Mit dem Wohnmobil nach Marokko 2018

Marokko-Reisebericht  |  Reisezeit: März - Mai 2018  |  von B. & F. S.

Zwischen Atlas und Antiatlas


Montag, 19. März: الصويرة (Essaouira) ► تارودانت (Taroudant), 301 km

Wir wachen auf wie gerädert. Das erste, was wir noch im Liegen bei beginnendem Tageslicht erblicken ist eine Möwe von unten, die mit ihren Watschelfüßen auf unserer Dachluke steht und mit bösem Blick auf das Plexiglas einhackt. Um acht Uhr, eine Stunde früher als vereinbart, kommt der Autowäscher und beginnt ohne uns zu beachten sofort mit der Arbeit. Gut, dass wir nicht schon gestern haben waschen lassen. Die blaue Zitrone sieht reichlich angeschissen aus. Frank schaut aus der Dachluke. Nicht nur gekackt haben die Mistviecher, sondern auch noch ihre Fressensreste, wie Krabbenscheren und Fischflossen hinterlassen. Frank versucht dem Autowäscher verständlich zu machen, ob er eine Leiter hat oder besorgen kann. Natürlich nicht. So müssen wir von der Dachluke aus grob reinigen, damit wenigstens der Solarstrom wieder einigermaßen fließt. Wir frühstücken erst einmal während außen geschrubbt wird. Als Frank den Autowäscher bezahlt, findet sich ein Schnorrer ein. Er wird mit einem Firmen T-Shirt von uns ausgestattet.
Bei der Ausfahrt vom Parkplatz wird das Zeichen auf unserem Reifen kontrolliert.
Ein ganzes Stück nach der Stadt treffen wir auf die Nationalstraße 1, die wir für einige Kilometer nutzen. Jetzt sind wir in den Ausläufern des Hohen Atlas, der recht küstennah schon Erhebungen mit über 1500 Metern aufzuweisen hat. Wir möchten uns seitlich in die Berge begeben, sind uns aber nicht sicher, ob die Strecke für uns befahrbar ist. So halten wir in Smimou neben zwei Polizisten um nach dem Straßenzustand zu fragen. Wir zeigen die Strecke auf der Karte. Sie sagen es sei Asphaltstraße aber schlecht und sehr schmal. Besser sei es die N1 weiter zu fahren das wäre eine schöne Straße. Aber er merkt, dass wir das nicht wollen. So meint er: „Wie sie möchten, die schmale Straße“.

Nun wird es schön einsam, bergig und grün. An den Straßenrändern einige Esel und Hirten mit ihren Schafen und Ziegen. Mit großem Abstand kleine Orte, aber mit viel Leben. Dann eine Gegend mit großen Steinkasbahs und immer wieder Argan-Bäume, die uns schon eine Weile auf unserer Tour zu sehen sind. Gestern vor Essaouira haben wir schon eine große Argan-Kooperative mit Verkauf gesehen. Dieses Öl ist schon etwas ganz Besonderes.

Am Rand eines Ortes in öder, steiniger Umgebung, sind viele Esel geparkt, das universelle Transportmittel, denn es ist Markttag. Gehandelt wird mit allem was man im täglichen Leben in Marokko braucht. Zuvor haben wir schon bemerkt, dass um dieses Dorf herum außergewöhnlich viele Menschen unterwegs sind, zu Fuß, per Esel, Traktor oder überfülltem Kleinbus. Auf der anscheinend einzigen Straße im Ort ist ein Durchkommen schwierig. Doch die Menschen winken und grüßen freundlich, Markstände werden kurz für uns beiseite gerückt.

Als wir das dickste Gewusel hinter uns haben, halten wir an. Hier begegnen uns, im Gegensatz zur bisherigen Tour, keine Touristen, dafür mehr Kamele. Wieder kommen wir durch zartgrüne Landschaft, dann wieder karge, steinige und im Hintergrund die Schneeberge.

Eine erste Wasserdurchfahrt durch einen Gebirgsfluss ist zu bewältigen und wir kommen auf eine Hochebene. Dann treffen wir auf die N8 der wir durch eine dunkelrote Berglandschaft folgen. Nun führt der Weg nur noch abwärts bis zum Sous. Wir verlassen die N8. Auf kleinen Nebenstraßen, die uns auch durch das breite an dieser Stelle völlig ausgetrocknete Flussbett führen, kommen wir kurz vor Taroudant auf die Farm „Le Jardin de la Koudya“.

Wir verpassen zuerst die Einfahrt, denn das kleine Hinweisschild ist arg verblasst, aber ein Einheimischer hat unser Suchen sofort erkannt und er weist uns den rechten Weg. Wir finden auch gleich einen Platz.

