Niederlande-Reisebericht :Leinen los und los!

Von Haren an der Ems nach Groningen

Ab nach Holland

Es gibt derzeit zwischen dem Ruhrgebiet und der Nordsee nur eine einzige Binnenwasserstrasse nach Holland.
Vor über 100 Jahren waren es noch ganze vier Kanäle. Sie waren ursprünglich gedacht um die Moorgebiet zu entwässern und zu erschließen.
Auch heute noch ist das Wasser der Kanäle torfig braun.

Der gesamte Wasserweg von Haren nach Groningen ist 83 km lang.
Er besteht aus dem Haren-Rütenbrock-Kanal (5 km/h) in Deutschland, und den holländischen Kanälen Ter-Apel-Kanaal, Musselkanaal, Stadtskanaal, (alle 6 km/h) dem Osterdiep (6 km/h), Wildervanckkanaal und dem Winschoterdiep (beide 11 km/h).
Die gesamte Strecke ist für Schiffe bis 26 m Länge, 5,4 m Breite und 1,50 m Tiefgang und bis maximal 3,7 m Höhe befahrbar.

Der Haren-Rütenbrock-Kanal dient heute dem grenzüberschreitenden Sportbootverkehr. 4 Schleusen und 12 Brücken stehen der freien Fahrt im Weg.

Alle Schleusen und beweglichen Brücken werden von der Leitstelle der Schleuse 1 in Haren mit Hilfe einer automatischen Kanalüberwachung gesteuert.

Schleuse 1 im Haren-Rütenbrock-Kanal. Hier muss man einen Fahrschein lösen

Schleuse 1 im Haren-Rütenbrock-Kanal. Hier muss man einen Fahrschein lösen

Dank Schengen bleibt uns Einklarieren und Zollkontrolle in Holland erspart

Dank Schengen bleibt uns Einklarieren und Zollkontrolle in Holland erspart

Die Durchfahrt muss an der ersten Schleuse angemeldet und wie am Bahnhof muss ein Fahrschein gelöst werden. 2 Euro, die sicher nicht mal den Papier-Aufwand decken.
Hier erhält der Skipper eine Informations-Broschüre über den Haren-Rütenbrock-Kanal, sowie über die Freizeitschifffahrt in der Provinz Groningen.

Gleich im Oberwasser dieser Schleuse ist das Schifffahrtsmuseum Haren beheimatet. Alte Schiffe am Kanalrand bezeugen die lange Tradition und Verbundenheit der Stadt mit der Berufs- und Sportschifffahrt.
Es ist eine wunderschöne Fahrt durch 100 Jahre alte Eichen-Alleen vorbei an zauberhaften, manchmal villenähnlichen Häusern.
Dass wir nicht so doll viel Wasser unter dem Kiel haben, merken wir sofort. Beluga schleppt sich ein bisschen mühsam voran.

Schleuse 4 ist die Grenzschleuse zu Holland und der Provinz Groningen.
Und wenn man es ein bisschen großzügig sieht zu Friesland.
Dass wir hier in Friesland sind beweist schon die Bezeichnung der Schleusen. Sie heißen nicht etwa Sluis, wie im Rest von Holland, sondern Verlaat.
An der 4e Verlaat also muss der holländische Schleusenmeister benachrichtig werden, wenn es einem der deutsche Schleusenmeister nicht abnimmt.
Auf dem gesamten Weg nach Groningen werden die Schleusen bedient. Man muss folglich an der Grenze keinen Schlüssel ausleihen.

mit langen Stangen schiebt der holländische Schleusenmeister die Tore auf

mit langen Stangen schiebt der holländische Schleusenmeister die Tore auf

auch die Brücken werden mit Muskelkraft gehoben

auch die Brücken werden mit Muskelkraft gehoben

Jetzt beginnen die Kanäle Ter-Apel-, Mussel- und Statskanaal.
7 Schleusen und fast 30 Brücken müssen bewältigt werden. Streckenweise werden die Boote von Schleusenwärtern begleitet. Sie bedienen die Schleusen und die Brücken.
Und das überwiegend von Hand. Es ist eine unheimliche Schinderei. Mit langen Stangen müssen die Schleusentore aufgeschoben werden und einige der Hebebrücken und Drehbrücken werden mit schierer Muskelkraft auf- und zugezogen.

