ist es nicht der abschied, der uns leben gibt und uns zu neuen wegen, neuen zielen führt?
so nehme ich sie bei der hand, die zeit zwischen examen und dem leben danach, lasse zurück, was ich einmal hatte, setzte einen fuss vor den anderen und umrunde ihn, unseren globus. mit all meinem mut für eine hand voll augenblick...
das dasein für das hier... streben ohne ziel... treiben in dieser welt... den kopf ab und zu verlieren... mag der verstand auch nicht verstehn, das herz immer...
5.09.2007,10.47h, flores, guatemala
semuc champey
nach einer viel zu langen, bzw. kurzen und alkoholreichen nacht schlagen wir frueh unser zeltchen ab und brechen auf, nach semuc champey. nachdem unsere rucksaecke grade auf dem minibus verstaut sind und wir gut sitzen, kommt eine gruppe von touristen, die die tour gebucht hat und die folglich mehr bezahlt haben als wir. es sind zu viele als dass wir alle rein passen wuerden. also muessen wir wieder aussteigen. umsteigen auf den pick up gegenueber, der aber auch direkt losfaehrt. drin stehend den fahrtwind geniessen. ueber einsame wege, hoch oben in den bergen. es ruckelt und die schlagloecher sind groesser als je. ich geniesse die landschaft.
am hotel marias steigen wir aus. es liegt direkt am see, 10 minuten zu fuss von den eingaengen zu semuc. so luxerioes und westlich wie die letzten beiden tage ist es hier nicht, dafuer einheimischer. der grund zum zelten erweckt nicht wirklich unser vertrauen, weshalb wir in das matratzenlager unter dem offenen dach ziehen. wirklich einschliessen koennen wir hier nichts, aber wenn wir hier bleiben wollen, muessen wir dem wohl trauen. mit zu den wasserfaellen und -becken wollen wir unsere rucksaecke nicht mitschleppen. dafuer sind sie viel zu schwer geworden, in den letzten wochen. nur die paesse und meine gitarre geben wir an der rezeption ab. der nette herr dahinter erklaert uns noch den weg wie wir laufen muessen und dann sind wir auch schon unterwegs. maisfelder, palmen, kardamon, tropenpflanzen, kleine huetten und sonnenschein begleiten unsern weg. am eingang trennen sich unsere wege - ich steige zunaechst hoch, um einen blick von oben auf den wasserzauber zu haben. der weg ist steil und wieder einmal wird mir bewusst, wie wenig sicherheitsstandarts es in diesem land gibt. mehr provisorisch als planvoll und ueberlegt sind immerhin ab und zu ein paar pfloecke in den boden eingegraben, an denen man sich an den steilen felsen und matschigen stellen festhalten und abstuetzen kann. dschungel um mich herum und einsamkeit. ausser mir ist hier niemand. alleine sein in guatemala - dem sagt man nach, dass es gefaehrlich sei. ich frage mich, ob sich das auf den zustand des weges bezieht, weil hier abzustuerzen waere ein leichtes. ich komme auf jeden fall heil oben an und freu mich ueber die aussicht. weit unten im tal liegen sie, die becken und wasserfaelle von semuc champey. tuerkis-blau und ockerfarbener grund. rund herum gruen und strahlend blauer himmel. steil aufragende und doch milde huegel und bergkuppen. kreidefelsen und ueberall tropischer wald.
unten dann ein wilder, gewaltiger fluss, der groesstenteils unter den becken verschwindet. noch weiter unten kommt er wieder heraus aus der erde. einen moment lasse ich mich von der gewalt einnehmen, bevor ich mich in die ruhigen lagunen ueber dem wilden fluss stuerze. kuehles, glasklares wasser. erfrischend und wundervoll. hier in der gegend gefaellt mir guatemala am besten.