Neben uns steht ein dunkelroter Kastenwagen aus Schweinfurt. Dessen Besatzung ist uns auch gleich sympathisch, sie fangen gleich ein längeres Gespräch mit uns an. Interessant für uns ist, dass sie letztes Jahr mit einer geführten Tour in der Mongolei waren, da diese Richtung auch ein Traum von uns ist. Gegenüber steht noch ein Münchner Womo und ein Brite.
Als ich später vom Duschen komme, hat sich schon ein ganzer Trupp deutsch Sprechender gesammelt und Klappstühle herangetragen. Man tauscht sich aus über das woher und wohin und das sehr lange bis es dunkel wird und der erste schöne Sternenhimmel dieser Reise über uns erscheint. Mit dabei sind unsere Nachbarn, ein Paar mit Buszelt aus Flensburg und ein Hesse mit Big-Ship.


Dienstag, 20. März: Farm „Le Jardin de la Koudya“ bei تارودانت (Taroudant)

Heute sitzen wir das erste Mal auch zum Frühstück schon draußen. Es verspricht ein schöner Tag zu werden. Der Kastenwagen aus Schweinfurt fährt heute leider schon weiter. Vorher reden wir noch lange, geben gegenseitig Tipps.

Die große Farm wird von uns erkundet. Zuerst laufen wir durch einen großen Garten mit Pool zur Rezeption und bestellen uns für 14.⁰⁰Uhr ein marokkanisches Essen. Die Köchin der Farm soll sehr gut sein, haben wir in den Gesprächen erfahren. Wir laufen eine große Runde über das weite Farmgelände. Bis vor einigen Jahren sollen überall Orangenbäume gestanden haben. Inzwischen sind große Teile der Plantagen gerodet worden und Kartoffelfeldern gewichen. Es gibt aber auch noch Orangenbäume, deren Blüten einen intensiven Duft verströmen. Wieder am Auto angekommen sitzen wir in der Sonne und freuen uns auf das marokkanische Festmahl. Wir denken, es wird uns ans Auto gebracht, da der Chef bei der Bestellung nachfragte, wo wir stehen. Aber als es dann eine halbe Stunde nach der vereinbarten Zeit ist, glauben wir dann doch nicht mehr an den afrikanische easy-Zeitbegriff. Das ist uns auch noch nicht begegnet, seitdem wir unterwegs sind haben wir keine Unpünktlichkeiten erlebt. Da kommt plötzlich unsere bildschöne Küchenfee und das Missverständnis klärt sich auf. Wir werden im Farmgarten erwartet. Neben dem Pool ist für uns angerichtet. Gut, kein Problem, wir haben einen Bärenhunger.
Der Tisch ist eingedeckt und wir sitzen ganz allein im Schatten unter Bäumen und werden liebevoll bewirtet. Im Haus sitzt ein Pianospieler für uns unsichtbar. Die Klänge treten durch die wehenden Vorhänge nach draußen, zwar nicht perfekt aber es hat was.
Wir essen eine leckere Blätterteigtorte mit einer Füllung aus Huhn, Ei und Mandeln. Dazu einen großen Salatteller mit Gurken, Tomaten, und Zwiebeln in Balsamico und Olivenöl. Als Dessert gibt es für jeden eine kleine warme Apfeltorte mit Karamellsoße. Das Essen war echt gut.
Als wir zurückkommen ist gerade ein Schweizer Mobil eingetroffen. Es ergibt sich wieder ein interessantes Gespräch.
Am Abend „schnacken“ wir lange mit den Norddeutschen aus Flensburg, ein schöner und lustiger Abend.


Mittwoch, 21. März: تارودانت (Taroudant) ► تفراوت (Tafraoute), 148 km

Auch heute wieder strahlender Sonnenschein. Nach dem Frühstück verabschieden wir uns vom Flensburger Schleusenwärter und seiner Frau. Die möchten heute einen Ausflug zum Tizi-n-Test machen. Da können wir mit Tipps und Erfahrungen von unserer Reise 2014 dienen. Sie brechen noch vor uns auf.
Auch wir machen uns auf, in entgegengesetzte Richtung, dem Antiatlas entgegen.

Wir kommen in ein liebliches, grünes, blühendes Tal mit ein paar Ortschaften. Vor dem Hintergrund der hohen völlig unbewachsenen Bergen qualmt eine große moderne Zementfabrik, dahinter die klaffenden Wunden der dazugehörigen Kalksteinbrüche in den Bergflanken. Nach Âït-Baha biegen wir ab von der mit schleichenden LKWs befahrenen Bergstraße und kommen an einen Stausee. Der Ginster blüht, bunte Blumen und Palmen. Getreide sprießt auf kleinen Terrassenfeldern, die bis hoch in die Berge gehen. Hier stehen schöne farbenfrohe Häuser, aber auch alte längst verfallene Lehmbauten. Wir sind in der Gegend der bunt gekleideten Berber. Frauen mit vielfarbigen Tüchern grüßen uns.

