Weihnachten in Guatemala

Reisezeit: Dezember 2007 - Januar 2008  |  von Beatrice Feldbauer

Eindruecke

Lazaro

Der kleine Papagei im Hof heisst Lazaro. Früher hiess er Perrito. Eines Tages ist Reyna versehentlich auf ihn getreten. Er suchte am Boden Futter und sie hatte ihn nicht gesehen. Er war sofort tot. Er hatte die Augen geschlossen, die Flügel liess er hängen und er gab keinen Mucks mehr von sich, wie sehr man ihn auch schüttelte. Er war mausetot. Kurz darauf kam die kleine Julissa nach Hause. Der kleine Papagei war ihr absoluter Liebling und sie wollte nicht wahr haben, dass er nicht mehr lebte. Sie weinte, sie heulte und konnte sich überhaupt nicht mehr beruhigen. Ihr kleiner Freund durfte nicht tot sein. Sie hob ihn auf, küsste und streichelte ihn. Aber es half nichts, Perrito war tot. Da fing sie in ihrer Verzweiflung an, ihn zu massieren, legte ihm Eis auf und brachte ihn an die Sonne. Sie gab ihm alle Wärme, die sie aufbringen konnte.

Die Erwachsenen liessen sie gewähren, dachten wohl, es wäre am besten, wenn sie selber erfahren würde, was es heisst, tot zu sein. Julissa hörte nicht auf, den kleinen Vogel zu massieren, seinen Körper, sein Köpfchen, seine Flügel mit ihren kleinen Fingern zu streicheln. Niemand konnte sie davon überzeugen, dass der kleine Vogel wirklich tot sei. Und dann, nach über einer Stunde geduldiger Massage, ging ein kurzes Zittern durch den kleinen Körper. Der Vogel schlug ein Auge auf. Er schüttelte den Kopf, streckte seine Flügel und - stand auf. Er musste sich noch ein paar mal schütteln und seine Federn in Ordnung bringen, aber kurze Zeit später sass er wieder auf seiner Stange im Garten. Julissa war überglücklich und seither heisst Perrito Lazaro.

Reyna, die Königin

Sonntagnachmittag. Rigoberto hatte es sich vor dem Fernseher gemütlich gemacht. Madrid - Barcelona wurde übertragen. Als ein Treffer im Tor landete, konnte der Kommentator überhaupt nicht mehr aufhören GOAAAAAAAAL zu schreien. Fussball ist international. Cindy hatte lange geschlafen und werkelte etwas in der Küche. Ich lag auf dem Bett und lies. Alles in allem ein friedlicher ruhiger Sonntag-Nachmittag, der nur durch das Läuten des Telefons unterbrochen wurde.

Es war gar nicht laut gewesen, das Läuten und trotzdem war es danach mit der Ruhe vorbei. "Reyna ist schon in der Hauptstadt, ich muss sie abholen", erklärte Rigoberto. Vorher musste aber noch einiges erledigt werden. Die Reste der Blumen, die er gestern im Hof arrangiert hatte, lagen noch herum, Piniennadeln mussten rund um die Krippe verteilt und der ganze Abfall entsorgt werden. "Sie wird nicht die Blumen sehen, alles was sie sieht, ist der Abfall", meinte er augenzwinkernd. Unglaublich, was der Mann plötzlich innerhalb von 10 Minunten erledigen konnte. Ungehört wurden im Wohnzimmer Goals kommentiert, Rigo spritzte den Vorplatz ab, Cindy wusch ab und wischte den Küchenboden auf.

Auch ich war aus meiner Lethargie erwachte, klappte das Buch zu und nutzte die Gelegenheit, mit Rigo nach Antigua zu fahren. Mit der Ruhe war es jetzt vorbei.

Im Parque Central

"Du bist bleich" hatte mir Rebeca bei der Begrüssung gesagt, "du brauchst unbedingt etwas Sonne" Kein Wunder bei dem Hochnebel, den wir in den letzten Wochen in der Innerschweiz hatten. Also setze ich mich an diesem warmen Sonntagnachmittag in den Parque Central auf die einzige Bank, die von der Sonne beschienen ist. Es ist auch die einzige Bank, die noch frei ist, denn die Guatemalteken halten sich gern im Schatten auf.

Der Parque Central, dieser quadratische Park in der Mitte der kolonialen Stadt mit den parallelen Strassen die von Süden nach Norden und von Westen nach Osten verlaufen. Hinter mir steht die Kathedrale, respektive das, was nach dem letzten Erdbeben vor 300 Jahren noch von dieser stolzen Kirche übrig geblieben war. Weiss leuchtet die Fassade mit den vielen steinernen Heiligen im Sonnenschein.

Gestern hatte hier eine Hochzeit stattgefunden. Wunderschöne Frauen in eleganten langen Kleidern und hohen Stöckelschuhen waren da. Hätte ich meine High Heels wohl auch einpacken sollen? Ach was, ich könnte mir gar nicht vorstellen, wie ich mit diesen Absätzen über die Pflastersteine, für die Antigua berühmt ist, stöckeln sollte. Die Damen schienen allesamt mit dem Taxi gekommen zu sein. Mit ihren langen offenen Haaren, den schulterfreien Kleidern, engen Corsets und schulterfreien Tops strahlten sie pure Weiblichkeit aus. Elegant im Anzug die Herren. Die ganze Kirche war mit roten und weissen Weihnachtssternen geschmückt. Vorne beim Altar, flankiert von seinen Eltern, wartete der nervöse Bräutigam. Und dann kam sie, die Braut, in strahlendstem Weiss. Wie jung sie war, und wie stolz der Vater neben ihr. Mit gemischten Gefühlen folgte ich der Zeremonie, wie der Vater seine Tochter dem strahlenden Bräutigam übergab. Wie überall auf der Welt, hofft auch hier jedes junge Paar darauf, das lebenslange Glück gepachtet zu haben, aber selten bleibt es nach dem Versprechen bestehen. Spätestens nach der Geburt des ersten Kindes überlässt der Mann oft die Verantwortung der Mutter. Wie viele Geschichten habe ich schon gehört von betrunkenen Vätern, treulosen Ehemännern, von Zweitfamilien und allein erziehenden Müttern, die ihre Kinder ganz ohne Unterstützung des Vaters durchbringen müssen. Guatemala, das Land der Machos.

