Mit dem Wohnmobil nach Marokko 2018

Marokko-Reisebericht  |  Reisezeit: März - Mai 2018  |  von B. & F. S.

Über den Hohen Atlas


Mittwoch, 11. April: اڭدز (Agdz) ► ورززات (Quarzazate), 81 km

Nach dem Frühstück verabschieden wir uns von den netten Schweizern.
Am ersten Tag dieser Reise im Land und auch heute fahren wir eine Wegstrecke, die wir schon einmal 2014 befahren haben.

Über den Tinififft-Paß queren wir einen letzten Ausläufer des Anti-Atlas bei klarer Luft und phantastischen Aussichten. In den Bergen, die schon zum Hohen Atlas gehören, oberhalb von Quarzazate liegt Schnee und zwar auf viel niedrigeren Höhen als wir das am 21. März 2014 von hier aus sahen.
In der Stadt Quarzazate angekommen erleben wir einen Sandsturm, der alles in einen gelben Schleier einhüllt. Es ist eigentlich kein Sand, wie wir ihn in Tarfaya erlebt haben, sondern feiner Staub der bei enormem Wind überall in der Luft ist und das Atmen schwer macht.
Wir fahren zum Gaswerk, weil wir unsere Gasflasche auffüllen lassen möchten. In dem Gewerbegebiet, auf dem großen Platz vor dem Gaswerk ist der Sturm noch stärker. Außer dem Staub ist auch noch jede Menge Müll in der Luft. Hier die Autotür aufmachen, die Gasflasche rausholen, das müssen wir uns nicht antun. Wir fahren den Campingplatz am anderen Ende der Stadt an. Er liegt hinter hohen Mauern. Trotzdem wechseln wir noch zwei Mal unseren Standplatz um an einer einigermaßen geschützten Stelle zu stehen. Eigentlich wollten wir das Filmmuseum besuchen, das ist zu Fuß von hier aus gut zu erreichen. Aber es hat gar keinen Sinn auszusteigen, sofort hat man den Dreck in den Augen. Es ist erst mittags, wir haben die Hoffnung, dass der Sturm nachlässt und bleiben hier. Eine falsche Entscheidung. Der Sturm tobt über den ganzen Tag, auch noch die Nacht hindurch. Wir hätten weiterfahren sollen.


Donnerstag, 12. April: ورززات (Quarzazate) ► تلوات (Telouét) ► مراكش (Marrakesch), 236 km

Der Sandsturm hat sich gelegt, aber man weiß ja nie. Deshalb flüchten wir aus der Stadt.

Außerhalb von Quarzazate ist die Luft wieder klar, wir sehen die Schneeberge über Palmenwipfeln. Wir biegen von der Hauptstraße N9 ab, und fahren an Aït Benhaddou, dass wir vor 4 Jahren schon besichtigt haben, vorbei. Die Straße wird immer schmaler und einsamer. Zwischen gelben und braunen, vollkommen kahlen Bergflanken windet sie sich im Flusstal empor. Unser Weg führt uns durch verschlafene kleine Lehmdörfer, die mit ihrer Umgebung eins werden.

Höhlenwohnungen liegen spektakulär am Steilhang über dem Gebirgsfluss. Nach langer Zeit ein kleiner Laden am Straßenrand. Wir kaufen Wasser. Brot gibt es keines, aber der lustige Verkäufer bietet uns gleich Kekse als Ersatz an.
Kurz nach der Paßhöhe sind wir in Telouét. Auf einem Hügel thront die schönste Kasbah, die wir bisher gesehen haben. Der Verfall hat ihr schwer zugesetzt.
Der lebendige, pulsierende Ort liegt auf 1800 m. Es ist Markttag, alle sind auf den Beinen, aber keiner nimmt von uns Touris Notiz. Wir machen unsere Einkäufe, Obst, Gemüse, Fleisch und Brot ohne ein einziges Mal angesprochen zu werden.

Als wir zum Auto zurücklaufen, sieht es für einen Augenblick so aus, als ob auch bei uns schon Personen und Warenbündel auf dem Fahrzeugdach sind. Nein, es ist das Auto dahinter, das gerade beladen wird.
Hinter dem Ort wird die Straße plötzlich schlecht. Für fast 20 Kilometer fahren wir auf Baustellenpiste aus grobem noch nicht verdichtetem Schotter. Wir müssen langsam machen. Hier wird die Straße grundlegend überarbeitet und begradigt. Man kann hier und da noch den alten verschnörkelten Verlauf erkennen. Ab und zu überholen uns große Kipp-LKW mit ebendiesem Schotter und werfen aus ihren Reifen Gesteinsbrocken hoch. An zwei Stellen müssen wir warten, bis die Baumaschinen den Weg vor uns geebnet haben.
In der Nähe der Tichka-Paßhöhe mündet die Nebenstraße wieder auf die N9. Es ist eine Menge Verkehr und auch hier gibt es mehrere Baustellen, wo die Straße verbreitert und Serpentinenkurven ausgebaut werden. An der Strecke gibt es viele Restaurants, Souvenirstände, Stein- und Mineralienverkäufer. Kinder bieten Kräuterbündel an.

