Litauen-Reisebericht :Mit dem Wohnmobil ins Baltikum

Kurische Nehrung und Kap Kolka

Freitag, 19.Juni: Vištytis-See ► Klaipeda (Memel) ► Nida (Nidden, Litauen) 298 Tageskilometer

Wir werden mit Storchengeklapper geweckt. Dicht an unserer blauen Zitrone stakt einer über die Wiese.
Heute versuchen wir auf Nebenstraßen die Enklave Калининград so eng wie möglich zu umrunden, um wieder an die Ostsee zu gelangen. Der erste Ort auf der Strecke ist Vištytis. Hier tanken wir erst einmal und werden von einem jungen Mann der ebenfalls sein Auto befüllt, mit „Einen schönen guten Morgen an Deutschland“ begrüßt.
In Jurbarkas überqueren wir den Nemunas (Memel). Die Straßenzustände sind hier insgesamt wesentlich besser als in Polen. Wir halten überland an einem Erdbeerstand. Die Verkäuferin versteht kein Englisch, wir müssen uns des erste Mal mit ein paar Brocken russisch verständigen. In der Nähe der Straßenkreuzung wo die E77 nach Sowjetsk (Tilsit) abgeht, treffen wir auf einem Parkplatz ein deutsches Wohnmobil. Wir plaudern eine ganze Weile mit dem Paar aus Chemnitz und tauschen Tipps zu lohnenswerten Zielen aus. Bei Priekulė stimmt die Wirklichkeit nicht mehr mit der Straßenkarte überein, auch das Navi hilft nicht mehr. Hier wird in großem Umfang autobahnähnliche Straße neu gebaut. Mal fährt man auf neuer Straße, mal wieder abseits. So kommen wir bis nach Klaipeda. Wir möchten zur Kurischen Nehrung übersetzen, also folgen wir dem Fährensymbol das schon vor der Stadt an allen Verzweigungen angezeigt ist. Nach den Plattenbauvierteln der Vorstädte landen wir in einem großen Fährhafen. Da merken wir: Das ist verkehrt. Hier verkehren nur die großen Transitrouten. Die Fähre zur Kurischen Nehrung geht in der Stadt ab. Nach einigem Umherkreiseln finden wir in die richtige Bahn und stehen auf dem kleinen Fährschiff. Nach gefühlten fünf Minuten sind wir auf der anderen Seite angelangt, fahren vom Schiff und erst einmal rechts ran, um das Hafen- und Stadtpanorama von Klaipeda zu betrachten.

Die Weiterfahrt geht durch hügelige Kiefernwälder. Straße und Landschaft sehen außergewöhnlich sauber, irgendwie aufgeräumt aus. Dann plötzlich eine Mautstelle. Hier wird eine Eintrittsgebühr für unser Auto in den Nationalpark Kurische Nehrung erhoben. Fußgänger und Radfahrer haben freien Eintritt.
Als dann später das Hinweisschild zum Grenzübergang nach Калининград (Königsberg, Russland) vor uns auftaucht, biegen wir links ab und landen auf dem Campingplatz Nida.

Am späten Nachmittag nehmen wir den Rundwanderweg über die Parnidder Düne unter die Füße. Hinter dem Campingplatz geht ein Waldweg steil bergan. Oben tritt man aus dem Wald und wähnt sich in einer Wüste. Wir waren schon in der Namib, Kalahari und Sahara. Aber etwas ähnliches, im Kleinen, auch in Europa vorzufinden überrascht uns doch. Eine Ähnlichkeit mit der Landschaft bei Skagen (Dänemark) drängt sich dann doch auf.

Dann befinden wir uns auf dem Holzweg im wortwörtlichen Sinn. Die Wege sind sauber mit Holz ausgelegt. Holztreppen führen uns in Richtung der Ortschaft Nida steil bergab. Im Ort ist mächtig was los. Heute beginnen die Festlichkeiten zu Mittsommer. Trachten und Folkloregruppen aus der Region bringen Gesangs- und Tanzdarbietungen dar. Wir stehen eine ganze Weile vor der Bühne schauen und hören zu.

