Estland-Reisebericht :Mit dem Wohnmobil ins Baltikum

Peipussee und Tartu

Freitag, 26.Juni: Tallinn ► Peipussee bei Kallaste(Estland) 253 Tageskilometer
Heute müssen wir vor Abfahrt erst einmal Ver- und Entsorgung regeln. Nicht so einfach. Hier sind zwar alle Einrichtungen vorhanden aber leider irisch okkupiert. Wir haben Mühe, an einen durch die Wohnwagen zugeparkten Wasserhähne zu kommen. Dann muß Frank gemeinsam mit einem Holländer erst einmal eine dort fest installierte irische Waschmaschine abklemmen. Dann kann auch Wasser getankt werden.
Vor der Ausfahrt aus der Stadt halten wir noch an einem Supermarkt und kaufen ein. Es findet sich auch ein Briefkasten für unsere Postkarten. Große Plattenbaugebiete am Stadtrand werden durchquert, dann sind wir auf der Autobahn nach Osten, in Richtung St. Petersburg / russische Grenze. Etwas weiter von der Stadt entfernt herrscht kaum noch Verkehr. Trotzdem wird hier der Autobahnbau weiter vorangetrieben.
Kurz vor Vitna sehen wir auf der Gegenspur ein uns wohlbekanntes Fahrzeug. Das markante Mobil der Oldenburger, die wir schon in Nida und in Riga getroffen hatten.
Wir überlegen noch hin und her, ob wir doch bis Narva an die russische Grenze fahren, oder gleich an den Peipussee. Vor Rakvere biegen wir dann von der Straße Nr.1, die hier schon nicht mehr als Autobahn ausgebaut ist, ab und fahren auf kleinen Straßen nach Süden.

In Mustvee treffen wir auf den See und fahren durch verschlafene Dörfer das Seeufer entlang. Vor einigen Grundstücken stehen Gefriertruhen an der Straße, mit langen Kabeln mit den weit zurückliegenden Häusern verbunden. Hier gibt es per Kasse des Vertrauens Gefrierfisch. Da könnte man sich morgen etwas holen. Jetzt suchen wir erst einmal ein lauschiges Plätzchen direkt am Seeufer. Das ist aber nicht so einfach. Es ist in dieser Region entweder bebaut, oder total unzugänglich. Wir versuchen etliche Stichwege. Wir machen Mittagsrast auf einem Platz, der uns leider keinen guten Blick auf den See gewährt. Wir fahren weiter. Im Dörfchen Kallaste kreiseln wir ein wenig herum. Wir suchen die berühmten roten Schwalbenklippen am See. Außer einer öffentlichen Badestelle ist aber auch hier das Seeufer unzugänglich oder Privatgrundstück. Die Anwesen haben sehr schöne Gärten, die teilweise bis ans Seeufer reichen. Hier müsste man mal jemanden fragen, ob wir im Garten stehen könnte. Aber kein Mensch zu sehen, wie ausgestorben. Wir fahren wieder aus dem Dorf heraus, die Straße zurück. In den großflächigen hohen bunten Wiesen sind überall weit verteilt Leute zu sehen, die anscheinend etwas suchen. Wir steigen aus und schauen nach, ob etwas zu entdecken ist. Wir finden nichts und die Leute sind zu weit entfernt. Ein ganzes Stück außerhalb des Dorfes sehen wir ein großes, bis zum Wasser reichendes, golfrasenartig gepflegtes Wiesenstück mit einem alten Blockhaus darauf. Wir halten an. Ein älterer Mann kommt auf uns zu und sagt das wäre seine Wiese extra für Wohnmobile und Camping. Wir fahren auf die vollkommen leere große Wiese bis durch zum Seeufer, und stellen Tisch und Stühle nach draußen.

