Italien-Reisebericht :Ein kurzer Ausflug in die Basilikata

Wundersame Erscheinungen in einsamer Nacht

Die weitere Erkundung des Sees und die Suche nach einem Lagerplatz setzen wir mit dem Auto fort. In südöstlicher Richtung führt eine Sandstraße entlang des Ufers. Die Lust auf ein Bad vergeht uns nicht nur angesichts des verschlammten Ufers, sondern auch der vielen Moskitos wegen. Die wenigen Rastplätze sind vermüllt. Rund um den See, der als Naturschutzgebiet ausgewiesen ist, breiten sich Waldgebiete aus. Dahinter erstreckt sich eine weite Hügellandschaft mit ausgedörrten Äckern und abgemähten Feldern. Einzelne Häuser und Gehöfte sind verlassen. Einsam und still liegt der See, nur ein paar Greifvögel ziehen im blauen Himmel ihre Runden. Gänseschwärme fliegen über uns hinweg. Die Landschaft ist wunderschön.

Wir beschließen, auf einer Hügelkuppe oberhalb des Lago di San Giuliano zu campieren. Nach einem kleinen Imbiss genießen wir den wunderbaren Blick auf den langgestreckten See, der leuchtend blau unter uns liegt. Nun ist Wind aufgekommen, heißer Wind, der kaum kühlt. Bei unserer Rundfahrt sind wir vereinzelt Angler begegnet, als jetzt die Dämmerung einsetzt, fahren auch die. Dunkelheit hüllt uns ein und die Einsamkeit des Universums wird spürbar. Es sind nur wenige Sterne am Himmel, erst in weiter Ferne leuchten die Lichter eines Dorfes. Wir machen ein Kerzchen an.

Doch dann bemerken wir weit unter uns am Rande des Sees einen breiten Streifen hellen Lichts. Zuerst schenken wir dem keine besondere Beachtung, denn die Helligkeit lässt uns Stadtmenschen an eine nächtliche Straßenbeleuchtung denken. Nur, da unten ist gar keine Straße, da ist nur ein Sandweg. Und es gibt hier nachts nur nicht keinen Verkehr, es gibt hier überhaupt keine Fahrzeuge und auch keine Menschenseele ist unterwegs. Wir sitzen mutterseelenallein mitten im Naturschutzgebiet im Dunkel auf einem Hügel. Hell ist nur der helle Lichtstreifen unten am Ufer, den wir mit wachsender Faszination betrachten. In der Dunkelheit meinen wir Masten ausmachen zu können, die am Ufer stehen. Es wird uns ein bisschen unheimlich. Solange wir nicht wissen, um was es sich da unten handelt, wollen wir lieber nicht auf uns aufmerksam machen. Wir löschen die Kerze und verhalten uns ruhig. Die Hunde haben sich ausgestreckt und schlafen. Es scheint uns keine unmittelbare Gefahr zu drohen.

Nach etwa einer halben Stunde löst sich der Lichtstreifen auf. Dafür erscheinen im Wasser nahe unseres Ufers weiß gleißende Lichtspots, die etwa fünf Minuten unbeweglich stehen bleiben, bevor sie sich zu breiten Streifen wandeln, die quer über den See reichen und beide Ufer miteinander verbinden. Auch diese Streifen verharren auf dem See. Wir sind fassungslos, suchen nach Erklärungen. Fischerboote mit Lampen? Nein, die könnten nicht diese Lichterscheinungen hervorrufen. Fischer, die am Ufer stehen? Eine Baustelle unter Wasser? Alle Erklärungen ziehen nicht wirklich. Und immer wieder die Frage: "Siehst Du das auch, was ich sehe?", "Ja, ich sehe die Spots auch", "Ja, ich sehe die Streifen auch!". "Kannst Du Dir das erklären?" - "Nein, keine Ahnung, was das sein könnte." Jetzt haben wir den starken Wunsch, nicht aufzufallen, nicht bemerkt zu werden. Während wir noch rätseln, bildet das Licht eine neue Formation: Die breiten Streifen wandeln sich zu großflächigen, über den ganzen See verteilte Kreisen. Unsere Spekulationen werden immer gewagter: Vielleicht handelt es sich um eine unter Wasser angelegte Forschungseinrichtung, in der gerade ein Experiment abläuft, ein unterirdisches Projekt wie im Gran Sasso in den Abruzzen, in dem man Elementarteilchen zu erforschen sucht? Ein lautes Knallgeräusch ertönt. Wir zucken zusammen. Das war die hintere Autoklappe. Weit weg, hinter den Bergen klingt es wie Schüsse. Vielleicht wird irgendwo ein Feuerwerk abgebrannt? Sehen können wir nichts. Ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut. Die Hunde wollen ins Auto. Wir lassen sie rein.

Die großflächigen Kreise verschwinden nach einiger Zeit, dafür zeigen sich nun am gegenüberliegenden Ufer jene hellen Spots, die vor einiger Zeit an unserem Ufer zu sehen waren. Nun spinnen wir uns die nächste Erklärung zusammen, die zuerst keiner aussprechen wollte, denn wer macht sich schon gerne lächerlich? Hat das etwas mit Außerirdischen zu tun? Von oben betrachtet müssten die Lichterscheinungen ein gut erkennbares Muster bilden. Handelt es sich um Morsezeichen von Exterrestrischen? Um einen Geheimcode? Nein, natürlich nicht. Was für ein Unsinn! Es ist schon nach elf Uhr und immer noch verändern sich die Lichtzeichen im See. Wir beschließen schlafenzugehen.

Unser kleiner Hund hat sein Bett am Beifahrersitz. Er kann aus dem Fenster schauen und ist sehr unruhig. Auch ich schlafe schlecht und werde von merkwürdigen Schlafwachträumen heimgesucht: Eine Gruppe von Menschen hebt die Köpfe und starrt in einen blauen Himmel. Auch wir schauen nach oben. Am Himmel sind weiße Lichterscheinungen zu sehen, die genau denen im nächtlichen See entsprechen. Dann wachsen am höchsten Astkranz eines Tannenbaums Zapfen wie aufgesteckte Christbaumkerzen nach oben. Sie haben eine wabenförmige Struktur und sind mit Silberfäden umwickelt. Mir ist klar, dass es sich dabei um Antennen handelt. In der Ferne erstrahlt in der Dunkelheit weiß leuchtend ein Stahlturm, der am Tag unsichtbar bleiben wird ... Durch das Winseln unseres Hundes werde ich aus meinen wirren Träumen gerissen, stehe auf und tröste den Hund. Nun herrscht draußen komplette Dunkelheit. Die Lichter am See sind weg. Ich weiß nicht, wie spät es ist. Lampen will ich keine anmachen. Es ist immer noch sehr heiß.

© Angelika Gutsche, 2014
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Auch wenn der folgende Bericht wie aus einem Science-Fiction-Roman klingt, so versichere ich, dass sich alles genauso zugetragen hat, wie ich es nachfolgend erzähle.
Details:
Aufbruch: 27.07.2013
Dauer: 3 Tage
Heimkehr: 29.07.2013
Reiseziele: Italien
Der Autor
 
Angelika Gutsche berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
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