TimeOut in Südamerika

Reisezeit: April - August 2008  |  von Beatrice Feldbauer

Woche 5 10.-16. Mai 2008: Pfingsten

Das feine Nachtessen konnte ich mir gestern Abend in den Kamin schieben. Oder sonstwohin. Als ich aus dem Internet kam, war es fast elf Uhr und die Strassen waren leer. Geschäfte geschlossen. Ein paar Cafébars hatten noch offen, und eine Sandwicheria. Da gab es noch ein überbackenes Käsesandwich und bald darauf war ich zurück in meinem Zimmer. Das fühlte sich irgendwie kalt an. Wäre das Zimmermädchen noch einmal zurück gekommen, ich hätte gewusst, worum ich sie gebeten hätte. Eine Wolldecke. Nur dieses Leintuch und ein ganz einfacher Bettüberwurf waren schon etwas wenig. Nun, irgendwie überstand ich die Nacht und freute mich auf eine heisse Dusche am Morgen. Schon wieder Fehlanzeige. Das Wasser fand irgendwie nicht den Weg zu mir in den fünften Stock und so blieb es bei einer kurzen Katzenwäsche.

Das Frühstück im 6. Stock entschädigte mich dann dafür. Es war kurz nach Acht, die Sonne war soeben aufgegangen und sandte ihre ersten roten Strahlen gegen die Anden, die von hier oben sehr gut sichtbar waren. Eigenartig. Die Gegend ist wirklich platt, vollständig eben aber gleich hinter der Stadt erheben sich die Anden. Der höchste Berg, der Cerro Aconcagua ist sogar 6962 m hoch und damit nach dem Himalaya der höchste der Welt.

Sonntagmorgen, ich hatte mich für eine Fahrt durch die Weingüter angemeldet. Ich hatte nicht so richtig verstanden, warum sowas am Morgen durchgeführt würde, aber es gab keinen anderen Termin.

Der Bus holte mich also gegen neun ab und nachdem wir alle Teilnehmer in ihren Hotels abgeholt hatten, fuhren wir gen Süden aus der Stadt. Wir fuhren durch kleine Dörfer, die fast mehr als Ansammlung von einzelnen Häusern oder Weingütern bestanden, denn als kompakte Dörfer wahrgenommen wurden. Ueberall luden grosse Plakate zu Bodega-Besichtigungen und Weindegustationen ein. Die erste Bodega, die wir besuchten war Carmine Granata in Lujan.

Hier erzählte André, ein junger Typ fliessend in Spanisch und Englisch, wie sein Grossvater um 1920 aus Italien hierher kam und anfing, Wein anzubauen. Die Bodega war inzwischen zu einem modernen Betrieb mit grossen Betontanks herangewachsen, aber die alten Geräte standen als Museumsstücke noch herum. Er zeigte uns einen Teil der Bariquen, wo der Wein 6 - 24 Monate reift, bevor er in Flaschen abgefüllt wird.

André erledigte seine Aufgabe in Ordnung aber völlig emotionslos und schon bald sassen wir im kleinen Ausschankraum, wo bereits eine Anzahl Gläser bereit standen - mit einem winzigen Schluck Malbec, den wir nun alle probieren durften. Farbe ansehen, Glas schwenken und die entstehenden Kirchenfenster am Glas beurteilen, Duft kontrollieren und mit einem einzigen Schluck war die ganze Sache erledigt. Er erzählte dann noch ein wenig von jeder Sorte Wein, die sie hier herstellten und zeigte voller Stolz die einzelnen, geschlossenen Flaschen und schon bald trafen wir uns wieder beim Bus.

Bei der zweiten Bodega in Maipú wurden wir von der Patronin, Doña Alicia empfangen. Sie erzählte von ihrer Liebe zum Wein. Auch ihre Vorfahren waren aus Italien gekommen. Und sie schilderte, wie sie niemals den Moment verpassen würde, wenn aus dem Most Wein entstehe.

Auch hier wurden uns Betontanks, Eichenfässer und Flaschenlager gezeigt, aber irgendwann war mir das einfach zu viel. Ich setzte mich in den Garten mit der jetzt fast entlaubten Pergola und beobachtete ein paar Vögel die weit oben im Baum miteinander zankten. Oder sich die neuesten Nachrichten erzählten, wer weiss das bei Vögeln schon so genau. Wahrscheinlich waren es Sittiche oder kleine Papageien, jedenfalls keine gewöhnlichen Spatzen.

kaum zu erkennen, aber umsobesser zu hören, die Vögel

kaum zu erkennen, aber umsobesser zu hören, die Vögel

In der Bodega gab es dann mit der üblichen Erklärung wie ein Wein zu degustieren sei, verschiedene Proben. Malbec, das ist die am häufigsten angebaute Traubensorte im Gebiet. Aber auch Merlot, Syrah und Cabarnet Sauvignon. Stolz stellte uns Doña Alicia den Dueño der Bodega vor: Don Arturo, Eigentümer - und mein Sohn. Unsere Gruppe bestand vor allem aus Argentinier, aus Buenos Aires, ein paar San Salvadorianern und einem jungen Deutschen und einer ebensolchen Schweizerin.

