Bhutan - mit dem Fahrrad durch das Land des Donnerdrachens

Bhutan-Reisebericht  |  Reisezeit: Oktober 2014  |  von Jörn Tietje

Ab in die Berge

Von einem Fahrradguide, der keine Lust zum Rad fahren hat

Endlich soll die Radtour nach den eher kleinen Ausflügen um Thimphu und Punakha und der ausgefallenen Etappe zwischen eben diesen beiden Orten losgehen. Nach dem Frühstück soll es erst einmal wieder am Fluss entlang nach Wanguephodrang gehen. Das ist der Ort, wo gestern die Betonbrücke zur Hängebrücke umdeklariert wurde. Die etwa 20 km sind leicht zu fahren, ohne nennenswerte Steigungen und Nima fährt los, als wenn er an einem Rennen teilnimmt. Na gut, die Herausforderung nehme ich doch gern an und bleibe ihm dicht auf den Fersen. Schweiß überströmt steigt Nima dann in Wanguephodrang vom Rad, um mir das Kloster zu zeigen. Teilweise kommt bei seinen Versuchen, den Reiseführer zu geben eine ganz besondere Situationskomik auf. Er fragt einen jungen Mönch auf Dzongkha nach Namen und Bedeutung einer Statue in einem Altarraum. Mit Mühe bekommt dieser stark stotternde junge Mann die gewünschte Auskunft heraus, die Nima mir dann ins Englische übersetzt, wobei er den Namen falsch ausspricht, was wiederum bei den Mönchen zu Lachanfällen führt, die dann die englische Erklärung abgeben.
Nach diesem kurzen Zwischenstopp, den wir auch gestern gut hätten erledigen können, schlägt Nima vor, die Räder auf den Pickup zu verladen und mit dem Auto weiterzufahren. Jetzt verstehe ich auch sein hohes Tempo auf dem Stück hierher. Er wollte den alten Mann mürbe fahren. Die nächsten 50km geht es durchgehend 2100 Höhenmeter bergauf und das wäre wohl doch etwas zu viel! So nicht! Ich muss dann doch einmal sehr deutlich machen, dass ich zum Fahrrad fahren hier bin und mir auch durchaus klar ist, dass es in Bhutan keine Ebenen gibt. Ob er will oder nicht, da muss er jetzt durch. Daraufhin erklärt er mit, dass er ja viel jünger und auch leichter als ich wäre und er deswegen von nun an hinter mir fahren werde - also der Lumpensammler. Diese Ansage nehme ich doch gern an. An seiner Fahrweise habe ich in den Tagen vorher schon erkannt, dass er wohl kurze Steigungen im Wiegetritt und im hohen Gang ganz gut bewältigt, dass ich aber nicht die Technik, mit der man 50 km bergauf durchhält. Dazu gehören Geduld und Ausdauer.
Bewusst gehe ich etwas zügiger als gewohnt an und mache ebenso bewusst keine Pausen. Nima fällt schnell zurück und nach ungefähr einem Drittel der Strecke erklärt er, er habe Rückenschmerzen und könne nicht weiter fahren. Okay, setze dich ins Auto, ich bleibe auf dem Rad.

Landschaftlich ist die Strecke spektakulär. Die Straße ist eng und kruvig und obwohl es die Hauptverbindungsstraße des Landes ist, hält sich der Verkehr deutlich in Grenzen

Landschaftlich ist die Strecke spektakulär. Die Straße ist eng und kruvig und obwohl es die Hauptverbindungsstraße des Landes ist, hält sich der Verkehr deutlich in Grenzen

An der Straße muss ständig gebaut werden. Insbesondere Erdrutsche zerstören die Fahrbahn. Bevor der neue Asphalt aufgetragen werden kann, muss aber erst mal der Teer aufgekocht werden

An der Straße muss ständig gebaut werden. Insbesondere Erdrutsche zerstören die Fahrbahn. Bevor der neue Asphalt aufgetragen werden kann, muss aber erst mal der Teer aufgekocht werden

Passhöhen gleichen sich immer irgendwie. Manchmal, wenn man den Destrikt wechselt ein Tor, immer eine Stupa und viele, viele Gebetsfahnen, weil hier oben der Wind alles Böse davonträgt

