Rumänien-Reisebericht :Beluga geht durchs Nadelöhr 1

Dracula läßt grüßen

Das wir in Rumänien einklariert haben, werden wir so lange wie möglich auf der rumänischen Seite des Flusses bleiben und die bulgarische wegen des zusätzlichen Papierkrieges meiden.
Turnu Severin ist unser Ziel. Hier soll es ein Schiffsmuseum, einen Schiffsfriedhof geben und die Reste der Trajanbrücke.

Am Ponton der Revision hängt ein ukrainisches Schubschiff, ein Muflon,
ca. 50 m lang, die 9 Leichter sind in der Flussmitte verankert. Unsere drei Boote passen locker längsseits. Die Mannschaft stürzt herbei um uns behilflich zu sein. Wir packen eine Flasche Wein aus für einen Begrüßungstrunk und werden reichlich dafür beschenkt, mit Wodka, frisch gebackenem Zopf und noch heißem russischem Brot. Ich muß den Borschtsch probieren und zum Abschied schenkt mir die Köchin noch eine Tüte voll Bonbons. Wir sind so beschämt von so viel Freundschaftsbeweisen, dass wir noch schnell eine Plasttasche voll Bierdosen und eine Flasche Wein nachschieben.

Auch hier hilft uns wieder das Schreiben des Konsuls. Wir dürfen alle drei in der Nacht auf das Polizeiboot liegen und der Polizist ruft sogar im Museum an, nur um festzustelen, dass es heute geschlossen ist.

Turnu Severin

Turnu Severin

Vom Wasser aus ist Turnu Severin eine reine Industriestadt, doch der Stadtkern ist recht hübsch. Die Läden erinnern uns unheimlich an unsere Kindheit. So hat es vor 50 - 60 Jahren in Deutschland ausgesehen. Ein Kilo Kirschen kaufen wir für 60 Cent. Drei große Bier und eine große Cola für 2,25 Euro. Vorkriegspreise.

Der Chef des Hafenkapitäns wünscht unsere Hilfe. Er versucht hier einen Sporboothafen einzurichten. Über die Adresse des Deutschen Motoryachtverbandes und eine Copy des Schreibens von Konsul Alex Jacob ist er sehr erfreut. Wir wünschen ihm, dass seine Bemühungen Erfolg haben. Es gibt überall Menschen mit Weitblick. Wenn es uns möglich ist, werden wir ihm helfen dumme Vorurteile abzubauen. Diese herrliche Landschaft und diese herzlicher Menschen haben wirklich einen Neuanfang verdient.

Die Donau betritt das Rumänische Tiefland, das Dakische Becken, zunächst noch von Hügeln umgeben. Auch die letzte Donauschleuse nehmen wir ohne jedes Problem und ohne Wartezeit. Auffällig ist nur, dass in Ländern wie Serbien und Rumänien in einer 8 m Schleuse rechts und links im Abstand von 25 m Schwimmpoller angebracht sind, während man am Main-Donau-Kanal 18 m von Hand arbeiten darf.

Nach der Schleuse ist die Donau ca. 2 km breit und hat 7 m kristallklares Wasser.

An der Mündung des flachen Timok verabschieden wir uns endgültig von Serbien.

An der rechten Uferseite liegt jetzt Bulgarien, an der linken Rumänien.

In Bulgarien hat die Donau bis zu dreißig Meter hohe Sandklippen stehen lassen, sie sind bewachsen mit Sträuchern, Gras und Gestrüpp. Mauersegler haben ihre Nistlöcher darin gegraben und schwirren aufgeregt ein und aus. Die Klippen laufen in einem kleinen Sandstrand aus, auch er teils bewachsen, teils kahl. Oberhalb der Klippen hübsche kleine Dörfchen. Alles sieht relativ neu und gepflegt aus. Kühe und Schafe mit Hirten, eine Böschung bewachsen mit Klatschmohn, viele Wachtürme mit Besatzung. Auf der rumänischen Seite hat sich die Donau zurückgezogen und ein kilometerweites Schwemmland hinterlassen. Ganz weit hinten eine Hügelkette. Dörfer, mit dem bloßen Auge kaum erkennbar im Schönwetterdunst. Keine Wachtürme. Am Ufer Auenwälder, Monokultur, Sand, dazwischen viel weites Land. Und immer eine riesige Donau mit bis zu 10 m tiefem glasklarem Wasser. Noch weisen uns vereinzelte Bojen den Weg.

