12 (?) Monate in Benin - ein Leben in einer anderen Welt

Benin-Reisebericht  |  Reisezeit: Oktober 2007 - Oktober 2008  |  von Johanna Hoffmann

Februar 2008

Am 16.02. war George W. Bush in Benin. Er hat zu der Zeit eine Rundreise durch einige westafrikanische Staaten gemacht. Wegen des Öls. Ich war geschockt zu sehen, dass auch Benin, für den Öl der einzige Reichtum ist und er ansonsten absolut verloren ist auf dem Weltmarkt, mit diesem Menschen sympathisiert. Warum, Dr. Yayi BONI?! (Präsident von Benin) Ich meine, ich saß dran mit René am Nachmittag bei der Übertragung vom Besuch in den Nachrichten. René war auch total beeindruckt von ihm und Ohs und Ahs. Als ich angefangen habe mich über Bush aufzuregen und v. a. seine Rede war ja wohl echt in fettgedruckten Lettern: "Ich schmiere euch gerade Honig um den Bart weil ihr dumme Afrikaner seid und nachher werde ich euch einfach euer Öl wegnehmen können." René hat gar nicht so verstanden, warum ich mich SO SEHR aufrege. Toll findet er ihn auch nicht, aber was soll's. Leute, das ist euer Land und die Zukunft eures Landes! Den ganzen Tag und den Folgetag kamen nur Bush und Yayi Boni im Fernsehen. Und alle waren stolz darauf, diesen wichtigen Mann in ihrem Land begrüßen zu dürfen. Einfach nur stolz.

In den Faschingsferien habe ich mit den pré-jeunes von SOS (Das sind die Dorfkinder die dieses oder nächstes Jahr ins Foyer kommen.) an der Bildungswoche teilgenommen. Das wurde von den beiden Jugendbetreuern des Forums veranstaltet. Es wurden Themen wie Sexualität, Hygiene, Jugend, Erwachsenwerden, etc behandelt. Das war sehr interessant, weil man in Deutschland an diesen Ausklärungswochen ja auch nicht mangelt. Allerdings waren die Inhalte hier doch in Nuancen unterschiedlich. Da kamen so Sätze wie: "Homosexualität ist eine Krankheit." Vom Lehrer. Grinsen musste ich allerdings darüber, das man hier wie bei uns den Kindern einerseits einredet dass sie jetzt erwachsen werden und schon groß sind und ihnen gleichzeitig jegliches eigenständiges Handeln durch unzählige Regeln unmöglich macht. Naja, ich fand es einfach interessant, was so erzählt wurde und v. a. wie die Kids darauf reagiert haben. Diskussionen gab es kaum. Wieder ein Beweis für die Autorität. Was der Ausbilder sagt stimmt und das wird als eine Wahrheit auswendig gelernt. Ich kann 1005 schwören, dass wenn irgendeiner von den Teilnehmern eines Tages in eine Diskussion über Homosexualität kommt, er den Lehrer zitieren wird - weil er es übernommen hat und somit selber glaubt.

Zum Auflockern wurden dann Teamspiele gemacht. Und am letzten Tag ging's ins Schwimmbad. Das hat mich super gefreut, weil die Jugendlichen tatsächlich baden gegangen sind. Normalerweise haben die Beniner ja Angst vorm Wasser und können nicht schwimmen. Die meisten konnten auch nicht schwimmen, aber sie haben es versucht oder sind einfach im Nichtschwimmerteil rumgehüpft. Das hat mich richtig gefreut. Das genialste waren allerdings meine Zwillinge. Da Beniner ja wie gesagt selten schwimmen gehen haben auch die wenigsten Badesachen. Géraud hat sich mit einer schwarzen Minibadehose noch recht gut gehalten. Yves allerdings hat zu einer weißen (und nach kurzer Zeit äußerst durchsichtigen) Baumwollunterhose gegriffen. Ach Gott, ich habe mich köstlich amüsiert. Und das schönste war: Es war ihnen einfach wurscht!

Den andern Tag kam ich im Dorf an und die Mütter hatten sich alle unter einer der drei Strohhütten versammelt und waren dabei, Reis und Mais zu verteilen. Jemand hat ihnen eine Sachspende gegeben. D.h. dass eine Gesellschaft ihnen das für billiger gegeben hat. Das hilft ihnen einiges, denn sie werden pro Kind pro Tag gezahlt. Also, SOS übernimmt ja alle Lebenshaltungskosten für alle seine Kinder. Und somit erhält jede Mutter entsprechend ihrer Anzahl von Kindern am Anfang des Monats das entsprechende Geld. Für Feiertage wie Weihnachten gibt es dann Extrageld, damit Frisör und Festkleidung gezahlt werden können. Ansonsten gibt es pro Kind pro Tag 550 F CFA. Das macht umgerechnet 0,84€. Nein, das ist nicht ausreichend. Ganz und gar nicht. Ich z.B. zahle für mein Zém zur Arbeit 200 F CFA. Und abends dasselbe wieder heim. Macht schon 400 F CFA. Da ist Essen, Kleidung, Schulzubehör, etc. noch nicht eingerechnet. 550 F CFA sind also völlig unausreichend. Die Mütter wissen das und versuchen trotzdem alles ihnen mögliche, um die Runden zu kommen. Am Ende des Monats müssen die meisten jedoch trotzdem auf ihr eigenes Geld zurückgreifen - wenn ihnen an ihren SOS-Kindern was liegt. Ob SOS kein Geld hat, fragt ihr mich? Es ist doch eine internationale Organisation. Nein, Geld hat es schon. Nur es ist wichtiger, dass der Rasensprenkler sogar die Nacht über nicht abgestellt wird, damit man nach außen hin bei Besuchern einen guten Eindruck erweckt, als dass die Wasserhähne im Dorf funktionieren und die Glühbirnen ausgewechselt werden.

