Spanien-Reisebericht :El Modernisme - der spanische Jugendstil in Katalonien

Sitges - (Schwule) und Jugendstil

Sitges liegt nur wenige Kilometer von unserem Stammquartier in Vilanova i la Geltru entfernt und gilt als atraktivstes Individualistenziel der Costa Daurada und das schon seit Ende des 19. Jahrhunderts. Damals bauten hier Wohlhabende aus Barcelona ihre Sommerresidenzen an der Küste. Später folgten Literaten, Maler und andere Künstler. Ausserdem gilt Sitges als Zentrum für Homosexuelle. Noch nie hatten wir dies so deutlich vor Augen wie auf unserem heutigen Spaziergang!
(Marie-Kristin hat den Küstenweg zu Fuß gemacht und beschrieben, sowie auch einen Bericht über Sitges hier in diesem Forum verfasst.)
In den letzten Jahren haben wir immer mal wieder die Altstadtgassen der belebten Kleinstadt durchstreift, sind die elegante Strandpromenade entlanggelaufen oder haben auf dem nahegelegenen Golfplatz Terramar eine Runde Golf gespielt.
Aber da ich z.Zt. eine Verletzung an der Hand habe und inzwischen auch eine Recherche zu Jugendstilarchitektur in Sitges durchgeführt habe, machen wir uns diesmal gezielter auf die Suche nach diesen Objekten.

Wir parken etwas oberhalb (südlich) der kleinen Bucht mit dem Strand 'San Sebastian' an einer kleinen Kapelle, da dort die Parkraumbewirtschaftung aufgehört hat und man nicht vorher schon bestimmen muss, wie lange man bleiben möchte. Abgesehen davon ist gestaltet sich die Parkplatzsuche in der Altstadt ausgesprochen schwierig.

Blick vom Parkplatz auf die Bucht mit Strand 'San Sebastian'

Blick vom Parkplatz auf die Bucht mit Strand 'San Sebastian'

Wir laufen am Strand entlang über den kleinen Hügel, auf dem zwei bedeutende Museen (Cau Ferrat und Maricel) liegen, die ich mit einem dritten Museum (Can Llopis in der Innenstadt) im nächsten Kapitel beschreiben will, zum Platz des Ajuntament. Vom Kirchplatz bietet sich ein schöner Blick auf die elegante Promenade.

elegante Strandpromende von Sitges

elegante Strandpromende von Sitges

Sofort ins Auge fällt die unmittelbar beim Strand etwas erhöht gelegene Kirche Sant Bartomeu i Santa Tecla aus dem 17. Ih. Im Inneren können barocke und gotische Altargemälde bewundert werden.
Unmittelbar bei der Kirche liegt auch das Gassengewirr der Altstadt.

Sant Bartomeu i Santa Tecla

Sant Bartomeu i Santa Tecla

In der Touristeninformation gibt es kleine Broschüre, in der die Ruta de los americanos ("Route der Amerikaner") beschrieben wird. So nennt sich ein Netz von Spaziergängen durch die Stadt, die gezielt zu einer Reihe von wunderschönen alten Villen aus dem 19. und 20. Jh. führen. Insgesamt 88 historische Häuser stehen im Stadtgebiet, immerhin 20 davon direkt an der Strandpromenade. Überwiegend ehemalige Auswanderer nach Cuba, die dort reich wurden, ließen diese Häuser erbauen.
Wir beginnen unseren Rundgang hinter der Kirche am Ajuntament und suchen uns aus der Liste der 88 Häuser die Häuser mit Jugendstilelementen heraus.

Ajuntament

Ajuntament

Markthalle - 1889/1890 - Arch.: Gaietà Buigues i Monravà - Plaça de l'Ajuntament 11-12

Markthalle - 1889/1890 - Arch.: Gaietà Buigues i Monravà - Plaça de l'Ajuntament 11-12

Praktisch neben dem Market Rathaus befindet sich Markthalle, deren Wände ganz aus Ziegelstein errichtet wurden. Die tragende Konstruktion besteht aus Eisenstützen. Schmiedeeisen ist auch hier das Material für den Eingang.
Das Innere wird durch elf schmale Fenster in der Stirnseite erhellt.
Heute wird die Markthalle zu Ausstellungen genutzt.

