ist es nicht der abschied, der uns leben gibt und uns zu neuen wegen, neuen zielen führt?
so nehme ich sie bei der hand, die zeit zwischen examen und dem leben danach, lasse zurück, was ich einmal hatte, setzte einen fuss vor den anderen und umrunde ihn, unseren globus. mit all meinem mut für eine hand voll augenblick...
das dasein für das hier... streben ohne ziel... treiben in dieser welt... den kopf ab und zu verlieren... mag der verstand auch nicht verstehn, das herz immer...
26.09.2007, 11.15h, utila, honduras
ometepe, nicaragua
im anfahren erwischen wir ihn noch, frueh morgens den bus nach rivas. auf ´gen insel! von dort ein taxi zum hafen. um 12.30h legt er ab, unser kleiner blau-roter bananendampfer, eine hoelzerne nussschale wie aus dem bilderbuch. bis es soweit ist, wird er beladen mit allerlei lebensmitteln. ueber ein brett - von der rehling ins innere des bootes - rutschen reissaecke ueber das wasser. ein wunder, dass sie nicht abstuerzen, sind die saecke doch um ein vielfaches breiter als das brett. wohlbehalten landen sie im boot. sie scheinen zu wissen, was sie tun, die dockarbeiter.
die sitze fuer uns passsagiere sind lose, sie wippen. an der decke haengen schwimmwesten von vor anno tubak. eine stunde schaukeln und schwanken wir zur anderen seite, auf eine der hunderte inseln in nicaraguas groesstem see. ometepe. durch die tief ausgeschnittenen seiten schwappt und spritzt wasser herein.
vom boot aus sehen wir zunaechst kleine barken, die vor den ufern wiegen. ein alter schulbus leuchtet zwischen palmen und bananenbaeumen gelb hervor. es riecht abenteuerlich und verwegen!
von einem alten, einheimischen mann habe ich einen schoenen ort auf der insel erfragt: altagarcia. das steuern wir jetzt grade heraus an. mit besagtem gelben schulbus, den wir bereits vom boot aus gesehen haben, ueberquerren wir die insel. bananenbaeume, platanos und bananas. fester brauner erdboden, orchideen und bunte blumen. einheimische, die auf fahrraedern ihrer wege ziehen, hausschweine, die frei herumlaufen, huetten, deren daecher aus bananenblaettern bestehen. inselfeeling! alles wirkt auf seine weise ruhig und friedlich und doch lebendig. vertrauenserweckend. als wir aus dem bus aussteigen, erwartet uns das, was wir schon kennen: man bietet uns wer weiss was an. ich frage nach einem hospedaje. si, si! fuer drei dollar die nacht inklusive eigenem bad - wir sollen in seinen bus einsteigen, er fährt uns gratis. aus dem bus heraus erblicken wir auf die häuserwand gemalt: ambiente familiar. genau so sieht auch die strasse aus, in die wir grade biegen. besagter erdboden, freilaufende hühner,... abwarten, anschauen kann man sich das ganze ja mal. die waende der häuser und hütten sind bunt bemalt - sie erinnern mich an unser hippienest in san pedro de laguna in guatemala. mario, der hausherr, zeigt uns die zimmer - alle sauber und die bettwäsche ist kunst- und liebevoll zusammengefaltet. wie servietten. privat ist das bad nicht, aber fuer hier doch ganz lecker. sogar mit puschel auf dem klodeckel. ich muss schmunzeln. drei dollar kostet es auch nicht, sondern vier, aber wir haben uns entschieden - wir bleiben. goldrichtig! nachdem wir unsere sachen abgeworfen haben, zeigt uns mario die insel auf der karte. was, wo und wie man alles machen kann. fahrräder mieten, internet, lagunen zum baden, die strände, die vulkane,... was, was kostet, wann und wo die touren beginnen,... alles dinge, die uns natürlich interessieren und die wir sonst immer mühsam und tröpfchenweise zusammen suchen müssen. definitiv - der mann hat verstanden, was tourismus heisst. an dem grossen gemeinschaftstisch kann man morgens, mittags und abends essen bestellen - das restaurant im haus, wenn man den will. im hof steht ein kuehlschrank mit getraenken - wir koennen uns nehmen, was wir wollen, sollen es uns lediglich merken - zahlen tun wir am ende. und das alles zwischen haengematten, schaukelstuehlen und viele, vielen palmen. die atmosphäre: familiär.
in den folgenden tagen habe ich gelegenheit zu sehen, dass sie fuer das, was uns hier begeistert, auch wirklich arbeiten. nicht ein zimmer, dass sie fuer ein bisschen geld vermieten und parallel herunterkommen lassen - nein, sie werkeln und reparieren, bauen neue dinge und halten ihren laden in schuss. das essen im "restaurant" bereiten sie komplett auf dem feuer zu. die waesche, die sie fuer ein paar cent anbieten zu waschen, waschen sie auf der hand. immer wieder schauen sie ob´s einem gut geht. sie sprechen - im vergleich zu den meisten menschen hier in nicaragua - ein sehr sauberes, gut und klar verstaendliches spanisch. alle erklaerungen hat mario auf spanisch gemacht und ich musste anschliessend ueberlegen, obe er spanisch oder englisch gesprochen hat, weil ich es so selbstverstaendlich verstanden habe. wenn wir in unser spanisch lustige fehler reinbasteln, korrigiert er uns. so viele kleine dinge und ich fuehl mich wohl hier.