Um die Wiese vor der Bühne sind kleine Marktstände aufgebaut, an denen man allerlei Regionales kaufen kann: Handgewebtes, –gestricktes, -geknüpftes und -geschnitztes. Außerdem noch Obst, Gemüse, Fisch, Fleischwaren. Uns interessiert die dunkle hart luftgetrocknete Elch- und Wildschweinwurst. Ein Verkäufer gibt uns „Biberwurst“ zu kosten. Da auch hier der Biber streng geschützt ist, tippe ich eher auf Nutria. Wir nehmen ein Stück mit. Frank redet noch mit einem kurischen Löffelschnitzer. In einem kleinen Gartenkneipchen essen wir ganz lecker zu Abend. Frischer Zander mit verschiedenen Gemüse steht auf der Speisekarte. Wir laufen noch eine Runde durch den Ort.

Zurück an unserem Auto, sitzt vor dem Nachbarmobil ein Paar und begrüßt uns witzig und freundlich. Wir rücken zusammen. Das Lehrerpaar aus dem Oldenburgischen ist vor kurzem in Pension gegangen und möchte nun vier Monate lang die Ostsee umrunden. Als bekennende „Linksintellektuelle“ haben sie auch schon vor der Wiedervereinigung die DDR und andere Ostblockländer bereist und haben Einsichten in die Lebensrealitäten der im Osten sozialisierten Menschen entwickelt, wie man sie sonst in Westdeutschland nicht vorfindet. Wir diskutieren bei einigen Tetrapacks Supermarktwein, bis weit nach Mitternacht uns die Kälte ins Auto treibt.

Samstag, 20.Juni: Nida (Nidden, Litauen) 0 Tageskilometer
Heute kommen wir recht spät aus den Federn. Beim Frühstück vor dem Mobil rücken die Nachbarn wieder zu uns herüber. Sie reisen heute weiter, wir bleiben noch und wollen das Thomas-Mann-Haus besichtigen. Auf dem Weg dorthin fängt es an stark zu regnen. Wir müssen uns unterstellen. Zum Glück dauert es nicht allzu lange und wir können unseren Weg fortsetzen.

Von der Haffküste aus steigen wir auf einer Treppe den steilen Hügel zum Sommerhaus der Familie Mann empor. Ein schöner Flecken mit einem weiten Blick über das Haff und das gegenüberliegende Ufer. Das Haus selbst ist sorgsam restauriert und mit einer sehr gut recherchierten Ausstellung über die Geschichte des Hauses, Leben und Wirken der Familie Mann bestückt.

Zu Mittag essen wir dann in einem Gartenrestaurant an der Strandpromenade. Die Sonne scheint wieder und das soll auch für den Rest des Tages so bleiben. Im Ort schlendern wir noch ein wenig umher. Am Hafen kaufe ich mir einen Räucherfisch. Der Verkäufer sagt zwar es wäre Heilbutt, ich meine aber es ist eine Flunder.

Zurück an unserer blauen Zitrone machen wir Kaffee und Teepause mit unterwegs eingekauftem Gebäck. Dann laufen wir durch den Wald zum Strand auf der Seeseite. Nach den Dünen ein breiter fast menschenleerer feinsandiger Strand. Wir sitzen in der Sonne und träumen eine lange Weile vor uns hin und beobachten wie die wenigen badenden Menschen im kalten Wasser immer dünner werden. Von der Wanderung zurück, schreibe ich noch einige Ansichtskarten.

Sonntag, 21.Juni: Nida (Nidden, Litauen) ► Ventspils (Windau, Lettland) 275 Tageskilometer
Heute sind wir schön früh am Morgen schon aktiv. Beim Wasserauftanken treffen wir einen jungen Bayern, der uns schon an der alten Eisenbahnbrücke in Stańczyki (Polen) gesehen hat, wir ihn aber nicht. Es ergibt sich noch ein nettes Gespräch. Er erzählt uns, dass er zu Hause einen Trabant besitzt, mit dem er auch viel unterwegs ist, nur momentan wäre er kaputt. Wir fahren zur nördlichen Spitze der Kurischen Nehrung.
Unterwegs viele Stopps. So zum Beispiel an einer Kormoran- und Reiherkolonie mit tausenden von Tieren.