Casa Gorgas - 1907 - Arch.: Gaietà Miret i Raventós - Carrer Major 21

Casa Gorgas - 1907 - Arch.: Gaietà Miret i Raventós - Carrer Major 21

Geht man nun die Hauptgasse (carrer major) hinab, so trifft man bei Nr. 21 auf die Casa Gorgas, deren floral dekorierte Fassade nur durch Photomontage aus vier Aufnahmen wegen der Enge der Gasse in Gänze zu betrachten ist.
Die Ballustrade des durchgehenden Balkons auf der 1. Etage ist schmiedeisern und besteht aus mehreren korbartigen Teilen.
Der Traufenabschluss (oder ist es doch ein Giebel?) besteht aus typischen Art Nouveaux Elementen.

Casa Joaquim Duran i Barraquer - 1929 - Arch.: Bernardí Martorell i Puig - Carrer Major 23

Casa Joaquim Duran i Barraquer - 1929 - Arch.: Bernardí Martorell i Puig - Carrer Major 23

Die Casa Joaquim Duran i Barraquer ist das direkte Nachbarhaus (Nr. 23) Ihr auffallendstes Merkmal ist die Nische zwischen den beiden Flügeln. Die Fenster enthalten deutliche Jugendstilelemente und ein breites Ziegelband trennt das Erdgeschoss von den oberen Stockwerken. Die Balkonbrüstungen bestehen wieder aus Schmiedeeisen.

Casa Bartomeu Carbonell i Mussons - 1913 - 1915 - Arch.: Ignasi Mas i Morell - Plaça del Cap de la Vila 7-8

Casa Bartomeu Carbonell i Mussons - 1913 - 1915 - Arch.: Ignasi Mas i Morell - Plaça del Cap de la Vila 7-8

Ein imposantes Gebäude ist die Casa Bartomeu Carbonell i Mussons, die an der spitzwinklligen Ecke der Carrer Major und der Plaça del Cap de la Vila steht.
Das auffälligste Jugendstilelement ist der Uhrenturm, der von 5 spitzen Dachelementen abgeschlossen wird, die wiederum einen runden Turm mit Spitze umschließen. Die hier benutzten Materialien sind wieder 'trencadis'.
Ansonsten birgt die Fassade keine neue Elemente des Modernisme.

Casa Manuel Planas i Carbonell - 1881 - Arch.: unbekannt - Carrer Illa de Cuba 21

Casa Manuel Planas i Carbonell - 1881 - Arch.: unbekannt - Carrer Illa de Cuba 21

Die Casa Manuel Planas i Carbonell ist heute ein Hotel. Die typischen Merkmale - reiche Dekoration um die Fenster/ schmiedeeiserne Balkongitter - werden überkrönt von einem Fenstern im Erker in typischer Jugendstilform. Dieses wiederholt sich noch einmal in der Seitenstraßenfassade. Zum Teil sind schöne Jugendstilverglasungen im Erker des 1. Obergeschosses zu erkennen. Auch ein Blick in die Halle, die heute nicht mehr den Hoteleingang darstellt, lohnt sich.

Casa Bonaventura Blai (Vil-la Avelina)- 1900 - Arch.: Gaietà Buigues i Monravà - Carrer Illa de Cuba 37

Casa Bonaventura Blai (Vil-la Avelina)- 1900 - Arch.: Gaietà Buigues i Monravà - Carrer Illa de Cuba 37

Die Casa Bonaventura Blai (Vil-la Avelina) stellt eine französisch angehauchte Sonderform des Katalanischen Jugendstils vor. Es handelt sich um ein großes Haus mit hohem Turm, von dem sich ein Überblick über die Altstadt bietet.
Die Dekorationselemente wie Wasserspeiher o.ä findet man auch häufig in der französischen Gotik.
Heute ist das Gebäude ein Hotel, so dass man auch das Innere besuchen kann.

