Mit dem Wohnmobil nach Marokko 2018

Marokko-Reisebericht  |  Reisezeit: März - Mai 2018  |  von B. & F. S.

Agdz


Montag, 9. April: اڭدز (Agdz)

Sonne pur am Morgen. Ein Wohnmobil verlässt den Platz schon sehr früh. Somit wird ein wunderschöner Schattenplatz zwischen den Palmen für uns frei. Frank handelt sofort. Der Umstand, dass ich noch im Nachthemd bin und außerdem gerade auf der Toilette sitze hält ihn nicht davon ab umzurangieren.
Heute ist absolute Ruhe angesagt. So sitzen wir in unseren Stühlen und schauen.

An der Längsseite des Geländes werden allerlei Verschönerungsarbeiten für eine Veranstaltung getätigt. Wir beobachten die Bauarbeiten an der Freilichtbühne. Innerhalb nur eines Tages sind die Löcher in der Lehmmauer zugemauert, verputzt, getrocknet und weiß gestrichen.
Zum Mittag kochen wir Ziegenfleisch, das wir noch eingefroren hatten. Ganz und gar faul können wir dann doch nicht umhersitzen und machen einen ausgedehnten Spaziergang durch die Palmgärten. Das angrenzende Lehmdorf, was wir schon 2014 bewundert hatten, verfällt weiter.

Nachmittags haben wir ein sehr langes angenehmes Gespräch mit einem Schweizer Paar, die auch mit einem Pössl unterwegs sind. Er berichtet unter anderem über die Vollgeldinitiative in der Schweiz, deren Mitinitiator er ist. Sie wollen erreichen, dass nicht nur das Bargeld unter staatlicher Kontrolle und Wertdeckung steht, sondern jeglicher Geldverkehr. Es soll demnächst in der Schweiz einen Volksentscheid darüber geben. Ein interessantes Thema, und ein sehr engagierter Mann.
Mit anderen Marokkoreisenden hier auf dem Platz haben wir auch noch nette Plaudereien.
Auch während des Abendrundgangs in Richtung Stadtzentrum werden wir angesprochen. Ein junger Mann berichtet uns, er lerne gerade seit kurzem Deutsch. Es entwickelt sich eine interessante Unterhaltung. Wir müssen mal wieder neidvoll die große Sprachbegabung der jungen Marokkaner anerkennen. Auf der Straße einfach aus Neugier und um die eigenen Sprachkenntnisse auszuprobieren Leute anzusprechen, ob das wohl in Deutschland funktionieren würde?
Nachts entwickelt sich ein Sturm.


Dienstag, 10. April: اڭدز (Agdz)

Der Wind hat sich gelegt, aber es ist merklich kühler geworden. Das heißt, es herrschen jetzt angenehme Temperaturen.
Die beiden Schweizer haben herausgefunden, dass heute hier auf diesem Platz das Berber-Musikvestival stattfindet, dessen Vorbereitungen wir schon beobachten konnten.
Heute am Vormittag werden wir ins Stadtzentrum nach Agdz gehen. Wir sind hier in einem Vorort. Es ist ganz schön weit bis ins Zentrum. Also probieren wir das aus, was die Einheimischen machen: Die Hand heben, wenn ein Fahrzeug vorbeikommt das so aussieht als ob es gegen Entgelt Menschen transportieren würde. Ein dreirädriges offenes Lastenmotorrad, das hier Moto genannt wird, hält sofort. Wir steigen zu den drei Marokkanern die schon drauf sind, auf die Ladefläche und setzen uns auf die Ladebordwand. Der Chaffeur macht auch ganz sachte und umkurvt die Löcher. Der junge Fahrer erzählt auch von dem Festival und von der internationalen Marokkorundfahrt die heute durch Agdz führt. An diesem Radrennen nehmen auch Deutsche teil, berichtet er. Er setzt uns am Markt ab und kassiert von uns 20 Dirham, weniger als zwei Euro pro Person. Wir schauen auf dem Markt und bei verschiedenen Händlern in die Läden.

