Mit dem Wohnmobil nach Marokko 2018

Marokko-Reisebericht  |  Reisezeit: März - Mai 2018  |  von B. & F. S.

Zurück im Oasenparadies


Sonntag, 1. April: ⵜⵉⵖⵎⴰⵔⵜ (Oase Tighmert)

Heute ist ein Faulenztag. Nach dem ausgedehnten Frühstück in der Sonne ein kurzes Wäschewaschen in der Waschmaschine der Gastgeberfamilie und dann …Nichtstun. Zum Mittag haben wir Grillspießchen vom Hozkohleofen bestellt. Es schmeckt wieder köstlich. Dann sitzen wir in einer der schattigen Nischen im Garten. Am Nachmittag bekommen wir endlich Gesellschaft, Leute die wir schon in Sidi-Ifni gesehen haben. Später noch ein junges Paar aus Deutschland mit VW-Bus, ein Schweizer und ein französisches Wohnmobil, und drei französische Biker.
Abends sitzen wir wieder alle schön im Zelt beim Tee. Der Gitarrist spielt wieder, wir tanzen - wie befreiend. Außerdem besprechen wir eine Wüstentour mit Salah. Die beiden aus dem zuerst gekommenen Wochner-Mobil sind auch mit dabei


Montag, 2. April: ⵜⵉⵖⵎⴰⵔⵜ (Oase Tighmert) + Wüstentour

Um 9.⁰⁰ Uhr soll es losgehen. Das Auto steht schon eine ganze weile bereit. Unsere Mitreisenden scheinen auf Grund dieses Umstandes schon etwas nervös geworden zu sein und tummeln sich schon herum. So ist es um 8.³⁰Uhr auch schon vorbei mit unserer Ruhe. Salah hat einen Freund engagiert, uns mit seinem über 40 Jahre alten Landrover zu fahren.

Das Fahrzeug ist spartanisch ausgestattet, eine Fensterkurbel steckt am Armaturenbrett und wird bei Bedarf herumgereicht. Die Türen lassen sich ausschließlich von außen öffnen. Der erste Halt nach der Ausfahrt aus den Palmgärten der Oase ist bei einer kleinen Staumauer aus Beton. Wir klettern über die Steine im Bachlauf. Von hier aus werden die Bewässerungskanäle der Oase beschickt. Jetzt ist das alles in Beton gebaut, aber man erkennt noch alte Bauteile: in den Felsen gemeißelte Rinnen und Reste von Natursteinmauern eines früheren Dammes. Wir verlassen die Piste und fahren auf hartem staubigem Lehm querfeldein durchs Nichts in die unendliche Weite.

Nächster Stopp ist in Sichtweite einer Kamelherde mit vielen hundert Tieren, viele mit Babys. Es sind schöne Tiere, majestätisch in ihrem Gang und eigenartig, wenn sie kauen und ihre großen Lippen bewegen. Wir nehmen einen Kamelhirten mit, dem der Sprit für sein Enduro ausgegangen ist. Er hat eine alte Wasserflasche dabei um welchen aus dem Nomadenlager zu holen. Salah scheint hier jeden zu kennen. Wir kommen zu einem alten Bohrloch. Aus dem verrosteten Rohrende strömt heißes Wasser um wenige Meter weiter wieder im Wüstenboden zu verschwinden.

Salah erzählt, die Bohrstelle stammt aus der französischen Kolonialzeit, wahrscheinlich um Öllagerstätten zu erkunden. Vor einigen Jahren wurde man aufmerksam, weil die Kamele sich hier versammelten und man entdeckte, dass aus der undichten Armatur das Wasser strömte. Man müsste das Wasser untersuchen, meint er, vielleicht ließe sich hier ein Spa-Bad und Wellnessresort errichten. Wir schauen uns um, im kilometerweiten Umkreis gibt es nichts, kein Baum, kein Strauch, noch nicht einmal eine Straße. Inzwischen ist hier eine Großfamilie, die hier Picknick machen wollen, mit zwei Autos eingetroffen, mitten in der Wüste.
Dann kommen wir zu einer noch größeren Kamelherde. Manche Kamelmütter bekommen einen Schutz um die Zitzen gebunden, damit der Nachwuchs nicht die ganze Milch wegtrinken kann und die Menschen sie nutzen können.
Eine spitze Hügelkuppe aus dunklem Schotter ragt aus der tischflachen Lehmebene. Eine verfallene, wahrscheinlich schon vormuslimische Siedlung mit Wohnbauten, Marabout, Friedhof, Wehrbauten und Agadir. Alle Bauwerke sind ausschließlich aus den Steinen dieses Hügels ohne jeglichen Mörtel errichtet worden. Streifenförmige Strukturen im Lehmboden lassen erkennen, dass hier einmal Landwirtschaft betrieben wurde. Manche Gebäudefragmente werden zeitweise von den Nomaden noch heute genutzt.

