Westafrika: 17 Tage in Ghana / Togo / Benin

Ghana-Reisebericht  |  Reisezeit: März 2003  |  von Uwe Decker

Accra


Samstag, 22.03.2003:

Verwandtenbesuch ist angesagt, gleichzeitig Wäsche abholen. Nateki will mir zeigen, wo sie wohnt. Wir fahren mit dem Taxi in eine Straße im Ortsteil Kaneshie. Links stehen schicke Häuser, mit hohen Mauern, rechts an der Straßenfront einige Bretterbuden als Verkaufsstände, dazwischen sind schmale Durchgänge in das hinterliegende Wohnviertel. Wir steigen aus - und gehen nach rechts. Sie geht voran, dreht sich um und sagt: "Ich hätte dir vielleicht sagen sollen, dass ich sehr arm bin." Hier stehen ohne erkennbare Ordnung gemauerte, aber unverputzte Häuser, teilweise verfallen, schmale, staubige Wege, viel Müll. Nach kurzer Zeit bleiben wir vor einem Haus stehen, die Türen sind hier nicht verschlossen, und treten ein. Es besteht aus einem Raum, vielleicht 18 bis 20 qm, mit großem Bett, drei teils kaputten Plastikstühlen, einem Tisch, einem Regal mit allerlei Küchengeschirr, ein kaputter Fernseher steht in der Ecke. Neben dem Bett türmen sich Kleider, durch eine halb hohe Mauer abgetrennt soll demnächst ein kleines Bad entstehen (s. Bild). Im Moment steht dort nur ein Hocker und eine große Plastikschale. Im Zimmer sind gerade ihre Schwester und ihr kleiner Sohn Marc, die Mitbewohner des Hauses bzw. Zimmers. Vor ein paar Tagen kam überraschend ihre Mutter aus Nigeria zurück, sie wird hier zunächst auch mit wohnen, ihr gehört das Haus.

Bei Nateki zuhause.

Bei Nateki zuhause.

Ich werde vorgestellt, auch draußen bei den Nachbarn und weiteren Verwandten und überall herzlich begrüßt. Ihrem Sohn habe ich meine restlichen Haribo-Tüten mitgebracht. Er freut sich natürlich sehr, die Süßigkeiten schmecken ihm gut. Aber auch die Anderen wollen probieren und nehmen ihm nach und nach die Beutel weg, bis nur noch wenige übrig sind. So hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt.

Dann bin ich eine Weile alleine mit Marc im Raum und spiele mit ihm und seinen Spielsachen. Es handelt sich um genau drei kaputte Autos.

Irgendwann kreuzt Nateki mit meiner Wäsche und Bügeleisen auf. Auf das Bügeln zu warten dauert mir aber zu lange. Ich möchte heute Mittag noch in die Stadt und dann zum Fußball. Für abends bin ich dann zum Essen eingeladen. Ich darf mir etwas wünschen und wähle Shrimps mit Reis. Dass ich das Geld gebe, damit die Zutaten auf dem Markt eingekauft werden können ist selbstverständlich. Überhaupt gehe ich etwas nachdenklicher als ich gekommen bin, wieder weg. Es ist manchmal gut zu wissen, wie die Leute leben, mit denen man es hier zu tun hat.

Der Eintritt zum Fußballspiel zwischen den Liberty Professionals und Olympics ist frei, das Schlagerspiel findet erst morgen statt zwischen Hearts und Kotoka. Trotzdem ist das Stadion nur mäßig gefüllt. Plötzlich erinnere ich mich, dass es ja dieses Stadion war, in dem es vor etwa einem Jahr zu einer Katastrophe kam, ausgelöst durch Massenschlägereien rivalisierender Fans, mit über 100 Toten. Auch morgen werde ich Fernsehen wieder gewalttätige Ausschreitungen sehen.

Die Stimmung ist gut, aber die Fans sind hier genauso fassungslos über die schlechten Leistungen ihrer Idole wie bei uns. Und schlecht ist das Spiel wirklich, es hat etwa Regionalligaformat. Liberty gewinnt 1:0, durch ein Tor, dass nie und nimmer eines gewesen ist. Das muss ich den Olympic Fans, die neben mir sitzen, immer wieder versichern. Die Meinung eines Beobachters aus dem Lande des Vizeweltmeisters hat hier Gewicht.

Auf dem Rückweg steige ich am Kaneshie Markt aus und bummele durch die Gassen, ich habe noch etwas Zeit, dusche ausgiebig, dann geht es zum Abendessen. Das wird gerade vorbereitet, draußen auf verschiedenen Kochstellen, jeder ist dran beteiligt. Das Geld hat neben den Shrimps auch noch für Thunfisch und Corned Beef gereicht, dazu gibt es Gemüse und reichlich scharfe Gewürze. Ich sitze bei den Nachbarn auf der Bank und sehe dem Treiben zu. Es ist eine unendlich friedliche und entspannte Atmosphäre, sie erinnert mich an den Abend bei dem Voodoo-Mann. Hier schwatzt jeder mit dem anderen, es wird viel gelacht, niemand ist hier alleine. Das Essen ist sehr scharf, schmeckt aber köstlich, und ich vertrage es auch ganz gut.

Gegen Mitternacht ist dann wieder das Macoumba dran. Von den Nightclub-Abenden bin ich dieses Mal eher enttäuscht. Die fand ich bei meinem ersten Besuch in Accra und auch in Burkina wesentlich besser. Die Discos, in denen wir bisher waren, orientieren sich am westlichen Musikgeschmack. Dabei ist die Stimmung immer dann viel besser, wenn mehr Afrikanisches gespielt wird.

Die Polizei - Dein Freund und Helfer. Meine nächsten beiden Erfahrungen mit der hiesigen Polizei liegen nur wenige Stunden auseinander. Zunächst werden wir auf dem Weg von der Disco an einer Straßensperre angehalten. Der Polizist leuchtet ins Fahrzeug und bittet mich, einen kleinen Beitrag für neue Batterien für seine Taschenlampe zu leisten. Dem komme ich natürlich gerne nach, gebe großzügig 5000 Cedi, gut 50 Cent also und freue mich, damit die Arbeit der ghanaischen Polizei unterstützen zu können.

© Uwe Decker, 2004
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Eine Reise durch Ghana, Togo und Benin im Frühjahr 2003.
Details:
Aufbruch: 08.03.2003
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 25.03.2003
Reiseziele: Ghana
Lome
Benin
Der Autor
 
Uwe Decker berichtet seit 16 Jahren auf umdiewelt.
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