Mit dem Wohnmobil nach Marokko 2018

Marokko-Reisebericht  |  Reisezeit: März - Mai 2018  |  von B. & F. S.

Fez


Donnerstag, 15. März: فاس (Fès)

Schon um 7.⁰⁰ Uhr klopft es ans Auto, unser bestelltes Brot wird gebracht. Gut, dass heute der Wecker geklingelt hat. Um 9.⁰⁰ Uhr treffen wir uns in der Rezeption mit dem Stadtführer. Außer uns werden noch drei weitere Paare, Schweizer und Franzosen, begrüßt. Draußen steht ein Mercedes Vito mit Fahrer bereit, mit dem geht’s in die Altstadt. Wir steigen aus am 1. Königspalast, es gibt drei Stück davon.

Überall wird geputzt und gewerkelt, denn morgen kommt die Königsfamilie nach Fès. Weiter laufen wir durch eine Händlerstraße, auf der einen Seite jüdische, auf der anderen Seite andalusische Bebauung. Unser Taxi liest uns wieder auf und bringt uns vor die Stadtmauer auf einen Hügel mit sehr schöner Aussicht auf die Altstadt.

Zurück in der Innenstadt gehen wir in das Gassengewirr der verschieden Viertel der Medina. Hier ist es noch ursprünglicher, noch nicht so touristisch, wie in Marrakesch. Es ist das pralle Leben, Händler und Handwerker verschiedenster Profession. Die schönsten Handwerksarbeiten werden angeboten von Kunstschmieden, Webern, Schneidern, Tischlern, Schuhmachern Färbern. Auf einen kleinen Platz tanzt ein Derwisch.

Wir sehen die älteste Universität im muslimischen Raum, verschiedene Koranschulen und dann das Gerberviertel, das allbekannte Postkartenmotiv von Fès. Jeder von uns bekommt einen Minzezweig zum unter die Nase halten gegen den üblen Geruch und wir werden im Haus der Lederkooperative nach oben geführt. Unterwegs auf den Etagen sind in allen Räumen die Lederwaren, Schuhe, Taschen, Jacken, in jedem Raum bis unter die Decke gestapelt. Oben angekommen auf einer Dachterrasse haben wir einen Ausblick auf den berühmten Gerberhof.

Hier befinden sich die Becken mit den verschiedenen Substanzen zum Leder gerben und färben. In den Becken stehen die Arbeiter. An den Wänden und auf den Brüstungen der umliegenden Häuser hängen die Häute zum Trocknen. Es stinkt bestialisch.
Ein Mann, etwa in unserem Alter, erklärt auf Deutsch, wie aus den verschiedenen Tierhäuten, Schaf, Ziege, Kamel, Rind, ein schönes farbiges, oder in allerlei Brauntönen gehaltenes Stück Leder wird. Man arbeitet unter anderem mit Ingredienzien wie Taubenmist und Olivenöl.
Manche der Arbeiter in den Bottichen haben Stiefel und Gummihosen an, manche stehen in Sandalen oder gar barfuß in den Flüssigkeiten und arbeiten mit ungeschützten Händen. Man versichert uns, es sei alles ungefährlich, die Substanzen wären rein natürlich: Ammoniak aus Taubenkot, Rot von Klatschmohnblüten, gelb von Safran, Indigoblau. Es sind aber gar zu intensive Farben dabei.
Wir streifen im Anschluss durch die Verkaufsräume. Man ist nicht aufdringlich. Ich verliebe mich in eine schöne schlichte weiche bordauxfarbene Ziegenlederjacke. Leider ist sie nicht in meiner Größe vorrätig. Kein Problem, es wird versprochen, eine neue anzufertigen.

Ich werde in die Schneiderei begleitet und an mir wird Maß genommen. Die Preisverhandlungen sind etwas zäh, aber dann einigen wir uns, einschließlich Anlieferung heute Abend zum Wohnmobil auf dem Platz außerhalb der Stadt. Ich akzeptiere, dass es eine aufwendige schöne Handarbeit ist, die ihren Preis hat und der Verkäufer kontaktiert seinen Chef und holt noch den bestmöglichsten Rabatt heraus. So schenke ich mir das wunderschöne Teil zum vorfristig zum Geburtstag.
Inzwischen hat Wafi, unser Guide, Verstärkung bekommen. Offizielle Touristenführer in Marokko müssen ein staatliches Zertifikat besitzen und ihre Kenntnisse nachweisen. Deshalb wird jetzt ein Neuer angelernt. Wafi ist ein Sprachtalent, er spricht außer Arabisch, Französisch und Berbersprache auch noch Deutsch und Englisch außerdem ein wenig Japanisch. Er lernt gerade Mandarin, was er uns beweist indem er zwei chinesisch aussehenden jungen Frauen, die verzweifelt in einen Stadtplan schauen, den Weg erklärt. Sie scheinen ihn zu verstehen.

In den engen labyrinthartigen Gassen und Durchgängen ist nicht immer ersichtlich, ist dies noch öffentlicher Weg oder eventuell schon privater Hauseingang. Niemals wären wir an einigen Stellen ohne Führung weitergelaufen. Einige Gassen in der Medina sind aufwendig restauriert, viele andere befinden sich in verschiedenen Stadien des Verfalls.

