Lettland-Reisebericht :Mit dem Wohnmobil ins Baltikum

Von Riga nach Tallinn

Dienstag, 23.Juni: Riga (Lettland) 0 Tageskilometer
Der Tag fängt sonnig an. Wir frühstücken und starten dann zu Fuß in die Altstadt Riga. Der Wohnmobilplatz liegt auf der Flußinsel Ķīpsala. Deshalb steuern wir auf die Pylone der markanten großen Schrägseilbrücke zu, die über die Daugava in die Altstadt führt.

Auf der Altstadtseite liegt direkt neben der Brücke der Pier an dem die großen Ostsee-Kreuzfahrtschiffe liegen. Das dürfte wohl eine große Besonderheit Rigas sein, dass man über die Daugava mit einem Ozeanriesen bis in die Altstadt fahren kann. Als wir in der Innenstadt angekommen sind, fängt es an zu regnen. Na ja, spannen wir den Schirm auf und versuchen es erst einmal mit einer Innenbesichtigung. Wir beginnen mit dem Dom. Der Domrundgang scheint am Einlaß zu scheitern. Die Eintrittsgebühr von je 3 € wollen wir mit einem 50 €-Schein bezahlen. Die ältere dicke Dame hinter dem Kassentresen schiebt den Schein von sich, entgegnet: „Only small money“, dreht sich um und beginnt in irgendwelchen Listen zu schreiben. Uns und die inzwischen zahlreich hinter uns Wartenden würdigt sie keines Blickes mehr. Über so viel Unfreundlichkeit verblüfft, bleiben wir einfach stehen. Ein junges Paar weiter hinten in der Schlange wartend kommt auf uns zu und wechselt unseren Schein in passendes Kleingeld. Nun wendet sich auch die Kassiererin uns wieder zu. Wortlos nimmt sie das Geld entgegen und händigt die Eintrittskarten aus.

Nach der Dombesichtigung schlendern wir im Regen durch die Gassen der Altstadt. Als der Regen wieder stärker wird, stellt sich auch der Mittagshunger ein und wir betreten eine Altstadtkneipe am Rathausplatz. Hier gibt es ausschließlich einheimische Küche. Frank nimmt Pelmeni, ich eine Sauerkrautsuppe mit Schweinefleisch, gebackenen Kartoffeln und gutem Brot. Aus dem Fenster beobachten wir auf dem Platz zwei junge Frauen in Tracht, deutschem und britischem Fähnchen und einem Schild „Sightseeing / Stadtführung“. Wir beschließen: Genau das machen wir jetzt! Wir bezahlen unser Essen und gehen nach draußen. Eine der jungen Frauen spricht perfekt deutsch. Wir machen die Konditionen klar, sie nimmt uns mit hinter das Rathaus in eine Tourismusagentur, für die sie arbeitet. Wir bezahlen unseren Obolus von 15€ pro Person für 2 Stunden und haben nun eine sach- und fachkundige Stadtführerin nur für uns beide. Lilija ist 22 Jahre alt und Geschichtsstudentin hier in Riga. Ihre fast perfekten Deutschkenntnisse hat sie aus Ihrer Schulzeit. Sie hatte Deutsch als erste Fremdsprache auf dem Gymnasium. Wenn wir daran denken, was der Fremdsprachenunterricht an den Schulen bei uns zu Hause in Deutschland so hinterlässt....

Wir laufen durch Straßen und Gassen. Orte, die wir alleine so sicher nicht gefunden hätten. Auch müssen wir kosten vom Nationalgetränk „schwarzer Balsam“, einem sehr streng schmeckenden Kräuterlikör. Außer den obligatorischen Erklärungen zur Stadt interessiert uns natürlich in erster Linie die Befindlichkeit der Menschen hier. Die EU-Mitgliedschaft und der Euro als Zahlungsmittel wird von den Letten, wie auch von den anderen Balten, fast ausnahmslos als große Errungenschaft angesehen. Auch die ständige Anwesenheit von NATO-Truppen auf ihrem Staatsgebiet bezeichnen sie als große Notwendigkeit. Denn nur so könne garantiert werden, dass die kleinen Staaten nicht wieder von Russland überrollt werden. Wir geben unserer Verwunderung Ausdruck dass eigentlich im öffentlichen Raum nichts mehr an die Sowjetunion erinnert. Die Sowjetzeit wird als „Okkupationszeit“ bezeichnet. Obwohl Lilija erst nach dem Zerfall der Sowjetunion geboren wurde, weiß sie sehr viel darüber zu berichten. In den Erzählungen ihrer Eltern sei die Zeit des Umbruchs immer noch sehr präsent. Sie führt uns an die Stelle der Altstadt, an der während der Unabhängigkeitsdemonstrationen 1989 zwei Mitarbeiter des lettischen Fernsehens von russischen Sicherheitskräften erschossen wurden. Die jungen Menschen hier sehen sehr bewusst die Möglichkeiten der westlichen Demokratie und nutzen sie auch.
Wir erzählen von unserer Begegnung mit der Kassiererin im Dom. Lilija sagt, dass es immer noch Leute gibt, zumeist aus dem russischen Bevölkerungsteil, die an alten sowjetischen Verhaltensmustern festhalten. Unfreundlichkeit und ausspielen von Machtpositionen waren normal. Aber heute wird es auch immer jemanden geben, der dagegenhält. So hat sich unser Stadtrundgang doch erheblich über die vereinbarten zwei Stunden ausgedehnt. Wir verabschieden uns und nun scheint sogar die Sonne. Aber es dauerte nicht lange, schon wieder Regen.

