Bolivien-Reisebericht :TimeOut in Südamerika

Woche 12 28. Juni-4. Juli 2008: Blockade

Vor fünf Tagen bin ich am morgen um sieben in diesem Hotel in Arica angekommen. Heute verlasse ich es fast zur gleichen Zeit wieder. Ohne Frühstück, das wird erst in einer Viertelstunde serviert. Das Taxi bringt mich zum Busterminal, wo ich gerade noch Zeit habe für einen Orangensaft. Um Acht Uhr geht es los. Ganz kurz nur fahren wir in der Ebene, dann geht es aufwärts. Steil windet sich die Strasse hinauf. In Kurven immer hinauf.

wunderbare Aussichten

wunderbare Aussichten

Putre auf 3'600 m

Putre auf 3'600 m

Schneebedeckte Gipfel werden sichtbar. Gerade noch waren wir auf Meereshöhe, schon sind wir auf 3'600 m. Und da gibt es ein grösseres Dorf. Putre. Ein junger Mann steht an der Strasse, er will mitfahren.

Weil ich zuvorderst sitze und der Sitz neben mir noch frei ist, setzt er sich neben mich. Ja, er wohnt hier. Er ist Maschinist. Arbeitet mit grossen Baumschienen. Die Leute hier leben vorwiegend von der Landwirtschaft, haben Ziegen und Schafe. Bestellen ihre Felder die sie in Terrassen angelegt haben. Regen gibt es selten, manchmal im Sommer, das Wasser kommt aus Bächen aus den Bergen. Und Schnee gab es im Winter vor vier Jahren zum letzten mal. Der Schnee auf den Vulkanen wird weniger.

Ich hätte ihn noch weiter ausgefragt, aber wir sind an seinem Ziel angekommen. Auf 4'000 m. Hier ist ein Militärcamp und hier steigt er aus. Und wie zur Bestätigung, dass wir auf dieser Höhe angekommen sind, sehe ich kurz darauf Vicunas grasen.

Vicunas auf 4'000 m

Vicunas auf 4'000 m

Noch etwas weiter steigen wir, bis wir auf 4'600 m bei der Chilenischen Grenze ankommen. Aussteigen, Formular ausfüllen, Stempel in den Pass. Ich fühle mich etwas schwach. Die Höhe ist sehr ungewohnt. Aber es tut gut, die Beine zu vertreten. Ich wechsle die letzten chilenischen Pesos in bolivianische. Und mit dem letzten Münz kaufe ich beim alten Mann einen Schokoladestängel. Kann vielleicht nichts schaden. Ein paar hundert Meter weiter kommen wir zur bolivianischen Grenze. Hier müssen wir das Gepäck zeigen. Alles wird untersucht.

Wartet auf Futter bei der Grenze

Wartet auf Futter bei der Grenze

Die Mitreisenden decken sich im winzigen Laden mit Lebensmitteln ein, weil die hier viel günstiger seien, als in beiden Ländern. Überhaupt sei alles viel günstiger in Bolivien, klärt mich die Frau auf, die sich zu mir gesetzt hat. Sie ist Bolivianerin und war vier Tage in Chile in den Ferien. Sie arbeitet im Transportgeschäft. Was exportiert denn Bolivien? Wir fahren vor allem mit Futtermitteln nach Peru. Von Peru führen wir Basics ein, wie Farben, Baumaterialen und ähnliches.

Bevor wir abfahren knipse ich aus dem Bus noch eine Foto von den Soldaten die da draussen den Verkehr kontrollieren und gerade stramm stehen müssen. Und ich werde prompt von einem Vorgesetzten entdeckt und angeschnauzt. Einen Moment habe ich Angst, er würde nun den Bus anhalten und nochmals untersuchen. Vielleicht bin ich ja ein Spion...

schneebedeckte Vulkane

schneebedeckte Vulkane

Bei der Weiterfahrt kommen wir durch wunderschöne Gegenden. Es gibt hier Seen oder Lagunen mit vielen Wasservögeln und ich glaube sogar ein paar Flamingos zu erkennen. Und in einem grossen See spiegelt sich der schneebedeckte Vulkan und die umliegenden Berge. Traumhaft.

