ist es nicht der abschied, der uns leben gibt und uns zu neuen wegen, neuen zielen führt?
so nehme ich sie bei der hand, die zeit zwischen examen und dem leben danach, lasse zurück, was ich einmal hatte, setzte einen fuss vor den anderen und umrunde ihn, unseren globus. mit all meinem mut für eine hand voll augenblick...
das dasein für das hier... streben ohne ziel... treiben in dieser welt... den kopf ab und zu verlieren... mag der verstand auch nicht verstehn, das herz immer...
weiter fuehrt mein weg nordwaerts, zusammen mit den beiden jungs im auto. an einer zentralen kreuzung und nach einer gemeinsamen supermarkt-shopping-tour trennen sich unsere wege. ein mal mehr weiss ich auf dieser reise nicht wohin als naechstes. norden oder sueden. rotorua oder wellington. einen augenblick lang bereue ich mich nicht einfach den jungs angeschlossen zu haben, die auf irgendeinen campingplatz in der naehe wollten. duschen, waschen und zivilisation - das waere schon fein gewesen. danach ist mir auch zu mute. stattdessen stehe ich hier an der strasse und kann mich nicht entscheiden, wie es weiter gehen soll. dreimal wechsel ich die seiten. norden - sueden und dann doch norden. es ist nicht mehr all zu frueh und wellington liegt einfach zu weit weg.
einmal entschieden, haelt direkt ein waldarbeiter und nimmt mich mit. waehrend der fahrt, beisse ich in eines der frischen broetchen, die ich bei der shoppingtour aufgegabelt habe. tut das gut: essen und zu wissen, dass ich wieder einen rucksack voller satt mit mir herum trage.
wir fahren durch taupo und am flughafen vorbei.hier soll das fallschirmspringen in ganz neuseeland am guenstigsten sein. taupo selbst: ein kleiner ort, im sommer voller menschen, gelegen an einem der der groessten suesswasserseen der werstlichen hemisphaehre. rund herum: milde huegel. saftig gruen und eine art gelb bluehender ginster. sonnendurchflutet und es macht einen netten eindruck. das abenteuerzentrum des nordens. wildwasser, rafting, klettern, hubschrauberrundfluege, jetboote, bungee- und fallschirmspruenge. sand und strand und wasser. wasserski und surfen. im zentrum nette gaesschen, ferienwohnungen und backpackers.
da ich bis hier hin relativ schnell gekommen bin, kann es nicht so weit sein auch noch das letzte stueckchen weiter bis nach rotorua zu trampen, um morgen frueh kleine krater ausbrechen zu sehen und um tolle fotos von kochendem matsch zu machen. an der kreuzung dorthin, wo ich weiter trampen will, taucht dann ein komischer kauz hinter mir auf, der ueber irgendwelche zaeune klettert. nasse haare und verstrubbelt. wo ich hin will, was ich vorhabe usw. wenn ich will - er wohnt ein paar meter weiter und hinter den zaeunen liegen heisse quellen, in denen man baden kann - koenne ich die nacht ueber bleiben. das angebot ist verlockend, auch wenn mir der typ ein bisschen suspekt erscheint. aber so suspekt und verstrahlt, dass er eigentlich schon wieder nur harmlos sein kann. ich komme mit ihm und lasse meinen rucksack in seiner huette. ein erster blick verraet: ein einsiedler der hier mit seinem sohn zusammen wohnt. kuenstler, bastler und tuefftler. antiquierte technik. er bietet mir an meine sachen zu waschen. eine willkommene sache, bis ich die waschmaschine sehe. aber da habe ich bereits ja gesagt. man schmeisst seine waesche in den toploader, fuellt mit einem schlauch kaltes wasser rein, waschpulver dazu. die schleuder ist extra und funktioniert nicht mehr. de facto heisst das: meine waesche wird ein bisschen in kaltem wasser gedreht und hin und her geschuettelt, weicht dann stunden ein und muss anschliessend in der badewanne ewig ausgespuelt werden, draussen ausgefrungen und im garten aufgehangen werden. ich hege ja meine regen zweifel daran, dass bei dieser prozedur meine waesche sauber wird, aber es funktioniert. trotzdem: jeder normale mensch haette sich laengst eine neue waschmaschine gekauft. das hier ist naemlich verdammt viel arbeit!
sein auto ist in einer aehnlichen verfassung: wenn man nicht aufpasst haelt man saemtliche einzelteile in der hand. dazu massiv, schwer und alt. im haus: selbstgebastelte kisten, bilder, offene farben und oinsel, die ueberall herum liegen. felle auf dem boden, indianerfiguren und statuen. in der kueche passt nicht einer der deckel auf die toepfe und am fenster haengen gardinen aus dem second hand shop. im garten stehen zwei weitere uralt autos und eine yacht. auf dem herd kocht das abendessen: selbstgefangener fisch und loewenzahngemuese. alles ein bisschen eigenwillig. und er braut sein eigenes bier und hat kein telefon. oh, mein gott! wo bin ich gestrandet?