Wir steigen bis zu den Ruinen des Agadirs auf der Hügelspitze und haben einen phantastischen Blick auf die Ebene und die kahle Bergkette mit ihren rundbogenartigen Farbschattierungen in der Ferne. Welch ein mystischer Platz.
Nun kommen wir zu bewirtschafteten Feldern, die in der fruchtbaren Lehmebene fernab der Zivilisation aus Tiefbrunnen künstlich bewässert werden. Kürbisse und Melonen werden hauptsächlich angebaut. Unterwegs sehen wir immer wieder Brunnen.

Es wird sandiger, Allrad und Differentialsperren müssen zugeschaltet werden. Die feinsandigen Stellen werden mit Schwung genommen. Wir laufen auf eine kleinere Sanddüne und sehen an der fast schwarzen Bergkette eine leuchtend gelbe Sandzunge. Hier dringt aus dem Inneren der Sahara Sand in die weiten Lehmebenen.
Es ist Mittag geworden, wir kommen nach Tadalt, ein staubiges Dorf ohne Asphaltstraßen. Für uns wird in einer Lehmmauer eine Pforte geöffnet. Wir stehen sprachlos in einem wunderschönen grünen Garten. Orangenbäume, Gemüsebeete, Sonnenblumen, Riesenfuchsschwanz, Anis und Minze.

Wir werden freundlich begrüßt und in ein Zelt gebeten. Hier sitzen wir auf Kissen am Boden und werden fürstlich bewirtet: Wasser, Tee, Nüsse und Datteln. Mit Schüssel, Wasserkanne und Handtuch kommt jemand, damit wir uns vor dem eigentlichen Essen die Hände waschen können. Weil wir normalerweise alles mit den Händen essen, kommt die Erklärung, aber weil heute Europäer zu Gast sind, bekommen alle einen Löffel.
Vor dem Essen wird noch kühle Buttermilch gereicht. Eine Platte mit einem großen Kegel Couscous mit Rindfleisch, Kürbis und Paprika wird aufgetragen. Jeder bekommt ein Tellerchen. Alle können sich selbst bedienen. Mit uns am Tisch essen auch zwei Männer der gastgebenden Familie. Einer unserer Gastgeber meint es besonders gut mit uns, er leckt mit seinem zahnlosen Mund sorgfältig seinen Löffel ab, gräbt damit im Couscous-Hügel auf der Platte nach den besonders großen Fleischstücken und legt sie uns auf die Teller. – Ich hab´s nicht gesehen, ich hab´s nicht gesehen. Nach dem Hauptgang wird ein Teller mit Obst gereicht.
Nach dem Essen bekommen wir einen Dorfteil mit größtenteils verlassenen schönen aus Lehm erbauten Gehöften gezeigt. Wir stöbern in einigen Häusern, die über 500 Jahre alt sein sollen. Der Verfall ist schon in unterschiedlichen Graden fortgeschritten.

Man kann noch einige schöne Details erkennen. Gebaut wurde mit dem was hier vorhanden ist: Lehm, Palmstroh und nur wenig Holz. So will auch hier kaum noch Einer wohnen. Irgendwann sind sie zu dem zerfallen, was sie auch vorher einmal waren, Lehmerde. Die Natur holt sich zurück, was ihr entnommen wurde. Auf der staubigen Dorfstraße stehen Pfefferbäume, wir probieren den Schärfegrad der roten Beeren.
Jetzt haben wir wieder Asphaltstraße erreicht und kommen nach Fask. Im Ort ist gerade ein kleiner sehr grüner Park mit Palmen, Wiese, Bänken, Wasserspielen noch im Aufbau. Salah erzählt, ein wohlhabender Arzt aus dem Ort habe ihn gestiftet.
Durch das Dorf streichen kleine Sandstürme und Verwirbelungen. Nach dem Ort erklimmt der Landrover auf einer felsigen stufigen Piste eine Bergflanke. Unterwegs stehen einige sehr alternativ aussehende alte selbstausgebaute französische LKW in der felsigen Landschaft. Wir stehen dann vor einem tief eingeschnittenen Felsental.

Auf der einen Seite dunkle Klippen, auf der anderen Seite heller Travertin. Wasser rinnt über die Felsstufen. Unten ist alles grün. In einer Grotte sitzen Jugendliche und trinken Tee. Frank steigt die hohen natürlichen Stufen hinunter in die Tiefe um einige Fotos zu machen.
Auf der N12 vor Fask stehen plötzlich drei Autos am Straßenrand unter einem eine Taube.

Wir halten und die Taube wird von Salah geborgen und darf von nun an aus seiner Wasserflasche trinken und vorn bei ihm mitfahren.
Zurück in der Oase Tighmert halten wir an einem Laden und kaufen für uns ein. Ali, der Cousin von Salah kommt aus der Schule und fährt mit uns mit. Wir besichtigen noch eine Kasbah. Habib, großgewachsen, in blauem Gewand, begrüßt uns. Die Kasbah gehört seiner Familie und er hat allerlei Gegenstände zusammengetragen, um es als Museum zu betreiben. Querbeet hat er gesammelt und das Haus mit Antik und Trödel gefüllt. Landwirtschaftliches Kleingerät, Haushaltsgegenstände, Wasserbehälter aus Tierhäuten, alles ums Kamel, alte Radios und Fernseher, sogar eine deutsche Bibel hat er ausgestellt. Habib ist ein sehr lustiger Mensch, er lacht, fällt uns dauernd um den Hals und stößt Jubel- und Begeisterungsschreie aus. Das kann uns Salah alles nicht ganz so genau eins zu eins aus der Berbersprache übersetzen.