Villa Remei - 1911 (1928) - Arch.: Josep Maria Martino - Avinguda Artur Carbonell 25

Villa Remei - 1911 (1928) - Arch.: Josep Maria Martino - Avinguda Artur Carbonell 25

Villa Subur - 1908 - Arch.: Juli Batllevell - Avinguda Artur Carbonell 23

Villa Subur - 1908 - Arch.: Juli Batllevell - Avinguda Artur Carbonell 23

Prado Suburense

Prado Suburense

Casa Pere Carreras i Robert - 1906 - Arch.: Josep Pujol i Brull - Carrer Francesc Gumà 23

Casa Pere Carreras i Robert - 1906 - Arch.: Josep Pujol i Brull - Carrer Francesc Gumà 23

Casa Pere Carreras i Robert ist ein typisches Haus eines Wohlhabenden mit reicher Dekoration auf der Fassade. Nicht nur die Fenster und Türen haben aufwendige Rahmen, sondern auch die Wände haben reiche Dekoration mit floralen Motiven.
Eine Besonderheit stellen die beiden Balkone des 1. OG dar, da sie Ballustraden aus Stein besitzen, die nicht zu den anderen zu passen scheinen.

Casa Simó Llauradó - 1908 - Gaietà Miret i Raventós - Passeig de la Ribera 2

Casa Simó Llauradó - 1908 - Gaietà Miret i Raventós - Passeig de la Ribera 2

Inzwischen sind wir zurück am Passeig de la Ribera - der Strandpromenade, wo sich noch eine Reihe anderer Jugendstilhäuser befindet, die jedoch nicht so aufwendig gebaut wurden wie die Casa Simó Llauradó. Bemerkenswert ist hier wieder der Versuch, die beiden Fronten eines Eckhauses optisch durch eine besondere Eckkonstruktion zu verbinden. Hier ist es mal kein Erker, sondern ein Eckfenster mit Eckbalkon, das durch eine Säulen geteilt wird.
Wie in so vielen Fällen ist auch hier das Erdgeschoss aus kommerziellen Gründen stark verändert.

Sitges Hospital - 1910 - 1012 - Arch.: Josep Font i Gumà - Carrer Hospital

Sitges Hospital - 1910 - 1012 - Arch.: Josep Font i Gumà - Carrer Hospital

Sitges ist (leider) wie viele Orte der Costa Daurada durch die Küstenbahnlinie geteilt. Die Altstadt befindet sich auf der Seite zum Meer, die Neustadt mit den Geschäftsvierteln meeresabgewandt. Dort liegt auch das Hospital von Sitges
Dem Architekten ist es gelungen, dem Bau die Uniformität zu nehmen, die bei Krankenhäusern allein aufgrund der Größe häufig zu finden ist. Vor allem die Fensterumrahmungen aus verschieden gebrannten Ziegelsteinen geben dem Gebäude Charakter. Zum Krankenhauskomplex gehört auch eine Kapelle mit Altar aus dem 16. Jh..

© Herbert S., 2006
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Unser vierter Aufenthalt in einer kleinen Wohnung ca. 40 km südlich von Barcelona ist der Ausgangspunkt für gezielte Besichtigungen zum spanischen Jugendstil. Die berühmten Bauwerke von Antoni Gaudi haben wir diesmal praktisch 'links' liegen lassen und uns auf seine Zeitgenossen beschränkt. Dabei sind vor allem Wohnhäuser, Kirchen aber auch Bauten der Land- und Weinwirtschaft zu bewundern.
Details:
Aufbruch: 01.10.2006
Dauer: 15 Tage
Heimkehr: 15.10.2006
Reiseziele: Spanien
Canet De Mar
Der Autor
 
Herbert S. berichtet seit 11 Jahren auf umdiewelt.
Reiseberichte von Herbert sind von der umdiewelt-Redaktion als besonders lesenswert ausgezeichnet worden!
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Herbert über sich:
Bin begeisterter Reisender - teils mit Leihwagen in Mexiko, USA, Indonesien, Thailand, Arabien, Namibia, Südafrika, Türkei,... teils mit kleinem Wohnmobil in ganz Europa, aber besonders in Großbritannien und Skandinavien. Es gibt also noch viel zu berichten. Aber es kommt soviel hinzu.