Eine total nette Sache finde ich auch, wie Mittwochs (da ist ja nachmittags kein Unterricht) und Samstags immer gemeinsam Wäsche gewaschen wird. Die meisten Mütter reihen da wirklich ihre Kinder in einer Reihe auf und dann waschen sie da alle ihre Sachen. Oder zwei waschen, zwei waschen aus, einer macht die Socken und Unterwäsche. Irgendwie teilt man das schon ein. Das sieht dann richtig goldig aus, wie sie da alle so nebeneinander stehen und schrubben. Und ich bin gleichzeitig froh, der Fotograf zu sein und nicht mitschrubben zu müssen. Hehe

An einem Mittwoch hab ich dann meine Zwillinge, den Papayer und Rosa zu mir eingeladen. Einfach um ihnen auch mal einen Wechsel des Schauplatzes zu ermöglichen. Die kommen ja nie aus dem Dorf raus (außer für die Schule). Wir waren bei mir und haben uns ein bisschen amüsiert. Bis Rosa irgendwann eingeschlafen ist, da sind sie dann wieder heim.
Das z.B. war eine Aktion die auch geheim bleiben muss. Wenn eine der Mütter etwas davon erfahren würde, oh, dann wäre der Teufel los. Außer Maman 10, die Mutter von Rosa. Maman 10 ist super. Sie ist erst seit drei Jahren Mutter bei SOS und mit ihren 32 die Jüngste von allen. Man merkt, dass sie noch Energie hat, selber noch was sehen will vom Leben und auch mit ihren Kindern in ihrer Erziehung liberaler ist. Die älteren Mütter sind einfach schon... oft geben sie den Eindruck als würden sie sich fragen, wann das nur endlich alles ein Ende haben kann.
A propos Ende. Wenn eine Mutter in Rente geht oder stirbt, dann wird sie von einer Tante ersetzt. Da setzen sich die wichtigen Menschen von SOS zusammen und beraten, welche Tante mit den Kindern des betroffenen Hauses gut zurecht kommt und welche in der Lage ist, Mutter zu sein. Dann wird den Kindern von der gehenden Mutter langsam aber sicher, über ca. 3 Monate hinweg, beigebracht, dass sie nicht mehr da sein wird und das jetzt eine andere "Maman" im Haus sein wird. Ich hab da mal mit den Kindern gesprochen, wie die das finden. Naja, ist halt so. Schon komisch. Aber man gewöhnt sich meistens irgendwann dran. V. a. weil sie die neue Mutter ja schon vorher kannten. Normalerweise. Die neue Mutter 1 (sie ist seit Januar 2008 da) kam ganz neu ins Dorf. Aber es klappt gut im Haus. Dasselbe mit neuen Geschwistern. Meistens eine Woche davor werden die Mütter informiert, dass sie ein neues Kind bekommen. Und dann werden sie eben in die Geschichte des Kindes eingeweiht und bringen es den Geschwistern bei. Ja und irgendwann ist der Neue dann da und das ist dann auch alles. Einmal im Dorf kann man nicht mehr weg. Außer wenn sich die Situation der Familie stark verbessert und das Kind, wenn es zurück geht, trotzdem in sicheren Händen ist. Die meisten sind ja Waisen oder Halbwaisen. Aber dass ein Kind das Dorf wieder verlässt ist sehr sehr selten. Adoption z.B. ist nicht möglich. Wenn man möchte kann man Pate werden (was mit diesem Geld geschieht konnte mir bis heute nicht verständlich gemacht werden), Pate eines Kindes oder eines Dorfes. Dann kann man Besuche machen und Briefe schreiben und wird niemals eine Antwort erhalten - weil SOS die Briefen nämlich öffnet, liest, und zensiert, sprich Kontaktdaten schwärzt. Tja, soviel zum Thema den Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen. Ich weiß nicht, je länger ich in diesem Kinderdorf arbeite, desto weniger will ich dort hin. Und desto weniger stolz bin ich darauf, bei SOS ein Praktikum gemacht zu haben. Andererseits merke ich, dass der Großteil dieser Kinder wirklich ein SOS-Fall ist und man ihre Seele retten muss. Nicht alle sind wie die Zwillinge und machen sich einfach nichts draus. Doch der Großteil und dafür bin ich Gott sehr dankbar. Aber einfach nicht alle und der eine oder andere geht mit einem gebrochenem Charakter aus der Sache hervor. Ist das wirklich das Ziel von SOS Villages d'Enfants?

Yves, Stéphanie (Cameroun), Géraud, Aida (Niger)

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der der steht ist Monsieur Cyrille, der Fortbildungsleiter

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die Kinder von Haus 4

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© Johanna Hoffmann, 2007
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Endlich wird ein Traum wahr: Mama Africa, ich komme!! Für voraussichtlich 12 Monate werde ich in Abomey leben, davon 6 Monate in einem SOS Kinderdorf, die anderen 6 in einem Krankenhaus ein freiwilliges Praktikum machen.
Details:
Aufbruch: 07.10.2007
Dauer: 12 Monate
Heimkehr: Oktober 2008
Reiseziele: Benin
Ghana
Der Autor
 
Johanna Hoffmann berichtet seit 13 Jahren auf umdiewelt.
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