ist es nicht der abschied, der uns leben gibt und uns zu neuen wegen, neuen zielen führt?
so nehme ich sie bei der hand, die zeit zwischen examen und dem leben danach, lasse zurück, was ich einmal hatte, setzte einen fuss vor den anderen und umrunde ihn, unseren globus. mit all meinem mut für eine hand voll augenblick...
das dasein für das hier... streben ohne ziel... treiben in dieser welt... den kopf ab und zu verlieren... mag der verstand auch nicht verstehn, das herz immer...
guatemala: vamos a cantar...: procedi
15.07.07, 12.29h, granada, nicaragua
procedi - im projekt
12h, treffpunkt metronorte. wo sollten wir auf saskia warten? gegenueber vom burgerking. mmh - der hat aber genau vier seiten. strategisch entscheiden wir uns fuer einen ort, an dem sie theoretisch nicht an uns vorbeifahren kann. puenktlich ein bisschen spaeter biegt ein weisser bus um die ecke. wie im ejw - das ist saskia! zusammen mit den zwei kindern, die uns gringas gestern, einen tag nach den gefuerchteten wahlen, entdeckt haben und quasi die welle der begegnungsketten in gang gesetzt haben.
gemeinsam fahren wir in das das viertel lomas de santa faz. mit ihr viel sicherer, weil sie hier jeder kennt.
hinter den toren - alles anderes als gestern: es wusselt und lebt! die baustelle ist zwar nach wie vor da, tritt aber hinter den kindern zurueck. die bereiten den ersten teil des viertaegigen festes zum unabhaengigkeitstag von guatemala am 15.9 vor. girlanden, luftballons, eine freie ecke, die als buehne gedacht ist, um die stuehle aus den klassenraeumen stehen, eine anlage und ein mikrophon.
das tor zu procedi
ehe wir uns versehen haben wir zwei kinder, die nicht uns gehoeren, an den haenden. alle begruessen uns, wollen wissen wer wir sind und was sich aufregendes in der gitarrenhuelle verbirgt. die form ist ihnen - wie allen anderen, denen wir begegnet sind -unbekannt. mit ihrem strahlen und lachen haben sie laengst unsere herzer erobert. auf den ersten blick wirken sie nicht so arm, wie ich es erwartet haette. die kleider sind, wenn auch nicht die neusten, verhaeltnismaessig wenig dreckig und zerrissen und ueberall springen kinder in schicken trachten und kostuemen herum, die sie sich fuer das fest geliehen haben. letzteres verfaelscht vielleicht ein bisschen den alltag. den lauesen, wuermern und floehen, die sie hier alle haben, werden wir uns erst nach ein paar worten, die wir mit saskia wechseln, bewusst. jetzt sehen wir sie auch, die laeuse zumindest, und es faengt sofort an zu jucken. der illusion, dass wir da so raus kommen, geben wir uns vorsichtshalber erst gar nicht hin. die naechsten tage werden wir unsere eigenen haare mal etwas genauer im blick behalten... den sozialen umgang der kinder untereinander finde ich sehr reich. und ich bin ueberrascht wie viele eltern gekommen sind, um bei dem fest von ihren kindern mit dabei zu sein. fast alle. was wir nicht sehen sind die geschichten der kinder. eine idee davon bekommen wir nur ueber das, was saskia ueber das leben hier in santa faz und in der ganzen stadt erzaehlt.
allein im letzten monat wurden 150 busfahrer in der stadt erschossen. saskia vermutet aufgrund der wahlen, von den politikern organisiert, um stimmen zu gewinnen und damit sie nach den wahlen fuer "ruhe" sorgen koennen. juan carlos glaubt eher wegen dem geld: am ende des tages haben sie um die 2000 (etwa 200 euro) quetzales zusammen gefahren. davon muessen sie sprit, reparaturen und ihre schreienden jungs bezahlen - der rest gehoert ihnen und ist alles, was sie haben. UND verteidigen - in einem land, wo korruption herrscht und der tod von irgendwem niemanden interessiert. am naechsten tag sitzt ein anderer fahrer am steuer...
auch maria, juan carlos frau, erzaehlt, dass beim abholen der kinder ein mann zu ihr ins auto gestiegen ist, ihr eine waffe an den hals gedrueckt hat, sie zusammen irgendwohin gefahren sind, wo er sie und die kinder rausgeschmissen hat, um das auto zu klauen.
die anderen geschichten sind zum teil so grausam, dass ich sie hier nicht erzaehlen werde. sicherheit ist hier pure illusion - mehr als irgendwo anders. wer hier lebt, lebt damit. mitten drin.
