Ukraine-Reisebericht :Mit Logistik und Improvisation

Gleich weiter nach Lemberg

Nach Uzgorod geht es zwar schön bergab, aber weder gibt es Wegweiser zum Zentrum noch könnten wir sie lesen. Bleibt also nur, Einheimische nach dem Weg zu fragen. Aber gleich zwei Mal geraten wir an Leute, die rechts und links verwechseln. Nach fast 4 Kilometern sind wir eher in einem Randbezirk als in der City und leider fahren wir auf einer Einbahnstraße, auf der wir nicht einfach zurückfahren können.

Im übrigen müssen wir höllisch auf den Weg aufpassen, Gullydeckel zum Beispiel gibt es hier nicht mehr

Im übrigen müssen wir höllisch auf den Weg aufpassen, Gullydeckel zum Beispiel gibt es hier nicht mehr

Bis zur Umgehungsstraße im Norden der Stadt kommen wir, müssen einen weiten Bogen nach rechts und wieder rechts fahren, um wenigstens wieder in die Stadt zu kommen. Weder sehen wir einen Telefonladen noch finden wir die Gleise, die ja zum Bahnhof führen müßten.

Dieser Tempel ist eine Kneipe mit Rolichtmilieu.

Dieser Tempel ist eine Kneipe mit Rolichtmilieu.

Als wir nach fast einer Stunde Irrahrt endlich am Bahnhof sind und sehen, dass Richtung Lemberg in 20 Minuten ein Zug fährt, hat niemand etwas dagegen, sofort ein Ticket zu lösen und wenigstens noch 20 km bis zur Station Perechin zu fahren.

Als wir nach fast einer Stunde Irrahrt endlich am Bahnhof sind und sehen, dass Richtung Lemberg in 20 Minuten ein Zug fährt, hat niemand etwas dagegen, sofort ein Ticket zu lösen und wenigstens noch 20 km bis zur Station Perechin zu fahren.

Unser Zug rollt ein, unsere mitgebrachten Griwna reichen noch für die Tickets und für jeden ein erstes ukrainisches Bier. Die Räder da hineinzuwuchten, wird ein hartes Stück Arbeit.

Unser Zug rollt ein, unsere mitgebrachten Griwna reichen noch für die Tickets und für jeden ein erstes ukrainisches Bier. Die Räder da hineinzuwuchten, wird ein hartes Stück Arbeit.

Großraumwagen mit Holzsitzen, für die Räder ist Platz im Eingangsbereich

Großraumwagen mit Holzsitzen, für die Räder ist Platz im Eingangsbereich

Ein- und Ausladen an diesen hohen Zügen erfordert Routine, vor allem mit Gepäck auf den Gepäckhaltern, wenn die Räder auf dem Bahnsteig kurz abgestellt werden müssen

Ein- und Ausladen an diesen hohen Zügen erfordert Routine, vor allem mit Gepäck auf den Gepäckhaltern, wenn die Räder auf dem Bahnsteig kurz abgestellt werden müssen

In Perechin war ich im September vorigen Jahres, da weiß ich, wo es ein Hotel gibt und wo einen Geldautomaten.
Nur einen Telefonladen, der die von uns benötigten Kiewer SIM-Karten vorrätig hat finden wir wieder nicht.
Immerhin kommen wir ohne erneutes Nachfragen zu unserem Hotel, das im vorderen Teil ein Puff zu sein scheint, aber hinten ist Platz für uns in einem Drei-Betten-Raum mit überbreiten Betten und auffallend vielen Spiegeln, mit 280 Griwna für alle etwa slowakisches Preisniveau. Dass gegenüber 2011 der Euro gegenüber der Griwna gefallen ist, erfahre ich erst später.

Umfassende Zugauskunft: Nicht nach Abfahrtzeiten, sondern nach Zugnummern geordnet, immerhin erkennen wir, dass um 8.13 Uhr ein Zug aus Uzgorod hier eine Minute hält und weiter nach Solosjanka fährt. Ob der auch weiterfährt nach Cyanki, wo man nach Lemberg Anschluß hätte ?

Umfassende Zugauskunft: Nicht nach Abfahrtzeiten, sondern nach Zugnummern geordnet, immerhin erkennen wir, dass um 8.13 Uhr ein Zug aus Uzgorod hier eine Minute hält und weiter nach Solosjanka fährt. Ob der auch weiterfährt nach Cyanki, wo man nach Lemberg Anschluß hätte ?

Im Hof hinter dem Hotel ist ein schönes Gartenrestaurant, in dem man in kleinen Nurdachhäuschen sich bedienen lassen kann.

