Italien-Reisebericht :Kalabrien im Herbst

Die Albaner Dörfer

Montag

Die Badetage haben wir nun endgültig gestrichen. Wie sollten wir sonst noch Zeit finden, die Albaner Dörfer zu besichtigen? Die Albaner, im fünfzehnten Jahrhundert vor dem Türkensturm aus ihrer Heimat geflohen, bilden eine anerkannte Minderheit in Kalabrien. Schon bei der Ortseinfahrt von San Giorgio d'Albanese weist die zweisprachige Beschilderung darauf hin, dass Sprache und Kultur beibehalten und toleriert werden. Wir parken am Hauptplatz. Um uns zunächst mit einem Cappuccino zu stärken, betreten wir die nächste Bar. Wir sind die einzigen Gäste, doch das soll sich ganz schnell ändern. Kaum haben wir unsere Bestellung aufgegeben, füllt sich die Bar schlagartig mit jungen und alten Männern. Mit unverhohlener Neugierde werden wir gemustert. Von außen drücken sich zwei Jugendliche tatsächlich die Nasen an der Scheibe platt. Es kommen hier wohl nicht sehr viele Touristen vorbei.
Wir besuchen die christlich-orthodoxe Kirche von Giorgio d'Albanese. Dort werden wunderschöne Ikonen aufbewahrt. Es findet sich gleich ein älterer Herr, der uns die Kirche zeigt und die Exponate erklärt. Als wir seine Frage, ob wir Interesse an alten albanischen Kostümen hätten, bejahen, sollen wir ihm in seine nahe gelegene Wohnung folgen. Durch einen vollgestellten Flur werden wir in ein ziemlich bizarres Zimmer geführt, in dessen Mitte ein großes Bett steht. Ansonsten ist es vollgefüllt mit Krimskrams wie Puppen, Bildern, Fotos, einem alten Grammophon, auf dem sich eine alte, kratzige Schellack-Platte dreht. Caruso schmettert eine Arie in den Raum. Wie unser Fremdenführer stolz erklärt, sind die Bilder von ihm selbst gemalt, ebenso gibt er eigene Gedichte zum Besten. Es gesellt sich eine alte Frau zu uns, die einen kleinen Buben auf dem Arm trägt, dem sie Spaghetti mit Tomatensauce von einem Teller in den Mund zu stopfen versucht. Gemeinsam geht es einen Stock höher. Noch mehr Kisten, Krüge, Bilder, Bücher, Gerümpel. Endlich entdecken wir auf einem Kleiderständer ein rotes Trachtenkleid. Unser Meister drapiert das Kostüm neben einer alten Kinderwiege für ein Foto. Als er mein Interesse an den alten Schellack-Platten bemerkt, bekomme ich sofort eine geschenkt. Als wir einen alten Krug mit Doppelhenkel interessiert drehen und wenden, schenkt er uns diesen auch. Geld nimmt der albanische Opa dafür nicht an. Natürlich geben wir ihm etwas und natürlich sind wir dabei recht großzügig. Als wir das Haus verlassen, sind wir uns nicht ganz sicher, ob das jetzt ein besonders schlauer Trick war, uns mit den Geschenken Geld aus der Tasche zu ziehen oder ob der Mann uns wirklich eine Freude machen wollte. Egal. Wir freuen uns über Platte und Krug und machen uns auf den Weg in das nächste Albaner Dorf.

Die Fahrt durch die kalabrischen Berge wird immer strapaziöser. Für nur wenige Kilometer braucht man Stunden. Es geht kleine Bergsträßchen, die in halsbrecherischen Serpentinen verlaufen, bergauf und bergab. Schluchten müssen ausgefahren, Flussläufe bis zu Überquerungsmöglichkeit umfahren werden. Straßenschilder und Wegweiser sind Mangelware und es ist reine Glückssache, wenn man nach drei Stunden Fahrt auch in dem fünfzehn Kilometer entfernten Dorf ankommt, in das man wollte. Die Dörfer sind ärmlich, die schönsten Kirchen zerfallen.

Wir besuchen die Klosterkirche von Madonna delle Grazie, deren Altar ein riesengroßes Mariengemälde schmückt. In der gesamten Klosterkirche nur Statuen und Bilder der Heiligen Muttergottes. Hier wird ausschließlich und hingebungsvoll einer Göttin Tribut gezollt. Man könnte vergessen, dass die christliche Religion eine patriarchalische ist.

Orthodoxer Christus in der Kirche der Ortschaft San Giorgio d'Albanese

Orthodoxer Christus in der Kirche der Ortschaft San Giorgio d'Albanese

Albaner Tracht

© Angelika Gutsche, 2004
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Reisetagebuch durch den Norden Kalabriens
Details:
Aufbruch: September 2003
Dauer: unbekannt
Heimkehr: September 2003
Reiseziele: Italien
Der Autor
 
Angelika Gutsche berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
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