Gruppenreise durch Guatemala

Reisezeit: Juli / August 2009  |  von Beatrice Feldbauer

Lava

Heute kann es nicht schaden, ein währschaftes Frühstück zu bestellen. Wir wollen den Vulkan besteigen. Noch immer erwarte ich, dass jemand von der Gruppe im letzten Moment erklärt, dass er sich heute lieber einen ruhigen Tag in Antigua gönnen möchte. Ich würde das absolut verstehen, denn die vergangenen Tage waren anstrengend, voll ausgefüllt und immer am Limit. Aber wir hatten immer genügend Schlaf und so erklärt sich wohl, dass sich am Morgen alle genügend fit fühlen, den Vulkan in Angriff zu nehmen. Nino fährt uns zum kleinen Dörfchen San Francisco am Abhang des Vulkans Pacaya, in der Nähe der Hauptstadt.

ein erster Ausblick vom Aufstieg

ein erster Ausblick vom Aufstieg

Hier leiht sich jeder einen Stecken für ein paar Quetzales bei einem der Kinder, die für uns bereit stehen. René engagiert einen einheimischen Führer, Ramón und es kann losgehen. Der erste Teil führt etwas steil auf einer alten gepflasterten Strasse. Am Wegrand sitzen ein paar Männer mit Schaufel und Pickel. Es scheint, dass sie die Strasse ausbessern wollen. Im Moment ist aber gerade Pause. Sie sehen lieber den Touristen zu, wie die sich an die ersten Meter des Aufstiegs wagen.

Man könnte die Tour auch mit einem Pferd machen. Etliche Männer stehen mit ihren Pferden bereit um den Aufstieg zu erleichtern. Einer folgt uns gar in der Hoffnung, dass irgendjemandem die Puste ausgehen und er erleichtert sein Pferde-Taxi in Anspruch nehmen möchte. An einer Weggabelung bliebt Ramon stehen, fragt, ob wir den direkten, steileren Weg oder den längeren einfacheren Weg machen möchten. Es könnte fast zu einer Art Abstimmung kommen, doch René entscheidet: "wir nehmen den direkten Weg". Und wir steigen erst einmal ab. Kommt uns zwar nicht so logisch vor, doch bisher hat uns René noch nie in die Irre geführt und so folgen wir ihm durch den kühlen Wald. Es geht jetzt abwechslungsweise hinunter und hinauf, wobei irgendwann das hinauf überwiegt. Der Weg scheint eher ein ausgewaschenes Bachbett, denn ein Wanderweg zu sein doch wir kraxeln brav hinter Ramon her. Es ist angenehm kühl hier im Wald, obwohl eine hohe Luftfeuchtigkeit herrscht. Ramon ist ein sehr angenehmer Führer, immer wieder bleibt er kurz stehen, erklärt etwas, lässt uns Luft holen. Die Bäume hier im Wald sind zu einem grossen Teil Ameisenbäume. Aus ihrem Holz werden vorwiegend Marimbas gemacht.

Weg oder Bachbett?

Weg oder Bachbett?

Nach fast einer Stunde kommen wir aus dem Wald heraus und eine wunderbare Aussicht ergiesst sich vor uns. Hinunter ins Tal, mit ein paar Dörfern und über endlose Hügel und Berge. Da weit hinten ist der Pazifik, deutet Ramon an. Am Berghang an dem wir sind, stehen viele Antennen und Strommasten. Warum hat man hier eigentlich keine Seilbahn gebaut? fragt jemand. Doch für Fragen ist nicht der richtige Zeitpunkt, wir steigen weiter auf, schräg am Hang entlang und kommen irgendwann zu einer Kante. Hinter dieser Kante öffnet sich der Blick für die schwarze Lavaflanke des Vulkans Pacaya. Gewaltig sieht das aus. All diese Lava wurde vom Vulkan ausgespuckt, herausgestossen und ist beim Herunterfliessen erstarrt. "Dort der kleine Krater rechts, war vor vier Monaten noch nicht da", erklärt René. Der Vulkan ist aktiv und verändert seine Gestalt laufend. Man weiss nie genau wie weit hinauf man gehen muss, um glühende Lava zu sehen. Wir finden die schwarze erstarrte Lava schon spektakulär genug.

An einem Abhang etwas weiter unten, jagen Jugendliche den Hang herunter. Die Lava ist hier feiner Sand und die Jugendlichen tollen darin herum, rutschen herunter und schlagen Purzelbäume, als ob sie im Schnee wären. Wir halten erst einmal eine kurze Rast ein, fasziniert vom schwarzen Lavafeld, aber auch beeindruckt von dem was noch vor uns liegen könnte. Nirgends glimmt etwas Rotes. Auch ganz oben scheint alles schwarz zu sein, was gerade hinter dem weissen Dunst einer Wolke hervorkommt. Oder ist es Rauch, was den Gipfel des Vulkans bedeckt?

"Wir gehen miteinander. Jeder geht sein eigenes Tempo. Wenn jemand nicht mehr mitkommen will, meldet er das". René bleibt ruhig, er motiviert. Ramon führt die Gruppe an. Immer langsam, jeder Schritt will richtig positioniert sein. Der Weg ist eigentlich gar kein Weg. Die Führer räumen täglich ein paar Steine aus dem Weg. Irgendwie ergibt sich dadurch ein Pfad. Weiter oben wird gibt es viel Sand. Es ist die Strecke wo man auf zwei Schritte einen zurückrutscht. Dann wieder ist es erstarrte Lava in bizarren Formen. Man sieht, wie sie den Hang heruntergeflossen und im Fliessen erstarrt ist. Es gibt erstarrte Stauformen und fliessende flache Stücke. "Immer zuerst den richtigen Stand finden, bevor du den zweiten Fuss nachholst", erklärt mir Ramon. Die Oberfläche wird langsam warm. Da und dort sieht man ein Rauchwölklein aus der Erde treten. Weisse Asche zeigt an, dass hier noch vor kurzem ein Feuer brannte.