Der Kanal führt mitten durch die Ortschaften und ist beidseitig mit Bäumen geschmückt. Die Fahrt im Schritttempo mitten durch dieses pulsierende Leben ist ein Genuss. Allerdings muss man sich vor einem Schleudertrauma hüten, weil man ständig den Kopf hin und her reißt um nur ja nichts auf beiden Seiten des Kanals zu verpassen.

im Stadskanal kanns schon mal eng werden

im Stadskanal kanns schon mal eng werden

Viele der wunderschönen Häuschen sind zu verkaufen. Ried gedeckte Häuser und Häuser mit hochglänzenden glasierten Dächern wechseln ab mit richtigen Herrenhäusern und den winzig kleinen Hollandhäuschen, die eigentlich nur aus einem Zimmer bestehen und nicht mehr Lebensraum haben als unser Boot. Platz scheint Gewohnheitssache. Vor jedem Haus, egal wie groß, ist immer ein mit der Nagelschere manikürter Vorgarten.
Für Schiffskäufer ist dieser Kanal eine Fundgrube.

Zwischen 12 und 13 Uhr ist Mittagszeit.
Auch für uns!

Rechtwinklig zweigt das Oosterdiep vom Stadskanaal ab.

Über 7 Brücken musst du gehen........

Von wegen!

Die nächsten 6 Kilometer stehen uns 30 bewegliche Brücken und 3 Schleusen bevor. Ein ganzes Heer von Schleusen- und Brückenwärtern begleitet uns. Einige der Brücken gehen sogar elektrisch auf.

In Veendam endet dieser Kanal. Hier können Skipper und Crew ihre verspannten Nackenmuskeln im Tropiqua, einem subtropischen Badeparadies mit 32 °C warmen Thermalwasser, entspannen. Im Passantenhafen gibt es noch keinen Strom, aber die Stromkästen stehen bereits und 5 Euro 80 werden wir auch los.

hier geht’s ins Oosterdiep

hier geht’s ins Oosterdiep

In Holland regnet es nie!!!
Nein, es schüttet wie aus Kübeln.
Da sind wir sehr froh, dass der folgende, knapp 8 km lange A.G. Wildervanckkanaal nur zwei automatische Hebebrücken hat. Hier fährt auch die Großschifffahrt.
In Veendam ist der zweitgrößte Containerumschlagpunkt von Holland. Täglich fahren Containerschiffe zum größten Containerhafen Europas, nach Rotterdam.
Natürlich bleibt da die Kanalromantik der kleinen Wasserwege auf der Strecke.

im A.G.  Wilkervanckkanaal  kann auch Großschifffahrt fahren

im A.G. Wilkervanckkanaal kann auch Großschifffahrt fahren

Und weiter geht die Fahrt durchs Winschoterdiep. Nach 22 km und 11 Brücken werden wir Groningen erreichen.

Dieser Weg ist nicht mehr idyllisch aber hoch interessant. Eine Werft baut gerade an einem Ruderhaus für ein Seeschiff, nebenan wird ein Kümo verlängert und gleich darauf kommt uns ein schwimmendes Monstrum entgegen. Ein Schlepper zieht einen Kran und dahinter einen bestimmt 30 m langen Ponton. Wow!
Halbe Schiffe liegen an Land, ein Bug, ein Heck, eine Abdeckluke. Und vor uns her zockelt ein Berufsschiff im Schneckentempo.

Bond tegen het vloeken

Als wir, nach Fahrtunterbrechung durch die obligatorische Mittagspause, in Groningen anlegen, sind wir zum zweiten Mal an diesem Tag nass wie die Katzen.
Wir lieben Wasser, nur Pech, wenn es von oben kommt!
Jetzt weiß ich auch, warum die Holländer eine Organisation gegen das Fluchen gegründet haben.

Jachthafen Groningen

Jachthafen Groningen

Eine bewachte (kostenlose)  Tiefgarage unter dem Bahnhofvorplatz von Groningen fasst mehr als 4000 Fietjes. 1999 wurde Groningen von der amerikanischen Zeitschrift „Bicycle“ zur Fahrradstadt „Number one“ weltweit gekürt.

Eine bewachte (kostenlose) Tiefgarage unter dem Bahnhofvorplatz von Groningen fasst mehr als 4000 Fietjes. 1999 wurde Groningen von der amerikanischen Zeitschrift „Bicycle“ zur Fahrradstadt „Number one“ weltweit gekürt.

Auf dem Groote Markt in Groningen ist immer was los

Auf dem Groote Markt in Groningen ist immer was los

Reportage veröffentlicht im Magazin
WasserSport Ausgabe 9/2007

© Doris Sutter, 2007
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Begleitet Beluga und ihre Crew auf ihrer Bootsreise durch Deutschland, Holland, Belgien und Frankreich. Man kann 100.000 km mit einem Jet zurücklegen, ohne Mitteilungswertes zu erfahren, aber man kann in einer Stunde gemütlicher Fluss- oder Kanalfahrt auf dem altmodischsten aller Fortbewegungsmittel, dem Boot, sensationelle Erlebnisse haben.
Details:
Aufbruch: April 2007
Dauer: 6 Monate
Heimkehr: Oktober 2007
Reiseziele: Deutschland
Niederlande
Frankreich
Luxemburg
Der Autor
 
Doris Sutter berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Doris sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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