Passhöhen gleichen sich immer irgendwie. Manchmal, wenn man den Destrikt wechselt ein Tor, immer eine Stupa und viele, viele Gebetsfahnen, weil hier oben der Wind alles Böse davonträgt

Trotz mehrmaliger Nachfragen bleibe ich auf dem Rad und erreiche den Pass auf 3300m Höhe. Das war ein hartes Stück Arbeit. Wenn auch mit Ausnahme der letzten beiden Kilometer die Steigung moderat war, die Dauer macht einen fertig. 50km im kleinen Gang und keine Chance sich auch nur einmal ein paar Meter rollen zu lassen.
Hier oben holt Nima denn auch wieder sein Rad vom Pickup und rast den Berg nach Gangtey hinab, wo wir in einer Unterkunft direkt neben einem - natürlich - Kloster unterkommen, wo die ganze Nacht Mäuse auf dem Dachboden das Schlafen auch nicht gerade fördern. Aber hier sind wir schon sehr in der Abgeschiedenheit Zentralbhutans. Hier überwintern auch die seltenen Schwarzhalskraniche. Leider sind sie noch nicht da. Die heiligen Vögel werden erst Ende Oktober erwartet.
Die Nacht ist in dieser Höhe schon empfindlich kalt und morgens liegt Raureif über dem Gras.

Selbstverständlich steht auch in Gangtey die Besichtigung des Klosters auf dem Programm. Schützende Figuren, die die Häuserecken zieren.

Selbstverständlich steht auch in Gangtey die Besichtigung des Klosters auf dem Programm. Schützende Figuren, die die Häuserecken zieren.

Von Gangtey nach Trongsa

Auch am Morgen plagen Nima noch Rückenschmerzen und den Weg zurück zur Passhöhe verbringt er im Auto. Dort oben hat er sein Rad bei meiner Ankunft schon für die Talfahrt abgeladen. Ein kurzes Stück geht es dann bergab, um dann gleich den Anlauf zum nächsten, etwa 3350m hohen Pelela Pass zu nehmen. Kein Problem und es folgt eine ebenso lange Abfahrt ins Tal nach Trongsa wie der gestrige Anstieg - Nima ist natürlich dabei. Wir kommen im View Point Resort kurz vor Trongsa unter, das irgendwie den Eindruck macht, dass es in der letzten Saison endgültig geschlossen wurde. Aber es gibt etwas zu Essen, eine heiße Dusche und ein bequemes Bett für die Nacht. Das Hotel hat seinen Namen, weil man vom Restaurant im 2. Stock einen herrlichen Blick über das Tal und über Trongsa hat. Der Ort ist Destrikthauptstadt und hat natürlichen einen Dzong den wir natürlich auch besichtigen. Auch wenn der Ort vom Hotel zum Greifen nahe aussieht, ist der Weg bis ins 300m tiefe Tal und auf der anderen Seite wieder hinauf etwa 10km lang - wir nehmen das Auto, die Strecke steht erst für den nächsten Tag auf dem Programm.

Hoch über dem Tal thront der Dzong von Trongsa direkt auf der Klippe

Hoch über dem Tal thront der Dzong von Trongsa direkt auf der Klippe

Nicht nur von außen beeindruckt ein Dzong. Im Innern sind die Gebäudeteile über und über mit Schnitzereien und Malereien verziehrt

Nicht nur von außen beeindruckt ein Dzong. Im Innern sind die Gebäudeteile über und über mit Schnitzereien und Malereien verziehrt

Zur Innenausstattung der Klöster und Dzongs gehören natürlich auch zahllose Gebetsmühlen unterschiedlicher Größe

Zur Innenausstattung der Klöster und Dzongs gehören natürlich auch zahllose Gebetsmühlen unterschiedlicher Größe

Im Schatten des Dzong trainieren Bhutaner im traditionellen Gewand den Nationalsport des Landes mit nicht ganz so tradionellen Sportbögen. Man verlässt sich sehr auf die Treffsicherheit der Schützen, denn in etwa 100m Entfernung stehen andere Männer und lassen eine ca. 2 - 3 m breite Gasse zum Ziel