Da die Speisekarte reich bebildert ist, können wir mit dem Finger auf die Köstlichkeiten zeigen, die wir bekommen möchten. Die etwas schüchterne Kellnerin fragt nicht viel und bedient uns reichlich, nur das Nachbestellen von Bier müssen wir durch Fuchteln mit leeren Biergläsern verständlich machen

Da die Speisekarte reich bebildert ist, können wir mit dem Finger auf die Köstlichkeiten zeigen, die wir bekommen möchten. Die etwas schüchterne Kellnerin fragt nicht viel und bedient uns reichlich, nur das Nachbestellen von Bier müssen wir durch Fuchteln mit leeren Biergläsern verständlich machen

Der abendliche Spaziergang bestätigt uns: wir sind in einem Drei-Sterne-Hotel

Der abendliche Spaziergang bestätigt uns: wir sind in einem Drei-Sterne-Hotel

Ohne Frühstück, aber nach erfolgreichem Broteinkauf rollen wir im Bummelzug die Karpaten hinauf. Ein Blick aus dem Fenster sagt uns, dass wir es richtig gemacht haben, die Straße geht in großen Serpentinen hinauf, wir fahren durch Tunnels, die jeder von einem Milizionär mit schwerer Bewaffung bewacht werden.

Ohne Frühstück, aber nach erfolgreichem Broteinkauf rollen wir im Bummelzug die Karpaten hinauf. Ein Blick aus dem Fenster sagt uns, dass wir es richtig gemacht haben, die Straße geht in großen Serpentinen hinauf, wir fahren durch Tunnels, die jeder von einem Milizionär mit schwerer Bewaffung bewacht werden.

Der Aufsteig ohne Mühe ist ein Erlebnis

Der Aufsteig ohne Mühe ist ein Erlebnis

Das Schienennetz der Südwestukraine mit Lemberg (L'viv)in der Mitte

Das Schienennetz der Südwestukraine mit Lemberg (L'viv)in der Mitte

Kurz vor der Paßhöhe führt die Strecke ganz nahe an der ukrainisch-polnischen Grenze entlang. Ein Streckenstück ist stillgelegt. Sollte es über polnisches Gebiet führen ?

Kurz vor der Paßhöhe führt die Strecke ganz nahe an der ukrainisch-polnischen Grenze entlang. Ein Streckenstück ist stillgelegt. Sollte es über polnisches Gebiet führen ?

Turka, die Kreisstadt der südwestlichen Lemberg-Region hoch im Karpatenvorland

Turka, die Kreisstadt der südwestlichen Lemberg-Region hoch im Karpatenvorland

Schwer, alle hübsch herausgeputzten Kirchlein vom Zug aus zu fotografieren

Schwer, alle hübsch herausgeputzten Kirchlein vom Zug aus zu fotografieren

Unser Zug fährt über Solosyanka hinaus bis über den Karpatenpaß nach Cyanki. Dort wartet schon der Anschlußzug nach L'viv, nur, es steht nicht angeschrieben, wir müssen erst fragen und werden auf den hinteren Zugteil verwiesen. Beim Schaffner lösen wir unsere Fahrkarten. Doppelt so teuer, nanu ? Kein Wunder, der Weg ist auch doppelt so weit, wir werden erst um 16.14 Uhr in Lemberg eintreffen. Also fast ein ganzer Tag Bahnfahrt, und das, ohne vorher mit Sergej Kontakt bekommen zu haben.

In Lemberg fahren wir erst einmal zum Cafe Tibava, wo mir der Wirt gleich über den Weg läuft und mich stürmisch begrüßt. Wo ist Sergej? Per Handy des Wirts ist er sofort erreicht und eine Viertelstunde später bereits im Cafe.
Dann improvisiert Sergej, telefoniert wegen unserer Unterkunft bei Imker Jozef und baut mir die richtige SIM Karte in mein Handy ein: einfach hier drücken, dann meldet sich Sergej.
5 Minuten später ist Professor Marjuta zur Stelle und hält uns beim Kaffee einen Vortrag über die Probleme der Problembewältigung in der Europäischen Union: Alle Prozesse laufen unkontrolliert viel schneller ab als sie von den Menschen nachvollzogen und insbesondere von den Politikern in den Griff bekommen werden können. Wenn nicht schnellstens richtungweisende Grundsatzentscheidungen getroffen und umgesetzt werden, werde der Euro nicht zu retten sein und die Europäische Union im Chaos versinken. Wir können nur nicken, aber wir werden es nicht ändern können........
Für einen kleinen Stadtbummel in der Abendsonne reicht die Zeit noch.

 So könnte es auch in Wien aussehen.

So könnte es auch in Wien aussehen.

Die Fassaden sind eine Augenweide, leider noch nicht alle restauriert, aber Glaspaläste und moderne Bauten gibt es in der Innenstadt von Lemberg nicht, ein einziges Stadtmuseum!

