Mit dem Wohnmobil nach Marokko 2018

Marokko-Reisebericht  |  Reisezeit: März - Mai 2018  |  von B. & F. S.

Amtoudi


Mittwoch, 4. April: ⵜⵉⵖⵎⴰⵔⵜ (Oase Tighmert) ► ⴰⵎⵟⴹⵉ (Amtoudi), 108 km

Heute verlassen wir endgültig den Traumhaften Oasenplatz. Wir haben hier eine gute Zeit verbracht. Wir sitzen noch ein wenig bei Salah im Zelt beim Tee. Die englische Ärztin, die seit einiger Zeit in der Nachbarschaft wohnt ist hier, sie möchte Salah mit in die Stadt nehmen, er soll ihr bei Behördengängen helfen.
Bevor wir loskommen, werden wir noch mit frischen Zwiebeln aus dem Garten beschenkt.
Wir fahren auf die N12, später auf die R102 durch kahle ebene Wüstenlandschaft.

Die völlig unbewachsenen Ausläufer des Antiatlas falten sich in bunt geschichteten Gesteinsbögen am dunstigen Horizont. Sehr große Herden Ziegen und Schafe, die das kaum sichtbare wenige Grün wegfressen, ziehen umher. Diese Herden sind wohl auch eine Art Statussymbol für ihre Besitzer und ein großes Problem hier in Marokko. Wir haben gesehen, das große Flächen die staatlich begrünt und bepflanzt wurden als Schutz vor den Herden großflächig eingezäunt sind.
Unterwegs nehmen wir zwei junge Männer auf. Der eine traditionell gewandet und hier aus der Region, der andere aus Agadir in westlicher Kleidung. Der aus Agadir spricht gut englisch und wir erfahren, dass die beiden zum Baden unterwegs sind. Das interessiert uns brennend, wo man hier in der Wüste baden könnte. Hinter dem Dorf Amtoudi, zu dem wir ja auch unterwegs sind, gäbe es ein Felsental mit gutem Wasser zum Baden. Wir kommen ins Dorf, dann hört der Asphalt auf und der Weg zwischen Mauern und Häusern wird immer enger. Kommen wir mit unserem Auto auch durch? Ja, immer weiter, versuchen uns die beiden zu überzeugen. Es wird immer haariger, aber dann öffnen sich die Mauern und wir durchfahren ein ausgetrocknetes Flussbett und auf der anderen Seite wieder in ein altes Dorf hinein. Hier können wir auf einem kleinen freien Platz die blaue Zitrone abstellen.
Dann werden wir durch enge verworrene Durchgänge unter den alten Häusern hindurchgeführt und stehen in einem schönen Palmengarten in einem engen Felsental.

Über uns thront die Speicherburg Aglaoui auf einem vorstehenden Felsenzapfen. Ein Bild wie aus der Orientserie der Digedags.
Wir wandern verwinkelte Pfade zwischen Beeten Mandelbäumen und Palmen über kleine Bewässerungskanäle und Bachläufe. Es ist schön schattig hier. Wir sind einfach mitgegangen, haben keinen Sonnenschutz, kein Wasser dabei, und auch kein Wanderschuhwerk angezogen. Die Jungs haben versichert, es wäre nicht weit und wir wollten sie ja auch nicht warten lassen. Aber die Vorstellungen über Zeit und Entfernung sind hier sehr relativ, das haben wir schon erfahren müssen. Also folgen wir, ohne zu wissen, wo und wann das Ganze enden wird.

Der Bewuchs wird allmählich spärlicher, die Schlucht enger. Die Sonne steht fast senkrecht. Wir steigen über große Absätze und Felsblöcke stetig nach oben. Unter einem einzelnen Baum sitzen vier französische Wanderer und picknicken. Und wieder die Frage: Wie weit ist es noch? Wir sind gleich da! Jetzt muss man schon ganz schön klettern um die Felsabsätze zu überwinden. Wir warten immer erst, bis die beiden die richtige Wegvariante gefunden haben, dann steigen wir nach. Wir können fast nicht mehr und überlegen ob wir umkehren. Frank steigt mit ihnen noch höher, ich setze mich in den Schatten eines großen Felsblocks und ruhe mich aus.