nachmittags schwingen wir uns auf die fahrräder, zum ojo de aqua. es ist wundervoll sich einmal wieder so frei bewegen zu können. ich fühl mich verwegen und freu mich, dass wir hier sind. an der abzweigung, die wir hätten nehmen müssen, radeln wir natürlich fleißig vorbei. lisa konnte sich nicht vorstellen, dass dieser weg gemeint ist; fuehrt er doch zu einem anderen ort und der wird schon breiter sein. ist er nicht. bis auf die eine hauptstrasse gibt es hier nur wege, wie diese. irgendwann erreichen aber auch wir die lagune. glasklares wasser, mitten im dschungel. ein paar hängematten und schaukelstühle im hintergrund, eine bananenhütte und zwei wirklich alte hippies mit langen weißen haaren, die auf dem feuer irgendwas brutzeln. ist das schön hier - und ich bedauer jetzt schon, dass wir nur so wenig zeit haben, weil es bald dunkel werden wird. um keine zeit zu verlieren, zieh ich meine sachen aus und schwinge mich an einer liane ins wasser. aus diesem heraus höre ich geklimmper vom ufer. schweizer, die hier in ihren hängematten nächtigen werden und von denen einer eine okatavgitarre dabei hat. freu! und ich hätte mich gerne länger mit ihnen unterhalten, aber die nacht - sie naht... um uns herum wird es dunkler und dunkler. irgendwann sieht man kaum noch die hand vor augen. wie lange ist es her, dass ich eine so dunkle nacht erlebt habe? nur die sterne leuchten. weder am wegesrand noch an unseren fahrrädern hat es licht. je näher wir richtung dorf kommen, desto häufiger treffen wir vereinzelt auf mildes licht, dass durch die ritzen und offenen türen der hütten dringt. selten mehr als eine spärliche glühbirne. und feuer, auf dem die menschen kochen. ruhig und friedlich. ab und an kommt uns ein anderer fahrradfahrer, auch ohne licht, entgegen. ich habe muehe sie auszumachen. ebenso die menschen, die die strasse entlanggehen. und die schlaglöcher, die in der nacht versinken. ich fahre langsam und denke: genau so habe ich mir weltreise vorgestellt...
zurueck bei mario im hospedaje essen wir etwas und treffen david, ein schon fast erwachsenes wunderkind aus den staaten. er redet viel, spricht englisch und spanisch und schüttelt wundervolle lieder aus dem nichts aus seiner gitarre, deren inhalt all das hier und wir werden.
mit ihm steigen wir morgen früh auf den vulkan: um 5.30h geweckt werden, 2 sandwiches, 3liter wasser und um 6h geht´s los.
18. september: der vulkan
letztlich ein bisschen später als um 6h tigern wir mit omar - unserem führer - los. noch bei ihm, omar, zu hause vorbei, da david nur flipflos mit hat und das nicht geht. omar leiht ihm seine schuhe. bei ihm zu hause kommt uns ein hausschwein aus dem wohnzimmer entgegen. was ich von draußen sonst noch erspähe: schaukelestühle. anschliessend kaufen wir noch wasser. aus bequemlich- und sparsamkeit widersätze ich mich den empfohlenen drei litern. zwei werden es auch tun, denke ich. hätte ich mal besser nicht getan - vier liter hätten mich wahrscheinlich gluecklicher gemacht.
ueber dorfwege, feste braune erde, gesäumt von gärten, hin zu schmalen wegen, durch dschungelgrün. farne und orchideen, affen mit jungen und affen mit weißen gesichtern. Platanos und bananen. omar zeigt mir die unterschiede: platanos sind grösser und werden frittiert. dann schmecken sie wie unsere pommes, zu denen es hier auf ometepe sogar ketchup gibt. je kleiner die bananen sind, desto süsser schmecken sie. das, was man bei uns als kochbanane kennt und nicht zuzubereiten versteht (eine leckere variante davon durfte ich in granada versuchen), ist eine der vielen sorten von platanos. innen sind sie für mein empfinden lila.