genau zur richtigen zeit tauchen ein paar kinder auf und fragen, ob wir hunger haetten. sie haben tortillas und huehnchen. das mag ich an guatemala. man muss an nichts selber denken. immer kommt es zu einem. (das es mich meistens eher nervt, wenn man mir alles anzudrehen versucht, verdraenge ich in dem moment erfolgreich). das huhn hier ist scharf gewuerzt und auf seine weise ganz anders als sonst. aber lecker! sehr sogar.
nach dem ein paar stunden plantschen und dem huhn brechen wir auf, zurueck zum hotel und weiter zu den hoehlen. die machen wir als tour, da sie, dadurch dass wir bei den besitzern im hotel wohnen, guenstiger als sonst daran kommen.
zu den gruenden der fluesse: die tour durch die hoehlennoch ein wenig erschoepft von dem morgen brechen wir nichts boeses ahnend auf, zu der tour durch die hoehlen bei semuc shampey. aus den erzaehlungen von anderen glauben wir in etwa zu wissen, was auf uns zukommen wird: im schein vom kerzenlicht durch die hoehlen gefuehrt werden, wobei wir hier und da schwimmen muessen. in meinen gedanken male ich dazu bilder von schoenen tropfsteinen, wie ich sie kenne. alles in allem klingt das fuer mich verwegen und romantisch, aber fern ist mir der gedanke an ein spektakulaeres abenteuer. aber genau darauf bewegen wir uns zu und muessen nicht mal lange darauf warten, dass es los geht! bevor wir in die hoehlen steigen, darf ich mich an einer riesigen schaukel in die hoehen schwingen. aus etwa sechs oder sieben meter hoehe springe ich dann ab, hinunter in die tiefen des wilden flusses, in dem wir morgens baden und auf dem wir tags zuvor tuben waren. huh, ist as aufregend! erst der schwung, dann das loslassen, das fallen, die wucht, die einem den bikini wegreisst, die tiefen des wassers, in die man geschleudert wird und das reissen des flusses. bevor ich ueberhaupt alles realisiert habe, was grade geschehen ist, zwingt mich die stroemung mit aller kraft zum ufer zu schwimmen. ganz schoen taff! aber weils so schnell ging, mach ich das ganze gleich noch mal, um es zu begreifen.
mein adrenalin - pegel ist angehoben - jetzt kann's wirklich losgehen! Nur wir und der guide. wir bekommen jeder eine kerze und steigen hinab zu der hoehle. der eingang liegt in einer art becken, das wasser reicht mir bereits hier gut bis zum bauchnabel. mit jedem schritt lassen wir in bisschen mehr tageslicht zurueck. irgendwann ist es voellig dunkel, mit ausnahme des kerzenlichtes. Aufregend und kribbeln in den fingern. so dunkel und irgendwie kein fester grund unter den fuessen. die akkustik: in den hoehlen droehnt es. hier drinnen entspringen die kleinen baeche, die zu dem grossen, reissenden fluss dort draussen werden; suchen sich ihre wege hinaus ins freie. ueber uns fledermaeuse, die wir hier und da aufschrecken. verworrenes gestein, tropfen, die herunter ragen, felsen, an die wir immer wieder anstossen. irgendwann wir das wasser zu tief, als das wir noch stehen koennten. mit den kerzen in den haenden beginnen wir zu schwimmen. verborgene winkel, kleine schaechte. immer wieder klettern wir aus dem wasser, um uns an den waenden entlang zu hangeln, um daran hoch zu klettern. wir krabbeln durch schaechte in angrenzende hoehlen. ein gewirr von gaengen, immer tiefer und tiefer hinein.