Wir setzen uns in ein überdachtes Straßencafe und essen Eis und Kuchen und erholen uns vom langsamen Laufen. Lilija empfahl uns noch die Markthalle zu besuchen. Das machen wir jetzt auch. In der wirklich sehr großen Markthalle und an den vielen Ständen ringsum ist russisch die absolut vorherrschende Sprache. Hier gibt es auch Händler aus den ehemaligen mittelasiatischen Sowjetrepubliken, die Spezialitäten aus ihren Heimatländern anbieten. Wir kaufen tadschikisches Trockenobst. Im dichten Menschengedränge wird uns von einer Frau empfohlen, unbedingt usbekisches Brot zu probieren. An der usbekischen Brotbäckerei ist leider das Brot gerade alle. In zwei Stunden gäbe es neues. So lange möchten wir uns nicht hier aufhalten.
Dann ergründen wir selbst noch ein wenig die Stadt, das Gründerzeitviertel und die Uferstraße an der Daugava. Dort ist eine Festmeile aufgebaut. Heute am Johannistag ist Feiertag in Lettland. Überall Bier- und Grillstände, es riecht gut nach Gebrutzeltem. Mitten auf dem Platz ist ein großer Stapel Holzstämme, gegen den Regen sorgsam in Folie eingehüllt, für das Johannisfeuer aufgeschichtet. In jeder Seitengasse endlose Reihen von Toi-Kabinen. Es scheint alles für tausende Besucher bestens organisiert zu sein. Eintrittsgelder werden anscheinend nicht erhoben.

Die Bildschirm-Wand zeigt die Programmvorschau für heute Abend. Der erste Programmpunkt ist für 20.ºº Uhr, der letzte für 4.³º Uhr angezeigt. Auf einer großen Bühne laufen schon die Proben. Das lettische Fernsehen ist mit einigen Kameras präsent. Wir möchten heute Abend eigentlich auch hier zwischen Einheimischen auf einer der vielen Holzbänke Platz nehmen. Wir werden erst einmal zur blauen Zitrone zurücklaufen, uns ausruhen, um dann noch einmal zurück zu kommen. Hoffentlich hört der Regen auf. Lilija sagte vorhin, das es hier am Johannistag immer regne. Es gibt hier sogar ein Sprichwort das heißt: „Es regnet wie zu Johannis“.
Am Auto angekommen essen wir erst einmal zu Abend. Es regnet stärker. Wir spielen einige Runden Tetris. Es regnet noch stärker. Wir geben unser Vorhaben auf, noch einmal zur Festmeile zurückzukehren. Um Mitternacht hören wir das Höhenfeuerwerk. Zu sehen ist es durch den dichten Regenschleier kaum.

Mittwoch, 24.Juni: Riga (Lettland) ► Tallinn (Reval, Estland) 334 Tageskilometer
Die Ausfahrt aus dem Stadtzentrum nach Norden gestaltet sich einfach und recht schnell. Nicht so kompliziert und Stau-behaftet, wie vorgestern die Anfahrt.
Die baltischen Staaten sind klein. So haben wir uns vorgenommen, heute von Hauptstadt zu Hauptstadt, von Riga nach Tallinn zu fahren und unterwegs noch am Wege liegende Besichtigungen zu erledigen. Wir reisen auf der Via Baltica immer an der Rigaer Bucht entlang.

