Lettland-Reisebericht :Mit dem Motorrad über den nahen Osten in den hohen Norden

Manchmal kommt es anders als man denkt

Ich bin wieder unterwegs, allerdings schneller als sonst...und vor allem in die falsche Richtung...100 km zurück nach Riga....
Doch der Reihe nach...
Um 08.00 klopfte es tatsächlich an meiner Tür und ein Rotkäppchen- Frühstückskorb wurde mir gereicht.
Jedoch war der Inhalt nicht so üppig und das Frühstück konnte bei weitem nicht mit dem in Polen mithalten.
Leider, denn ich hate wegen dem ausgefallenen Abendessen schon mächtig Hunger.
Egal, ein bisschen dunkel im Bauch war es ja jetzt und weiter ging es.
Unterwegs traf ich an einem Fotostop drei Radfahrer, wie sich herausstellte, Rentner aus Ingolstadt, die mit der Fähre von Deutschland nach St. Petersburg gefahren sind und jetzt den ganzen Weg per Rad wieder zurückfahren. Respekt! Wir tauschen ein paar Tipps über St. Petersburg und nicht mehr aktive Fähren aus und weiter gehts..
Unterwegs ging mir dann die Frage nicht aus dem Kopf, wie die Rentner nur mit so wenig Gepäck auskamen und was ich so alles mit mir rumschleppe.
Hmm, ein Koffer besteht nur aus Campingequipment, das musste jetzt mal genutzt werden. Heute sollte also der Tag der Tage sein, das Wetter war schön und es soll erst morgen wieder regnen.
Die Grenze zu Lettland war schnell erreicht...diesmal war es nur ein Grenzfluss, sonst nichts...

Auf nach Lettland...

Auf nach Lettland...

Aber hinter der Grenze merkte man sofort, dass man in einem anderen Land war. Es sah so aus, als ob der Krieg erst seit gestern vorbei wäre. Überall abbruchreife und teils verwahrloste Häuser, die Strassen in einem miserablen Zustand.
Hier musste die Reisegeschwindigkeit gleich mal um Einiges reduziert werden.
Ich hatte mich für eine gelbe Strasse laut Karte entschieden, die ich dann auch komplett für mich alleine hatte.
In Litauen zumindest kam man auf diesen Strassen ganz gut voran.

Hinterm Horizont geht´s weiter....

Hinterm Horizont geht´s weiter....

Dummerweise hörte der Asphalt nach zwei Kilometern auf.
Das war aber jetzt keine gut zu fahrende Schotterstrecke, sondern eher ein Gemisch aus feinem Sand und Schotter.
Solange man in den von Autoreifen ausgefahrenen Spuren blieb, ging es mehr schlecht als recht voran, aber sobald man von der Spur abkam, hatte das Vorderrad in dem aufgehäuften, feinen Sand/Schotter- Gemisch keine Führung mehr. Immer wieder musste ich mich mit den Füßen abstützen, etwas mehr als Schrittgeschwindigkeit war nicht drin.
Und das sollte jetzt 24 km so weitergehen?
Die Sache war mir zu heiss und zu langwierig, so kam ich nicht voran.
Wäre mein Möppi umgefallen, hätte ich zudem alles abladen und auspacken müssen, da ich sonst den Eisenhaufen mit seinen vollbeladen bestimmt 300 kg alleine nicht wieder aufgestellt bekomme. Und ausser mir war da kein Mensch weit und breit.
Da es eine Alternativroute über eine rote Strasse gab, entschied ich mich, umzudrehen.

...sieht auf dem Foto gar nicht so schlimm aus, oder?

...sieht auf dem Foto gar nicht so schlimm aus, oder?

...kleine Huldigung dem Asphalt, als ich ihn wieder unterm Gummi hatte ...

...kleine Huldigung dem Asphalt, als ich ihn wieder unterm Gummi hatte ...

