Mit dem Wohnmobil nach Marokko 2018

Marokko-Reisebericht  |  Reisezeit: März - Mai 2018  |  von B. & F. S.

Die Oase


Freitag, 23. März: تفراوت (Tafraoute) ► ⵜⵉⵖⵎⴰⵔⵜ (Oase Tighmert), 169 km

Bei Sonnenaufgang besuchen uns drei Esel. Ein noch größerer Esel steigt aus einem etwas entfernter stehenden französischen Wohnmobil zieht die Klokassette heraus und schüttet sie an die Felsen. Ein zweiter Mann kommt hinzu, der will den Verschmutzer vielleicht zusammenstauchen. Nein, er holt auch seine Kassette und schüttet den Inhalt daneben.
Der Bäcker mit dem Fahrrad war schon zu sehen, aber kommt heute nicht zu uns. So haben wir kein frisches Brot zum Frühstück.
Um 9.⁰⁰ Uhr sind wir schon unterwegs. Es war gar nicht einfach, die richtige Spur vom Felsengelände zur Straße zu finden. Nach wenigen Metern haben wir schon den ersten Fotostopp. Plötzlich eine Stimme von oben. Auf einem Strommast hängen zwei Monteure bei ihrer Arbeit. Sie bitten um eine Zigarette. Damit können wir nicht dienen. Zigaretten scheinen hier verhältnismäßig teuer zu sein, sie werden auch einzeln verkauft wie wir beobachten konnten.
Durch ein weites Tal führt unser weg stetig nach oben. Die Aussichten werden wieder spektakulärer. Abseits der Straße steht einsam ein Kastenwagen, der hier offensichtlich die Nacht verbracht hat. Die Ausblicke zwingen uns ständig halt zu machen. Ein junges französisches Paar mit PKW und großer Kamera hat anscheinend die gleichen Ideen. Wir treffen sie ständig wieder. Bei Tizourhane ist großer Markttag mit Menschengetümmel, vielen Mopedfahrern, hochbepackten Eseln. Viele Menschen heben die Hand und grüßen uns freundlich. Nach Tiffermit biegen wir auf eine kleine einspurige Straße ein.

Ab und an müssen wir entgegenkommenden LKW ausweichen und von der Straße herunterfahren. Es geht sachte bergab und es wird noch einsamer. Wir kommen an einem total mit Lehmsediment verschlammten Stausee vorüber.

Ab der nächsten Verzweigung nur noch Wüste, hier wächst gar nichts mehr. Wir sehen zwei, drei einzelne Behausungen mit großen weißen Wasserkissen davor, auf denen Kinder toben. In der unendlich flachen staubigen Weite vereinzelt kleine Dünen., in der Ferne Nomadenzelte. Uns kommen einige französische Wohnmobile entgegen, sonst nichts.

Wir sehen Windhosen, oder besser Staubhosen und Sandverwirbelungen die sehr hoch gehen und sich lange halten. Hinter uns ein kleiner lokaler Sandsturm. Vorsicht Kamele sagen die Verkehrsschilder am Straßenrand.
Inzwischen biegen wir ein auf eine neue moderne Straße mit Straßenlaternen in der Wüste.
Die Oase Tighmert taucht auf, mit vielen Gemüsefeldern davor. Frank hat einen Tipp aus dem Internet, nach diesem Platz wird nun gesucht. Wir verfransen uns in den Palmengärten. Der eingeschlagene Weg zwischen den Lehmmauern wird zu schmal für uns. Wir fragen nach dem rechten Weg. Erst versteht man uns nicht wegen Franks falscher Aussprache von Âïn Nakhla, dann wird uns der Weg gewiesen. Fast wären wir schon am Ziel gewesen, jedoch wir müssen noch einmal zur Straße zurück, und die Sache von der anderen Seite angehen.

Das Ziel für heute ist gefunden, ein Blechtor wird für uns geöffnet, wir sind auf dem Hof „Âïn Nakhla – Quelle der Palme“ angelangt. Der Patron ist heute nicht hier. Sein kleiner Cousin spricht englisch und zeigt uns alles. Er fragt, ob wir essen möchten und wir bestellen für 15.³⁰ Uhr Tajine mit Kamel und Gemüse, dazu als Dessert Obstsalat. Das Essen ist dann sehr lecker. Wir fühlen uns wie in tausendundeiner Nacht: Palmen, die bunten Zelte im Gartenmit Teppichen, Sitzkissen und kleinen Tischen. Gegessen haben wir auf einer geschlossenen Dachveranda, farbenfroh gestaltet, abgedunkelt vor der Sonne, Saharagemälden an den Wänden.
Am Abend machen wir einen Rundgang durch die Palmenhaine.

