Italien-Reisebericht :Latium mit Rom - durch das Land der Etrusker

Cerveteri - eine Etruskerstadt

Auf kleinen Straßen bewegen wir uns in Richtung Bracchiano. Wir suchen einen Lagerplatz, aber die abgehenden Seitenstraßen sind alles gesperrte Privatzufahrten. Endlich führt ein kleiner, zunächst neben einem Gestüt verlaufender Weg, tief in den Wald hinein. Wir erreichen eine Lichtung mit Hochständen für die Wildschweinjagd. Doch jetzt ist keine Saison und so beziehen wir diesen idealen Lagerplatz. Wir befinden uns in der Einflugschneise des römischen Flughafens Fiumicino. Auf dem Rücken liegend versuchen wir, die Namen der Fluglinien auf den Flugzeugen zu entziffern. Sehr weit oben am Himmel funkelt ein silberfarbenes Objekt. Die Internationale Weltraumstation ISS? Ein interessanter Lagerplatz!

Bei Cerveteri

Bei Cerveteri

Früh am nächsten Tag geht es endlich zur ersten etruskischen Totenstadt. Wir folgen von Cerveteri aus der Ausschilderung "Tombe". Vor den Toren des Ausgrabungsgeländes La Banditaccia warten nur wenige Touristen auf die Öffnung um 8.30 Uhr. Trotz der vielen streunenden Katzen dürfen wir unsere Hunde mitnehmen. Bereits jetzt am frühen Morgen ist es drückend heiß.

Cerveteri: die etruskische Nekropole La Banditaccia

Cerveteri: die etruskische Nekropole La Banditaccia

Das Gelände ist groß. Grab reiht sich an Grab, beeindruckend große, aneinander gereihte Tumulusgräber, Kassettengräber, Kammergräber, Höhlengräber. Alle Grabanlagen sind geöffnet und begehbar. Nachdem man die Treppen zu den Totenkammern hinab gestiegen ist, betritt man die Grabkammern durch einen Eingang, der von schwarzen Tüchern umrahmt ist. Diese Trauerflore geben den Totenkammern einen würdigen, pietätvollen Rahmen. Innerhalb der Kammern befinden sich Steinbänke, auf denen die Leichname gebettet waren. Die ältesten Gräber stammen aus dem 9. Jh. v. Chr., also noch aus der sogenannten Villanova-Zeit, die der etruskischen Kultur vorausging, die jüngsten Gräber aus der etruskischen Spätzeit, dem 3. und 2. Jh. v. Chr. Besonders interessant ist die Tomba dei Rilievi. Die Kammer ist mit Stuckdekorationen geschmückt, die verschiedene Werkzeuge, Haushaltsgegenstände, Waffen und Tiere darstellen.

Cerveteri: Grabkammer mit Totenbett und Stuhl in der etruskische Nekropole La Banditaccia

Cerveteri: Grabkammer mit Totenbett und Stuhl in der etruskische Nekropole La Banditaccia

Cerveteri: Grabkammer mit Säule in der etruskische Nekropole La Banditaccia

Cerveteri: Grabkammer mit Säule in der etruskische Nekropole La Banditaccia

Beim Ausgang findet sich eine Sammlung der sogenannten cippi, das sind kleine Steinformen, mit denen gekennzeichnet wurde, welchem Geschlecht der hier Beigesetzte angehörte: Die Würfelform soll ein Haus darstellen und steht als Symbol für weiblich, zylindrische Formen stehen als Symbol für männlich.

Cerveteri: die etruskische Nekropole La Banditaccia - cippi

Cerveteri: die etruskische Nekropole La Banditaccia - cippi

Wir kehren zurück nach Cerveteri und besuchen das Etruskische Museum (Museo Nazionale Cerite), das im Palazzo Ruspoli untergebracht ist. Hier können wir die bemerkenswerten Schätze bewundern, die als Grabbeigaben den Verstorbenen ins Jenseits mitgegeben wurden. Besonders sehenswert sind die Vasen und andere Töpfereien in tiefem Schwarz, bekannt als Bucchero-Keramik. Lange rätselte man, mit welcher Technik es den Etruskern gelungen war, diese schwarz glänzende Keramik herzustellen. Heute weiß man, dass beim Brennprozess zu einem bestimmten Zeitpunkt die Sauerstoffzufuhr gedrosselt werden muss, um diese Schwarzfärbung der Keramik zu erzielen.

Cerveteri: Etruskisches Museum - Bucchero-Vasen  (Mitte 7. Jh. v. Chr.)

Cerveteri: Etruskisches Museum - Bucchero-Vasen (Mitte 7. Jh. v. Chr.)

Neben vielen anderen interessanten Exponaten finden sich die typischen Etrusker-Sarkophage, auf deren Deckeln die Verstorbenen in halb liegender Stellung bildhauerisch dargestellt sind. Die feinsinnigen Kunstabbildungen sind äußerst ansprechend.

Cerveteri: Etruskisches Museum - Gefäß für Balsam in Beinform, mit Sandale (6. Jh. v. Chr.)

