Frankreich-Reisebericht :Wege zur Romanik - Dorfkirchen im Burgund

ins Land der tollen Hühner - Bresse

Es ist immer noch naß, aber es regnet nicht. An Golf denken wir schon nicht mehr, stattdessen an Austern, die es heute auf dem Markt geben müßte. Vom inzwischen von uns dauernd belegten Parkplatz geht es wieder einmal in die Stadt; ein Reiher sitzt an Soaneufer und beobachtet.

Wir müssen heute zum Platz vor dem Rathaus. Dort kaufen wir rosa Knoblauch für uns, ein Dutzend Austern, zwei Bressehühner (8,70€/ kg) und ein Perlhuhn. Der junge Bauer aaus dem Bressegebiet steht mit einem kleinen Kühlwagen auf dem Markt und ist sehr kommunikationsfreudig. Von uns will er die deutschen Namen seiner Tiere wissen, da er auf seiner Ferme la Bonadière noch Truthähne und Gänse züchtet. Ein Pärchen empfiehlt uns noch die rillettes - aber wir können nicht alles kaufen. Die Diskussion dreht sich mal wieder um die Mentalitätsunterscheide unserer beiden Länder. Die Franzosen sagen klipp und klar: lieber etwas weniger Fleisch o.ä. statt billig, billig, billig. Schwer bepackt laufen wir zurück zum Auto und bringen diese Utensilien in den Kühlschrank.

Da der Ort des Bauern auf unserem Weg in das Bressegebiet liegt, beschließen wir dort vorbeizufahren. In der Nähe des kleinen Ortes Bouhans ist die ferme auberge la bonadière ausgeschildert. Aber schon weit vorher sieht man so weit das Auge blickt, Wiesen mit halbzylinderförmigen Schuppen mit unzähligen weißen Flecken: den Bressehühnern. Dort angekommen verscheue ich durch unabsichtliches Hupen zunächst die tausenden Hühner - sie ziehen sich alle in kleine Hütten zurück, die auf den riesigen Wiesen verstreut liegen

Dafür sind die Truthähne und auch die Gänse ganz neugierig und kommen - wenn wir anhalten - alle an den Zaun gerannt.

20 km weiter ist Arlay - das Schloß ist ein Weingut, das 6€ Eintritt nur für den Park haben will; das ist uns bei diesem Wetter zuviel und außerdem machen sie mal wieder lange Mittagsause. Irgendwie waren wir schon mal hier - aber wahrscheinlich haben wir auch damals den Park nicht besucht.
So machen auch wir Picnic - mit unserem letzten Toast mit der letzten Leberwurst aus Aachen.

Danach fahren wir dann weiter nach Pierre de Bresse. Das Schloß ist riesig und die Dame am Eintritt etwas dümmlich - zunächst will sie 12 € haben, da wir aber einmal behindert sind und Ulrike meint, sie wäre aus dem Dienst, korrigiert sie auf 5€. Etwas ungläubig schauen wir uns an, doch dann stellt sich raus, dass 'chomes' nicht 'retraite' bedeutet, sondern arbeitslos, daher rechnet sie erneut und nun sind es 7€.