Jetzt müssten wir ja erst einmal zu dem Platzeigentümer und fragen, was er für den Stellplatz haben möchte. Wir gehen zum Blockhaus, und da werden wir dann auch zwei Stunden lang sitzen. Der Mann ist pensionierter Physiker und sehr weltgewandt. Er spricht außer estnisch auch perfekt russisch, schwedisch und ganz gut englisch. Er wohnt in Tartu ca. 50km von hier entfernt. Den Platz hier nutzt er um den Kontakt zur Welt zu halten. Er empfängt Gäste von geführten Wohnmobilreisen. Jetzt erst war die geführte Tour nach St. Petersburg eines deutschen Anbieters mit 35 Mobilen aus Deutschland und der Schweiz bei ihm zu Gast. Auch niederländische Touranbieter machen bei ihm Station. Infrastruktur hat er auch auf seiner Wiese: Ein sauberes Plumsklo, ein Wasserhahn und ein Saunahäuschen am Seeufer. Er zeigt uns seine Gästeliste. Wir tragen uns ein und fragen nach Ansehenswertem hier am See. Er beschreibt uns den Weg zu den roten Sandsteinfelsen mit den Uferschwalbenkolonien in Kallaste, den Altgläubigenfriedhof müßten wir uns ebenfalls ansehen. Man kann nur zu Fuß dorthin gelangen. Er malt uns die Wegführung auf die Rückseite der Bedienungsanleitung seines finnischen Rasentraktors, mit dem er sich bei unserer Ankunft gerade beschäftigt hat. Er reißt die Seite ab und gibt sie uns. Die Altgläubigen seien sehr zurückhaltende freundliche und fleißige Menschen. Jedoch würden Bildung und Wissen einen sehr geringen Wert in ihrer Weltvorstellung einnehmen. Außerdem würde durch die „Inzucht“ (dieses Wort bereitet beiden Gesprächsseiten erhebliche Mühe, ehe es durch unseren Elektronik-Translator verifiziert und von uns gemeinsam als die richtige Bezeichnung anerkannt ist) außergewöhnlich viele geistig behinderte Menschen unter dieser Bevölkerungsgruppe leben. Die Altgläubigen heiraten grundsätzlich nur einen Partner innerhalb ihrer Gemeinschaft.
Unser Gesprächspartner kann uns auch das Geheimnis der Sucher auf den Wiesen lüften: Die Menschen sammeln wilde Erdbeeren. Die wachsen hier in der Nähe des Seeufers in den Wiesen im hohen Gras und seien äußerst aromatisch. Sie werden in der Region sehr teuer verkauft.
Unweigerlich kommt auch die Rede auf die große Weltpolitik. Wir sitzen hier an der Nahtstelle der Weltsysteme und sein Grundstück liegt am äußersten Rand der EU. Durch den See geht die Grenze zu Russland. Das andere Ufer kann man wegen der Größe des Peipussees hier zwar nicht erkennen. Aber dort, die kleine Rauchsäule am Horizont, ist eine Papierfabrik am russischen Ufer.
Unser Gesprächspartner ist überzeugt davon, dass nur die NATO-Präsenz hier sein kleines Land davor bewahrt hat, von Russland wieder überrannt zu werden. Obwohl er zu sowjetischen Zeiten schon etwas privilegierter gelebt habe als der Durchschnitt, sieht er jetzt in der neuen Zeit nur Vorteile für die Menschen im Baltikum. Er habe die Freiheit auch schon sehr genossen, zum Beispiel bei seinen Reisen. Da es hier im Land keine Berge gäbe, fühle er sich von Bergen magisch angezogen. Er war auch schon mit seiner Frau auf dem höchsten Berge Deutschlands, auf der Zugspitze. Ein solcher mystischer Ort müsste doch von jedem Deutschen schon einmal besucht worden sein. Wir müssen beschämt zugeben, dass wir zwar schon bis weit hinter den Polarkreis gekommen sind, auch die USA bereist haben, selbst in den Wüsten Nord- und auch Südafrikas gestanden haben, aber auf der Zugspitze, da waren wir noch nie.
Nach dem langen Gespräch geht Frank erst einmal zum Wasser und ich setze mich vor das Auto und lege eine CD von Sedaa ein. Während ich den asiatischen Klängen so lausche, fällt mir auf, dass wir ja von hier aus eigentlich nur noch ein Land durchqueren müssten um in die Mongolei zu kommen. Wir sitzen dann noch lange bei Thüringer Weißwein aus Sonnendorf in der hellen nordischen Nacht. Als die Mücken ihr Spiel mit uns zu doll treiben, verziehen wir uns ins Auto.

Samstag, 27.Juni: Peipussee bei Kallaste ► Tartu (Dorpat) ► Alatskivi ► Peipussee bei Kallaste (Estland) 108 Tageskilometer
Heute wollen wir erneut versuchen, die roten Sandsteinklippen mit den Schwalbennestern zu finden. Wir fahren in das Dorf und laufen versteckte Pfade. Dank der guten Wegbeschreibung sind wir schnell angelangt und vom Anblick der von Schwalben durchlöcherten kleinen Felsen fasziniert. Sie leuchten über dem blauen Wasser in der Morgensonne.