Dann kommt die Marokkorundfahrt, die Polizei sperrt die Straßen. Schnell sammeln sich eine Menge Menschen an den Straßenrändern. Eine Folkloreband macht mächtig Stimmung. Wir schauen eine Weile zu, schlendern durch die Gassen, schauen mal hier, mal da. Es spricht uns auf der Straße ein traditionell gewandeter Mann in Englisch an. Nach etwas small-talk bittet er um unsere Hilfe. Er möchte einem Freund in München zur Geburt seiner Tochter Marfa Glückwünsche in Deutsch senden. Ob wir diese für ihn formulieren könnten? Wir kommen mit ihm in seinen Laden, bekommen Tee mit Safran und ich schreibe langwierig nach seinen Wünschen den Text. Alles sehr glaubwürdig. Wir werden erst später merken, dass wir auf eine gut ausgeklügelte Schleppertaktik reingefallen sind. Dann geht das Gespräch in die gewohnte Richtung des Warenangebotes das von seinem jüngeren Bruder vor uns ausgebreitet wird. Dieses Mal gehen wir mit einem typisch marokkanischen Gewand für Frank aus dem Laden. Bestandteil des hart ausgehandelten Preises ist ein eineinhalb Liter Tetrapack Moselwein aus unseren Vorräten. Das von uns als Tauschobjekt angebotene alte Navi mit Marokkokarte wurde als wertlos abgelehnt mit dem Hinweis: Die hier ein Auto haben, wissen wo es langgeht und die mit Kamelen unterwegs sind, da weiß es das Leittier.
Als wir wieder aus dem Laden kommen werden wir auf der anderen Straßenseite angesprochen, ob wir nicht mal einen Text übersetzen könnten, er möchte jemanden zur Geburt eines Kindes in Deutschland gratulieren. Die Händler sollten sich besser absprechen.
Da wir ehrliche Menschen sind, gehen wir wieder zu dem Laden und sagen, das wir uns jetzt wieder ein Moto nehmen und zurückfahren, er kann mitkommen und sich den versprochenen Wein holen. Er winkt uns sofort ein Moto heran. Der jüngere Bruder kommt mit. Wir fragen nach einer Patisserie. In verschiedenen Städten Marokkos haben wir schon die köstliche Vielfalt des kleinen Süßgebäcks kennen und lieben gelernt. Wahre Kunstwerke an Plätzchen und Kleingebäck werden als Kiloware verkauft. Es war immer wieder verblüffend für uns, dass selbst im staubigsten Wüstenkaff hochwertige Backkunst gepflegt wird. Der Motofahrer möchte uns eine ganz bestimmte Patisserie zeigen und fährt uns zu einem recht großen Laden. Es scheint eine Art Genossenschaft zu sein. Wir sind vom Angebot überwältigt. „Un kilo de chacun?“ Nein, auf keinen Fall! Das hätte unseren Jahresbedarf mit Sicherheit und vielleicht auch die Ladekapazität des Motos überschritten. Zwei Stück von jedem, selbst das ergibt eine große Tüte voll. Bei Lebensmitteln gilt immer ein Festpreis, da gibt es nichts zu handeln. Wir bezahlen einen sehr geringen Betrag.

Orangen könnten wir noch gebrauchen. Der Fahrer biegt in eine Seitengasse. Dort steht ein Pickup mit einem Berg Orangen auf der Ladefläche. Das seien die Guten. Hier lautet die Frage des Verkäufers: „Dix kilos?“ Nein auch das nicht. Das kleinste Gewichtsstück für die Waage ist 1 Kilo, danach muss er erst suchen. So jetzt haben wir alles.
Als wir auf der Bordwand des Motos sitzend in den Palmgärten ankommen gibt es großes Hallo bei den Besatzungen der Nachbarmobile. Der Verkäufer bekommt seinen Weinkarton, er ist geduldig alle unsere Abwege mitgefahren. Der Fahrer bekommt seine 20 Dirham.
Neben uns stehen inzwischen 2 selbst ausgebaute Expeditionsmobile. Wir reden nun mit deren Besatzungen. Es sind Lebensgeschichten, die man von Marokkoreisenden oft so oder ähnlich hört: Ein Ehepaar ist in unserem Alter, zwischen 50 und 60 mit eigener Firma, sich am Leben in Deutschland völlig aufgerieben bis zum Burnout. Jetzt haben sie alles verkauft, sogar ihr Wohnhaus und möchten nur noch reisen, solange es geht.
Am Abend steigt nun endlich das Folklore- und Musikvestival der Berber. Selbst das marokkanische Fernsehen ist da. Wir sind unmittelbar, live und gratis dabei. Es ist ganz und gar nicht arabisch, sondern afrikanisch, was wir zu sehen und hören bekommen.

© B. & F. S., 2019
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Schon einmal in Marokko unterwegs, waren wir fasziniert von Land und Leuten. Wir werden wiederkommen schworen wir damals. Das haben wir nun getan und haben mehr Zeit mitgebracht als auf der Reise von 2014. In zwei Monaten nahmen wir 10.682 Kilometer mit unserer blauen Zitrone unter die Räder.
Details:
Aufbruch: 06.03.2018
Dauer: 8 Wochen
Heimkehr: 01.05.2018
Reiseziele: Marokko
Frankreich
Spanien
Deutschland
Der Autor
 
B. & F. S. berichtet seit 32 Monaten auf umdiewelt.