Später sitzen wir noch hinten im Garten im Zelt bei einer französischen Familie mit zwei Kindern. Die Mutter gibt gerade Schulunterricht. Der Vater erzählt uns: Sie möchten mit ihrem ausgebauten Möbel-LKW zwei Jahre unterwegs sein, in Marokko, in Spanien, Portugal, Frankreich und Deutschland. Die Kinder sind in dieser Zeit von der Schule freigestellt und lernen mit ihren Eltern. In Frankreich geht das wohl, ein Stück Freiheit, in Deutschland kaum .
Es wird schnell dunkel mit einem phantastischen liegenden Halbmond und unendlich vielen Sternen am Himmel. Wir wollten eigentlich gerade duschen gehen, da kommen die Jungs vom Hof und bitten uns in ihr Zelt an Feuer zu Musik und Tee. Das können wir nicht abschlagen und setzen uns auf die angebotenen Kissen zu den vier Jungs die anscheinend alle zu Familie gehören. Einer macht total Stimmung zu Musik aus Handy, er singt und tanzt. Dann zieht er sein hellblaues Gewand über den schwarzen Turban und sieht geheimnisvoll und verzaubernd aus.
Inzwischen ist der abwesende Chef an einem der Mobiltelefone. Er hat einige Jahre in Hamburg gelebt und spricht perfekt deutsch. Frank bekommt das Telefon überreicht und spricht mit ihm.
Wir sehen uns auf dem PC einen Film an, den ein Schweizer Gast über einen Ausflug mit dem Patron in die Wüste vor kurzem gedreht hat.


Samstag, 24. März: ⵜⵉⵖⵎⴰⵔⵜ (Oase Tighmert) ► كلميم (Guelmim) ► ⵜⵉⵖⵎⴰⵔⵜ (Oase Tighmert), 44 km

Am späten Morgen fahren wir in die Stadt, nach Guelmim. Dort soll heute Kamelmarkt sein. Unterwegs nehmen wir zwei Schuljungen mit, die auch dorthin möchten. Sie sitzen stolz und schüchtern auf unserer Rückbank.
Den Kamelmarkt finden wir leider nicht. So schlendern wir über den Markt in der Innenstadt, kaufen ein paar Lebensmittel und staunen, was es so alles gibt.

Wieder zurück in der Oase kochen wir unseren frischen Blumenkohl und Kartoffeln, sitzen im Garten unter einer Laube. Die Jungs von gestern Abend kommen und sprechen uns lachend an. Ich frage den „Stimmungsmacher“, ob er das alte Saiteninstrument, das hinter uns an der Wand hängt, spielen kann. Das wäre ein altes Instrument aus Mauretanien, sagt er. Weiteres scheitert allerdings an mangelnden musikalischen Fertigkeiten und fehlenden Sprachkenntnissen beiderseits.

Am Nachmittag kommt kühlender Wind auf und dunkle Wolken häufen sich am Himmel. Es wird doch wohl in der Wüste keinen Regen geben? In diesem Jahr ist auch in Marokko das Wetter nicht so, wie man es eigentlich kennt. Das haben wir schon mehrmals unterwegs von Einheimischen und Reisenden die oft hier waren gehört.
Nachts wache ich auf, der Wind hat sich gelegt, der Himmel ist voller Sterne.


Sonntag, 25. März: ⵜⵉⵖⵎⴰⵔⵜ (Oase Tighmert)

Die Sonne scheint wieder und es ist Sonntag, da machen wir gar nichts.
Oder doch: wir waschen Wäsche auf marokkanisch. Vor der Dusche steht eine Waschmaschine, die auch die Familie benutzt. Manuelle Wasserzufuhr, links Waschen und spülen mit Zeitschaltuhr, rechts schleudern, dann in der Sonne trocknen. Das erste Mal dieses Jahr die Wäsche im Garten aufhängen, nicht im eigenen, dafür in Afrika.
Ansonsten lassen wir die Seele baumeln, spielen Tetris, sitzen im angrenzenden Garten an einem schattigen Platz. Hier essen wir auch die Tajine, wieder mit Kamelfleisch, aber mit anderem Gemüse. Auch wieder sehr lecker. Ach, geht es uns gut.
Der Möbel-LKW mit der französischen Familie ist weg. Nun sind wir allein auf dem Hof. Am Nachmittag kommt ein VW-Bus, ein Paar aus Marburg. Beide sind Biologen, sie Pflanzen und er mit dem Spezialgebiet Falter. Wir laden beide zu einem mitgebrachten Tetrapack Südafrikawein ein und reden eine Weile.
Während unseres frühabendlichen Spazierganges durch die Palmenhaine kracht und rumpelt es neben uns im Gebüsch.