In Dunte, einem kleinen Dörfchen soll das ehemalige Landgut des Baron von Münchhausen als Museum zu besichtigen sein. Der Lügenbaron hat hier Mitte des 18. Jahrhunderts gelebt. Das Anwesen ist auch schnell gefunden. Ein großes parkartiges sehr schön gepflegtes Areal umschließt das Landgut. Wir fahren durch ein hoch herrschaftliches Gartentor und werden von einem Mann auf einen Parkplatz gewunken. Der Mann kommt zu unserem Auto. „Museum is closed“. Sehr schade, aber die Museumstüren stehen weit offen. Wir möchten erfahren, wann geöffnet ist. Der Mann versteht anscheinend kein englisch. Wir möchten uns selbst ein Bild machen und laufen auf das Haus zu. Der Mann wird energisch: „Museum is closed!“
Dann möchten wir uns eben den wirklich schönen weitläufigen Park ansehen. Der Mann versteht nicht, auch unser wenig Russisch hilft nichts. Wir laufen einfach los. Jetzt wird der Mann richtig garstig und treibt uns regelrecht ins Auto. Uns bleibt nichts anderes übrig als zu flüchten. Hier stimmt etwas nicht. Parkplatzschranke offen, Gartentor offen, Museumstür offen und kein Zutritt? Da ist uns wohl Münchhausen als Wiedergänger erschienen und hat uns gefoppt.
Die Via Baltica führt an einigen Stellen direkt am Strand entlang. Wir steigen aus und laufen im Sand entlang. Zwei Kitesurfer packen ihr Equipment aus. Mit elektronischem Windmesser prüfen sie die Gegebenheiten. Es geht ganz schnell, dann sind sie fertig ausgerüstet und im Wasser. Begeistert sehen wir eine ganze Weile zu.

Kurz vor der estnischen Grenze biegen wir links auf eine kleine Nebenstraße ab, um näher an der Küste zu bleiben. Im letzten Dorf in Lettland, Ainaži, halten wir, sehen uns die schöne Kirche an und werfen noch zwei Postkarten in den Briefkasten. Im Nu sind wir dann in Estland. Außer einem Schild ist von der Grenze wieder nichts zu bemerken.
Nur die Ortsnamen sind wesentlich interessanter geworden. Im Dörfchen Häädemeeste legen wir einen Stopp auschließlich des lustigen Namens wegen ein. Mit solch einer Ortsbezeichnung wird selbst ein Buswartehäuschen zur Sehenswürdigkeit.

Auf der Weiterfahrt kommen wir bei Rannametsa an hohe mit Wald bewachsene Sanddünen mit einer dahinter liegenden sibirisch anmutenden Sumpflandschaft.
Über mehrere Kilometer Bretterstege erkunden wir diese. Dann steigen wir hoch zu einer bewaldeten Sanddüne auf einen hölzernen Aussichtsturm und blicken weit in die Landschaft.

Gegen Abend sind wir in Tallinn. Der Wohnmobilplatz an der Messe ist schwer zu finden. Wir umrunden das Messegelände auf kleinen Anliegerstraßen. Stehen schon am Platz, nur leider mit einem Zaun dazwischen. Kurven noch einmal umher und dann ist alles ganz einfach, wenn nur eine Beschilderung vorhanden wäre. Der Wohnmobilplatz ist vollständig von irischen Wanderarbeitern und deren Familien okkupiert. Dicke Porsche- und Mecedes-Geländewagen mit doppelachsigen Wohnanhängern stehen kreuz und quer. Sie drängen die wenigen Wohnmobiltouristen an den Rand. Dazwischen orangefarbene Bautransporter. Alle mit irischen Nummernschildern. Wir laufen nach unten zum Meer und blicken über die Bucht auf Tallinns Altstadt und die großen Kreuzfahrtschiffe am Hafen.

Am Abend verursachen die Iren mit ihren dicken Autos und Rumbrüllen noch einiges Getöse. Die Sanitäreinrichtungen und Sauna haben sie auch schon verdreckt. Die jungen Mitarbeiter an der Rezeption sind in ihrer skandinavischen Art der Zurückhaltung schon ganz verzweifelt. In spätestens einer Woche müsse der Belagerungszustand aufgehoben sein sagen sie. Davon werden wir nicht mehr profitieren.

Donnerstag, 25.Juni: Tallinn (Estland) 0 Tageskilometer
Unterhalb des Wohnmobilplatzes, an der Uferstraße fährt der Stadtbus zur Innenstadt. Den Linienplan und einen Stadtplan erhielten wir schon bei Anmeldung an der Stellplatzrezeption. Dort gab es auch gleich den Tipp, wo man am günstigsten aussteigt. Bezahlt wird beim Fahrer im Bus. Wir fahren vier Stationen, und laufen dann in Richtung Altstadt. In einem Geschäft finde ich für unsere Tochter einen schönen Poncho und hoffe, er gefällt ihr. Nun sind wir an der Stadtmauer. Überall sind Verkaufsstände mit Stricksachen, dickem Wollzeug und Leinensachen, wohl die Erzeugnisse der führenden Handwerkskünste. Die dicken Strümpfe und Pullover werden bei diesen Temperaturen hier auch gebraucht. Wir laufen schon seit Tagen mit Jacken umher. So hatte ich mir unseren Sommerurlaub eigentlich nicht vorgestellt.
Für 3€ Eintrittsgebühr besteigen wir die Stadtmauer und können auf einem langen hölzernen Umgang entlanglaufen. Zwischendrin kann man auch Wehrtürme erklimmen. Schöne Rundblicke über die Stadtlandschaft belohnen uns.