Am Altgläubigenfriedhof, der ebenfalls auf dem Steilufer liegt, gehen wir entlang ins Dorf zurück. Wir treffen im Ort unseren Platzeigentümer und geben Bescheid, dass wir heute Abend noch einmal bei ihm stehen werden. Er sagt, falls er nicht da sei, sollen wir den Holzbalken vor der Einfahrt einfach zur Seite schieben. Dann fahren wir weiter in die Studentenstadt Tartu. Zuerst schauen wir uns die schiefe Johanniskirche an. Wie man noch sieht, war sie sehr zerstört, wird aber gerade saniert. Im Inneren spielt eine Frau auf einer kleinen Orgel. In Richtung Stadtzentrum gehen wir vorbei an den alten Gebäuden der Universität.

Auf dem Marktplatz wird’s lebendig, jede Menge Kneipchen und Cafés. Auf dem Platz steht ein schöner Brunnen. In der Brunnenmitte ein umschlungenes Liebespaar mit aufgespanntem Schirm über sich. Über den Schirm läuft das Wasser in den Brunnen. Davor ein Baum, an dem hunderte kleiner Schildchen und Zettel aufgehangen sind. Vielleicht ein Wunschbaum.

Auch ein „Pierre“ gibt’s hier, wie in Tallinn ein kleines Szenekneipchen mit viel altem Schnick-Schnack, leckerem Gebäck und schwarz/weiß Kellnern mit Strohhüten. Wir setzen uns in den Außenbereich. Die Essenzubereitung dauert etwas länger. Jetzt sind wir richtig hungrig. Indessen lassen es sich die Stadtkrähen gut gehen. Sie hüpfen über die Nachbartische, decken die Stoffservietten von den Besteckkörbchen und ziehen mit ihren Schnäbeln frech ganze Brotscheiben heraus. Da merken wir erst, dass auch Brot in den Körben ist.

Später gehen wir weiter an einem extrem schiefen Haus mit einer Kunstgalerie vorbei auf eine Fußgängerbrücke am Fluß. Entlang der Brücke sind große Fototafeln aufgestellt, auf denen zu sehen ist, dass an dieser Stelle anstatt der heutigen kleinen Stahlbrücke eine große Steinbogenbrücke stand. Die russische Zarin Katharina II ließ sie bauen, im zweiten Weltkrieg wurde sie komplett zerstört. Auch vom gegenüberliegenden Altstadtviertel ließ der Krieg nichts übrig, wie man auf den ausgestellten Bildern erkennen kann. Nun sammelt man Geld, um die Brücke mit steinernen Bögen wieder nach originalen Vorlagen errichten zu können. Ein Modell steht am Brückenaufgang.
Inzwischen regnet es mal wieder etwas. Unter den großen Bäumen des Parks am Flussufer laufen wir trocken. Wir kommen an den botanischen Garten der Stadt. In den Außenanlagen ist freier Eintritt. Ein Paradies, alles ist sehr liebevoll angelegt und gut gepflegt. Überall blüht es, jeder Stein, jedes Rindenstück, alles ist in das Gesamtkonzept einbezogen. Wir begegnen einer Hochzeitsgesellschaft, die unter einem großen alten Baum steht und auf das Glück des jungen Paares anstößt. Ein ideales Ambiente für schöne Hochzeitsfotos. Nur das Wetter muß mitspielen. Es regnet mal wieder kurz. Nun sind wir fußmüde und laufen zum Auto.

Etwas außerhalb entdecken wir noch einen Friedhof aus deutscher Zeit. Unterwegs sehen wir wieder, wie zuvor in den anderen baltischen Ländern auch schon, abseits von Ortschaften im Wald gelegene Plattenbauten aus der Sowjetzeit. Vor allen Häusern große Stapel mit Brennholz.

In Alatskivi angelangt, folgen wir der Wegweisung „Alatskivi loss“ um zum Gutshaus zu gelangen. Auf der kleinen Sandstraße dorthin stoßen wir auf eine Barriere aus Äxte und Schnapsflaschen schwenkenden Menschen mit großen Holzklötzen. Die Leute sind teilweise in schöne Trachten gekleidet. Sie haben nicht uns erwartet, sondern das Auto mit ihrem Brautpaar. Wir machen ein paar sehr schöne Fotos. Die Hochzeitsgesellschaft sehen wir später noch einmal am Schloss.

Als wir wieder auf dem Wiesenplatz am See ankommen, hat sich noch ein estnisches Pärchen mit Zelt eingefunden. Der Platzeigentümer sägt und streicht in seinem Schuppen. Noch einmal treibt es uns zum Wasser, der Strand besteht komplett aus Muschelschalen. Wir öffnen dann einen Moselwein und essen zu Abend. Die Mücken treiben uns dieses Mal schon zu früh ins Auto.