Nächtigen werden wir ab jetzt in der Walachei, in des Wortes verwegenster Zweideutung.

Calafat laufen wir an um Einzukaufen, denn die nächsten 300 km werden wir nicht viele Ortschaften auf rumänischer Seite berühren. Erstaunlicherweise ist der Aufwand an Dokumenten in der Capitania für die Beamten enorm. Erstmals wird auch nach unserem Donaufahrerlaubnisschein gefragt. Und ich habe schon gedacht, es wäre mal wieder ein völlig unnützer deutscher Behördenkram.

Waser bunkern in Calafat ist nur für die Berufsschifffahrt vorgesehen. Der Anschluss im Wasserhäuschen C-Rohr-Größe. Für uns nicht brauchbar. Freundlich gestattet uns die Kapitanerie in ihrer Küche unsere Wassertanks aufzufüllen. Wieder mal ist die Erfindungsgabe meines Archimedes gefragt um den Anschluss und die über 100 m bis zu den Booten zu überwinden. Da wir nur unter dem Motor fahren:
Sapiens semper omnis secum portat ---
der Weise trägt immer alles bei sich,
ist dieses Problem schnell gelöst.
Manfred hat sich für die Reise gut vorbereitet. 100 m Wasserschlauch warten in der Bilge auf ihren Einsatz und für alle Fälle haben wir auch noch 30 m Gewebeschlauch auf der Rolle. Und ich bin ganz sicher, dass wir, sollten wir nochmals eine ähnliche Reise wie diese machen, auch ein Reduzierstück für einen C-Rohr-Anschluss dabei haben werden.

der Steiger in Calafat hat schon bessere Tage gesehen

der Steiger in Calafat hat schon bessere Tage gesehen

Auf der bulgarischen Seite die Städte Vidin und Lom, beide größere Ansiedlungen und Industriehäfen, fast keine Anlegemöglichkeiten für Sportboote. Und die Bulgaren sollen nicht sehr freundlich mit ihren Gästen umspringen. Das werden wir im Schwarzen Meer aber noch selbst feststellen können.

Lange Zeit auf beiden Seiten nur Natur.

Mächtig breitet sich der Stom in der Landschaft aus und macht mir überdeutlich den Unterschied zwischen einem Fluss und einem Strom bewußt. Mein geliebter Rhein ist ein Fluss, doch er ist ein halbstarker Raufbold gegen diese mächtige Mutter die mit ihren Armen Inseln umschlingend andere Flüsse in ihrem Schoß aufnehmend wie der Strom der Unendlichkeit ohne Anfang und Ende immerdar Zeugin der Urkräfte des Lebens ist. Ein Strom wo Wellen von Toten aller Zeiten vor und zurückbranden, wo die Sterne zum Teich werden und die Jahrtausende darin schwimmen.

Bei km 704 dehnt sich die Donau auf 7 km Breite. Einfach gigantisch diese Insel- und Auenlandschaft. Die Navigation erfordert immer mehr Aufmerksamkeit. Landmarken als Navigationshilfen vorgesehen, sind beinahe nicht mehr auszumachen und von Gestrüpp und Vegetation verdeckt. Bojen, die den Weg markieren gibt es fast nicht mehr. Wir müssen uns blind auf die Angaben in Verberghts Karten, den Instinkt meines Kapitäns und Augapfelnavigation verlassen.

Kozloduj, hier liegt ein Nachbau der Radetzky und ein seltsames Monument erinnert an den Freiheitskampf des Dichters Hristo Botev, der am 26. Mai 1876 den Raddampfer Radetzky mit 200 Mann geentert hat. Die Revolution ist trotzdem gescheitert.