irgendwann deutet er an, dass wir an den felsen hoch klettern sollen. alles ist glitschig und ich frage mich wohin dann. weiter geht es nicht. springen. wohin? in das wasser unter uns. wieder und wieder fragen wir nach. das kann er nicht ernst gemeint haben, dass wir aus drei metern hoehe in ein schwarzes loch springen sollen. irgendwas muessen wir falsch verstanden haben. so tief war das wasser bisher nicht und wir sehen kaum etwas. nachdem wir glauben nicht zu begreifen, ergreift er die initative und springt als erster. wohlbehalten taucht er nach ein paar sekunden wieder auf, aus dem wasser. jetzt sind wir dran. ich muss verrueckt sein, dass ich das grade tue. in keinen unbekannten gewaesser schwimmen, klingen weit entfernt die worte in mir, die ich als kind fleissig gelernt habe. und jetzt springe ich in sie. in gedanken zaehle ich von drei zurueck und tue es einfach. beim auftauchen bleibe ich an einem felsen haengen, sodass mein kopf lange unter wasser bleibt. ein hauch von panik kommt in mir auf. dazu kommt, dass ich nichts sehe. sonst taucht man gen licht - diesmal tauche in eine leere. nach einer kleinen ewigkeit dringt das matte licht der kerzen zu mir durch. uhh!
weiter fuehren uns unsere wege hin in die richtung, aus der das droehnen kommt. immer lauter wird es um uns. hinter einer biegung sehen wir ihn dann - ein fluss der voller kraft sprudelt und alles mit sich reisst. durch den muessen wir durch, gegen seine stroemung fuehrt unser weg. an den felswaenden ist notduerftig ein seil befestigt, an dem wir uns jetzt gegen die stroemung weiter ziehen. und das im fast dunklen. ich weiss nie, wo ich hintrete. ueberall wasser und schwarz. ich spuere noch wie sich die verschluesse meiner tevas unter der stroemung oeffnen. bevor sie verschellen, ziehe ich sie aus und wir haengen sie in die felsen. auf dem rueckweg sammeln wir sie ein. alles ist so absurd und abstrakt. ich bin noch nie einen wasserfall hochgeklettert. jetzt bin ich mitten drin. ausser einer provisorischen leiter gibt uns nichts halt. laengst weiss ich nicht mehr wo ich bin. der zug, der durch den wasserfall entsteht loescht unsere kerzen. ausser einer stirnlampe, die unser guide dabei hat, bleibt uns kein licht. oben angekommen kauern wir uns an die felswaende. der platz zum dasein ist eng. einem weiteren gang folgen wir und wieder eine hoehle. diesesmal gross und geraeumig. an den ufern des sees ruhen wir uns aus. ueber uns sind flache felsplatten - wenn man sie anschlaegt, klingen sie wie trommeln. das letzte licht wird geloescht. weit, weit weg von jedem tageslicht sitzen wir da im dunkeln. auf eine weise voellig ausgeliefert. die einzigste taschenlampe und die streichhoelzer liegen in den haenden von unserem fuehrer. ich bin mir sicher, alleine wuerden wir hier im dunkeln nie raus finden. dafuer sind wir viel zu tief drin. machtlos. hilflos. eine weile lauschen wir der hoehle; dem dumpfen hall, dem fernen wasserfaellen. irgendwann fange ich an zu singen. erst leise, dann mit voller stimme. ich stehe in einem riesigen klangkoerper. die hoehle verstaerkt jeden ton um ein vielfaches. ich freu mich voll und es erfuellt mich. es dauert eine weile bis ich merke, dass wieder eine kerze brennt. ich hatte die augen geschlossen. was auch langsam zu mir durchdringt ist die kaelte. seit mehr als einer stunde sind wir inzwischen in dem kalten wasser unterwegs. ich merke, dass meine fuesse beginnen taub zu werden. das betaeubt und verstaerkt zugleich den schmerz, wenn ich an einem felsen anstosse. zurueck nehmen wir teilweise einen anderen weg. an einer stelle verschwindet das wasser im berg. da sollen wir durch. durch ein kleines loch, nicht viel breiter als ich, voellig ausgefuellt von dem reissenden wasser, das hindurch fliesst. was dahinter liegt? ich weiss es nicht. unbekanntes. vielleicht tageslicht? an der stelle