Die Fassaden sind eine Augenweide, leider noch nicht alle restauriert, aber Glaspaläste und moderne Bauten gibt es in der Innenstadt von Lemberg nicht, ein einziges Stadtmuseum!

Das Opernhaus von Lemberg

Das Opernhaus von Lemberg

Nach einem leckeren Abendessen im Cafe Tibava fährt uns Professor Tarachenko 15 km aus der Stadt nach Südosten zu unserem Nachtquartier bei Imker Josef

Bei Jozef, dem Imker, hatten wir schon 2006 mit der Skatrunde übernachtet und ihm damals ein großzügiges Trinkgeld für die Restaurierung seines Badezimmers gegeben. Dieses Mal verlangt er gleich 100 Euro für uns drei für zwei Nächte. Im Badezimmer hat sich seitdem nichts verändert. Von Honig wird geredet, aber wir bekommen keinen angeboten. Aber wir schlafen in absoluter Ruhe in seinem Haus, in dem Eichenholz in Türen und Treppenhaus verarbeitet ist, das Erich, dem Tischler, einigen Respekt abfordert.

Bei Jozef, dem Imker, hatten wir schon 2006 mit der Skatrunde übernachtet und ihm damals ein großzügiges Trinkgeld für die Restaurierung seines Badezimmers gegeben. Dieses Mal verlangt er gleich 100 Euro für uns drei für zwei Nächte. Im Badezimmer hat sich seitdem nichts verändert. Von Honig wird geredet, aber wir bekommen keinen angeboten. Aber wir schlafen in absoluter Ruhe in seinem Haus, in dem Eichenholz in Türen und Treppenhaus verarbeitet ist, das Erich, dem Tischler, einigen Respekt abfordert.

 Unsere Räder brauchen wir die nächsten Tage nicht, denn Herr Professor Tarachenko wird mit uns in die Karpaten mitfahren und bietet wieder an, uns bis an die Grenze zur Slowakei zurückzubringen. Sein Anhänger wurde eigens repariert und nimmt erst die Räder, später noch unser Gepäck auf.

Unsere Räder brauchen wir die nächsten Tage nicht, denn Herr Professor Tarachenko wird mit uns in die Karpaten mitfahren und bietet wieder an, uns bis an die Grenze zur Slowakei zurückzubringen. Sein Anhänger wurde eigens repariert und nimmt erst die Räder, später noch unser Gepäck auf.

Der nächste Tag ist für Stadtbesichtigungen vorgesehen, eine Stadtrundfahrt mit einer Minieisenbahn bietet sich an, zumal man Kopfhörer bekommt, über die alles in deutsch vorgetragen wird.
Wird auch, aber zugleich brüllt ein Lautsprecher alle Erklärungen in ukrainisch so laut, dass man im Kopfhörer nichts mehr verstehen kann. Dazu beginnt es in Strömen zu regnen, so dass wir von unterwegs aus nichts fotografieren können.
Nach einer Stunde haben wir die Rundfahrt überstanden, Sergej empfängt uns wieder und geht mit uns ins trockene: Die urige Partisanenkneipe genau gegenüber dem Rathaus. Obwohl eigentlich nur die Lemberger ihre Gäste hierhin ausführen, ist das Lokal schon mittags proppevoll. Ein nachgebautes Partisanenlager in unterirdischen Katakomben mit vielen Original-Utensilien, touristisch clever vermarktet, sogar mit einer eigenen Biersorte

In einem Durchgang kann man sich in Partisanenuniform fotografieren lassen, der Hintergrund soll sogar historisch echt sein.

In einem Durchgang kann man sich in Partisanenuniform fotografieren lassen, der Hintergrund soll sogar historisch echt sein.

Der Name Lemberg kommt von Löwe, das Wappentier des Stadtgründers, zwei steinerne Löwen stehen vor dem Rathaus der Stadt

Der Name Lemberg kommt von Löwe, das Wappentier des Stadtgründers, zwei steinerne Löwen stehen vor dem Rathaus der Stadt

Wo findet man noch so eine historische Apotheke ? Sie ist noch in Betrieb, hier kann man alles kaufen.

Wo findet man noch so eine historische Apotheke ? Sie ist noch in Betrieb, hier kann man alles kaufen.

Museumsapotheke oder Apothekenmuseum ? Eine sehenswerte Apotheke, deren Aussehen seit 200 Jahren nicht verändert worden ist.

Museumsapotheke oder Apothekenmuseum ? Eine sehenswerte Apotheke, deren Aussehen seit 200 Jahren nicht verändert worden ist.