Im Schatten des Dzong trainieren Bhutaner im traditionellen Gewand den Nationalsport des Landes mit nicht ganz so tradionellen Sportbögen. Man verlässt sich sehr auf die Treffsicherheit der Schützen, denn in etwa 100m Entfernung stehen andere Männer und lassen eine ca. 2 - 3 m breite Gasse zum Ziel

Über der Stadt und dem Dzong wacht ein mächtiger Aussichtsturm - den hat nicht jede Stadt

Über der Stadt und dem Dzong wacht ein mächtiger Aussichtsturm - den hat nicht jede Stadt

Übertriebenes Sicherheitsdenken

Über den Straßenverkehr und den Fahrstil vieler Bhutaner habe ich ja schon berichtet. Seit Punakha begleitet uns ein anderer Fahrer mit seinem nicht mehr ganz so neuen Toyota Pickup. Der lässt zumindest wegen des sehr eingeschränkten Beschleunigungsvermögens keine waghalsigen Überholmanöver zu. Sicherheitsgurte hat dieser Wagen auch bei seiner Auslieferung nicht gehabt - sind auch eigentlich albern. Wenn man hier von der Straße abkommt, geht es in aller Regel ziemlich tief in den Abgrund - und dannn sind Sicherheitsgurte auch keine Hilfe mehr. Auf dem Weg vom Hotel nach Trongsa blieb der Wagen stehen und machte keine Anstalten, wieder anzuspringen. Die Batterie war am Ende. Zusätzliches Problem: Die Handbremse verdient ihren Namen nicht mehr und zum Starten ist das hinderlich, wenn man den Fuß nicht von der Bremse nehmen kann. Aber wo ist das Problem. Rückwärtsgang einlegen, den Wagen ein paar Meter rückwärts den Berg hinunter rollen lassen, Kupplung kommen lassen und der Motor läuft! Geht doch!

Im Hotel geht man aber doch lieber auf Nummer Sicher - Sicherung des Hotelzimmers

Im Hotel geht man aber doch lieber auf Nummer Sicher - Sicherung des Hotelzimmers

So ganz traut der Fahrer seinem Gefährt aber doch nicht mehr, denn am nächsten Morgen lässt er erst einmal einem Mechaniker kommen, sodass wir für die folgenden 6 Stunden auf das Knattern des altersschwachen Diesels verzichten müssen. Wenn er nicht auch den Proviant an Bord hätte wäre das kein Problem.
Ein kleines Problem hat allerdings Nima, denn nachdem wir vom Hotel aus den Talgrund mit der Brücke über den Fluss erreicht haben, geht es erneut 1500 Höhenmeter über etwa 30 km bergauf. Da muss er nun durch - kein Rückzug ins Auto möglich. 400 Höhenmeter vor dem Pass kommt ihm dann das Pech zur Hilfe, sein Kette reißt und das Werkzeug befindet sich natürlich auch im Auto. Er wartet, ich fahre allein den Rest des Anstiegs und werde erst auf der Hälfte der anschließenden Talfahrt von beiden wieder eingeholt. Gemeinsam rollen wir dann in unser Tagesziel Bumthang und beziehen eine tolle neue Unterkunft mit Ofenfeuer im Zimmer!

© Jörn Tietje, 2014
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Bhutan? Wo ist das denn? Das ist die häufigste Reaktion auf die Frage nach meinem nächsten Reiseziel. Zugegeben: Ein bisschen abseits der Haupttouritenströme liegt das kleine Königreich zwischen Indien und China im Himlaya schon und auch die Bedingungen, in dieses Land zu kommen sind nicht so ganz ohne. Allerdings hoffe ich auf weitgehend unverfälsche Eindrücke aus dem wohl letzten ursprünglichen buddhistischen Land der Erde.
Details:
Aufbruch: 06.10.2014
Dauer: 3 Wochen
Heimkehr: 26.10.2014
Reiseziele: Bhutan
Der Autor
 
Jörn Tietje berichtet seit 11 Jahren auf umdiewelt.
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