Wir sind nicht mehr die ganze Gruppe. Ein paar haben beim ersten Halt entschieden, dass sie nicht mehr weiter mitkommen wollen. Wir merken jetzt auch, dass es wichtig ist, gute Schuhe und vor allem gute Sohlen zu haben. Eigentlich habe ich in der Regel eher Mühe mit steilen Aufstiegen, aber ich merke, dass man mir genügend Zeit lässt, immer wieder richtig durchzuatmen und so steige ich weiter mit.

Rene hat die Information erhalten, dass hinter der nächsten Klippe flüssige Lava sichtbar sei. Also weiter. Fuss vor Fuss, Schritt vor Schritt. Aufpassen, den Boden nicht berühren, denn er könnte heiss sein. Wie weit es wohl noch ist? Noch' vier quadras', sagt da ein Mann neben mir in sein Funkgerät. Scheint ein Städter zu sein, denn mit Häuserblocks rechnet man sonst nur in den Strassen einer Stadt.

Es müssen mindestens 3 Schulklassen unterwegs sein. Die Jungs überbieten sich im aufwärts stürmen. Sie schreien, sie lachen und bieten immer wieder einmal eine Hand, wenn sie sehen, dass jemand etwas Mühe mit dem nächsten Schritt hat. Je weiter wir hinauf kommen, desto ruhiger werden aber auch die Schüler. Und da sehen wir plötzlich rot.

Wir haben die Kante erreicht. Etwas glüht da im schwarzen Untergrund. Das muss Lava sein. Weiter oben hätte es noch mehr, sagt man uns, also kraxle ich weiter. "it's worth it", sagt da ein Amerikaner zu mir, der bereits auf dem Abstieg ist. Wahrscheinlich hat er erkannt, dass jeder Schritt mühsam wird. Wir haben die Kante erreicht, noch ein paar Schritte gerade aus. Und noch einen kleinen Buckel. Und da ist er: Der Lavastrom.

Ich glaube kaum, was ich da sehe. Drei Meter vor mir fliesst ein breiter Fluss glühende Lava aus dem Berg. Fasziniert sehe ich ihn an, merke kaum, dass hinter mir gedrängt wird. Ramon weist mir den Weg weiter, da wo die Sicht noch besser ist. Wir werden alle ganz ruhig, andächtig. Nie hätte ich geglaubt, dass es möglich ist, so nahe an glühende, Lava zu kommen. Wie ein lebendiges Wesen, in Bewegung, fliessend, unwirklich.

Nur langsam komme ich zurück in die Gegenwart und frage mich, ob das ganze nicht gar gefährlich sei. Wenn ich mit dem Stecken auf den schwarzen Untergrund klopfe, tönt es hohl erauf. Auserdem riecht es nach verbrannten Sohlen. Die Hitze, die aus dem heissen Boden aufsteigt ist wie in einem Backofen und auf der Haut fühle ich einen brennenden Schmerz. Ramon zeigt mir den Weg zurück über eine Spalte. Und da überkommt mich zum ersten mal richtige Angst. Wie eine Gletscherspalte sieht es aus. Was, wenn ich hier stolpere. Aus diesem Höllenofen gibt es kein Entrinnen. Doch Ramon gibt mir seine Hand und Sepp hält mir den Stecken hin. So ist es eigentlich nur ein ganz kleiner Schritt auf die andere Seite.

Der Abstieg ist fast noch tückischer, als der Aufstieg. Man muss sich schon richtig konzentrieren, damit man nicht hinfällt. Lava hat sehr scharfe Kanten, man könnte sich ernsthaft verletzen. Irgendwie schweben wir alle in einer unglaublichen Euphorie. Uns kann im Moment nichts mehr passieren, wir haben den glühenden Lavafluss gesehen.

Im Basislager treffen wir auf den Rest der Gruppe. Erst einmal erzählen, ausruhen und dann drängt Ramon zum Abstieg. Es kann Regen geben, meint er und eine halbe Stunde fängt es an zu tropfen. Wir sind allerdings schon bald im schützenden Wald und eine Stunde später zurück auf der ersten steilen Etappe. Die Männer sitzen bereits wieder neben dem Weg. Wahrscheinlich ist es ebenso spannend, Touristen zu beobachten, die die Lava gesehen haben, wie die welche erst im Aufstieg sind.

Im Hotel ruhen wir uns erst einmal aus, ein paar gehen noch einkaufen und andere suchen eine ruhige Jassecke. Später führt uns René zum Abschlussessen aus. Das Restaurant Welten ist eines der allerbesten in Antigua und es wird seinem Ruf auch heute gerecht.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Diesmal bin ich mit einer Gruppe unterwegs. Wir besuchen die faszinierenden Mayastätten und die quirligen bunten Märkte. Die Reise mit der Gruppe ergibt auch für mich einen ganz neuen Blick auf dieses Land, das ich von mehreren Aufenthalten zu kennen glaube.
Details:
Aufbruch: 17.07.2009
Dauer: 16 Tage
Heimkehr: 01.08.2009
Reiseziele: Guatemala
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 20 Jahren auf umdiewelt.
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