Wir sitzen noch mit ihm in seinem Zelt im Hof und trinken Tee. Der Abschied erfolgt mit dem Versprechen, ihn auch irgendwann einmal in der 5 Stunden Buckelpiste weiten Wüste, bei seinen 65 Zelten und seinen tausend Kamelen zu besuchen.
Um halb sieben Uhr abends sind wir wieder zurück an der blauen Zitrone. Fast 10 Stunden waren wir unterwegs, ein wundervoller Tag mit vielen Eindrücken, die wir noch verarbeiten müssen.
In der Dunkelheit ist noch ein tolles treiben im Zelt mit viel Musik, aber wir liegen schon völlig geschafft in unseren Betten.


Dienstag, 3. April: ⵜⵉⵖⵎⴰⵔⵜ (Oase Tighmert) ► كلميم (Guelmim) ► ⵜⵉⵖⵎⴰⵔⵜ (Oase Tighmert), 39 km

Früh am Morgen fahren wir in die Stadt um Geld zu holen und einzukaufen. Unsere Vorräte sind schon etwas geschrumpft.
Vor dem Mittag sind wir zurück und kochen das Ziegenfleisch mit Gemüse, Wein und Kartoffeln. Wir sitzen im Garten und reden mit dem jungen Paar aus dem VW-Bus. So trieselt der tag dahin.

Abends machen wir uns dann auf, um Palmblattstiele zu sammeln. Gestern in der Kasbah bei Habib haben wir gesehen, was man daraus alles gestalten kann. Frank möchte die Stammansätze der Blattstiele bemalen. Es ist nicht so einfach, welche zu finden, wo die Stammansätze noch dran sind. An den Dattelpalmen, die gepflegt sind, werden die absterbenden Wedel abgeschnitten und die Stielansätze verbleiben am Stamm und geben der Palme das charakteristische Aussehen. Wir müssen in den verwilderten, ungepflegten Palmenhainen suchen, dort wo die unteren Wedel komplett selbst von den Stämmen brechen.
Der Blattstiel, also die Mittelrippe vom Palmwedel einer Dattelpalme ist immer so ungefähr drei Meter lang, deshalb müssen wir sie mit unserer Fiskars-Taschensäge auf das Maß unseres Stauraumes kürzen. Exemplare mit gut erhaltenem Ansatz sind leider nur sehr wenige zu finden. Zwei holen wir aus dem Dickicht an den Wegesrand und finden dann gleich mehrere gute auf einem Haufen.
Als Frank sie zurechtschneidet, ruft plötzlich vom Wege her eine alte Frau etwas und läuft zu uns. Sie redet ununterbrochen, will anscheinend wissen, was wir hier machen. Sie spricht nur in ihrer Berbersprache. Wir versuchen ihr gestisch klarzumachen, dass wir es auf gut erhaltene Stiele abgesehen haben und sie bemalen möchten. Wir sammeln unsere Beute zusammen, es sind genug.
Die Frau hängt sich ihre Sichel, die sie die ganze Zeit in der Hand trug nun über die Schulter. Ich kann gar nicht hinsehen. Sie umfasst nun unser Bündel mit beiden Händen und versucht uns etwas zu erklären. Die Frau riecht gut, alle ihre Finger und Fingernägel sind mit Henna bemalt. Sie ist klein und zierlich, hat ein sehr faltiges sonnengegerbtes Gesicht, sie muss schon alt sein.
Schnell schneidet sie von den umstehenden Palmschößlingen ein paar grüne Einzelblättchen ab, zieht sie einzeln durch ihre noch erstaunlich guten Zähne und flechtet in Windeseile aus den gewonnenen Fasern drei Seilchen und bündelt damit die Stiele. Wir bedanken uns herzlich bei ihr, auch wenn sie unsere Dankesworte sicherlich nicht versteht. Sie zieht weiter, wahrscheinlich um Futter für ihre Ziegen oder Esel zu schneiden.

Abends sitzen wir noch sehr lange draußen und schauen nach der liegenden Mondsichel und in den phantastischen Sternenhimmel.

© B. & F. S., 2019
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Schon einmal in Marokko unterwegs, waren wir fasziniert von Land und Leuten. Wir werden wiederkommen schworen wir damals. Das haben wir nun getan und haben mehr Zeit mitgebracht als auf der Reise von 2014. In zwei Monaten nahmen wir 10.682 Kilometer mit unserer blauen Zitrone unter die Räder.
Details:
Aufbruch: 06.03.2018
Dauer: 8 Wochen
Heimkehr: 01.05.2018
Reiseziele: Marokko
Frankreich
Spanien
Deutschland
Der Autor
 
B. & F. S. berichtet seit 32 Monaten auf umdiewelt.