Waren wir vorher auf der Südseite des Atlas stundenlang in kahler einsamer Bergwelt unterwegs, so wird es hier immer belebter und grüner. Im Nu sind wir in den Vororten von Marrakesch, fahren dann in die Stadt ein und ein Stück an der Stadtmauer entlang. Es herrscht dichtester quirliger Verkehr. Rechts von uns breitet sich ein Gelände mit einem Markt für Autoteile und Maschinen aus. Der damit verbundene Fußgängerandrang bringt den Fahrzeugstrom fast zum erliegen. Das hätte Frank interessiert. Leider finden wir keine Möglichkeit unser Auto abzustellen.
Um 18⁰⁰ Uhr sind wir auf dem Anwesen von Reinhard und Aicha. Es ist schon von weitem inmitten von plattem Land zu sehen.
Wir haben die beiden letztes Jahr im Herbst auf der Caravan-Messe in Erfurt kennengelernt. Sie haben ein Gästehaus und ein Wohnmobilplatz für zehn Fahrzeuge. Das gewaltige Eisentor der Einfahrt ist geschlossen. Bitte hupen, steht dran. Das tun wir auch und es öffnet uns ein Gast vom Stellplatz. Hier stehen bereits ein Schweizer und zwei deutsche Wohnmobile. Wir laufen durch den großen Garten zum Gästehaus, um uns anzumelden. Am Vormittag hatten wir bereits mit Aicha telefoniert, und unser Kommen angekündigt.
Es ist wunderschön hier. Duftende Orangenbäume, ein sehr gepflegter Garten mit Rosen, die gerade anfangen zu blühen, jede Menge Gelegenheiten zu sitzen und zu verweilen, Ein großer Teich mit echten Enten, und vorn am Haus ein Pool mit glasklarem Wasser. Wir klopfen, öffnen die Tür und stehen in einem großen traditionell eingerichteten raum mit unzähligen kuscheligen Sitzecken, einer langen Essenstafel und vielen sonstigen marokkanischen Utensilien.
Die Begrüßung ist so herzlich und wir werden gleich für später zum Tee eingeladen. Da lernen wir auch die anderen Gäste des Hauses kennen, die hier zur Zeit wohnen und mit Reinhards selbst ausgebautem Bus Ausflüge machen. Eine sehr familiäre, persönliche Atmosphäre. Die Gastgeber sind für jeden da, wir dürfen alles mitbenutzen. Morgens gibt es frische Brötchen und Gebäck ans Auto.


Freitag, 13. April: مراكش (Marrakesch)

Heute Vormittag ist Regen angesagt und wir wollen mit Reinhards Bus mit in die Stadt fahren. Aicha hat gestern Abend noch einen Stadtführer organisiert. Mit noch vier anderen Gästen möchten wir uns durch die Medina führen lassen. 2014 haben wir ja schon auf eigene Faust einen ganzen Tag die Gassen durchstreift.
Auf den Straßen steht schon alles unter Wasser. Reinhard parkt den Bus etwas vor der Altstadt und erklärt, wo wir langlaufen müssen. Um 13⁰⁰ Uhr wartet der Stadtführer auf uns vor einem Café am Djamâa el-Fna, am großen Platz.
Am Djamâa el-Fna angekommen ist es 11³⁰ Uhr, wir haben noch Zeit und schauen schon mal durch die Souks. Dann fängt es schon wieder an zu regnen.

Wir kaufen uns von dem müsliriegelähnlichen Knabberzeug, das vom Stück abgeschnitten wird, zu total überteuertem Preis. Naja, Marrakesch eben. Ansonsten haben wir nicht vor, etwas zu kaufen. Dann ist die Zeit fast ran und wir gehen zum Treffpunkt. Man kommt uns schon ganz aufgeregt entgegen. Wir wären zu spät! Nicht nach unserer Uhr. Wir sind nicht eine halbe Stunde zu früh, sondern eine halbe Stunde zu spät. Die Uhrenumstellerei hat uns verwirrt. Die marokkanische Zeit ist eine Stunde hinter der MEZ zurück. Es war aber auch noch die Umstellung auf Sommerzeit, die Marokko auch hat, aber nicht zum gleichen Termin……Da kann man sich nicht mehr zurechtfinden. Aber jetzt klärt sich so manches auf, über das wir uns während der bisherigen Reise so gewundert hatten, wenn mal ein Treffzeitpunkt ausgemacht war.
Aber wir haben Urlaub und Freitag den 13.!