Unzählige abgestorbene Bäume. Der Wald weit ringsherum wurde von ihnen tot geschissen. Hier kommt Franks großes Fernrohr gut zum Einsatz. Bei einem weiteren Halt haben wir ein Gespräch mit Belgiern, die hierher geflogen sind und nun mit einem Mietwagen die Gegend erkunden.
Die letzte Ortschaft vor der Nordspitze ist Smiltynė (Sandkrug) und blickt gegenüber auf die Hafenanlagen von Klaipeda. Nach der Waldeinsamkeit ist hier plötzlich Verkehrsgetrubel angebrochen und wir kreiseln nach einem Parkplatz. Den finden wir in der langen Uferstraße zum Delfinarium. Heute am Sonntag und außerdem noch Mittsommerwochenende sind hier viele Menschen auf den Beinen. Es scheint ein beliebtes Naherholungszentrum für die Stadt Klaipeda zu sein. Wir schauen uns die Häuser und Boote im Ethnografischen Freilichtmuseum an. Im Außenbecken des Delfinariums tummeln sich Seehunde und Pelikane.

Wir setzen nach Klaipeda über und fahren Richtung Norden aus der Stadt. Palanga (Polangen) ist fast nahtlos nach Klaipeda die nächste Stadt. Alles sehr sauber hier und massentouristisch erschlossen. Schnell sind wir dann in Lettland. Unbemerkt von uns haben wir die Grenze überquert. Durch sibirisch anmutende Birken- und Kiefernwälder geht es die Küste entlang.
Abends kommen wir in die Stadt Ventspils (Windau). In der Stadt werden die Straßen gerade grundhaft saniert. Über einige Umleitungen gelangen wir zum Strandpark mit seinem modernen großen Campingplatz. Wir machen einen abendlichen Gang durch den schön angelegten Strandpark mit seiner Parkeisenbahn und der Ankersammlung bis zum breiten Strand. Als wir zum Campingplatz zurückkehren, parken in der Nachbarschaft mehrere Wohnmobile aus Pinneberg ein. Sie sind eben mit der Fähre aus Travemünde gekommen, wie sie uns erzählen. Sie möchten weiterreisen nach Helsinki, wo die Seniorenweltmeisterschaften im Tischtennis anstehen. Unsere Nachbarin zu Hause fährt auch gerade dorthin, um mitzuspielen.
Zu Abend kochen wir unterwegs frisch eingekauftes Gemüse und trinken unseren von der Frühjahrstour mitgebrachten Weißwein aus Bad Sulza. Dann unterhalten wir uns noch mit Leuten aus Halle.

Montag, 22.Juni: Ventspils (Windau) ► Kap Kolka ► Riga (Lettland) 251 Tageskilometer
Heute Morgen gehen wir erst einmal auf Stadttour in Ventspils. Vom Campingplatz in die Stadt ist es nicht weit, und wir stellen die blaue Zitrone an der Hafenpromenade ab. Gegenüber ein großer Kohleverladehafen. Jede Menge DDR-Hafentechnik ist dort noch zu sehen. Große Kräne aus dem Kombinat Takraf versehen auch heute, 25 Jahre nach Untergang der DDR noch ihren Dienst.
Leider fängt es jetzt an etwas zu regnen und die ersten Altstadtgassen sind doch auch recht verfallen und grau. Dann kommen wir in schön restaurierte Straßen und das Städtchen wird auch lebendiger. In der kleinen Markthalle und auf dem Markt kaufen wir einiges ein. Überall in der Stadt stehen überlebensgroße Kuh-Skulpturen mit teilweise skurriler Anmutung.

Jedes Jahr im Rahmen einer Kuh-Parade werden weitere aufgestellt. Das Museum in der Ordensburg, das wir besichtigen wollen, hat heute am Montag leider geschlossen. Ein wenig außerhalb der Innenstadt am alten Hafen finden wir noch sehr idyllische Gassen und Häuser.

