Rumänien-Reisebericht :Beluga geht durchs Nadelöhr 1

Das Delta

Ungebändigtes Leben in ungebändigter Natur, ein Dschungel, eine Wasserwüste, eine Sumpflandschaft, schwimmende Inseln, wogende Schilffelder, zahlreiche kleine und große Seen, das ist das Delta. Eine archaische Landschaft im Reich des Wassers. Hier erinnert die Natur an die Entstehung der Welt. Hier wird sich der Strom in drei Armen mit dem Meer vereinen. Zum letzten Mal hat die Donau ein Meisterwerk geschaffen, eine großartige Krone, die das Heldentum und die Versöhnung mit dem Schicksal, die Großzügigkeit und das Rätselhafte belohnt, ohne dessen Existenz der Strom in trauriger Banalität vergehen würde.

In diesem Land jenseits der Nebelschwaden befindet sich ein erstaunliches Mosaik verschiedener Biotope. 3480 Tierarten gibt das Delta eine Heimat. Davon alleine 300 verschiedenen Vogelarten und 90 Arten Fische. Der Rest Wirbeltiere und Wirbellose. Schmetterlinge, Libellen, Wildschweine, Schlangen, Marderhunde, Bisamratten, Seeotter, Füchse und Hasen und Unmengen von Insekten. 2224 verschiedene Arten. Da muss ich mich wirklich fragen, warum hat Noah nicht wenigsten die zwei Stechmücken erschlagen.

Die drei Donau-Arme sind miteinander verbunden durch kleine Kanäle und Seen. Der größte ist der Chilia-Arm. Der Sulina-Arm ist der Hauptschifffahrtweg und entsprechend kanalisiert und begradigt. Der Sfintu-Gheorghe-Arm windet sich in großen Mäandern dem Meer entgegen. Insel scheinen im Fluss zu treiben, nicht verankert im Rest der Welt. Ein sicherer Zufluchtsort für alle Geschöpfe, die sich nur durch Flucht oder Tarnung verteidigen können.

Diesem Stromarm folgen wir, bis wir abbiegen in einen winzig kleinen Kanal, mitten durch ein Sumpfgebiet bis es sich verbreitert und rechts und links 3 m hohe Schilfwälder sich leise rauschend im Wind bewegen. Weiße Seerosen und gelbe Teichrosen säumen unseren Weg unterbrochen von den Netzen der Fischer. Umgestürzte Bäume verengen das eh schon schmale Fahrwasser. Zwei Pelikane erheben sich schwerfällig in die Luft. Ein winziger Kanal führt in den Isac-See, der soll unser heutiges Tagesziel werden.

Einheimische rasen mit kleinen Nachen oder weißen Flitzern beladen mit Touristen an uns vorbei. Kann man so ein Paradies genießen, ein Naturschutzgebiet erkunden?
Der See ist verkrautet, hier können wir nicht fahren, auch wenn das Wasser glasklar ist und zum Baden einlädt. In dem kleinen Zufahrtskanal fahren wir in den Schilfgürtel wie alle anderen auch.

Nichts liegt mir ferner, als einen Mythos zu entzaubern, aber dieser geheimnisvolle Urwald, in dem Völker leben sollen, die noch nie ein Mensch gesehen hat, ist ein Märchen. Natürlich verändert sich die Sumpflandschaft ständig, doch die Haupt-Kanäle, die das Delta durchziehen haben Namen und sind sogar beschildert. Kein vernüftiger Mensch wird sich mit einem Paddel- oder Schlauchboot in 3 bis 4 m hohes Schilf wagen und sich von den Schnaken fressen lassen. Die Kanalwelt ist ähnlich einem Labyrinth, verzweigt, unübersichtlich und jeder Kanal ähnelt dem anderen. Hat man einmal die Orientierung verloren, ist es schwer ohne Hilfe wieder auf den rechten Weg zu finden. Doch über die Wasserweg und Kanäle des Deltas gibt es sogar Karten, nach denen man durchaus fahren kann. Ohne Kompass zu fahren ist nicht anzuraten und wir haben zur Sicherheit auch das GPS eingeschaltet. So konnten wir das Delta kreuz und quer befahren und genießen.

Nach den vielen Wochen auf der Donau wirkt der Sulina-Kanal enttäuschend nüchtern, öde, langweilig. Die Ufer sind befestigt. Rechts ziehen sich endlos triste Strommasten schnurgerade entlang. So weit das Auge reicht niedrige sich verlierende Ferne.

Fast zwei Monate haben wir auf der Donau gelebt, mit ihr, von ihr. Morgen ist das Abenteuer Donau zu Ende.

Ich fühle Bedauern. Es war ein Abenteuer, das wenige vor uns erleben durften und wenige nach uns erleben werden.
Es war spannend und lustig. Es war atemberaubend und fremdartig.
Es war die Erfüllung eines Lebenstraumes.

Ein Leuchturm sagt uns:

Der König der europäischen Ströme existiert nicht mehr.

© Doris Sutter, 2004
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Eine Bootsreise die Donau abwärts, durch Österreich, Slowakei, Ungarn, durch so schwierige Länder wie Serbien, Rumänien und Bulgarien, eine Rundreise durchs Donaudelta und weiter bis ins Schwarze Meer. Die Heimreise durchs Schwarze Meer und Mittelmeer findet ihr im 2. Teil. Hier folgt der 1. Teil
Details:
Aufbruch: Mai 2004
Dauer: 5 Monate
Heimkehr: Oktober 2004
Reiseziele: Österreich
Slowakei
Ungarn
Serbien
Eisernes Tor
Der Autor
 
Doris Sutter berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Doris sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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