stille Seen

stille Seen

der Ausblick erinnert mich an Irland, irgendwie

der Ausblick erinnert mich an Irland, irgendwie

Plötzlich merke ich wie ich wegdrifte. Ich kann nicht mehr richtig denken, will nichts mehr sehen. Nein, ich bin nicht müde, aber ich entgleite langsam meiner Kontrolle. Die Sonne, die durch den fast geschlossenen Vorhangspalt dringt, stört mich. Ich schliesse ihn ganz. Nutzt noch nichts. Ich fühle mich eingeschlossen, habe keine Bewegungsfreiheit mehr. Seit die Frau neben mir sitzt, habe ich meine Tasche auf den Beinen. Die Frau ist eingeschlafen. Die Tasche ist zu schwer, ich mag sie nicht mehr ertragen, stelle sie auf den Boden. Aber auch die Wolldecke ist zu viel, auch weg. Nutzt alles noch nichts. Ich schaue auf der anderen Seite aus dem Fenster und sehe - nichts. Nur Helligkeit, kann keine Gegend mehr erkennen. Die Augen möchten sich schliessen. Ich ziehe die Brille aus, lockere den Gurt. Nehme einen Schluck Coke. Es geht mir nicht gut. Niemand merkt etwas. Kann das die Höhenkrankheit sein? Mein Höhenmesser zeigt noch 3'800 m an. Bereits 800 m tiefer als der höchste Punkt an der Grenze.

Ich schliesse jetzt doch die Augen, versuche bewusst, die Füsse zu bewegen. Zwei Zentimeter nach vorn, zwei nach hinten, seitwärts. Stütze die Arme auf die Armstützen. Ich möchte mich jetzt am liebsten im Mittelgang hinlegen. Nicht einmal den Sitz kann man nach hinten verstellen. Ich muss dann doch kurz eingenickt sein. Wie ich die Augen wieder öffne, sehe ich die Gegend wieder. Ich ziehe die Brille an. Jetzt sehe ich alles wieder klar. Krise überwunden. Angenehm war das nicht. Vielleicht war es die Höhe, kombiniert mit zu wenig Bewegung. Ich werde den Rest schon noch aushalten, ist ja nicht mehr lange, bis wir in La Paz ankommen.

ein schier endloser Lastwagenstau

ein schier endloser Lastwagenstau

Kurz darauf hält der Bus auf offener Strecke. Was ist los? Eine Panne? Nein, vor uns stauen sich Lastwagen soweit das Auge reicht. Eine Blockade. Was bedeutet das. Vorläufig weiss niemand etwas genaueres. Der Adjudante geht durch den Bus mit dem Handy am Ohr. Wir warten. Eine Viertelstunde, mehr. Eigentlich sollten wir in einer Stunde in La Paz ankommen. Doch die Minuten vergehen. Nichts passiert.

Eine Blockade? "Ist da ein Unfall passiert, irgendwo da vorne?" will ich von meiner Sitznachbarin wissen. "Nein, eine Blockade ist meistens etwas politisches, das kann sehr lange dauern". Wunderbar. Ich überlege. Mit meinen letzten Pesos hatte ich nebst dem Schokostängel noch eine Packung Kekse gekauft. Die würden bestimmt reichen bis morgen. Wasser könnte schwieriger werden. Aber die meisten Leute im Bus haben sich im kleinen Laden nach der Grenze grosszügig mit Getränken und Lebensmitteln eingedeckt. Aber im Bus übernachten? Mir geht es zwar im Moment wieder gut, aber wie lange?

auf dieser Landstrasse geht es weiter

auf dieser Landstrasse geht es weiter

Irgendwann hat jemand die Idee, dass es einen Umweg über die Landstrassen geben könnte. Wir überholen ein paar stehende Lastwagen und kommen zur Abzweigung zur Landstrasse. Das ergibt eine ziemliche Übung, bis der Bus auf dieser Naturstrasse steht. Alles aussteigen. Vorsichtig schwenkt der Chauffeur ein, geleitet vom Ersatzchauffeur und dem Adjudante. Er schafft es und wir können alle wieder einsteigen. Nicht lange, da sieht die Strasse wie ein ausgewaschener Flusslauf aus. Wie der Chauffeur es schafft, diese Klippe zu schaffen lässt mich staunen. Ein falscher Schwenker und ein Rad ist in einem Loch und der Bus steht an. Nicht daran zu denken, dass er auch kippen könnte.

die Kurve scheint eher ein ausgewaschenes Bachbett zu sein

die Kurve scheint eher ein ausgewaschenes Bachbett zu sein

Das nächste Hindernis sieht noch schlimmer aus. Ein Bahngeleise mit einem relativ steilen Abgang auf der anderen Seiten. Der Bus ist zu schwer. Also wieder alle aussteigen. Im Bus hat es für solche Fälle ein paar Holzstücke, die werden unterlegt, aber es reicht nicht. Steine müssen her. Schwierig, lose grosse Steine sind kaum vorhanden. Vorsichtig, ganz vorsichtig, millimeterweise vorwärts, und wieder rückwärts. Ich staune, wie ruhig alles abgehandelt wird. Kein Stress, kein Drängen.