Oft sehen wir Balkenkonstruktionen mit denen Häuser gegen Einsturz gesichert sind über den Gassen. Zu allen wichtigen Gassen, zu vielen markanten Gebäuden hat Wafi die entsprechenden Geschichten parat.
Langsam macht sich bei uns Stadtwanderern Mittagshunger bemerkbar. Wafi führt uns in ein versteckt liegendes Restaurant, in dem nur Touristen sitzen. Er als zertifizierter Gästeführer sei verpflichtet auch gesundheitlichen Schaden von seinen Kunden abzuhalten und nur Lokale zu empfehlen, in denen europäische Hygienestandards beachtet werden, meint er. Ein sehr schönes Haus, mit vielen aufwendigen Holzarbeiten und tollen Mosaiken. Offeriert wird ein Menü für umgerechnet 11 €, bestehend aus Oliven, Brot, gegrilltem und eingelegtem Gemüse als Vorspeisen, Tajine Huhn mit Orange, Gemüse mit Rindfleisch, Kuskus mit Gemüse oder Rindfleisch mit Backpflaumen. Alles in Allem eine sehr vielfältige Auswahl, optisch sehr ansprechend angerichtet und wohlschmeckend. Als Dessert wird ein großer vielfältig bestückter Obstteller gereicht. Am Ende folgt der für jedermann aus großer Höhe eingeschenkte Tee. Dieses Getränk ist obligatorisch zu jeder Zeit an jeder Stelle. Uns suggeriert es Gastfreundlichkeit, Öffnung und vertraute Gemütlichkeit.
Nach dem Essen besichtigen wir eine Kooperative für Gewürze und Arganprodukte, ein großes Teppichhaus, eine Weberei, in der aus Agavenfasern, Agavenseide, gewebt wird. Es sind sehr schöne farbenprächtige Textilien. Dann setzt und der Guide in ein Taxi und verabschiedet sich vorerst von uns. Der Fahrer bringt uns in eine Keramikwerkstatt außerhalb der Altstadt.

Hier bekommen wir ebenfalls eine deutschsprachige Führung. Hier werden feinste Töpferwaren und Mosaikarbeiten hergestellt. Außer in der Gerbereikooperative haben wir nirgendwo etwas gekauft, wurden trotzdem überall freundlich herumgeführt und nicht bedrängt etwas zu kaufen.
Es regnet schon seit dem Mittag, jetzt inzwischen in Strömen. Der Verkehr auf den Straßen hat stark zugenommen. Der Taxifahrer beherrscht anscheinend das Belüftungssystem seines Fahrzeugs nicht, so dass die Scheiben stark Sicht einschränkend immer wieder beschlagen. Der Fahrer und Frank als Beifahrer müssen immer wieder mit einem Lappen einigermaßen den Ausblick auf den immer dichter werdenden Fahrzeugstrom freilegen. Mit solchen Luftfeuchtigkeiten wird man hier wahrscheinlich sehr selten konfrontiert.
Wir bitten den Fahrer bei einem Maroc-Telekom-Shop zu halten, damit wir uns eine SIM-Karte fürs Handy kaufen können. Wir landen in einer aufs Feinste gestylten Filiale des Telefonanbieters, wie sie mit Ihrer Innenausstattung und dem Dresscode des Personals auch in München, London oder Paris hätte stehen können. Die SIM wird uns gleich ins Gerät eingelegt und aktiviert und auch bar bezahlt. Jedoch beim Aufladen des Guthabens gibt es Schwierigkeiten, es geht hier nur mit Kreditkarte an einem Automaten und der akzeptiert keine unserer Karten.
Wir fahren mit unserem Taxi zur blauen Zitrone zurück. Das Wetter ist nun absolut trostlos. Wir hocken im Auto und überlegen, wie es morgen weiter gehen könnte. Gegen halb sieben Uhr abends sehe ich, wie der Verkäufer aus der Lederkooperative mit seinem langen grau-weiß gestreiften Gewand auf uns zu läuft. Er bringt meine Jacke. Wir bitten ihn hinein. Wir unterhalten uns eine ganze Zeit. Salah rät uns davon ab, morgen über Azrou nach Midelt zu fahren. Wenn es hier in Fès jetzt so stark regne, dann gäbe es in den Bergen noch richtig viel Schnee. Also fahren wir erst zur Atlantikküste, machen unsere Tour anders herum als geplant.
Was wir denn für eine Angel dabei hätten, fragt Salah. Er stamme aus der Gegend von Safi, dort könne man prima angeln. Wir haben keine. Wie könne man an die marokkanische Atlantikküste fahren, und keine Angel haben, fragt er uns voller Unverständnis. Er gibt noch einige Besichtigungstipps und wir verabschieden uns.
Doch der Besucherstrom reißt nicht ab, Wafi kommt um die vereinbarte Entlohnung abzuholen. Auch da ergibt sich noch einmal ein längeres Gespräch. Wegen der ganztägigen Stadtbesichtigungstour fallen uns nach dem Abendessen fast sofort die Augen zu. Nachts werden wir von heftigen Regengetrommel kurz wach. Was ist das für ein Marokkowetter?

© B. & F. S., 2019
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Schon einmal in Marokko unterwegs, waren wir fasziniert von Land und Leuten. Wir werden wiederkommen schworen wir damals. Das haben wir nun getan und haben mehr Zeit mitgebracht als auf der Reise von 2014. In zwei Monaten nahmen wir 10.682 Kilometer mit unserer blauen Zitrone unter die Räder.
Details:
Aufbruch: 06.03.2018
Dauer: 8 Wochen
Heimkehr: 01.05.2018
Reiseziele: Marokko
Frankreich
Spanien
Deutschland
Der Autor
 
B. & F. S. berichtet seit 32 Monaten auf umdiewelt.