Die kleinen Ortschaften kleben weit verstreut an den steilen völlig kahlen Berghängen. Außer den Häusern und den kleinen Terrassenfeldern von denen viele auch schon aufgegeben scheinen, ist hier nichts. Wovon leben die Menschen? Die Häuser in dieser Region sehen gar nicht ärmlich, für Marokko eher wohlhabend aus. Wir müssen anhalten, vor uns steht ein Taxi und lässt zwei Frauen mit ihren Einkäufen aussteigen. Wie weit mögen sie wohl gefahren sein? Wir haben schon längere Zeit keinen Laden mehr gesehen. Aus einer Talebene ragt ein Bergzipfel mit einem Agadir. Sehr trutzig und vollkommen intakt sieht er aus.

Die blaue Zitrone wird am Fuße Aufstieges geparkt. Treppen führen weit hinauf. Dem Werbeschild nach sollte da oben ein Hotel sein. Wir steigen die Treppe ein Stück hinauf. Nach dem nächsten Absatz sehen wir fast oben auf der enger werdenden von Mauern umgebenen Treppe zwei große Hunde liegen. Sie sehen uns kommen richten sich auf und fangen an zu bellen. Hinter den Hunden das verschlossene Burgtor, rechts und links Mauern, da kommen wir nicht vorbei. Wir haben in den verschiedenen Ländern schon Erfahrungen mit Hunden gesammelt. Meistens lassen sie sich einfach vertreiben, aber in dieser Situation würden sie sich nur in die Enge getrieben fühlen. Deshalb kehren wir lieber um. Trotzdem hat sich der Abstecher abseits der Hauptstraße gelohnt. Eigentlich sind wir unfreiwillig hierher geraten, das Navi hat uns auf diese kleine schmale Straße gelockt. Wegen der unzähligen Fotostopps kommen wir nur langsam voran. Dann treffen wir wieder auf die Hauptstraße und eine Kamelherde quert die Fahrbahn. Die Landschaft wird felsiger, rechts von uns dunkelbraun, links hellbraun und Blockförmig. Vor Tafraoute ändert sich auch das wieder grundlegend. Jetzt ist die vorherrschende Farbe Rot.

In großen runden Knollen, mehrere Meter im Durchmesser, liegt der Granit herum.
Um 18.⁰⁰ Uhr abends treffen wir in der Kleinstadt Tafrauote ein. Sie liegt auf einer Ebene in 1000 m Höhe. Zuerst müssen wir einen Bankautomaten suchen. Man kann in Marokko mit einem Vorgang immer nur umgerechnet etwas weniger als 200 € abheben. Der Markt ist klein und überschaubar. Am Obst- und Gemüsestand kommen wir ins Gespräch. Wir sollen unbedingt das Âït-Mansour-Tal besuchen und natürlich das Restaurant dort, das der Familie des Gemüsemannes gehört. Man wird so oft und freundlich angesprochen, sehr selten aufdringlich. Wir kaufen Bohnen, Orangen und Bananen, die kleinen einheimischen sind besonders reif und schmackhaft. Ziegenfleisch suchen wir noch. Am ersten Fleischstand gibt es nur Rind, aber der Verkäufer weist uns die Richtung. Eine Ecke weiter werden wir fündig. Wir trauen uns und der Verkäufer schneidet uns ein Kilo Ziegenrücken, das kostet umgerechnet ca. neun €, von dem Über dem Verkaufstresen hängenden Tier ab und zerschneidet uns das auch gleich. Heute gab es zum Nachmittag nur Wasser und Blätterteiggebäck, zu Abend werden wir ganz lecker kochen! Wir fahren nur ein kleines Stück vor die Stadt. Dort stehen weitverstreut in der Landschaft zwischen Felsen, Granitbrocken und Palmen eine ganze Menge Wohnmobile. Die von der Abendsonne angestrahlten Felsen leuchten..

Wir finden einen idyllischen Platz hinter einem Gebüsch und einer Felsknolle. Die Sonne scheint zwar noch, aber es weht ein stetiger eisiger Wind, wir sind hier auf über 1000 m. Ab und zu kommen einheimische und bieten etwas an. Arganöl oder frisch gekochtes Essen. Wir brauchen heute nichts, bei uns gibt es Ziege mit Bohnen. Unser Abendessen ist köstlich.

© B. & F. S., 2019
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Schon einmal in Marokko unterwegs, waren wir fasziniert von Land und Leuten. Wir werden wiederkommen schworen wir damals. Das haben wir nun getan und haben mehr Zeit mitgebracht als auf der Reise von 2014. In zwei Monaten nahmen wir 10.682 Kilometer mit unserer blauen Zitrone unter die Räder.
Details:
Aufbruch: 06.03.2018
Dauer: 8 Wochen
Heimkehr: 01.05.2018
Reiseziele: Marokko
Frankreich
Spanien
Deutschland
Der Autor
 
B. & F. S. berichtet seit 32 Monaten auf umdiewelt.