Die Vorzeigefassade von Lemberg,

Die Vorzeigefassade von Lemberg,

Auch Professor Tarachenko hat noch ein Vorzeigeobjekt, an dem er forscht und das er uns zeigen will. Wir fahren aufs Land über Straßen, die diesen Namen kaum verdienen, kaum 30 km hinter Lemberg sind wir in tiefster Pampa.
Dort hat ein Wissenschaftler eine Versuchsanlage zur Verbrennung von minderwertiger Kohle aus der Lembergregion aufgebaut, mit der das entstehende Kohlendioyd mit Kalk zu Kalziumkarbonat umgewandelt wird. Damit werden die Pflanzen in einem Gewächshaus gedüngt und mit der erzeugten Wärme wird nicht die Luft im Gewächshaus erwärmt, sondern der Boden. Ein geschlossenes System also, das zudem auch noch sehr billig ist.

Der Ofen ist vom Schrottplatz, aber darin steckt viel Hightech, das man sich patentieren lassen will. Von den angebauten Gurken bekommen wir ein paar zum Kosten. Im Gewächshaus wächst alles prächtig. Für uns spürbar auch der angenehm warme Fußboden, der unsere nassen Eisfüße zu neuem Leben erweckt. Genau 37 Grad warm soll der Boden sein, weil bei dieser Temperatur Wasser die größtmögliche Wärmemenge speichert. Wußten wir auch noch nicht.

Der Ofen ist vom Schrottplatz, aber darin steckt viel Hightech, das man sich patentieren lassen will. Von den angebauten Gurken bekommen wir ein paar zum Kosten. Im Gewächshaus wächst alles prächtig. Für uns spürbar auch der angenehm warme Fußboden, der unsere nassen Eisfüße zu neuem Leben erweckt. Genau 37 Grad warm soll der Boden sein, weil bei dieser Temperatur Wasser die größtmögliche Wärmemenge speichert. Wußten wir auch noch nicht.

Der Wissenschaftler rechnet uns anschließend vor, wie billig es war, diese Anlage herzustellen. Mit zwei Kollegen hat er in jahrelanger Kleinarbeit alle Teile selbst gebaut, nur die doppelte Folie, die anstelle von Glas das Gewächshaus überspannt, mußte er zukaufen, das war der teuerste Posten. So hatte er Investitionskosten von 125 €uro pro Quadratmeter, das Grundstück nicht mitgerechnet, das gehörte seinen Eltern.
Nun will er weitere Anwendungen ausprobieren, z.B. Fischzucht in einem geschlossenen System und er will versuchen, solche Anlagen in einem Baukastensystem in Serie herzustellen zum Selbstaufbau oder durch ein Serviceunternehmen. Bisher ist einziger Schönheitsfehler, dass er zur Verbrennung der Kohle reinen Sauerstoff verwenden muß und keine Luft aus der Umgebung.
Wir wünschen viel Erfolg bei der Vermarktung und verabschieden uns schön angewärmt.

© Manfred Sürig, 2012
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Eine Radreise zu dritt durch Slowakei und Ukraine, bei der Flexibilität an erster Stelle stehen sollte, aber einige Highlights mußten vorher fest vereinbart und mit örtlichen Bekannten abgesprochen sein. Wie kann man da die Termine noch einhalten, wenn unterwegs ausgerechnet zum Wochenende ein Rad kaputgeht ? Am Ende klappte alles zu allgemeiner Begeisterung, und pünktlich zurück waren wir auch noch
Details:
Aufbruch: 21.05.2012
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 08.06.2012
Reiseziele: Tschechische Republik
Slowakei
Ukraine
Der Autor
 
Manfred Sürig berichtet seit 12 Jahren auf umdiewelt. Manfred über sich:
pensionierter Zentralbanker, der zwischen 65 und 80 noch Europa hautnah erleben will, besonders die nun zugänglichen Länder im östlichen Europa. Fahrradreisen 2000 in die Slowakei, 2001 Tschechien/Slowakei,2002 Slowakei und Ungarn, 2003 Rumänien, Bulgarien und Ukraine, 2004 Ukraine Rumänien und Moldawien und 2005 durch den ganzen Balkan, 2006 wieder in die Slowakei und 2007 mal in die Schweiz und nach Frankreich, 2009 und 2010 wieder nach Tschechien und in die Slowakei, ab 2011 mit Enkel Dominik jedes Mal auf einen anderen hohen Berg zu Fuß in der Tatra, den Waldkarpaten und in der Mala Fatra.
Zweites Hobby: Segeln, nach dem Eintritt in den Ruhestand wird auch mal im Winter Urlaub gemacht, da bietet sich die Karibik an. Seit 2007 nun immer mit demselben Vercharterer aus Trinidad