Mama mit Don Arturo

Mama mit Don Arturo

Auf dem Rückweg besuchten wir noch kurz die alte Iglesia de la Carodilla in Luján de Cuyo. Dies ist die einzige Kirche, die nach einem schweren Erdbeben stehen geblieben war und die darin aufbewahrte Virgin (Jungfrau Maria) wird entsprechend verehrt. Sie ist ausserdem auch die Patronin der Winzer. Zurück fuhren wir durch grosse Weingebiete. Die Trauben waren schon lange geerntet. Die Ernte ist hier von Februar bis April. Schnee bis in die Niederungen gibt es in der Regel im Juni. Die Gegend ist allerdings nicht nur für ihren Wein bekannt, sondern es gibt auch sehr viele alte Olivenbäume.

Brandy wird allerdings nicht gebrannt. Das würde das Gesetz in dieser Gegend nicht erlauben, erklärte man mir. Hinter gelben Pappeln blitzten die Schneeberge der Anden hervor, aber leider gab es dafür keinen Fotohalt.

Was allerdings eine Erklärung wert war, war die Erwähnung der vielen Wasserkanäle. Das Wasser der Flüsse aus den Anden wird gestaut und kanalisiert, so dass die Weingüter, aber auch die vielen Bäume in der Stadt immer genügend bewässert werden können. "Wir geben sehr Sorge auf unsere Oase", sagte der Reiseführer und meinte damit wohl, dass ohne diese Bewässerungen die Gegend eher eine Wüste wäre.

Iglesia de la Carodilla in Luján de Cuyo

Iglesia de la Carodilla in Luján de Cuyo

Für den Nachmittag hatte ich mir Siesta verschrieben. Irgendwie bin ich im Moment in eine Krise hineingekommen. Eine Erschöpfung scheint sich breit zu machen. Wahrscheinlich völlig normal nach all den intensiven Wochen. Vielleicht aber auch nur, weil ich letzte Nacht so schlecht geschlafen hatte. Jedenfalls legte ich mich ins Bett, kuschelte mich unter die jetzt vorhandene Wolldecke und war schon bald eingeschlafen. Später kontrollierte ich, was im Fernsehen lief. Eine alte Folge von Miami Vice. Immer wieder unterbrochen von Werbung. Waschmittelwerbung. In der gezeigt wird, dass mit dem richtigen Mittel ihr Kind seine Lieblingskleider viel öfters tragen kann. Der kleine Junge rannte im Spider-Man-Kostüm über Fussballfelder und kleckerte mit seinem Lieblingseis. Irgendwann bin ich wieder eingeschlafen. Der kleine Spider-Man raste immer noch durch die Gegend, nur dass er jetzt Miami Vice half, Verbrecher zu fangen. Statt sie zu erschiessen, steckte er sie in die riesige Waschmaschine, wo sie schneeweiss wieder herauskamen. Das brachte mich nach dem Aufwachen zu meiner nächsten Aufgabe. Ich muss morgen unbedingt eine Wäscherei finden. Langsam gehen mir die sauberen Kleider aus.

Heute werde ich keine grossen Stricke mehr zerreissen. Da war doch noch eine halbe Schokolade irgendwo. Vielleicht hilft sie den Glückshormonen auf die Beine. Ich werde irgendwann noch ins Internet gehen, nachsehen, ob jemand geschrieben hat und dann werde ich früh schlafen gehen. Es ist Pfingsten, da geht's ja bekanntlich am ringsten.

Aktuellstes Stimmungsbarometer:
sitze mit einem Gin Tonic in der Hotel Bar und kämpfe mit dem elend langsamen Computer. Nur der Gin hilft mir, diese ewig langen Antwortzeiten zu überleben. Habe diese Möglichkeit aber trotzdem dem lauten aber völlig trockenen Internet-Saal vorgezogen. Werde mich jetzt also noch ein wenig mit Geduld wappnen... und mit dem Kellner flirten. Das muss schon sein, denn die Wartezeiten bis dieser alte PC eine Seite aufgebaut hat, dauern bis zu 2 Minuten.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nicht Nichtstun steht im Mittelpunkt. Sondern etwas tun, wofür im normalen Alltag zu wenig Zeit bleibt. Meine beiden Leidenschaften Reisen und Schreiben möchte ich miteinander verbinden. Und wenn mich dabei jemand begleitet, umso schöner. Es sind vor allem Geschichten, die ich erzähle und erst in zweiter Linie Beschreibungen von Orten und Gebäuden. Ich möchte versuchen, Stimmungen herüberzubringen. Feelings, sentimientos. Wenn mir das manchmal gelingt, ist mein Ziel erreicht.
Details:
Aufbruch: 12.04.2008
Dauer: 4 Monate
Heimkehr: 03.08.2008
Reiseziele: Uruguay
Brasilien
Paraguay
Argentinien
Chile
Bolivien
Peru
Guatemala
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 20 Jahren auf umdiewelt.
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