aber erst mal fuehrt unser weg zu den heissen quellen. querr durch den wald, hin zu einem zaun, vor dem sogar ich respekt haette. soll heissen: von alleine waere ich never, ever auf die idee gekommen da hinueber zu steigen. aber am rande des zauns ist tatsaechlich ein stueck aufgewickelt, sodass man problemlos daran vorbei kommt und hindurchschluepfen kann. von dort aus schleagt er den weg mit einer macheete durch brombeerranken frei. schon ein sonderbares gefuehl mit so einem kauz und einer macheete in seinen haenden durch einen wald im nichts zu streifen. aber wie gesagt, das wesen ist so verstrahlt, dass es schon wieder vertrauenserweckend ist. und tatsaechlich steigt mir nach ein paar metern dampf und schwefelgeruch in die nase. mitten im gruen ein bach, nicht all zu klein. kleine buchten. heiss und kalt fliessen aus zwei verschiednen richtungen zusammen, sodass ich mir eine temperatur in dem wasser aussuchen kann, die mir zusagt. was fuer eine wohltat, dieses wasser, nachdem die letzten doch recht anstrengenden tagen waren. die hitze entspannt ein bisschen meine mueden muskeln. goldlicht und ein meer voller blumen, das mich umgibt. waehrend ich mich im wasser tummel, liegt andre - so heisst der kauz - im gras und geniesst die sonne. eigentlich - so denke ich - macht er es genau richtig. wieviel wirklicher ist doch so ein leben. wir haben uns bloss zu sehr an das andere dasein gewoehnt.
den abend verbringen wir bei seinen nachbarn - ein kiwi, seine maori-frau und ihr kleines kind - zusammen mit ein paar flaschen seines selbst gebrauten biers und musik. tanz in der kueche; ist das wundervoll!
am naechsten morgen wache ich frueh auf und mir ist statt nach rotorua nach taupo: fallschirmspringen. ich warte noch darauf, dass meine frisch gewaschene hose, die im ersten sonnenschein und im wind trocknet, bevor ich aufbreche. ob ich in sandalen springen kann? ich weiss es nicht - so packe ich vorsichtshalber meine wanderschuhe ein. tee, sonnenschein und dann geht's los. wie barfuss vom strand in das naechste dorf laufen, um broetchen zu holen, so fuehlt es sich an, als zur strasse laufe, um die paar kilometer nach taupo rein zu trampen. lachen in mir, vorfreude! gleich das erste auto haelt und nimmt mich mit zum turistenbuero. hier steh ich , hier bin ich und ich wuerde gerne aus einem flugzeug springen. was muss ich tun? die dame haelt mir drei flyer hin - im grunde unterscheiden sie sich nicht wirklich. wozu dann lange ueberlegen? ich springe mit denen, die mir den ersten sprung heute anbieten koenne. gesagt, getan: 10.30h und ich werde direkt hier abgeholt. mein shuttle kommt puenktlich zur kiwi-time ein paar minuten zu spaet. als gute deutsche, zweifel ich selbstverstaendlich erstmal daran, ob ich am richtigen ort stehe und warte, aber alles ist gut. am airport dann: papierkram ausfuellen, wiegen und umziehen: ein rotes dress, gurte, fliegermuetze und brille. ein video, das einem alles erklaert, wie's funktionieren soll, bei dem ich aber nach den ersten drei saetzen schon abschalte. wozu springe ich schliesslich mir jemandem zusammen, der das schon tausende von malen gemacht hat? und so schwer kann das nicht sein: haende auf die brust, kopf in den nacken, beine nach hinten, huefte nach vorne - wie eine banane und dann haende ausbreiten, sobald das mein tandempartner auch tut. einfach mitmachen. simpelste paedagogik. auf dem plan steht, dass ich mit phil springe. allerdings kann ich keinen phil in der ahnengalerie der piloten hier entdecken. also gehe ich davon aus, dass der mann, der mir alles zeigt und staendig an mir herumzubbelt, bis dass die gurte richtig sitzen, phil ist. erst kurz bevor wir ins flugzeug steigen, steht dann ein anderer mann hinter mir. und noch waehrend er sich umdreht, mit einem " hey, i'm phil!", kehrt die erinnerung zurueck: phil black, der grosse mann mit seinen unverkennbaren blonden, verwuschelten haaren. freu! nicht mit dem zubbel-mann werde ich springen, sondern mit phil!!! so fern die sonne an diesem tag ueberhaupt noch aufgehen kann - in dem moment tut sie es. noch einmal checkt phil mich durch, zieht den ein oder anderen gurt noch fester und geht die wichtigsten dinge noch mal mit mir zusammen durch. huu! ganz schoen nah, denke ich, und ich bin mir der koerperlichen naehe bewusst. aber sich an phil anzulehnen ist prima!