Die rote Straße war dann zwar asphaltiert, aber ebenfalls in einem eher jämerlichen Zustand mit vielen Schlaglöchern. Bauarbeiter haben versucht zu retten, was noch zu retten ist, indem sie die Löcher mit Bitumen auffüllen und Schotter darüberstreuen. Vor allem, wenn es gerade frisch gemacht wurde, ist das nicht so der Hit für Motorradfahrer.
Die LKWs waren jetzt schneller unterwegs als ich und saßen mir im Nacken. Da sprang plötzlich aus dem Gebüsch in Panik eine Elchkuh über die Strasse und ihr Junges gleich mal hinterher. Ich wusste jetzt nicht, wer sich mehr erschrocken hatte, jedenfalls bin ich erstmal rechts ran, habe die LKWs vorbeigelassen und meinen Puls beruhigt.
Das war ja insgesamt mal ein toller Auftakt für Lettland, ich bin wirklich und im wahrsten Sinne des Wortes beeindruckt!
Unterwegs kam ich durch Zufall in der Stadt Salus an dem wohl größten deutschen Soldatenfriedhof in den baltischen Staaten vorbei.
Das musste ich mir natürlich anschauen.

Hierhin wurden die Gebeine von ca. 22000 deutschen und lettischen Soldaten aus vielen Kriegsgräbern der Region umgebettet.
Hier in Lettland müssen Ende 1944 heftige Schlachten, die sogenannten Kurland- Kessel Schlachten, mit der roten Armee stattgefunden haben. Auf russischer Seite waren 400000 und auf der deutsch/lettischen Seite ca. 50000 Opfer zu beklagen.
Bis dato wusste ich gar nicht, dass Lettland ein Verbündeter von Deutschland war...
Weiter ging es nach Riga, wo ich gegen 17 Uhr eintraf.
Mein Ziel war es, einen Zeltplatz hinter Riga Richtung Estland zu finden, damit ich morgen dann locker bis nach Tallinn, der Hauptstadt von Estland, fahren kann.
Da ich bis dato noch kein lettisches Geld hatte und diesmal ja noch ganz gerne was zu Abend essen wolte, hielt ich kurz bei einer Bank an, um Geld aus dem Geldautomaten zu ziehen.
Auf jedem Campingplatz, den ich ansteuerte, wäre ich der einzige Gast gewesen. Wie ausgestorben, ich frage mich, wann die lettischen Campingplätze Saison haben, wenn nicht jetzt...und überall sind mittlerweile diese fiesen Blutsauger unterwegs, ich dachte, mit denen müsste ich mich erst in Finnland beschäftigen .
Die Plätze lagen auch alle soweit weg vom Schuss, dass ich nichts mehr zu essen bekommen hätte.
Also entschied ich mich, 10 km vor der Grenze zu Estland doch wieder ein Hotelzimmer zu nehmen.
Und dann der Schock beim Einchecken...die Kreditkarte war nicht mehr da!!!
Wo hätte ich sie zuletzt in der Hand gehabt?
Beim Tanken? Nein...
Bei der Bank, beim Geld abheben... da hier in Lettland zuerst das Geld kommt und nicht die Karte, muss ich Depp sie im Automaten vergessen haben.
Die Karte ist extrem wichtig für mich, damit tanke ich, damit reserviere und bezahle ich die Hotels, damit hebe ich Geld ab.
Gott sei Dank hatte ich noch Euros als eiserne Reserve mitgenommen, damit konnte ich zumindest schon mal das Hotel bezahlen.
Aber das Abendessen fiel jetzt den zweiten Tag aus, Hunger hatte ich eh keinen mehr...
Nach dem Frühstück hocke ich mich aufs Möppi und gebe Gas, ich muss zur Bank zurück und unbedingt meine Karte wiederbekommen...

© Dirk Wöhrmann, 2012
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Mit dem Motorrad ans Nordkap über Tschechien, Polen, Russland, Litauen, Lettland, Estland, Russland, Finnland, Norwegen, Lofoten, Schweden, Dänemark
Details:
Aufbruch: 12.06.2012
Dauer: 7 Wochen
Heimkehr: 28.07.2012
Reiseziele: Deutschland
Tschechische Republik
Polen
Litauen
Lettland
Estland
Finnland
Norwegen
Der Autor
 
Dirk Wöhrmann berichtet seit 5 Jahren auf umdiewelt.
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