Raddampfer Radetzky

Raddampfer Radetzky

Turnu-Magurele, früher eine bedeutende Industrie, Ölraffinerie, Kunstdünger, ja sogar ein Kraftwerk sollte mit den Bulgaren zusammen gebaut werden, alles Vergangenheit. Der Zahn der Zeit nagt an einer vergangenen Ära, die Kräne stehen still wie totes Stahlgerippe.
Verfall!

Wer für Natur pur nichts übrig hat, abends einen Jachthafen mit Stromanschluss und ein Restaurant zum Essen braucht, für den wird diese Reise schnell zum Horror-Trip.
Wir kaufen Fischer ihren Fang ab, grillen Welssteaks, baden und fühlen uns wie in Opossum im Frühling. Wir genießen die Abende, wenn die Sonne sanft hinter dem Wald verschwindet und der Wind das Wasser leise gegen den Schiffsrumpf plätschert oder leiser Regen uns die Blutsauger vom Hals hält. Die Nächte verbringen wir besinnlich schaukelnd in Orpheus Armen hinter einer Insel. Das Lied der Frösche und Grillen kündet vom Ende eines weiteren Tages.

Wir haben den Sommer des Plus gewordenen Minus erwischt. Drei Tage Sonne, vier Tage Regen, Gewitter, Bewölkung, Sturm.

Solange die Donau gut betonnt war, hatten wir keine großen Probleme damit, doch wenn jede Art von Markierung fehlt, auch keine Kilometerangaben am Ufer mehr auszumachen sind, wird die Navigation auf diesem unübersichtlichen Flussstück sehr schwierig. Eine Vielzahl von Inseln stehen vor dem Schiff verschwommen in Dunst und Regen. Wo ist die Fahrrinne? Verberght schreibt in seinen Karten: Dies war die Fahrrinne 1998, kann heute anders sein. Eine nicht sehr vertrauenserweckende Aussage.
"Es ist noch kein Schiff die Donau runter gefahren ohne Grundberührung", schreibt eine Seglerin in ihrem Reisebericht.
Auch keine große Beruhigung. Wir haben nur einen Vorteil, durch das unbeständige Wetter hat es in den Karpaten stark geregnet, alle Nebenflüsse lassen den Wasserstand der Donau mächtig ansteigen.

Sandbänke und Inseln, die Verberght eingezeichnet hat, können schon längst gewandert sein. Die Tiefwasserzonen können sich verlagert haben, die Flachwasserzonen erweitert. Manfred kann sich keine Minute erlauben unkonzentriert zu sein. Wie schnell ist man in den falschen Arm eingefahren und steckt dann hoffnungslos im Sand fest. Schiffe, wie auf dem Rhein, auf deren Hilfe man vielleicht hoffen könnte, gibt es hier nicht. Was sich keuchend und qualmend den Fluss aufwärts schiebt sind meist äußerst abenteuerliche Gefährte, selbst so groß wie eine schwimmende Insel. Schubschiffe oder riesige Muflons, Schlepper und Selbstfahrer aneinandergekoppelt mit Leichtern in allen Schattierungen von rostgrau über rostrot bis rostschwarz. Die meisten aus der Ukraine , beladen mit Kohle, so hoch aufgetürmt, dass mancher Schiffsführer in seinem Haus kaum darüber schauen kann. Ständig läuft bei ihnen das Radar. Manchmal ist die Karte gespickt vor Wracks, die an diesen Sandbänken gescheitert sind.

Die ersten Vorboten des Deltas kommen in Sicht. Vogelschwärme erheben sich, dass der Himmel sich kurzzeitig noch schwärzer färbt. Kormorane formatieren sich, setzen wie Stukas zum Tiefflug an. Die ersten Pelikane schleppen ihre schweren Körper über uns hinweg. Zwei Adler, leider viel zu hoch um sie zu filmen. Graureiher und Störche.

Auf der bulgarischen Seite erhebt sich malerisch in amphitheatralischer Lage das auf Uferterrassen gelegene Svistov. Hier hat die Donau ihren südlichsten Punkt erreicht und wendet sich wieder nach Nordost.

Dazwischen Inseln über Inseln, Arme, Sandbänke in unüberschaubarer Vielfalt. Und eine trübe, schlammige Donau.

