USA-Reisebericht :USA, Südstaaten

On a shoestring

On a shoestring

Das Hotelfrühstück ist, gelinde gesagt, anders, dürftig das Angebot, Geschirr und Besteck sind aus Pappe und Plastik. Das Personal hingegen ist fast überschäumend freundlich. Ellijay, die Zufallsstation, liegt am Fuß der Great Smokey Mountains und da wir für die kommenden drei Wochen keine fest geplante Reiseroute haben, reizen uns die Berge als erste Anlaufstation. In Brasstown Village halten wir kurz an, einem Dörfchen, das zum Ende des Monats mit einem riesigen Besucherandrang rechnet. Es liegt nämlich im Epizentrum einer bevorstehenden totalen Sonnenfinsternis, auf die die ganze Nation hinfiebert. Eine Frau, deren kleiner blau gestrichener Laden Töpferwaren Filzstoffe und Kunstgewerbliches anbietet, trägt das betreffende Datum, den 21. August, auf ihrem T-Shirt. Sie lädt uns zu einer Tasse Kaffee ein und bestätigt unsere ersten Eindrücke, wonach die Leute in diesem Land eine geradezu bedingungslose Kommunikationsbereitschaft an den Tag legen. Man mag das als Strohfeuer bezeichnen, wenn man sich aber auf das Spiel aus Neugier und Überschwänglichkeit einlässt, macht es sicherlich mehr Spaß als ein schmales Lächeln und rasches Weiterziehen. So richtig aus der Zeit gefallen ist ein Laden für Billardtische, wo wir uns nach dem Weg erkundigen. Ein alter Mann sitzt dort zwischen lauter Gerümpel und gerät bei der Nennung eines Ortes, der in der Nähe liegt, ins Grübeln. Ob er ihn überhaupt (noch) kennt, ist ungewiss, er deutet lediglich die Richtung an, in die wir ohnehin unterwegs sind. Eine Tankstelle gibt es auch in Brasstown, aber sie ist nicht mehr in Betrieb. Dafür hängt eine überdimensionale, aus Holz geschnitzte Ratte vorm Haus, eine zweite ist draußen auf eine Kellerluke aufgemalt und hinter den rusigen Scheiben bewegt sich irgendwas. Ashville haben wir vor an diesem Tag zu erreichen, aber das erledigt sich, als wir den Santeetlah Lake erreichen. Der liegt bereits in North Carolina, ist auch nur ein paar Meilen vom Bundesstaat Tennessee entfernt und gehört zur angestammten Heimat der Cherokee-Indianer. Nicht direkt am See, dafür an einem der wild brausenden Bäche, die zu ihm führen, beschließen wir zu campen. Nicht wild, sondern an einem dafür hergerichteten Ort mit abgegrenzten Plätzen, von denen jeder mit Grill und sogar mit Haken für Hängematten oder Mülltüten ausgestattet ist. Die Nacht kostet zehn Dollar, die man in ein Kästchen wirft. Nächstes Jahr, informiert eine Schautafel, wird es fünfhttp://www.umdiewelt.de/ajax/retrieveUploadedPhoto.php?baseFileName=5a005ec3abec7&dim=2zehn kosten. Sie berichtet auch darüber, dass in den Wäldern ringsum Bären und Giftschlangen zu Hause sind. Die Bäume, die in einer imposanten Artenvielfalt auftreten, Laub- und Nadelbäume bunt gemischt, sind merklich höher als in unseren Wäldern zu Hause. Höher und weiter scheint überhaupt alles in diesem Land, scheinbar auch die Wolkenberge. Die einzigen Camper sind wir hier nicht, aber sicher die mit dem kleinsten Zelt, mit dem wir, meist ohne es zu brauchen, schon dreißig Jahre unterwegs sind. Wie gar nicht anders zu erwarten, kommt man rasch mit den Nachbarn ins Gespräch. In den USA, erzählen sie, haben Angestellte lediglich eine einzige Woche Urlaub, den verbringen nun einige hier in den Smokies. Wir versorgen uns zum Abend aus einem Supermarkt der kleinen Stadt Robbinsville mit Fleisch zum Grillen. Ein kalifornischer Rotwein lässt sich dort allerdings nicht auftreiben, weil es in dem einzigen County North Carolinas liegt, wo kein Alkohol verkauft werden darf, eine Punktlandung. Zweite Annäherung an ein amerikanisches Frühstück am Morgen darauf. Wir nehmen es in einer dieser Imbissketten ein, keine so gute Idee. Einen nicht näher bezeichneten Teigklumpen aus Mehl und Kartoffeln taucht man in eine sämige helle Soße (oder lässt es besser sein). Wurst ist nur Brät und in Scheiben, geht aber noch, das Rührei ist eine Flade, okay, aber dann der Kaffee. Der würde, weil ziemlich dünn, nicht sonderlich auffallen, wäre da nicht die zugehörige Sahne, deren Aroma Assoziationen an Bohnerwachs weckt. Ansonsten alles Plastik. Das Personal geht geduldig auf unsere Fragen ein und als es dann erfährt, woher wir kommen, wird diese Neuigkeit sogleich lautstark herumgereicht: Germany, they are from Germany! Breites Lächeln. Die gestrige Fahrt hier herauf auf Nebenstraßen hat die Optik auf das Land ein Stück weit verändert. Die aparten Villen, sind anderen einfacheren, vielfach abgewohnten Häusern gewichen, die allenfalls noch in ihrem Grundriss etwas nachahmen, was sie mit ihren leicht verwitterten Aufbauten aus Holz nicht mehr einlösen können. Die Fahrt zu unserem Campingplatz ist serpentinenreich und führt über kleine Brücken und – ganz wichtig – wir finden ihn auch wieder. Dort setzen wir uns auf einen dieser Riesenkiesel im Fluss und lauschen den Geräuschen des Wassers, hören den Vögeln und Zikaden zu, lassen später den Tag mit einem saftigen Hähnchenbraten enden und gehen früh zu Bett, wenn man den harten Zeltboden (wir haben ja nicht einmal Isomatten dabei) so nennen möchte.

Ein Fall fürs Mikroskop: unser Zelt

Ein Fall fürs Mikroskop: unser Zelt

© Peter Kiefer, 2017
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nach Reisen in alle möglichen Teile der Welt waren ausgerechnet die USA, sieht man mal ab von New York, noch terra incognita. Wir wollten unseren "Brecht-Zyklus" schließen, nachdem wir die Städte, die in seinen Songs vorkommen, alle schon einmal gesehen hatten - bis auf (auch wenn's keine Stadt ist) Alabama. Ein amüsanter Vorwand, weiter nichts.
Details:
Aufbruch: 10.08.2017
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 01.09.2017
Reiseziele: Vereinigte Staaten
Der Autor
 
Peter Kiefer berichtet seit 12 Jahren auf umdiewelt.
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Peter über sich:
Ich heiße Peter Kiefer, bin 1951 geboren, war noch im Schulalter, als ich mich zum ersten Mal in der Welt umgesehen habe, damals in der westlichen Sahara, bin in den Folgejahren den so genannten Hippie-Trail nach Nepal hinauf- und hinuntergetrampt, habe später mit meiner Freundin andere Länder und Kontinente bereist, am liebsten das schwarze Afrika und habe auch heute noch nicht alles verlernt. Ich arbeite als freier Hörfunkjournalist und lebe in Berlin.