USA-Reisebericht :USA, Südstaaten

Beim Hochadel

Beim Hochadel

Nach Mobile ist es nicht weit, man muss nur erst einmal aus New Orleans rauskommen, was in größeren Städten, aufgrund der ewig fehlenden Hinweisschilder nicht immer einfach ist. In einem Imbissladen (Kasse kaputt, Kaffeemaschine auch) fragen wir nach. Alle sind lautstark um uns bemüht, Personal und Gäste gleichermaßen. Jeder hat eigene Vorschläge, am Ende wischt ein Mann sie alle beiseite und sagt: Ich steige jetzt in mein Auto, fahrt mir einfach hinterher. Bestimmt zwei Meilen dauert es dann, bis wir zur richtigen Ausfallstraße gelangt sind. Wir hätten es auch ohne seine Hilfe geschafft – ein, zwei Stunden später vielleicht. Auf dem Weg ein Straßenkiosk. Diesmal mit Alligator, wenn auch nur in einer Wurst verarbeitet, die ziemlich furchtbar schmeckt. Man muss immer darauf achten, wo man isst und die Lokalitäten vorher ein bisschen genauer betrachten. Dann ist da auf dem Weg ein Museum, das durch seine eigenwillige Dacharchitektur auffällt. Wir halten an und stellen fest, dass es neben einer Töpferwerkstatt, in der ein paar Leute arbeiten, einem Filmvorführraum, in dem die Bilder der Verwüstung durch den Hurrikan Katrina von 2005 in der Vorher-Nachher-Abfolge gezeigt werden, und noch ein paar wenig belangvollen Tafelbildern zum Thema Automobil nichts weiter zu sehen gibt. Wäre da nicht noch ein Museum anderer Art, ein schlichtes wiederaufgebautes Wohnhaus aus dem 19. Jahrhundert, das zuvor ebenfalls von Katrina zerstört worden war. Darin hat einmal eine schwarze Familie in den bekannten Zeiten der Rassentrennung gelebt. Der Vater, Arbeiter und Handwerker, war in seiner Nachbarschaft zu einer Art Integrationsfigur für Schwarz und Weiß geworden, hat seinen Kindern sogar eine höhere Schulbildung angedeihen lassen und wird nun hier mit einigen Erinnerungspartikeln gewürdigt. Mobile, wie gesagt. Von seiner repräsentativen Seite sehen wir nicht viel, weil, wie so oft, tote Gegenden sich hier wieder nur mit langen Avenues abwechseln, wo sich die üblichen plazas, Banken, Tankstellen, Imbissketten etc. aneinanderreihen, während die „eigentliche“ Stadt für den Unkundigen leicht im Verborgenen bleibt. Ein wenig downtown gibt es freilich doch (und übrigens einen beachtlich großen Frachthafen), aber der Reiz dieses Tages liegt eher in den Panoramen der Lagunenlandschaften, die wir jenseits von New Orleans passieren (größere Irrfahrten inklusive). Am folgenden Morgen, nachdem wir uns schon wieder auf den Weg gemacht haben, fällt Karin ein, dass sie vergessen hat, den Zimmerschlüssel in unserem Motel abzugeben. Wir kehren noch einmal zurück. Eine Frau bittet uns, sie im Auto bis zum nächsten kleinen Park mitzunehmen. Der liegt gerade mal hundert Meter entfernt, aber klar. In derselben Straße halten wir jedoch noch ein weiteres Mal an, weil wir auf ein Gebäude mit der Aufschrift Mardi Gras Museum aufmerksam geworden sind. Drei ältere Damen empfangen uns mit freundlichem Überschwang, eine von ihnen führt uns dann über zwei Stockwerke durch sämtliche Ausstellungsräume und schildert uns in einer nicht versiegenden Suada die Szenarien des hiesigen Südstaatenkarnevals. In der Mehrzahl werden kunstvoll und nach den besonderen Wünschen des Trägers oder der Trägerin gestaltete Schleppen gezeigt, alle Kreationen haben natürlich ihre besondere Geschichte. Mit jeweils this next certain king und zwischenzeitlich einem für ihre siebzignochwas, die sie wohl alt ist, ganz munteren Hüftschwung lotst sie uns von einem zum nächsten historischen Royal. Wenn sie, bevor wir einen Raum verlassen, noch nach any questions fragt, schütteln wir mit einem Ausdruck schieren Überwältigtseins den Kopf. Mardi Gras erscheint mir etwas feierlicher, man könnte auch sagen, gediegener als beispielsweise der rheinische Karneval, weniger hemdsärmelig und bestimmt nicht auf Büttenreden getrimmt. Es existieren zahlreiche Clubs, die sich – ewige Südstaaterei – häufig nach Ethnien sortieren. Nach unserem Rundgang erzähle ich der Dame an der Kasse (die selbst mal in den 50er Jahren eine Königin gewesen ist), dass wir mehr Zeit in diesem Museum verbracht haben als zuletzt im Guggenheim in Bilbao. Aber das kennt sie gar nicht.

Sieht nur aus wie Karneval.

Sieht nur aus wie Karneval.

© Peter Kiefer, 2017
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nach Reisen in alle möglichen Teile der Welt waren ausgerechnet die USA, sieht man mal ab von New York, noch terra incognita. Wir wollten unseren "Brecht-Zyklus" schließen, nachdem wir die Städte, die in seinen Songs vorkommen, alle schon einmal gesehen hatten - bis auf (auch wenn's keine Stadt ist) Alabama. Ein amüsanter Vorwand, weiter nichts.
Details:
Aufbruch: 10.08.2017
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 01.09.2017
Reiseziele: Vereinigte Staaten
Der Autor
 
Peter Kiefer berichtet seit 12 Jahren auf umdiewelt.
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Peter über sich:
Ich heiße Peter Kiefer, bin 1951 geboren, war noch im Schulalter, als ich mich zum ersten Mal in der Welt umgesehen habe, damals in der westlichen Sahara, bin in den Folgejahren den so genannten Hippie-Trail nach Nepal hinauf- und hinuntergetrampt, habe später mit meiner Freundin andere Länder und Kontinente bereist, am liebsten das schwarze Afrika und habe auch heute noch nicht alles verlernt. Ich arbeite als freier Hörfunkjournalist und lebe in Berlin.