Abmahnungen sind ein - eigentlich - gutes Mittel, sich in begründeten Fällen Recht zu verschaffen und gleichzeitig nicht die Gerichte über Gebühr zu belasten.

In den letzten Jahren hat die Zahl der Abmahnungen jedoch stark zugenommen, und zwar ganz besonders bei Urheber­rechts­verletzungen. Meistens geht es dabei um die Verwendung urheberrechtlich geschützten Materials auf Webseiten wie dieser hier.

Eine neue Entwicklung scheint die Abmahnung kleinerer Seiten und Firmen zu sein, und zwar in Fällen, in denen das veröffent­lichte Bild schon auf den ersten Blick nicht ganz unproblematisch ist: Reiseblogs (und www.­um­die­welt.de ist eine sehr große Sammlung solcher Blogs) und generell Reiseberichte enthalten häufig Kartenmaterial. Hier ist also Vorsicht geboten!

Der hier geschilderte Fall Huber Medien & Munderloh ./. www.­umdiewelt.de ist hoffentlich nur ein seltenes Beispiel in dem die abmahnende Partei die behaupteten Rechte nicht nachweise konnte. Für den Fall, dass solche Fälle doch häufiger sind, war es mir wichtig, diese Geschichte nicht unter Verschluss zu halten.

Abmahn-Welle :Portal für Reiseberichte wehrt sich!

Als die dritte Abmahnung der Kanzlei Munderloh auf meinem Schreibtisch liegt, ist die Sache bei uns längst ein running gag: "Scha-a-atz, ist die heutige Abmahnung schon da???"

Doch von Anfang an, denn diese Geschichte muss einfach erzählt werden:
über 3.250.- Euro will die Firma Huber Medien GmbH mit ihren drei Abmahnungen bei mir abräumen. Der erste Lacher kam aber schon mit der allerersten Abmahnung, nämlich wegen dieses ja ganz offensichtlich von krimineller Energie getriebenen Selfies in Originalgröße:

Ein Bild, das (Zitat Rechtsanwalt Rainer Munderloh) "eindeutig mit dem von meiner Mandantin hergestellten und vertriebenen Kartenmaterial übereinstimmt." Mmm, ja, mal sehen...
[Quelle: Australien-Bericht von Carla]

Ein Bild, das (Zitat Rechtsanwalt Rainer Munderloh) "eindeutig mit dem von meiner Mandantin hergestellten und vertriebenen Kartenmaterial übereinstimmt." Mmm, ja, mal sehen...

[Quelle: Australien-Bericht von Carla]

So viel Geld schüttelt man sich ja nun nicht gerne spontan aus dem Ärmel - auch nicht für eine 0,06 Megapixel große "geklaute" Weltkarte. Also die erwähnten Ärmel lieber hochkrämpeln und ran an die Recherche!
Schön also, dass die Menschen ihre Reiseerinnerungen auch heute noch aufheben: Autorin "Carla Fernweh" hat die Landkarte noch in einer Kiste und ups, wieso steht denn da nicht "Huber Medien GmbH" im Impressum??? Tststs, wer Böses denkt...

Das muss doch ein Druckfehler sein!Wieso steht denn da jetzt nicht "Huber Medien GmbH"?

Das muss doch ein Druckfehler sein!Wieso steht denn da jetzt nicht "Huber Medien GmbH"?

Aber wem gehört dann die Karte???

Ein paar Anrufe später habe ich den echten Urheber an der Strippe, der das ganze viel weniger lustig findet als ich und mir flugs eine unterschriebene Nutzungsgenehmigung schreibt: ich darf die Karte weiter online lassen! Da freue ich mich und nehme mir eine fähige (und vor allem seriöse) Anwaltin für Urheberrecht.
Zu diesem Zeitpunkt ahne ich nicht, dass ich die Büchse der Pandora öffne, wenn ich nicht gleich die allererste Unterlassungserklärung unterschreibe und brav zahle. Denn von nun an beginnt die Sache mit dem running gag. Kaum hat meine Anwältin eine Abmahnung abgewehrt (was mich jedesmal 500 Euro kostet) ist der Briefkasten schon wieder voll. Beispiele gefällig?

Hoppla, über 1.000 Euro  für eine Iran-Landkarte in überschaubarer Qualität und auf den Knien liegend fotografiert - die gibt's nur, wenn die Rechtsinhaberschaft nicht einfach nur behauptet wird...
[Quelle: Iran-Bericht von Patric und Urs]

Hoppla, über 1.000 Euro für eine Iran-Landkarte in überschaubarer Qualität und auf den Knien liegend fotografiert - die gibt's nur, wenn die Rechtsinhaberschaft nicht einfach nur behauptet wird...

