Andorra-Reisebericht :Canal du Midi westwärts bis zum Scheitel

Abstecher nach Andorra

Montag, 3.Juni 2002

Die Anreise geht nur mit einem Umweg über Toulouse, der noch einmal über die Wasserscheide führt. Die SNCF ist so schnell, dass wir im Zuge sitzend spüren, wie es erst bergauf, und in Höhe der Schleuse plötzlich bergab geht. Aber nur bis Toulouse. Dann steigen wir in einen Zug, der hoch in die Pyrenäen klettert, und als wir in l`'Hospitalet pres d'Andorre aussteigen, strahlt die Höhensonne intensiv und wir lesen am Bahnhofsschild 1515 m ü.Meereshöhe. Doch rundherum geht es nur noch viel, viel höher, obwohl wir doch hier schon an der Baumgrenze sind. Nach Andorra fährt erst morgen ein Bus und unser Versuch, zu Fuß dorthin zu laufen, scheitert sehr schnell an der unkalkulierbaren Entfernung. Also akklimatisieren wir uns, besorgen uns einen Imbiß (mit Höhenzuschlag beim Preis) und nehmen ein Hotelzimmer.

Dienstag, 4.Juni 2002

Pünktlich halb acht startet der Bus zu einer Fahrt in Berghöhen, die uns den Atem stocken lassen. Bis zu weitere 700 Höhenmeter steigen wir noch in einsamen Bergtälern bis wir plötzlich in ein Kaff kommen, das fast so eng wie Manhattan bebaut ist, es liegt direkt hinter der Grenze nach Andorra und scheint eine Konsumhölle für die zollfrei einkaufenden Franzosen zu sein, die hier scharenweise den Bus mit Körben und Einkaufstaschen verlassen. Nun geht es erst noch etwas höher bis auf 2408 m ü.M., dann rollt der Bus vorsichtig wieder talabwärts. Dabei kommen wir durch Orte mit einem Bauboom wie an spanischen Stränden und an Hotels vorbei, in denen die Spanier offenbar ihr Schwarzgeld angelegt haben. Andorra la Vella, unser Ziel, ist eine einzige Konsumhölle. Selbst hier mitten im Land kann man nautische Elektronik zu Schnäppchenpreisen kaufen. Wir besichtigen das Parlamentsgebäude des Ministaates, hier haben offenbar ein paar Clans des Geldadels das Sagen, stolz ist man darauf, dass seit kurzem auch die Frauen das Wahlrecht haben. Auch Kultur wird eine Menge geboten, für Leute die unbedingt ihr Geld ausgeben müssen, und davon scheint es hier eine Menge zu geben, oder sie kommen extra hier her. Zum Schluß können auch wir nicht widerstehen und bummeln stundenlang in einem Supermarkt der Genüsse und decken uns für den Rest des Urlaubs mit Futter ein. Die Busfahrt zurück wird nicht minder aufregend, besonders, als der Busfahrer auf den Bergabstrecken wirklich gerade soviel Tempo gibt, wie der Bus in den Kehren noch verkraften kann, ohne den Abhang hinunterzukippen. In l`'Hospitalet nehmen wir heute abend die andere Herberge und sind überrascht von dem günstigen Preis, mehr aber noch von der freundlichen Aufnahme durch die Wirtin, die, wie sich erst spät herausstellt, tadellos deutsch spricht. In der Herberge ist es üblich, sich das Essen selbst zuzubereiten, und weil wir nur eine Brotzeit in der Tasche haben, laden uns andere Gäste ein, deren Reste aufzuessen. Dabei lernen wir noch die exquisite französische Küche kennen, auch wenn's nur aus der Dose ist. Als wir es uns abends noch im Leseraum gemütlich machen, tobt draußen ein Gewitter, das mit pausenlosen Blitzen und Donnern zwischen den Bergen ein unheimliches Erlebnis ist. Zudem prasseln Wassermassen vom Himmel wie wir es selten erlebt haben.

Mittwoch, 5.Juni 2002

Die Rückfahrtkarte hat man uns gestern am Bahnhof noch verkauft, aber heute morgen streikt die Bahn, Busersatzverkehr frühestens in drei Stunden. Da es empfindlich kalt geworden ist, trotten wir erst einmal zur Herberge zurück. Selbstverständlich nimmt man uns wieder auf, obwohl das Haus eigentlich um 9 Uhr schließt, dürfen wir bleiben, bis der Bus kommt. Nun gibt's eine Fahrt mit Hindernissen. Zwar brauchen wir bis Toulouse nicht umzusteigen, aber dort läuft nichts mehr, Ersatzbusse erst zu Feierabend gegen 18 Uhr. So lernen wir die City noch etwas unfreiwillig kennen und staunen über die vielen Algerier in den Straßen. Im übrigen verdrücken wir uns wegen Durst und Kälte in ein Cafe, bis es Zeit wird, den Bus zu bekommen. Noch bei Tageslicht kommen wir an Bord. Doch wie hat sich die Welt verändert: 22 Grad weniger als vorgestern, wir müssen heizen, um bei 11 Grad Außentemperatur warme Füße zu bekommen. Und Wasser hat der Kanal auch wieder genug, wenn auch recht braunes.

© Manfred Sürig, 2006
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Zwei frisch gebackene Pensionäre wollen den Ruhestand testen. Auf eigenem Kiel vom Rhonedelta aus nach Westen. Obwohl Segelboot, bleibt der Mast gelegt und man benutzt die Kanäle; bei dem immer wieder auftretenden Mistral eine gute Vorsichtsmaßnahme.
Details:
Aufbruch: 10.05.2002
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 07.06.2002
Reiseziele: Frankreich
Andorra
Der Autor
 
Manfred Sürig berichtet seit 12 Jahren auf umdiewelt. Manfred über sich:
pensionierter Zentralbanker, der zwischen 65 und 80 noch Europa hautnah erleben will, besonders die nun zugänglichen Länder im östlichen Europa. Fahrradreisen 2000 in die Slowakei, 2001 Tschechien/Slowakei,2002 Slowakei und Ungarn, 2003 Rumänien, Bulgarien und Ukraine, 2004 Ukraine Rumänien und Moldawien und 2005 durch den ganzen Balkan, 2006 wieder in die Slowakei und 2007 mal in die Schweiz und nach Frankreich, 2009 und 2010 wieder nach Tschechien und in die Slowakei, ab 2011 mit Enkel Dominik jedes Mal auf einen anderen hohen Berg zu Fuß in der Tatra, den Waldkarpaten und in der Mala Fatra.
Zweites Hobby: Segeln, nach dem Eintritt in den Ruhestand wird auch mal im Winter Urlaub gemacht, da bietet sich die Karibik an. Seit 2007 nun immer mit demselben Vercharterer aus Trinidad