Auf dem Marktplatz erleben wir den Umzug der Schulabgänger der Tallinner Schulen. Ein fröhlich-lebhaftes Treiben. In der Oberstadt ist kein Reinkommen in die prächtige russisch-orthodoxe Alexander-Newski-Kathedrale, Menschenmassen vor dem Eingang. Große Touristenströme wälzen sich über den Domberg. Im Hafen liegen zwei riesige Kreuzfahrtschiffe, die anscheinend ihren Inhalt komplett über die doch recht überschaubare Altstadt ausgeschüttet haben. Durch eigentlich malerische Gässchen drängen sich viele asiatisch aussehende Menschen mit Selfiestäben bestückt und Tablets vor dem Kopf eilig hastend vorbei. So gelangen wir wieder in die Unterstadt zurück. Zu Mittag landen wir in einem Pub in einer Gasse außen unter einem Heizpilz. Leckere Kürbissuppe und Fisch gibt es hier. Wir sind sehr locker und entspannt. Beim Weggehen vergessen wir unseren Rucksack unter dem Tisch. Der Kellner kommt uns nachgerannt und bringt ihn uns hinterher. Wir sind anscheinend zu locker-entspannt.

Weiter schlendern wir durch die mittelalterliche gut erhaltene Altstadt an den prächtigen Häusern der Hanse-Kaufleute vorbei zum Hafen und müssen ein ganz schönes Stück Weg unter die Füße nehmen, dann sind wir an den großen Fähren. Vom Stadtrundblick von den Türmen sah es eigentlich gar nicht so weit aus. Auf dem Rückweg in die Innenstadt stehen wir dann vor dem Denkmal für die Opfer des Estonia-Fährunglücks.
In der lutherischen Olaikirche sitzen wir eine ganze Weile und lassen das gotische Bauwerk auf uns wirken.
In einem schönen Allerlei-Laden stöbere ich umher und wieder geht’s in die Altstadt, um auch noch die letzten Gassen zu ergründen. Da erblicken wir einen Durchgang in einen Innenhof, der sehr original wieder restauriert wurde. Dort ist ein kleines Handwerkerviertel entstanden. Schmiede, Holzwerkstatt, Filzer, Maler und ein kleines Cafe.

Das kommt uns gerade recht. Hier gibt es anscheinend den köstlichsten Kuchen Estlands. An einem Zweiertischen an die Hauswand gelehnt betrachten wir die Szene. Über uns wächst wilder Wein. Wir sehen keine Veranlassung so schnell wieder aufzustehen. Die Zeit verstreicht. Dann schauen wir doch noch in die kleinen Lädchen der Handwerker und kaufen eine Wollbrosche zum Verschließen des Ponchos für unsere Tochter, der heute Vormittag erworben wurde. Passend für ihren Freund wird eine mittelalterlich anmutende Kappe mit langem Schweif, die Frank so passend findet, in der Filzerei von uns gekauft. Auf dem Rückweg zum Bus noch der Einkauf in einem Supermarkt vor den Toren der Altstadt.
Am Stellplatz angelangt, schreibe ich noch einige Postkarten, wir halten einen Schwatz mit dem hessischen Kastenwagen-Nachbarn, telefonieren mit zu Hause und essen zu Abend.
Später gehen wir noch einmal zum Meer hinunter und nehmen Franks großes Fernrohr mit, wegen der großen Kreuzfahrtschiffe und Fähren im Hafen. Aber keines ist mehr da.

© B. & F. S., 2016
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Mit unserem Campingbus „Blaue Zitrone“, einem Citroën Jumper mit Pössl Ausbau waren wir, Frank und Birgit, 5149 km in Polen, Litauen, Lettland, Estland unterwegs. Von den Masuren, über die Kurische Nehrung und Rigaer Bucht bis hin zum Peipussee zogen wir dieses Mal unsere Kreise.
Details:
Aufbruch: 14.06.2015
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 05.07.2015
Reiseziele: Deutschland
Polen
Litauen
Lettland
Estland
Der Autor
 
B. & F. S. berichtet seit 12 Monaten auf umdiewelt.