Auf der linken Seite des Platzes, vor dem Regierungsgebäude spielt eine Marimbaband. Noch selten hatte ich die Stadt so voller Musik erlebt. Kurz vorher war ich bei der Gruppe stehen geblieben, hatte kurz zugehört, eine CD gekauft und wurde vor den riesigen Lautsprechern vom Bass fast umgehauen. Rechts vom Park ist das alte Museum. Hier stand früher die erste Druckerpresse Amerikas. Gestern habe ich das Museum besucht, es war aber nur eine Replika ausgestellt. Immerhin wurde hier einst die erste Zeitung Lateinamerikas gedruckt.

Im Park wimmelt es von Menschen. Schwarzhaarige junge Frauen in traditionellen langen Röcken bummeln zu zweit oder in Gruppen. Sie tragen die typischen Trachten aus dem ganzen Land. Junge Männer, die sich ihrer Wirkung auf die Frauen mit jedem Zentimeter bewusst sind, alte Greise, die beim Lächeln eine Reihe schwarzer Zähne zeigen, faltige Gesichter unter steifen Cowboyhüten. Links neben mir liegt ein Penner im Gras. Notdürftig versucht er aus einem Plastiksack ein Kissen zu basteln. Touris bummeln durch den Park, immer auf der Suche nach dem spektakulärsten Bild, dem besten Blick auf die Kathedrale und den Brunnen.

Der steinerne Brunnen in der Mitte des Parks. Mit seinen drei Becken übereinander immer ein beliebtes Sujet. Da kommt einer, der bläst Seifenblasen. Riesige schillernde Seifenblasen. Die filigranen Kugeln schweben über den Platz, lassen sich vom Wind treiben. Schweben herunter auf den kleinen Schuhputzer, der gerade sein Geld zählt. Sein Vater, der mit dem klingenden Glacewägelchen daneben steht, scheint zufrieden zu sein. Schwarz sind die Hände der Schuhputzer, kein Wunder verteilen sie doch die Schuhcreme mit blossen Händen auf den Schuhen ihrer Kunden. Jedes Mal bedaure ich, keine schwarzen Schuhe zu tragen. Mit meinen weissen Sandalen kann ich den Kleinen keinen Verdienst geben.

Rechts von meiner Bank lagert eine Familie im Gras. Der Vater trägt den typischen steifen Hut und er ist sichtlich stolz auf seine Buben. Er hat gerade beim Glacehändler eine Runde Eiscreme besorgt und genüsslich schlecken die Buben ihr Eis. Ein schönes Bild. Eher selten, aber natürlich gibt es auch das, ein Vater, der sich um seine Kinder kümmert, der mit ihnen einen Ausflug in den Park macht.

Auf dem freien Platz vor mir übt ein Junge mit dem Rollbrett und daneben geht ein Mann mit seinem Husky spazieren. Vis a vis, das junge Liebespaar auf der Bank scheint die Welt um sich vergessen zu haben.

Rund um den Platz fahren die Autos. Ein paar Pferdekutschen drehen ihre Runden und ein Cowboy hat gerade Kundschaft gefunden für seine zwei Pferde. Er wird sie ein paar Runden um den Park gehen lassen.

Unterdessen sind die Schatten länger geworden. Der Penner ist aufgewacht und will offensichtlich etwas von mir. Ich verstehe ihn nicht, oder vielmehr will ihn nicht verstehen und stelle mich taub. Schwankend steht er vor mir, sagt Gracias und zeigt auf sich. Soll ich vielleicht doch zuhören, was er will, mich auf ein Gespräch einlassen? Die Entscheidung wird mir abgenommen, schon steht ein Polizist neben ihm und weist ihn höflich aber bestimmt an, weiterzugehen. Als das nichts nutzt, kommt ein zweiter Polizist und gemeinsam drängen sie den Mann weg.

Es ist kühler geworden und ich werde mir im Cafe Condessa auf der anderen Seite des Parkes eine heisse Schockolade gönnen. Beim Überqueren des Parks begegne ich einem Barcelona-Fan im Blau-roten Dress sowie einem enthusiastischem Prediger, der mit der Bibel in der Hand die ganze Welt bekehren will, und dem trotz seiner eindringlichen Stimme niemand zuhört.

Da haben die beiden Weihnachtsmänner im weissen Vollbart mehr Erfolg. Mit ihrem Ho ho ho ziehen sie die Aufmerksamkeit nicht nur der Kinder auf sich.
Fröhliche Weihnachten.

Du bist hier : Startseite Amerika Guatemala Eindruecke
Die Reise
 
Worum geht's?:
Zum 6. mal in Guatemala, das erste mal allein und ganz ohne spezielles Programm. Einfach nur da sein, Stimmungen fuehlen, Freundschaften auffrischen, Geschichten hoeren und erzaehlen. Vielleicht interessiert sich jemand fuer diese Art der Reisebeschreibung...
Details:
Aufbruch: 21.12.2007
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 08.01.2008
Reiseziele: Guatemala
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 20 Jahren auf umdiewelt.
Bild des Autors