unter tuechern zum schutz vor der sonne kuscheln sich die kinder immer wieder an uns
die ganze woche findet wegen der wahlen und dem unabhaenigkeitstag kein normaler schulunterricht statt. heute werden die konigin procedi, die der weissen blume, der nabhaenigkeit und die des sportes gewaehlt. bevor wir es wissen, sind wir schon als jury eingeplant, wobei wir dankenswerterweise von saskia ausfuerlich beraten werden, welchen kindern, was gut tun wuerde. eben doch ein paedagogik-schuppen...
in traditionellen trachten
die nationalhymne erklinkt. hand auf's herz und alle singen, waehrend drei kinder die blau-weisse flagge guatemalas auf den hof tragen und drei die deutsche (da procedi ein deutsches projekt ist). fuenf paerchen - jeweils ein junge, der ein maedchen bei der hand fuerht - praesentieren sich huebsch zurecht geschminkt in der traditionellen tracht. die maedchen stellen sich vor und werden gefragt, was ihnen als koenigin von procedi wichtig waere. dass kein muell in der schule auf dem boden liegt, dass die lehrer geachtet werden, dass alle nett zueinander sind,...
sportlich
die zweite runde gilt dem sport. eine kleine aus der zweiten klasse erscheint in einem kurzen tennis-dress. bauchfrei und mit stylischer frisur und tennisschlaeger! huh! denken wir. wenn das mal nicht knapp ist...
elegant
dritte und letzte runde: abendkleider! in feinem balloutfit wartensie auf, flanieren ueber den staubigen hof. die anzuege zum teil so gross, dass sie gaenzlich darin versinken. und die kleider und frisuren der maedchen... da hat sich jemand muehe gegeben. mir war es selbst fuer meinen abschlussball zu anstrengend mir die ganzen sachen zusammen zu leihen - ich bin einfach nicht hingegangen. respekt!
mit hut
sie fotografieren sich selbst
beim tanzen
die koenigin procedi mit ihrem jungen in viel zu grosser robe
nach der wahl kehrt etwas ruhe ein. meine kamera und meine gitarre lieben sie. sie springen herum, fotografieren und fuellen in windeseile meinen speicher. von den anderen werde immer wieder gebeten otra canta! als ich muede werde druecke ich ihnen die gitarre in die hand und lasse sie selbst spielen. schief und schepp und zwei dreimal zucke ich zusammen, als ich ihr wildsein damit beobachte. es sind eben doch ganz normale kinder...
zum abschied druecken sie uns nocheinmal fest. ob wir sie wiedersehen ist ungewiss - wir haben unser morgen noch nicht geplant. saskia nimmt uns mit in die zone zehn.
abends, nachdem wir mit juan carlos und maria abgeklaert haben, dass wir noch eine weitere nacht bleiben koennen, entschieden wir uns fuer einen weiteren tag mit den kindern im procedi projekt.
erschoepft von der sonne beobachten sie das treiben
saskia mit keinem kind...
...und mit einem anderen
zum tage der kroenung, der gestern gewaehlten koeniginnen, werden wir ueberschwenglich und liebevoll begruesst. die kinder kommen auf usn zugerannt und umarmen uns. señor ana nennen sie mich. señor wird hier nicht maennlich gedacht, sondern fuer lehrer und lehrerinnen gebraucht, was wir automatisch fuer sie sind, da wir fuer sie aussehen wie saskia. von saskia schliessen sie auf uns, dass auch wir vertrauenswuerdig und lieb sein muessen. kinderlogik! wir werden ueberschuettet mit fragen, die wir nicht alle verstehen, und einige lassen uns gar nicht mehr los. gott ist das suess! und irgendwann kommt auch die frage nach meiner kamera - die haetten sie gerne wieder. vertrauensvoll gebe ich sie ihnen in die haende und lasse sie ziehen. ich weiss ja, dass sie spaetestens, wenn der speicher voll ist, wieder hilfesuchend vor mit stehen werden. diesmal sind es aber die batterien, die schneller sind. da habe ich kein ersatz dabei. schade, dass war's dann wohl mit weiteren bildern. aber so erleben wir fotostressfrei, weil nicht alle die kamera auf einmal haben wollen, die kroenung. ein schoenes fest. ein bisschen was besonderes. und wiedereinmal stehen die tore von procedi offen. viele menschen aus dem viertel feiern mit. als wir anschliessend abbauen, kommen frauen ein paar frauen auf mich zu, fragen danach, ab wann ihre kinder auf die schule gehen koennen, wie das mit den stipendien funktioniert usw. sie verwechseln mich mit saskia, wie mir bald klar wird. dezent schicke ich sie weiter.
ich glaube es war ein gutes fest, wenn die leute freiwillig und gerne nun ihre kinder zur schule schicken wollen.
nach und nach verabschieden sich die kinder - wir essen noch mit saskia und drei verbliebenen kindern die aussergewoehnlichsten hotdogs, die mir je begegnet sind.
nun wird es auch zeit fuer uns. adios procedi und vielen, lieben dank, saskia!
sehr, sehr eindrucksvoll!!!