Cerveteri: Etruskisches Museum - Gefäß für Balsam in Beinform, mit Sandale (6. Jh. v. Chr.)

Cerveteri: Etruskisches Museum - Würfel

Cerveteri: Etruskisches Museum - Würfel

Auf der netten, kleinen piazza in der città vecchia finden sich ein caffè und ein Internet-Café, nur leider kein passender Parkplatz, so dass wir einen Strafzettel wegen Falschparkens in Höhe von 41 Euro kassieren.

Zurück auf unserer Hochstand-Lichtung machen wir uns mit den religiösen Vorstellungen der Etrusker bekannt. Wir lesen, dass in der Frühzeit der Etrusker der frisch gezogenen Furche eines Ackers plötzlich ein Wesen entsprang, dessen Aussehen dem eines Kindes entsprach, seine Weisheit aber der eines Greises. Der Pflüger mit dem Namen Tarchon rief die Priesterkönige der Etrusker, die Lucumonen, an den Ort des Geschehens, denen das greisenhafte Kind mit dem Namen Tages sodann die heilige Lehre sang. Diese wurde aufgezeichnet, um sie den Nachfahren zu überliefern. Anschließend sank Tages tot in die gefurchte Erde zurück. Alpha und Omega hatten sich berührt, das Ende seinen Anfang gefunden.

Die Weissagungen Tages stellten die heilige Lehre der Etrusker dar und wurden in den heiligen Büchern, der disciplina Etrusca, festgehalten. Sie umfassten sakrale Gesetze und Regeln, nach die sich das Volk genau zu halten hatte. Die Etrusker glaubten an eine mystische Einheit und Verflechtung aller Elemente, des Weltlichen und des Himmlischen sowie des Kosmos'. Alles sei einem machtvollen Willen unterworfen, der Zufall existiere nicht. Drei Bücher des Schicksals halfen, den Willen der Macht zu erkunden: Das erste Buch befasste sich mit der Wahrsagung durch die Leberschau von geopferten Tieren, das zweite Buch deutete Blitze und das dritte Buch hatte die verschiedenen Kultgesetze sowie die Zeiteinteilung und die Lebensdauer von Menschen und Völkern zum Inhalt, ebenso die Bedeutung von Wundern und Zeichen.

Obwohl diese Kodifizierung ihrer religiösen Lehren sogar ins Lateinische übersetzt wurde, blieb nichts davon erhalten, weder in etruskischer noch lateinischer Sprache. Kaiser Claudius, der die Etrusker verehrte und ihre Sprache perfekt beherrschte, schrieb im 1. Jh. n. Chr. die sogenannte Tyrrhenika, eine 20(!)-bändige Geschichte der Etrusker. Doch auch diese verschwand spurlos wie alle anderen Schriften, die sich mit den Etruskern befassten. Es wird vermutet, dass die frühen Christen, zu deren Glauben der etruskische Glaube in starker Konkurrenz stand, alle schriftlichen Hinterlassenschaften der Etrusker vernichteten beziehungsweise verschwinden ließen. Könnte es sein, dass sich in den geheimen Bibliotheken des Vatikans noch etruskische Schriften verstecken? Welcher Schatz würde sich den Altertumsforschern eröffnen!

Cerveteri: Etruskisches Museum

Cerveteri: Etruskisches Museum

In den etruskischen Nekropolen fanden sich bisher zwar mehr als zehntausend Inschriften, doch handelt es sich ausschließlich um sehr kurze Texte, die sich um kultische Handlungen drehen. Nur etwa 300 Wörter konnten so entschlüsselt werden, denn das Etruskische ist aus keiner der bekannten lebenden oder toten Sprachen zu deuten. Das heutige Wissen von den Etruskern speist sich aus antiken Schriften griechischer und römischer Gelehrter. Auch wurden viele etruskische Bräuche und religiösen Zeremonien wie zum Beispiel die berühmte Leberschau von den Römern übernommen und uns dadurch überliefert.

Tarquinia: Archäologisches Museum - etruskischer Bronzehelm

Tarquinia: Archäologisches Museum - etruskischer Bronzehelm

Auf unserer Lichtung hat zwischenzeitlich die Dämmerung Einzug gehalten. Unsere Hunde halten witternd die Nase in den Wind und verziehen sich ängstlich in den Camper. Riechen sie das Böse oder durch nur Wildschweine?

© Angelika Gutsche, 2014
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Unsere Reise führt uns von Süden her durch das touristisch erst zaghaft erschlossene Latium bis an dessen nördliche Grenze zur Toskana. Neben Rom sind unsere vorrangigen Ziele Überbleibsel der Etrusker, in deren Kernland Etrurien wir Ausgrabungsstätten und Museen besuchen. Dies hat zur Folge, dass unser Geschichtsbild eine erstaunliche Umwälzung erfährt.
Details:
Aufbruch: 20.07.2013
Dauer: 4 Wochen
Heimkehr: 16.08.2013
Reiseziele: Italien
Der Autor
 
Angelika Gutsche berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
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