da wir die ersten sein werden die springen, steigen wir als letzte in das flugzeug ein. auf einer schaumstoffbank sitzen wir - ich vorne, phil hinter mir. alles ist eng hier drinne. die luke neben uns geht runter und ab geht's in die luft. zwanzig minuten ueber den taupo-see hinweg auf gut 1200m hoehe. geniess die aussicht - aber zu viel passiert in meinem kopf und in meinem bauch. rrrh, ist das aufregend. aus einem flugzeug springen... (oder springen lassen). waehrend wir aufsteigen, klickt phil mich bei sich ein und zurrt mich fest an sich, damit ich unterwegs nicht verloren gehen kann. bei mir weiss man ja nie
der hoehenmesser: phil zeigt mir von wo bis wohin wir fallen und ab wann wir landen. guter mann, du machst das schon! du hast mein vollstes vertrauen. aber sobald der fallschirm aufgeht - darf ich dann auch mal lenken? und ich wuensch mir ganz viele spins. das wundervolle drehen in der luft, wo einem die luft weg bleibt. mit viel schwung! hui! phil lacht. ich wie eh und je. und dann ist der moment da und alles geht ploetzlich ganz schnell: luke auf, kalter wind. von dem eben noch so sicheren schaumstoffbaenkchen hin zum abgrund. noch einen kurzen moment haelt uns phil fest, erfragt ein letztes ok, ein blick in die kamera - smile! - und dann fallen wir. kugel durch die luft, laut und kalt. orientierungslos. ich weiss nicht wie mir geschieht und es braucht ein paar sekunden, bis dass es ankommt. ich fliege! noch haelt mich phil fest in seinen armen. ist das genial! jubel! phil, wir fallen durch die wolken und durch die sonne!!! er laesst mich los und ich kann meine arme ausstrecken. wild und sturmvogelfrei! bisher war ich viel zu beschaeftigt mit all dem wahrnehmen, aber es ist an der zeit zu schreien: UUUUUUUUHH! wir sind so schnell, dass alles laute hinter uns zurueckbleibt. und wir fallen: in ein meer voller gelber blumen und leuchtend blauem see. so unvergleichbar, so unglaublich und einzigartig. allerdings merke ich, wie sich einer der klettverschluesse meiner tevas loest. mist! krampfhaft versuche ich meine fuesse irgendwie so zu halten, dass mein schuh bei mir bleibt und nicht irgend jemanden aus dieser hoehe auf den kopf faellt. ein bisschen was versucht mir phil von der landschaft zu zeigen - ich sehe die berge, auf die ich in den letzten tagen aufgestigen bin. irgendwann ist es noch genau ein kilometer bis zur erde. rundum ein kilometer. das ist cool! mal eine ganz andere dimension von der groesse und entfernung. und dann geht der fallschirm auf udn unser fall wird jaeh abgebremst. der fahrtwind sinkt und ich verstehe phil akkustisch wieder etwas besser. und extra fuer die ladie: ganz viele spins! mein bauch sagt gar nichts mehr - es ist, als ob alles anhaelt. ich wuensch mir nichts sehnlicher, als dass es aufhoert und ewig so weiter geht zugleich.rund und rund und nochmal und nochmal und ganz schnell! phil!!!ein bisschen sorge habe ich schon - wenn es ihm grade auch nur annaehernd so geht wie mir - und wir haengen am gleichen fallschirm - dann waere es ein wunder, wenn er noch irgendetwas tun kann. mein koerper zumindest ist vollkommen ausser gefecht gesetzt. noch einen augenblick im jetzt versinken und dann wird es ruhiger; phil gibt unserem flug wieder einen kurs und setzt zum landen an. in einem kleinen feld, mitten auf der wiese. kurz vor dem boden sind wir allerdings immer noch sehr schnell, finde ich, aber alles geht gut und wir landen im stehen. voller freude will ich phil erstmal umarmen; aber das geht natuerlich nicht, weil ich noch bei ihm eingeklickt bin. so kugel ich mit phil lachend durch das gras und verhedder uns erstmal erfolgreich im fallschirm. danke phil, das war wundervoll!!! und dann muessen wir die landbahn freimachen. waehrend ich auf dem feld warten muss, ist es fuer phil bereits zeit fuer den naechsten sprung. keine 15 minuten spaeter, steigt er bereits wieder ins flugzeug. wie gerne ich das auch tun wuerde... nach und nach kommen die anderen auch unten an. zeit fuer die taufe, zeit den boden zu kuessen und die fliegermuetzen von uns zu werfen. das schicke outfit ausziehen und zum alltag zurueck zu kehren. ich warte noch auf phil, der bald von seinem naechsten sprung zurueckkehren muesste. aber auch diesem sprung folgt ein weiterer udn so bleibt kaum zeit dazwischen. so folge ich meinen pfaden - ich bin mir sicher wir sehen uns wieder, irgendwo auf dieser welt!
zurueck in die stadt. ein sonnendurchfluteter, perfekter tag! internet, shoppen und zivilisation. abends zurueck trampen. als ich ankomme ist niemand da, aber ich weiss wo der schluessel liegt. ich koche mir etwas und packe meine sachen. morgen werde ich weiter ziehen. rotorua...