zweifel ich tatsaechlich. es scheint mir unmoeglich kopfueber mit der stroemung in den berg gezogen zu werden. das kann nicht ernst gemeint sein. aber er fragt mich, ob er vorgehen soll. ja bitte! ich bin doch nicht lebensmuede. noch immer glaube ich nicht, dass er es ernst meint. aber er zoegert nicht. mit dem kopf voran verschlingt ihn das wasser, zieht ihn mit sich. zuletzt sehe ich seine fuesse, bevor auch sie verschwinden. wie in den abenteuerbuechern meiner kindheit. geheime gaenge, im unbekannten auftauchen. o mein gott! aber er wird wissen was er tut. wie in trance folge ich ihm. sobald ich mich ins wasser begebe zieht es an mir. noch halte ich mich, aber zurueck kann ich nicht mehr. es ist voellig dunkel, ich weiss nicht wo ich rauskommen werde, was auf mich zukommt. er ist dadurch, dann schaffe ich das auch. ich nehme all meinen mut zusammen. ziehe meine arme dicht an meinen koerper und lasse mich von der stoemung verschlingen. es zieht mich durch einen felsspalt. einen moment lang ist alles umspuelt und eng bevor ich in einer anderen hohle wieder auftauche. noch immer ist die stroemung stark und ich sehe nicht wo ich hin treibe, spuere nur wie mich zwei haende greifen und aus dem strudel ans ufer ziehen. jetzt dringt auch das licht seiner lampe zu mir. wow! ich hab's getan! ich kann mich nicht daran erinnern jemals etwas so verrucktes getan zu haben, etwas so aufregendes erlebt zu haben. noch voellig benommen gibt er mit zu verstehen, dass er es mir nicht zugetraut haette und gratuliert mir. aber alles, was ich noch wahr nehme ist meine erschoepfung und die kaelte. inzwischen zitter ich nur noch. ich will hier raus und ins warme. ich bin dankbar dafuer, dass es nicht mehr weit ist.
tubing die dritte
draussen warten dann noch zweieinhalb kilometer tubing bis zu unserem hotel auf uns. woher ich dafuer noch die kraft nehmen soll? aber anders als die letzten beiden male weiter flussabwaehrts, laesst tuben wir nicht alleine und einzeln mit unseren reifen, sondern wir verkaken uns ineinander und bilden eine kette. dadurch werden wir von der stroemung nicht willkuerlich hin und her geworfen, sondern wir vereinen unsere kraefte. dankbar dafuer! und bald schon erreichen wir das ufer zu unserem hotel.
musik und tanz
erschoepft von dem tag und der nacht zuvor ist mir nach schlafen. ich freu mich noch auf das abendessen und danach... aber kaum dass ich den hotelbereich betrete, kommen auch schon drei leute auf mich zu und fragen nach meiner gitarre und meinen, dass ich heute abend unbedingt spielen muesse. das war's dann wohl mit schlafen. morgen ist auch noch ein tag und es wird auch wieder eine ruhige nacht kommen. irgendwann. jetzt ist erstmal die zeit zum singen und tanzen. insgesamt sind wir drei leute, die gitarre spielen koennen. so wandert sie hin und her zwischen uns. von hinter der rezeption wird uns ein mikrofon gereicht, um den klang zu verstaerken. einer der einheimischen holt seinen kontrabass dazu und die leute packen rhythmus-instrumente aus muscheln aus. wir spielen lieder von buena vista social club und manu ciao. lieder aus guatemala, aus australien und deutschland. bekannte und unbekannte. mal alleine und mal alle zusammen. dazu wird getanzt. die stimmung ist wundervoll und traegt mich ueber meine muedigkeit hinweg.
als um zehn uhr der strom ausgeht, ziehen wir mit kerzen hinunter zum flussufer. langsam werden die lieder ruhiger. rotwein und sternenhimmel. und musik!
bei dem wein denke ich daran, dass zu hause jetzt die zeit des neuen weins gekommen ist, dass es herbst wird, dass es die ersten lebkuchen fuer weihnachten in den laeden geben muesste und dass am wochenende die trifels sein wird. das alles ist hier weit weg. ganz oft vergesse ich das, weil mich das treiben um mich herum so einnimmt, aber manchmal - so wie jetzt - da bricht die erinnerung durch...