Schloss von Pierre-de-Bresse

Schloss von Pierre-de-Bresse

Das Schloss von Pierre-de-Bresse ist im Besitz des Conseil Général de Saône-et-Loire (das ist das Departements-Parlament) und beherbergt seit 1956 das Ecomusée der Burgundischen Bresse. Der Wunsch, dieses aussergewöhnlichen Gebäude wieder zum Leben zu erwecken, wurde damit erfüllt.
Seit dem Bau im Jahre 1623 und bis ins Jahr 1852 war das Schloss von Pierre-de-Bresse eng mit der Familie Thiard verbunden. Ursprünglich wurde es als befestigtes, wehrhaftes Wohnhaus erstellt. In den Kriegswirren mit den Comptais (den Bewohnern der Freiberge) wurde es arg beschädigt. Claude V de Thiard, Sohn des Porrtus, ein brillianter Krieger, Generalleutnant der königlichen Armee, Gouverneur von Auxonne, Hess es dann als elegante und vornehme Residenz wieder herrichten.
Wie das ausgestellte Modell zeigt, ist das Schloss von grossen Wassergräben umschlossen. Die Gemächer der Herrschaft wurden aus Stein gebaut, der von weither zugeführt werden musste. Damit konnten die verschiedenen Konstruktionselemente (offene Galerie mit Rundbögen, Giebel mit dem Wappen der Thiard) unterstrichen werden. Mehrere Generationen Thiard haben bis ins 19. Jh. verschiedene Verbesserungen vorgenommen. Der letzte dieser Familie, Auxonne Marie Théodose de Thiard, General und Abgeordneter der Nationalversammlung, hat im Schloss prunkvolle Einladungen gegeben.
Für lange Zeit haben wir als einzige Ueberbleibsei dieses Prunks bloss die Tapeten besessen, die die Wände der verfallenden Salons geschmückt hatten. Diese Reste haben uns dazu gebracht, nach der Geschichte der letzten Bewohner des Schlosses zu forschen.
Auch die Kunstschmiede haben beachtliche Spuren ihres Könnens hinterlassen: Das Schlossportal, das als historisches Monument klassiert ist, die Balustraden, die die Wassergräben umschliessen sowie das Treppengeländer im Eingangsbereich, das unsere grosse Bewunderung verdient. In der Ausstellung "Une Vie de Chäteau" wird der interessierte Besucher die Präzision der Handwerkskunst erfahren und würdigen können.
Die Ausstellungsbesucher finden hier auch die Galerie der ehemaligen Schlossbesitzer. Fotographien aus dem Familienbesitz und eine Sammlung alter Bücher und Gegenstände geben Einblick in den damaligen Alltag. Anhand von Zeichnungen, Gravuren und Plänen und Dekorationselementen (Tapeten, Innentüre, Cheminéeplatte, Eisengeländerfragment,...) kann die architektonische Entwicklung des Gebäudes verfolgt werden.
Schliesslich sei auf die Schlosskapelle mit einer Figur von Dorothée de Poitiers (17. Jh), einer Vorfahrin der ersten Schlossherren, verwiesen. Sie vervollständigt den Einblick in das Leben des Schlosses von Pierre-de-Bresse von anno dazumal.

In den ersten Sälen sind wir enttäuscht und glauben fast an Nepp. Doch dann stellt sich heraus, dass ein ganzer Seitenflügel mit Gerätschaften u.a. gefüllt ist.
So erfahren wir, das im Norden der Bresse Fachwerk aus Geflecht mit Lehm besteht und im Süden aus gestampfter Erde. Die Tageshäuser (Häuser die in einer Nacht gebaut wurden) dienten armen Leuten dazu Ansprüche auf Land geltend zu machen.

Bereits die Bressebewohner kannten eine Art Dudelsack.

Bereits die Bressebewohner kannten eine Art Dudelsack.

Geschirr-Schränke mit eingebauter Uhr

Geschirr-Schränke mit eingebauter Uhr

Dachreiter typisch für Bresse, wie bunte Dächer für Burgund

Dachreiter typisch für Bresse, wie bunte Dächer für Burgund

schwimmende Schiffsmühle

schwimmende Schiffsmühle

Stofftapete 'l Indienne au petit ananas' aus den Jahren 1780-1790

Stofftapete 'l Indienne au petit ananas' aus den Jahren 1780-1790

und ihre Herstellung

und ihre Herstellung

Museumscafé

Museumscafé

Schloßkapelle

Schloßkapelle

Auf der Weiterfahrt achten wir dann natürlich auf die bresse-typischen Dachreiter.

In Verdon-sur-Doubs gehen wir auch noch eine Runde durch das Museum des Getreides und des Brotes - nett gemacht - aber kein Muß.

In einem alten Stadthaus werden 70 Jahrhunderte Gertreideanbau und 40 Jahrhunderte Brotherstellung dokumentiert.

landwirtschaftliche Geräte in Modellen

landwirtschaftliche Geräte in Modellen

altes Dreschbrett und ägyptische Darstellung von Getreideanbau

altes Dreschbrett und ägyptische Darstellung von Getreideanbau

gute Stube

gute Stube

mit altem Geschirrschrank

mit altem Geschirrschrank

alte Backöfen

alte Backöfen

Nach kurzem Einkauf im Géant Casino gibt es zum Abendessen: Austern - Rochenflügel mit Kapernbutter - Käse (Weiß-,Rosé- und Rotwein (dann sind alle drei Falschen leer!)

© Herbert S., 2013
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Im Sommer haben wir die Idee geboren - bei Chantal und Gilbert in Chalon-sur-Soane das Häuschen mieten und noch einmal durchs Burgund streifen. Nach zehn Jahren erkennen wir vieles wieder, aber finden auch manches Neue.
Details:
Aufbruch: 05.10.2013
Dauer: 8 Tage
Heimkehr: 12.10.2013
Reiseziele: Frankreich
Der Autor
 
Herbert S. berichtet seit 11 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Herbert sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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Herbert über sich:
Bin begeisterter Reisender - teils mit Leihwagen in Mexiko, USA, Indonesien, Thailand, Arabien, Namibia, Südafrika, Türkei,... teils mit kleinem Wohnmobil in ganz Europa, aber besonders in Großbritannien und Skandinavien. Es gibt also noch viel zu berichten. Aber es kommt soviel hinzu.