der weg steigt an, das grün um uns herum wird dichter. den weg lassen wir zurück - er wird zum pfad. die pflanzen berühren uns bei jedem schritt. das nass auf den blättern vermischt sich mit unserem schweiß. eine pflanze hat eine oberfläche wie schleifpapier. ich bin davon überzeugt, wenn ich hier raus komme, bin ich frisch poliert. die steigung nimmt zu, unser wandern wird zum klettern. es ist jetzt schon anstrengend und dabei haben wir noch nicht einmal den "eingang" zum vulkan erreicht. den bildet ein bananendach auf vier pflöcken mit einer hängematte darunter und einem mann, der weiter hinten in den plantagen mit einer machete verschollen ist. auf einem schild stand einstmals, dass man hier einen dollar zahlen soll. während wir das tun, werden wir zerstochen. bewegung heißt die rettung, aber vorher hapse ich noch eins von meinen sandwiches. längst durchgeweicht, aber energie! weiter! nach einer viertel stunde bricht lisa ab und geht zurück. die tour ist verdammt anstrengend. dabei haben wir glück und sind von wolken umhüllt statt von glühender sonne verbrannt zu werden. dennoch sind meine klamotten durdchgeschwitzt. pitsch-patsche nass! david dreht einen kleinen film, in welchem er beichtet, dass er gestern pausen noch only for pussies hielt. heute befindet er sich mitten im anstrengensten, was er je in seinem leben gemacht hat. das kann ich noch nicht behaupten, aber puhh! fertig bin ich alle male. immer wieder unterbricht david unseren marsch für fotos, videos und um luft zu holen. wirklich undankbar bin ich ihm dafür nicht. der weg ist sau anstrengend. alles klebt, meine beine sind aufgeschürft und dreckig, meine haare hängen an mir herunter. körperlich bewegen wir uns an der grenze des machbaren. warum tun wir das? ich weiß es nicht. der vulkan ist es nicht - es geht viel mehr um mich, um selbstwahrnehmung.
wundervoll an david ist, dass er immer auch stehen bleibt, um zu staunen, dass er begeistert ist, von dem, was um uns herum geschieht und lebt und ist. das steckt an.
nach vielen stunden aufstieg, kurz vor der spitze des vulkans, reißt die wolkendecke, die uns umgibt, auf, gibt die insel, auf der wir sind, stück für stück preis. ein blick auf die andere seite zeigt den kleinen vulkan.
Pause. ich kann nicht mehr. die letzten schritte waren nur noch schleppend. nur noch hinsetzen und der stille hoch über den wolken lauschen, dem summen und dem zirpen des dschungels. welch eine gnade hier sein zu dürfen, hier hin gekommen zu sein, mit eigener kraft. die sonne brennt sich nun tief in meine haut. ich beginne zu trocknen, meine haut fängt an zu spannen, von dem salz darauf. ich hole tief luft und trinke mein heiliges "viel zu wenig" wasser. gierig! wow! hin und wieder enthüllen die wolken eine der anderen inseln auf dem see bevor sie kurz darauf wieder unter ihnen versinken. märchenland. david packt die gitarre aus und fängt an zu spielen - das, was ihm grade auf dem herzen liegt. faszinierend, dass er so schnell worte und töne dafür findet.
die stimme omars findet zu uns durchdrang. es ist schon spät - er würde nicht mehr hoch bis zum krater laufen, weil der weg zurück nicht leichter ist und die lichten stunden des tages begrenzt. so steigen wir noch ein paar meter hoch und brechen dann ab, steigen hinab. so unglücklich bin ich darüber gar nicht; war doch die pause bei weitem nicht lang genug, um wieder zu vollen kräften zu kommen. von stein zu stein springe ich nun berg ab. ein leichtes für mich, obwohl ich mehr als einmal abrutsche und der boden unter mir nachgibt. Aber das macht nichts. irgendwie fange ich mich und meine sprünge immer wieder ab. obwohl wir runter vergleichsweise schnell sind, brauchen wir stunden. die letzte stunde zurück durch das dorf nehme ich kaum noch etwas wahr. benommen setze ich einen fuss vor den anderen.
Zurück bei mario: ein kühles bier, ein schaukelstuhel und eine kalte dusche. und die welt ist wundervoll....
vielleicht nicht ganz so wundervoll, wie sie sich anfühlt: während ich dusche werden aus unserem zimmer 600 cordua geklaut. etwa 30 dollar. nicht die welt und unsere pässe und kreditkarten sind noch da - dennoch bleibt der bittere beigeschmack. am anfang will ich es auch nicht glauben, aber mit der zeit wird es wahrer und wahrer. vielleicht fällt es mir so schwer weil es grade hier an diesem ort hier passiert ist, wo wir uns so sicher wie seit langem nicht mehr gefühlt haben. mario ist zu tiefst bestürtzt darüber und will auf gar keinen fall, dass wir bezahlen, was für uns nicht in frage kommt - schliesslich haben wir hier dem diebstahl zum trotz verdammt gut gelebt. und was sind 30 dollar für uns gegenüber 30 dollar für sie. geteilt durch uns ist es an irgendeinem punkt ein kleines bisschen luxus weniger und in zukunft ein kleines bisschen vorsichtiger mehr. am schlimmsten ist eigentlich, dass wir mario und seine familie damit zurück lassen, dass es bei ihnen, in ihrem hospedaje, passiert ist.
am nächsten morgen lassen wir das kleine paradies zurück; wir reisen weiter nach managua und langfristig auf die bay islands in honduras.