Eine Rotte Wildschweine bricht hervor, quert fünf Meter vor uns den Weg und verschwindet auf der anderen Seite wieder. Ein Trupp von vier vielleicht zehnjährigen Jungen mit Knüppeln aus Palmwedeln bewaffnet in wildem Lauf hinterher. Als sie uns wahrnehmen stoppen sie. Ganz aufgeregt schwingen sie ihre Knüppel. „Madame et monsieur, danger, sanglier“. Unsere rudimentären Französischkenntnisse behindern die weiter Konversation erheblich. Sie stellen sich mit Namen vor, und möchten unsere Leibgarde sein und möchten wissen woher wir sind. Das können wir gerade noch klären. Jetzt wollen sie uns etwas zeigen: „Anglais, Anglais…“ Von der Truppe ein Stück geleitet, sehen wir auf einem Hügel einen alten zum Wohnmobil ausgebauten Gelände LKW stehen. Die Engländer entpuppen sich als Österreicher. Auf ihrem Auto prangt die Aufschrift „Krawalldackel“. Sie haben sich an dem idyllischen Ort für einige Zeit festgesetzt. Der Leibgarde wird Bescheid gegeben, dass ihre Dienste jetzt nicht benötigt werden und außerdem möchte Madame jetzt vor dem Auto duschen. Sie ziehen sich auf entferntere Beobachtungsposten zurück. Wir plaudern über das woher und wohin und werden auf eine Runde wüstenwarmen österreichischen Zirbenschnaps eingeladen.

Auf unserem weiteren Rundgang treffen wir auf drei traditionell gewandete Männer mit mehreren Kindern. Einer spricht uns sofort in perfektem Englisch an: „Here is the paradise...“ Wir kommen ins Gespräch. Er ist in England geboren, seine Eltern wanderten schon vor seiner Geburt aus. Jedoch kommt er mit seinen Kindern jedes Jahr einmal hierher zum Ursprungsort seiner Familie.
Zum Platz zurückgekehrt sitzen wir dann im Zelt. Der Chef ist gegen Abend auch wieder da, er war auf einem Berber-Musikfestival. So sitzen wir auf den dargebotenen Kissen und lauschen einem Gitarristen aus dem Dorf, den sie hier Jimi Hendrix nennen. Er hat seine Gitarre sehr eigentümlich gestimmt und spielt Berberrhytmen, aber auch Blues.
Salah, der Chef über Alles, sitzt tiefenentspannt auf seinem Polster und philosophiert darüber, wie die Welt sein könnte und dass sich Europa mehr in Richtung Afrika öffnen müsste. Man hofft, aber Europa ist nur mit sich selbst beschäftigt. Er selbst ist aus Europa zurückgekehrt, nachdem er viele Jahre in Deutschland gelebt hat. Es war nicht auf Dauer seine Welt. Sein Herz schlägt für seine Heimat. Hier bei seiner Familie, hat er seine Mitte gefunden. Er hat sich oasenparadisisch im Leben eingerichtet.
Während ich ihm so zuhöre, beschleicht mich eine unerklärliche Wehmut. Er hat eine Lebenseinstellung, um den ihn ihn beneide. Aber er ermutigt auch und sagt uns, das was wir tun ist genau das Richtige. Wobei ich daran bis jetzt auch keinen Zweifel habe. Kann es uns besser gehen als in diesem Augenblick? Das ist einer der vielen Momente, die sich tief in meine Reiserinnerungen einbrennen werden. Es kommen immer mehr Leute ins Zelt, Wir bekommen alle vorgestellt: Cousins, der Bruder vom Schwager, der Schwager vom Cousin…. Irgendwie sind hier alle verwandt.
Der Biologe aus Marburg spielt auch noch Gitarre. Es wird ein langer Abend mit ganz viel Tee am Lagerfeuer.

© B. & F. S., 2019
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Schon einmal in Marokko unterwegs, waren wir fasziniert von Land und Leuten. Wir werden wiederkommen schworen wir damals. Das haben wir nun getan und haben mehr Zeit mitgebracht als auf der Reise von 2014. In zwei Monaten nahmen wir 10.682 Kilometer mit unserer blauen Zitrone unter die Räder.
Details:
Aufbruch: 06.03.2018
Dauer: 8 Wochen
Heimkehr: 01.05.2018
Reiseziele: Marokko
Frankreich
Spanien
Deutschland
Der Autor
 
B. & F. S. berichtet seit 32 Monaten auf umdiewelt.