Sonntag, 28.Juni: Peipussee bei Kallaste ► Cēsis (Wenden, Lettland) 258 Tageskilometer
Heute am Morgen begrüßt uns ein herrlicher Sonnenschein, aber der Wind pfeift eiskalt. Wir genießen den heißen Kaffee eingehüllt in warmen Decken. Dann machen wir uns reisefertig, und verlassen dieses herrliche Fleckchen. Unser Weg geht wieder in Richtung Lettland. Zunächst fahren wir abseits der Hauptstraße über Sandpisten durch kleine Dörfer entlang des Seeufers.

Bevor wir wieder auf befestigte Straßen kommen, sehen wir auf freiem Feld am Wegesrand einen PKW mit Klapptisch und Stühlen davor stehen. Ein älteres Paar aus Wien sitzt gemütlich beim Frühstück. Wir reden eine Weile miteinander und geben uns gegenseitig Empfehlungen für die weitere Reise. Wir fahren weiter. Unterwegs kaufen wir noch frisches Brot. Als wir an einem großen Obelisken halten, sehen wir ein Wohnmobil stehen, das wir heute auch schon mehrmals getroffen haben.
Jetzt wird das Wetter richtig warm. Sollten wir etwa doch noch Sommer bekommen?
Unser Ziel ist heute die Kreuzritterburg Cēsis. Die Burg sieht sehr interessant aus mit den zwei mächtigen Türmen. Einer ist zur Zeit wegen Restaurierung leider nicht begehbar. Man kann mit Kerzen oder kleinen Laternen, die es an der Kasse gibt durch die Burg laufen.

Wir steigen durch ein Loch über eine Eisenleiter ins Burgverlies. Im neuen Schloß nebenan gibt es ein schönes Museum mit einem Aussichtsturm, von dem man über die Stadt schauen kann. Als wir in der oberen Etage vor den Bücherschränken stehen, kommt eine Fee aus dem Hintergrund und schaltet uns das Licht an, damit wir alles besser sehen können.

Im Anschluß laufen wir noch ein wenig durch den Ort und fahren dann vor die Stadt auf den Campingplatz am Flussufer des Gauja, der sich hier behäbig dahinwindet. Herrliches Wetter, ein schöner Platz mit Sandbadestrand und sehr freundlichem Platzpersonal. Es stehen schon zwei deutsche Womos hier, unter anderem das von heute unterwegs. Es kommt noch ein drittes hinzu. Man schwatzt kurz miteinander. Sie kommen alle von der geführten Baltikum/St. Petersburg-Tour. Das Münchner Mobil ist auch schon andere große geführte Touren mitgefahren. So zum Beispiel die Seidenstraßentour nach China in 180 Tagen.
Wir trinken Kaffee und Tee und laufen danach den Gauja entlang. Es gibt hier außergewöhnliche Blumen, mit zweifarbigen Blüten in Gelb-Blau. Weiter hinten zweigt der Weg etwas ab von diesem ruhigen Fluß, hinein in den Wald. Teilweise über Holzstege bewegen wir uns in einem Feuchtgebiet. Das Wasser kommt aus angrenzenden Sandsteinfelsen gesickert und ist glasklar. Aus einer Felsenspalte strömt eine etwas stärkere Quelle. Dort hängt an einer Metallkette ein Henkelbecher aus Blech. Eine Entenmutter zieht mit ihren sieben Küken über das Wasser der verwachsenen kleinen Tümpel und Teiche. Hier soll es auch Biber geben. Alles gehört wohl zum Gauja-Nationalpark.
Als wir an der blauen Zitrone zurück sind, ist die Sonne bereits hinter dem Wald, aber es ist trotzdem noch lange hell. Heute Abend wird mal wieder selbst gekocht: Möhren, Pastinaken und Huhn.

© B. & F. S., 2016
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Mit unserem Campingbus „Blaue Zitrone“, einem Citroën Jumper mit Pössl Ausbau waren wir, Frank und Birgit, 5149 km in Polen, Litauen, Lettland, Estland unterwegs. Von den Masuren, über die Kurische Nehrung und Rigaer Bucht bis hin zum Peipussee zogen wir dieses Mal unsere Kreise.
Details:
Aufbruch: 14.06.2015
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 05.07.2015
Reiseziele: Deutschland
Polen
Litauen
Lettland
Estland
Der Autor
 
B. & F. S. berichtet seit 12 Monaten auf umdiewelt.