Die Stadtführung dauert drei Stunden, durch die Souks und in ein Museum mit Informationen über Bräuche, Geschichte, Religion. Das Gebäude ist ein sehr schönes Riad mit wundervollem Garten im Innenhof und phantastischer marokkanischer Baukunst. Leider fängt es immer wieder an zu regnen.
Nach dem Rundgang haben wir noch Zeit, bevor Reinhard uns an seinem Bus erwartet und essen eine Kleinigkeit in einem Restaurant. Das bewahrt uns vor dem nächsten Regenguss. Im Restaurant regnet es rein, der Djamâa el-Fna steht an manchen Stellen unter Wasser.
Abends haben wir uns im Gästehaus zum Essen angemeldet und werden herzlich von Aicha und ihren beiden Küchenfrauen bewirtet. Es werden vier Gänge aufgetafelt, sehr lecker! Später sitzt man mit Tee und Plätzchen beim Schwatz und lässt den Abend ausklingen.


Samstag, 14. April: مراكش (Marrakesch), 47 km

Am Morgen scheint wieder die Sonne, das Wetter wird schön, der Regen ist durch. Aicha kommt mit ihrem PKW und bringt die Brötchen. Der Tag startet gut.
Wir fahren los, um unsere Vorräte aufzufüllen. Wir brauchen Lebensmittel, und auch die Gasfasche muss gefüllt werden. Wir haben uns von Aicha beschreiben lassen, wo wir den nächsten Supermarkt und das Gaswerk finden. Es gibt in der Gegend mehrere Gaswerke, welche für Butan, andere für Propan. Das Gesuchte finden wir schnell. Es stehen jede Menge LKW mit tausenden von Gasflaschen in der Warteschlange. Jemand winkt uns vor zum Werkstor. Wir werden vom Personal freundlich mit Handschlag begrüßt. Im Nu hat einer davon unsere Gaspulle geschultert und eilt davon. Inzwischen schneidet ein dicker immer lachender Gasmann in einer Pflanzenecke eine große fünfblütige Amaryllis ab und drückt sie mir in die Hand. Ich bin gerührt.
Es dauert nur wenige Minuten und unsere Flasche kommt gefüllt wieder. Es werden Wiegeschein und Quittung ausgehändigt, wir bezahlen 80 Dirham und bedanken uns herzlichst. An einem Obststand an der Straße kaufen wir frische Orangen und Bananen und fahren dann zum Supermarkt.
Noch weit vor Mittag haben wir alles erledigt und sind zurück im Garten .
Alle sind mit Reinhard unterwegs, das Hauspersonal werkelt fleißig. Nur wir machen nicht viel. Die Sonne scheint warm, die Orangenblüten duften, die Pfützen von gestern trocknen. Wir machen noch Fotos vom Haus und spazieren durch den gepflegten Garten. Dabei bemerken wir, dass die Berge über Marrakesch ihre Schneemützen weiter nach unten gekrempelt haben.

Gestern, als es in der Stadt regnete, hat es dort, wo wir vor drei Tagen im Sonnenschein entlanggefahren sind, ordentlich geschneit.
Nach dem Mittagessen kippen wir unsere Stühle in Liegeposition.
Am Nachmittag kehren wir die groben Saharasande aus unserem Auto, da hupt es draußen vor dem Tor. Wir sind zur Zeit die einzig Anwesenden, also haben wir Pfortendienst. Frank schwenkt das Tor auf. Ein als Wohnmobil ausgebauter großer Stadtbus rollt in den Garten. Eine Rampe klappt seitlich aus und ein alleinreisender Rollstuhlfahrer kommt auf uns zu. Er ist schwer gehandicapt, aber anscheinend ein unerschütterlicher Typ und eine Frohnatur.
Das Abendessen im Haus ist wieder spitzenmäßig: Rindfleisch mit Pflaumen, Tee und netten Gesprächen.

© B. & F. S., 2019
Du bist hier : Startseite Afrika Marokko Marokko-Reisebericht
Die Reise
 
Worum geht's?:
Schon einmal in Marokko unterwegs, waren wir fasziniert von Land und Leuten. Wir werden wiederkommen schworen wir damals. Das haben wir nun getan und haben mehr Zeit mitgebracht als auf der Reise von 2014. In zwei Monaten nahmen wir 10.682 Kilometer mit unserer blauen Zitrone unter die Räder.
Details:
Aufbruch: 06.03.2018
Dauer: 8 Wochen
Heimkehr: 01.05.2018
Reiseziele: Marokko
Frankreich
Spanien
Deutschland
Der Autor
 
B. & F. S. berichtet seit 32 Monaten auf umdiewelt.