Es war dann doch nicht mehr so weit bis zu den Badegumpen. Ich muss gar nicht so lange verweilen, dann kommen alle zurück. Die Jungs waren doch nicht baden, das Wasser ist zu kalt. So kommen sie mit uns bis zum Auto zurück. Gut für uns, denn durch die engen verschachtelten Gassen unter den Häusern im Dorf hätten wir bestimmt Schwierigkeiten gehabt hindurch zu finden. An der blauen Zitrone angekommen trinken wir völlig ausgedörrt kühlschrankkaltes Wasser. Wir bemerken: auch an den beiden ist die Strapaze nicht spurlos vorübergegangen. Sie stürzen jeweils zwei Becher unseres kühlen Wassers hinunter. Wir bieten ihnen noch an sie bis zum Dorfausgang mitzunehmen. Sie steigen wieder zu uns ein. Auf dem Rückweg müssen wir nicht mehr durch die extrem enge Gasse. Wir umfahren das Dorf auf anraten der beiden im ausgetrockneten Flussbett. Der festgefahrene fast ebene, nicht allzu grobe Kies lässt sich gut befahren. Am Ortseingang, am Café-Restaurant „Palmier D’Amtdi“ verabschieden wir uns von den beiden.

Hier wollen wir unser Domizil für heute aufschlagen. Wir melden uns beim Wirt, er möchte uns Essen und Zimmer anbieten. Nein, brauchen wir vorerst nicht, wir möchten nur hier über Nacht stehen. Kein Problem, er zeigt uns die Sanitäreinrichtungen. Wir sind anscheinend wieder einmal die einzigen Gäste. Nein, draußen steht noch ein Ford Kastenwagen mit einer rothaarigen alleinreisenden Französin, die uns vorhin im Dorf schon aufgefallen war.
Wir finden unseren Platz unter dem einzigen schattenspendenden Olivenbaum.
Dann erledigen wir die notwendigen Anmeldeformalitäten, bekommen den obligatorischen Tee und ziehen uns unter den Olivenbaum zurück. Aber die Entspannung dauert nur kurz. Wir werden von Stechfliegen angegriffen und das nicht zu knapp. Eigentümlicherweise immer nur an den Fußgelenken und an den Waden, durch die Kleidung hindurch. Erst der Einsatz von Authan beendet die Sache. Dann sitzt plötzlich der einsame Wirt des Restaurants auf unserem blau-weißen Klapphocker neben uns. Und er sitzt lange. Sein sehr limitierter englischer und deutscher Wortschatz ist längst aufgebraucht, der letzte Gesprächsfetzen versiegt, aber er bleibt auch stumm sitzen und lächelt vor sich hin. Da hilft auch ignorieren nicht. Wir wollen einfach heute unsere Ruhe nach dieser schönen ungeplanten Schluchtwanderung. Irgendwann geht der gute Mann dann doch.
Franks Merkzettel fliegt in den großen wasserlosen Pool. Er muss die Steigeisen hinabklettern, um ihn zu bergen. Auf meine Frage vorhin an den Chef, wann Wasser in den Pool gelassen werde, kam eine typische Antwort: Inschallah. So geht es mit Einigem hier im Lande, da muss man sich daran gewöhnen. So Gott will gibt es in der sicher einst sehr komfortablen Dusche auch wieder einen Duschkopf, oder einen funktionierenden Hahn für das warme Wasser, oder eine Schraube für die Klobrille…..
Heute ist es auch in der Dunkelheit noch sehr schön warm. Wir sitzen wieder einmal sehr lange draußen und staunen über die vielen Sterne.


Donnerstag, 5. April: ⴰⵎⵟⴹⵉ (Amtoudi) ► ⵟⴰⵟⴰ (Tata), 219 km

Extra haben wir für heute den Wecker gestellt, um in der Morgenkühle zum vor uns liegenden Agadir Id Aïssa hinaufzusteigen. Das Bauwerk trohnt groß, weitläuifig und mystisch über uns und man kann von hier aus nicht unterscheiden, was ist natürlicher Fels und was ist menschengeschaffenes Mauerwerk.
Die Sonne geht hinter dem Bergzipfel auf, über dem die Burg sich erhebt, so liegt die Bergflanke deren einhundert Höhenmeter wir überwinden müssen, frühmorgens noch im Schatten. Noch vor acht Uhr brechen wir auf.

Wir bewegen uns auf schotterigen Eselspfaden, unsere Walkingstöcke kommen heute das erste Mal auf dieser Reise zum Einsatz und leisten uns wirklich gute Dienste. Überall auf dem Pfad liegt lockeres Gestein. Als wir zu dreiviertel oben sind, sehen wir einen Mann mit wehendem Gewand, Kapuze und gelben Babuschen von unten mit Leichtigkeit den Berg heraufkommen. Teilweise verlässt er die Serpentinenpfade und steigt über loses Gestein die Steilhänge direkt hinauf. In kurzer Zeit hat er uns erreicht. Der Mann ist sehr alt, aber im Gegensatz zu uns schnauft er kein bisschen.