[Quelle: Iran-Bericht von Patric und Urs]

... und auch für eine hochauflösende Mexiko-Karte bekommt man eben nur dann fast 1.100.- extrem seriös verdiente Euro, wenn man das behauptete "ausschließliche Verwertungsrecht" (Zitat RA Rainer Munderloh) auch beweisen kann.
[Quelle: Mexiko-Bericht von Wolfgang]

... und auch für eine hochauflösende Mexiko-Karte bekommt man eben nur dann fast 1.100.- extrem seriös verdiente Euro, wenn man das behauptete "ausschließliche Verwertungsrecht" (Zitat RA Rainer Munderloh) auch beweisen kann.

[Quelle: Mexiko-Bericht von Wolfgang]

Dass nun ausgerechnet der Reise-Know-How-Verlag die Rechte an diesen Karten (Iran und Mexiko) hält und überhaupt nicht erfreut ist, bringt mich in den stolzen Besitz zweier weiterer hochoffzieller Schreiben - und meine Anwältin zu zwei weiteren Aufträgen.

Was lernen wir daraus?

Zum einen, dass man auch den Brief eines Anwalts nicht immer für bare Münze nehmen kann: selber ganz genau hinschauen, macht Sinn! Leider gibt es aber gute Gründe, schnell und ungeprüft zu zahlen:

  • Es ist - gerade für kleine Firmen - der vermeintlich einfachere Weg.

  • Häufig kann man die Abmahnkosten runterhandeln - und zwar ungefähr bis zu dem Betrag, den einen die eigene Verteidigung kosten würde: so macht die Abmahnfirma ihren Schnitt und man selber spart sich den Ärger. Epic Win!

  • Und war da nicht was? Die obigen Karten sind ja tatsächlich nicht von mir! Prompt steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich erfolgreich abmahnen lasse, ins Unermessliche. Ein Einfallstor für findige Anwälte. Könnte das sein.

Also: keine Panik und genau hinschauen!

Und wie ging die Sache aus?

Der normale Verlauf - einer berechtigten Abmahnung - hätte zur Folge gehabt, dass der Oldenburger Rechtsanwalt Munderloh irgendwie den Nachweis erbringt, dass das echt die Karten von Herrn Markus M. Huber's Firma sind. Komischerweise kam da aber nichts. Garnichts.

Und so habe ich meine Anwältin Fr. Janke gebeten, gemäß § 97a Urheberrechtsgesetz mal freundlich beim Amtsgericht München anzufragen, ob man die Firma Huber Medien GmbH nicht eventuell zu Schadenersatz verdonnern könnte. Schnell war ein Termin für die Gerichtsverhandlung gefunden: der 16.03.2016. Und zwar mit über 2-monatiger Vorlaufzeit!
Vermutlich ist es vermessen, ausgerechnet von Anwälten eine bessere Terminplanung zu erwarten, als man sie selber hat: man darf also in einem Fall wie dem meinigen nicht traurig sein, wenn Huber Medien weniger als 18 Stunden vor dem Gerichtstermin ihren Anwalt Munderloh schriftlich verkünden lässt:

"erkenne ich namens und kraft Vollmacht der Beklagten die Klageforderung an." Der morgige Gerichtstermin "kann deshalb aufgehoben werden".

Übersetzt bedeutet das: es erfolgt automatisch ein Gerichtsurteil zu meinen Gunsten und die "Beklagte" (also die Firma Huber Medien GmbH) trägt meine Anwaltskosten und den anfallenden Schadenersatz.

Schade eigentlich. Ich hätte das gerne vor Gericht erlebt.

So sieht das dann aus, wenn der Abgemahnte doch mal genauer hinschaut und sich wehrt.

So sieht das dann aus, wenn der Abgemahnte doch mal genauer hinschaut und sich wehrt (Abbildung ähnlich).

Huber Medien zahlt nicht! (Update 30.09.2016)

6 Monate nach dem Gerichtsurteil warte ich immer noch auf die vollständige Wiedergutmachung des entstandenen Schadens. Zwischenzeitlich hat die Gegenseite zweimal um die Möglichkeit einer Ratenzahlung gebeten (sprich: eine Ratenzahlung der Ratenzahlung!!!). Das ist lustig, führt mich aber zu der Schlussfolgerung, dass das Geschäftsmodell "Abmahnung" eventuell doch nicht mehr ganz so tragfähig ist.

Ganz allgemein bleibt zu hoffen, dass der eine oder andere Abmahner doch einmal Insolvenz anmelden muss - nachweinen wird solchen "Firmen" weißgott niemand.

© Martin Gädeke, 2016
Martin Gädeke berichtet seit 15 Jahren auf umdiewelt.
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Martin ist der Gründer von www.umdiewelt.de, aber nur einer von tausenden Aut­oren - und bei Weitem nicht der aktivste. Dafür ist er für alles andere auf der Seite zuständig und immer für Dich erreichbar!