Wir Passagiere stehen da und man kommt wie immer in solchen Situationen ins Gespräch. Ein junger Typ im grünen Guiness-T-Shirt fragt mich, woher ich komme. Er kommt aus Irland. Schön, ich hab doch grad noch vor einer Stunde an dieses Land gedacht, in dem ich damals mit 20 Jahren englisch gelernt habe. Als ich die wunderbare Aussicht auf die blauen Seen gesehen habe, dachte ich an einen speziellen Aussichtspunkt im Süden Irlands, Lady's view hiess der.

John kommt allerdings von der Ostküste im Norden von Dublin. Ja sagt er, er hätte schon vor zwei Wochen von einer Blockade gehört, die ein paar Tage gedauert hätte. Da können wir ja nur hoffen, dass unsere Chauffeure dieses Hindernis schaffen. Und dass kein Zug kommt.

Nur Millimeter fehlen

Nur Millimeter fehlen

Es geht um Millimeter, dass der Bus nicht auf der Schiene auffährt, aber am Schluss steht der Bus auf der anderen Seite. Alles wieder einsteigen.

Geschafft

Geschafft

Wir fahren weiter auf Naturstrassen. Vorbei an einzelnen Gehöften. Sehen Frauen, die ihre Schafherde nach Hause treiben. Sie tragen die langen weiten Röcke die in allen Farben leuchten. Manchmal tragen sie ein Baby auf dem Rücken. Langsam sinkt die Sonne hinter den Bergen.

Wir kommen in einen Stadt und da gibt es endlich wieder asphaltierte Strassen.

Es ist bereits dunkel, als wir in La Paz ankommen. Und wir stecken gleich mitten im Verkehr. Hunderte von kleinen Bussen, Grossraumfahrzeuge verstopfen die Strassen. Ein junges Ehepaar macht mich darauf aufmerksam, dass ich auf die andere Seite des Busses sitzen sollte, damit ich die Lichter von La Paz besser sehen könne. Wir sind im höheren Teil El Alto eingetroffen und fahren auf einer breiten Strasse hinunter nach La Paz. Da kann man das Lichtermeer von La Paz überblicken. Eine riesige Stadt. Ich bin gespannt, was mich da erwartet.

Bei der Busstation geht alles ganz schnell. Ein Träger vermittelt mir ein Taxi. "Ist das ein richtiges Taxi?" will ich wissen, zuviele Räubergeschichten habe ich von den Taxifahrern in La Paz gehört. Was solls, ich komme nirgendwohin wenn ich niemandem traue, ich steige ein. Der Taxifahrer weiss ein gutes Hotel in einer ruhigen Strasse, aber in der Nähe eines der drei Zentren. "Wie erkenne ich ein richtiges Taxi?" will ich von ihm wissen. "Du musst immer ein Radiotaxi nehmen, das sind die, die auf dem Dach ein Schild mit der Telefonnummer tragen. Sie sind auch auf der Wagentüre angeschrieben. Keine Sammeltaxis, die sind zwar billiger, aber manchmal steigt da ein Freund des Taxifahrers ein und dann wird ein Tourist irgendwohin verschleppt und ausgeraubt, oder schlimmer. Lass niemanden zu dir einsteigen, wenn du in einem Taxi sitzt. Du hast das Taxi nur für dich bezahlt."

Scheint ja doch nicht so schwierig zu sein. Wir fahren durch die dunklen Strassen und draussen herrscht ein Gewimmel. Autos, Passanten, Frauen in ihrem bunten Röcken, Männer, Kinder, Leute, die irgendetwas herumschleppen. Auf beiden Seiten gibt es Marktstände. Es sind noch so viele Leute unterwegs wie ich noch nie irgendwo gesehen habe. Das Hotel ist ruhig und schön. Es gibt sogar noch ein kleines Nachtessen: Schnitzel und ein Salat. Ich bin müde, kann aber trotzdem noch lange nicht einschlafen.

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Die Reise
 
Worum geht's?:
Nicht Nichtstun steht im Mittelpunkt. Sondern etwas tun, wofür im normalen Alltag zu wenig Zeit bleibt. Meine beiden Leidenschaften Reisen und Schreiben möchte ich miteinander verbinden. Und wenn mich dabei jemand begleitet, umso schöner. Es sind vor allem Geschichten, die ich erzähle und erst in zweiter Linie Beschreibungen von Orten und Gebäuden. Ich möchte versuchen, Stimmungen herüberzubringen. Feelings, sentimientos. Wenn mir das manchmal gelingt, ist mein Ziel erreicht.
Details:
Aufbruch: 12.04.2008
Dauer: 4 Monate
Heimkehr: 03.08.2008
Reiseziele: Uruguay
Brasilien
Paraguay
Argentinien
Chile
Bolivien
Peru
Guatemala
Der Autor
 
Beatrice Feldbauer berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
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