Es ist der Wächter von Id Aïssa. Er dirigiert uns an einige Fotopunkte und macht auch einige Fotos von uns. Dann öffnet er die durch einen dicken Mauerring geschützte Burg. Er greift in eine in die Mauer eingelassene Röhre und betätigt so den geheimen Mechanismus des hölzernen Schlosses der Burgtür. Es sind viele kleine Speicher und Wohnräume zu sehen, teilweise mit Gerätschaften aus der Erbauungszeit im 12.Jahrhundert. Hierher konnten sich die Dorfbewohner im Tal bei Gefahr und Bedrohung durch Feinde zurückziehen. Der Bau ist terrassenförmig an den natürlichen Baugrund angepasst. Der Wächter zeigt uns alles. Am wertvollsten sind sicherlich die Schriftstäbe mit Koranversen aus der Anfangszeit der Islamisierung, die ganz offen in Tonkrügen gelagert werden.

Interessant sind auch das Wassersystem und die Bienenstöcke. Auch alte Steinritzungen, von den Erbauern gefertigt, haben die Zeiten überdauert. Die Aussicht ist von hier oben einfach traumhaft. Wir sind die ersten Besucher heute und der Burgwächter hat keinerlei Wechselgeld. In Geldangelegenheiten ist man hier im Lande sehr korrekt, das kennen wir bereits von unseren zahlreichen Markteinkäufen. Nur auf dem Markt konnte sich der Händler immer bei seinen Kollegen das Wechselgeld zusammenborgen, bis alles bis auf die kleinste Münze stimmig abgerechnet war. Aufrunden gab es nie.
Hier sollen wir nun beim Hinausgehen 30 Dirham, 2,80 € zahlen, er weist auf die Preistafel der Gemeinde. Wir haben nur noch 100 Dirham-Scheine. Dann müssen wir den Rest spenden. Das möchte er nicht annehmen, wir könnten ohne Bezahlung gehen. Nach dreimaligem Anlauf nimmt er den Schein doch, und bedankt sich.
Als wir wieder hinabsteigen, kommt uns ein junges Paar Franzosen entgegen. Nach kurzer Zeit überholen sie uns bergabwärts schon wieder. Die können nicht in der Burg gewesen sein. Alle sind heute schneller als wir, wir genießen den Blick in die Landschaft.
Unten angekommen sind immer noch die Frauen beschäftigt auf den kleinen goldgelben Feldern das Getreide mit der Sichel zu schneiden und zu bündeln.
Beim Restaurantwirt bezahlen wir unsere Rechnung und fahren los. Zuerst wieder zur N12, dann weiter über Icht mit vielen Fotostopps und einer kurzen Mittagsruhe im Nirgendwo. Faszination üben auf uns immer wieder die vielfältigen Gesteinsschichten in den Bergen auf uns aus. Je nach Sonnenstand und Schattenspiel leuchten sie in vielen verschiedenen Farben. Ansonsten ist die Strecke recht langweilig und zumeist unbesiedelt. Nur kurz vor Tata sehen wir schöne alte Lehmdörfer am Berg kleben.
In Akka lesen wir ein junges Paar auf. Sie kommen aus Grenoble und sind per Autostopp in Marokko unterwegs. Wir nehmen sie mit bis zu unseren heutigen Zielort Tata. Wir nehmen den Campingplatz etwas außerhalb des Zentrums der Stadt. Er ist schön unter Palmen und Olivenbäumen gelegen und es duftet nach Orangenblüten. Der Platz ist gut besucht. Auch treffen wir hier die beiden wieder, mit denen wir die Wüstentour um Tighmert gemacht haben. Die Temperaturen sind mittlerweile bei 35° angelangt. Als gegen Abend die Temperaturen etwas gesunken sind, gehen wir zum Einkaufen in den Ort. Hier ist alles sehr ordentlich. Wir kommen am Schwimmbad vorbei, aber auch hier, kein Wasser.

© B. & F. S., 2019
Du bist hier : Startseite Afrika Marokko Marokko-Reisebericht
Die Reise
 
Worum geht's?:
Schon einmal in Marokko unterwegs, waren wir fasziniert von Land und Leuten. Wir werden wiederkommen schworen wir damals. Das haben wir nun getan und haben mehr Zeit mitgebracht als auf der Reise von 2014. In zwei Monaten nahmen wir 10.682 Kilometer mit unserer blauen Zitrone unter die Räder.
Details:
Aufbruch: 06.03.2018
Dauer: 8 Wochen
Heimkehr: 01.05.2018
Reiseziele: Marokko
Frankreich
Spanien
Deutschland
Der Autor
 
B. & F. S. berichtet seit 32 Monaten auf umdiewelt.