh getan. Gluecklicherweise mochte mich der Arbeitsvermittler und ich durfte am naechsten Tag Brokkoli einpacken. Man steht am Fliessband und packt einen Brokkoli nach dem anderen in Kisten. Einfach und super langweilig. Ich glaube ich bin die einzige, die sich ueber langweilige und schwere Arbeit hier freut! Aber ist echt mal was anderes. In Gatton ist gerade Brokkolisaison, das merkt man vor allem, weil die Kuehlschraenke im Caravanpark alle bis oben hin voll mit Brokkoli sind. Werde also demnaechst ein Kochbuch rausgeben mit dem Titel: "50 Ways to eat your Brokkoli"! Und dann war Wochenende und frei. Was macht man in Gatton, rumhaengen, sich ein bischen mit Leuten unterhalten und ein Nickerchen machen. Und dann war Samstag abend und tatsaechlich ein bischen Action im Ghetto angesagt: Schlaegerei zwischen zwei Englaendern, die etwas zu viel getrunken hatten (das die Englaender sich aber auch nicht zurueckhalten koennen!). War am Sonntag das Hauptgespraechsthema, mal was anderes wie sich ueber Gemuese zu unterhalten. Montag war dann wieder Zwiebeln angesagt, diesmal mit Handschuhen und ich habe alleine gearbeitet. Und wau, ich war gar nicht so schlecht, sogar schneller wie die, die um mich herum gearbeitet haben und die machen das schon laenger wie ich. Habe drei Bins geschafft, was meinen Stundenlohn gleich auf 13 AUS$ gehoben hat. Am naechsten Tag, wie gesagt meine Arbeitsvermittler moegen mich, durfte ich mir meine Arbeit aussuchen, habe mich dann gleich fuer Brokkolipacken entschieden. Ist einfach besser bezahlt und jeden Tag Zwiebeln ernten ist einfach nicht drin. Dann war leider ein Tag frei. Habe in den drei Wochen in denen ich in Gatton gearbeitet habe leider immer nur 2-3 Tage pro Woche arbeit gehat, momentan sieht es einfach in ganz Australien, selbst bei Farmjobs nicht so gut aus. Manche hatte es besser, manche aber auch schlechter wie ich. Und dann hat der Zwiebelerntealbtraum angefangen. Musste einen Tag auf einem Feld arbeiten, auf dem der Farmer die Erde nicht gelockert hatte. Jede Zwiebel musste mit zwei Haenden rausgerissen werden. Das hat die Arbeit fuer alle ziehmlich verlangsamt. Aber ich war mal wieder ein Glueckpilz, habe dem Arbeitsvermittler das Problem geschildert, der hat sich gleich an den Farmer gewendet, den hat es nur leider nicht so wirklich gekuemmert, ob die Zwiebeln schwer zu ernten sind oder nicht. Aber nach drei weiteren Stunden Schwerstarbeit kam er dann mit der Umpfluegmaschine und hat als erstes meine Reihe umgepfluegt, dann festgetellt er kann nicht wenden wegen der ganzen grossen Kisten und das war´s dann. So war ich die einzige, die dann eine Reihe hatte mit leicht erntbaren Zwiebeln.
Und mal wieder scheinbare unendliche Zwiebelfelder
Einen Tag kam ich dann in den Genuss Salat einzutueten. Man steht in einem Tracktor, durch den ein Fliessband geht. Auf dem Feld schneiden welche den Salat, der kommt ueber das Fliessband in den Traktor, dann muessen die Salatkoepfe ganz schnell eingetuetet werden (man muss alles ganz schnell machen, der Farmer will so viel Geld wie moeglich in einer Stunde machen, also viele Kisten mit Salatkoepfen packen), wieder aufs Fliessband und weiter hinten packen es dann weitere in Kisten. Auch unglaublich langweilig nach ner Zeit. Dann kamen wieder meine "geliebten" Zwiebeln dran. Diesmal war das Problem das Unkraut, teilweise war es Zwiebelnsuchen statt -ernten. Habe mal wieder die Lage meinem Arbeitsvermittler geschildert und schwupps die wupps mussten zwei andere Maenner meine Reihen fertig ernten und ich bekam zwei neue Reihen ohne Unkraut, Frau sein hat manchmal/meistens echt Vorteile. Und dann war aber nach dem vielen Zwiebelernten ein Abenteuerwochenende angesagt. Bin mit ein paar Leuten nach Fraser Island. Die Insel besteht komplet aus Sand und man kann auch nur mit einem Allradantriebauto drauf.
die nigerianische Ambulanz, die uns durch die Insel gefahren hat
Die Strassen, wenn man das ueberhaupt Strassen nennen kann, sind wild auf Faser Island. Am Strand faehrt man noch am Bequemsten, ansonsten wird man ziehmlich wild durch die Gegend geschleudert, man ist man froh ueber seinen fest sitztenden Anschnallgurt. Aber die Insel ist wunderschoen mit einem wunderschoenen Regenwald und tollen Seen mit Straenden.
Lake McKenzie auf Fraser Island
Aber auch ein schoenes Wochenende mit netten Leuten, Zelten, baden, grillen und einem schoenen kalten Bier geht ein Mal zuende und es warten ja die Zwiebeln. Und kanne es noch schlimmer kommen: ja wenn man die Minnizwiebeln zwischen dem Unkraut wie Ostereier suchen muss. Waere das Feld nicht so weit weg vom Campingpark gewesen, ich haette die Schere ins Feld geworfen und waere ab nach "Hause". Aber ich hatte mal wieder Glueck nach ner dreiviertel Stunde unmotiviertes, lustloses, langsames vor mich Hinschnippeln kam mein Arbeitsvermittler und hat mich in einer Farm am Fliessband Fruehlingszwiebeln reinigen und buendeln lassen. Um einiges einfacher, man muss nur wieder sehr schnell arbeiten. Die Farmerin war nur leider ein kleiner Drache und hat staendig rumgebruellt (Faster, Faster, clear the table right, etc.). Zu mir war sie halbwegs neutral, zu den Asiaten unverschaemt unfreundlcih. Beim Arbeiten merke ich, dass immer wieder. Hier herscht eindeutig ne zwei Klassengesellschaft. Die Sudanesen werden am schlechtesten behandelt, dann kommen die Asiaten. Die Europaer haben es am Besten. Mich regt dass immer wieder auf. Die Fruehlingszwiebeln wurden mal wieder nach Kisten bezahlt und obwohl ich eigentlich mittelschnell war, habe ich kaum was verdient und ich habe 11 Stunden gearbeitet. Das war eigentlich am Schlimmsten, nach 8 Stunden war auch mir die Langeweile ueber und es kam aber immer noch ein neuer Bin und wurde auf dem Fliessband ausgeleert. Zwei Tage habe ich mir diese langweilige, schlechtbezahlte Arbeit angetan und dann hat mein Koerper genug ist genug geschriehen. Nicht wegen der harten Arbeit, das Bett in meinem Camper kann man nicht mal Bett nennen und so habe ich mir eines Nacht einen Nerv im Ruecken eingeklemmt. Sehr schmerzhaft und vor allem mir ist ab da immer wieder die rechte Hand eingeschlafen. Also zum Arzt, zwei Massagen bekommen, arbeiten erstmal nicht angesagt und dann habe ich beschlossen es reicht auch erstmal wieder mit der Arbeit, Gatton Ghetto ist zwar sehr faszinierend, aber irgendwann ist auch das Mal gut, reisen ist wieder angesagt und so habe ich mir ein Flugticket nach Sydney gekauft und bye bye Gatton Ghetto.
Eindruck von Gatton