Dann Russe, die viertgrößte Stadt Bulgariens und der bedeutendste Industriehafen. Sexanta Prista (60 Schiffe)war schon der Standort der römischen Donauflotte.

Auf der gegenüberliegenden, der rumänischen Seite, Giurgu. Genueser Schiffer errichteten im 14. Jh. eine Handelsniederlassung und die Burg Sant Giorgio, daher der Name.
Hier müssen wir uns wieder in der Capitania melden. Eine Crew-Liste abgeben, die Bootspapiere und die Einklarierung werden kontrolliert, das Schreiben des Konsuls wohlwollend begutachtet und schon dürfen wir in einem kleinen Bassin an einem Steiger der Hafenverwaltung anlegen und einige Tage verbringen um das 65 km im Hinterland gelegene Bukarest zu besichtigen. Und das kostenlos mit Strom, Wasser und einem Aufpasser.

Der Palast in Bukarest

Der Palast in Bukarest

Eine Doppelstockbrücke verbindet Bulgarien und Rumänien, eine Freundschaftbrücke soll sie sein, doch bevor Freundschaft zwischen diesen beiden Ländern herrscht wird noch manches Wässerchen die Donau hinab plätschern. Die Fähre wurde auch eingestellt, deshalb braucht man auch keinen Duty-free-Shop mehr. Aber eine Freihandelszone, die gibts es.

Tutrakan, malerisch auf einem Steilhang in Gartengrün eingebettet, lassen wir rechts links liegen.

Unser Ziel ist die ehemalige Quarantäne-Station Oltenita. Nicht dass dieses Dorf irgendwie sehenswert wäre, doch hier lässt die Stentor-Werft von Sneek ihre Schiffe bauen. Für einen Freund sollen wir uns mal umschauen, wie sie so arbeiten und wie sie so sind. Die obligatorische Crewliste lassen wir bei der Capitania, die uns freundlich anbietet auf ihrem Ponto liegen zu bleiben, dann geht's Richtung Hafen. Vor der Einfahrt zieht ein blendend weißes Schlauchboot seine Kreise. Im Hafen holt es uns ein. In gutem Deutsch outet sich einer der Insassen als Inhaber der Werft. Er begrüßt uns freundlich und teilt uns genauso freundlich mit, dass Ausländer in diesem Hafen nicht erwünscht sind. Die Stentor-Werft hat noch nicht mal einen Steiger im Wasser an dem man bei einem Notfall anlegen könnte. Wir werden an einen rostigen Bagger verwiesen für 200 $ die Nacht. Der Eindruck den diese Werft auf uns macht, deckt sich 100 % mit den grauenhaften Erfahrungen, die Walter Edetsberger auf seiner Donau-Tour auch machte. Eine holländische Werft, die im Ausland Schiffe von Ausländern bauen läßt, die sie hauptsächlich an Ausländer verkauft, dort selbst Ausländer ist, deren Vorführschiff die holländische Nationale am Heck trägt und dann verbal lautstark Ausländerfeindlichkeit demonstriert, sehr geschäftstüchtig, alle Achtung!!

Die holländische Stentor-Werft in Oltenita

Die holländische Stentor-Werft in Oltenita

Silistra, wieder eine irre breite Donau und die Staatsgrenze zwischen Rumänien und Bulgarien. Jetzt kann das bulgarische Militär getrost seine Feldstecher, Ferngläser und Teleskope einpacken, das Corpus inkognito ist ohne Attacke vorüber gezogen.

© Doris Sutter, 2004
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Eine Bootsreise die Donau abwärts, durch Österreich, Slowakei, Ungarn, durch so schwierige Länder wie Serbien, Rumänien und Bulgarien, eine Rundreise durchs Donaudelta und weiter bis ins Schwarze Meer. Die Heimreise durchs Schwarze Meer und Mittelmeer findet ihr im 2. Teil. Hier folgt der 1. Teil
Details:
Aufbruch: Mai 2004
Dauer: 5 Monate
Heimkehr: Oktober 2004
Reiseziele: Österreich
Slowakei
Ungarn
Serbien
Eisernes Tor
Der Autor
 
Doris Sutter berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Doris sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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