Über den Fluß Venta fahren wir in Richtung Norden aus der Stadt.
Jetzt sind wir endgültig in Waldeinsamkeit unterwegs. Auf der kleinen recht neuen Straße durch die Kiefernwälder die Küste entlang ist außer uns kein Fahrzeug unterwegs. Keine Ortschaft ist auf den nächsten 50 Kilometern zu durchqueren.
Bekannte von uns, die vor wenigen Jahren hier unterwegs waren, berichteten uns noch von endlos langen schlechten Schotterstraßen hier in der Gegend. Jetzt ist alles gut und glatt asphaltiert.

Noch einige Kilometer vor Kap Kolka biegen wir links in Richtung Strand ab und kommen auf einem Sandweg in das Dörfchen Košrags. Ein Ort wie im Museum aber alle Häuser noch bewohnt. Wir möchten gerne zu Fuß die Wege entlang laufen, aber es ist einfach keine Möglichkeit zu finden das Auto abzustellen. Der schmale Sandweg verläuft zwischen den Zäunen der Grundstücke und ließe noch nicht einmal Begegnungsverkehr zu. Es sind auch keine Menschen zusehen, die man fragen könnte. Endlich finden wir wenigstens eine Wendemöglichkeit und fahren zum Anfang des Ortes zurück. Dort auf einem Privatgrundstück, anscheinend eine Pension mit Parkplätzen und Wohnmobilstellplätzen parken wir ein. Auch hier kein Mensch zu sehen. Beim Rundgang durch das Dörfchen können wir die Geschichte der einzelnen Häuser auf Tafeln, die vor den Grundstücken aufgestellt sind, nachlesen.

Ohne einen einzigen Menschen getroffen zu haben, fahren wir zur Straße zurück. Nach einer Mittagsrast auf einem Waldweg kommen wir am Kap Kolka auf einen großen Parkplatz mit Souvenirshop und Imbißladen. Wir entrichten eine Parkgebühr. Wo kommen hier in der Waldeinsamkeit plötzlich die vielen Menschen her? Über verschlungene Sandwege durch Kiefernwald laufen wir zur Nordspitze. Zu Sowjetzeiten war dies alles hier militärisches Sperrgebiet.

Die Kapspitze zeigt die raue Seite der Baltischen See. Angespülte Bäume liegen zu Hunderten auf dem Sand des Strandes. Einige Kilometer weiter durchbricht ein Fluß die große bewaldete Düne. Auf Bretterstegen und Holztreppen erkunden wir das Gebiet.

Nun kommen wir langsam wieder in bewohntere Gefilde. Im Tourismusort Jūrmala herrscht reges Treiben. Die nahe Hauptstadt kündigt sich schon mit dichtem Verkehr an.
Auf den Stadtautobahnen Rigas stecken wir in der Rushhour in Stau und zähfließendem Verkehr. So treffen wir am Abend auf dem schon gut gefüllten Wohnmobilplatz an der Messe Riga ein. Wir finden grade noch so einen Platz. Beim Aufsuchen des Sanitärgebäudes hören wir etwas abseits zwischen Resten von Baumaterial und jeder Menge kyrillisch beschrifteter Blechfässer eine bekannte Stimme: „Kommt ran, wir haben uns hier neben den russischen Atommüll gestellt . Vorne war uns das zu eng. Wollt ihr etwas mitessen?“ Die Oldenburger, mit denen wir vor drei Tagen In Nida auf der Kurischen Nehrung bis in die Nacht diskutiert haben, sind überraschenderweise auch hier. Schon ist der Abend vorprogrammiert. Ein Paar aus Dresden, die mit Zelt und PKW unterwegs sind, gesellt sich noch hinzu. Es wird wieder sehr spät.

© B. & F. S., 2016
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Mit unserem Campingbus „Blaue Zitrone“, einem Citroën Jumper mit Pössl Ausbau waren wir, Frank und Birgit, 5149 km in Polen, Litauen, Lettland, Estland unterwegs. Von den Masuren, über die Kurische Nehrung und Rigaer Bucht bis hin zum Peipussee zogen wir dieses Mal unsere Kreise.
Details:
Aufbruch: 14.06.2015
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 05.07.2015
Reiseziele: Deutschland
Polen
Litauen
Lettland
Estland
Der Autor
 
B. & F. S. berichtet seit 12 Monaten auf umdiewelt.