Indien von Süd nach Nord, 1993/4

Indien-Reisebericht  |  Reisezeit: November 1993 - Februar 1994  |  von Adi Meyerhofer

Indien (3. Jan. bis 4. Feb. 1994): Agra und Delhi

Nach Indien zu reisen und das Taj Mahal nicht gesehen zu haben ist vermutlich so, wie wenn ein Japaner nach Europa kommt und dann nicht in Rothenburg o.d.T. war. Das wissen auch die Schlepper am Bahnhof von Agra. Ich hatte noch nicht einmal die zweite Stufe des Waggons beim Aussteigen berührt, da hatte ich schon drei am Hals -- das war nicht die halbwegs gutmütige Sorte die man andernorts trifft, sondern wirklich aggressive Typen, die nicht aus dem Weg gehen wollten. Ich war bereits gewarnt worden, daß man wenn man in Agra ein Taxi nimmt, auf den ausgehandelten Preis 10 Rs drauflegen muß, weil sämtliche Ausländer IMMER in zwei verschiedenen Läden abgeladen werden, wo der Taxler je 5 Rs Kommission fürs Anschleppen bekam. Durch die 10 Rs konnte man sich von solchen Zwangspausen freikaufen und wurde direkt an sein Ziel gefahren. ("Don't pay the ferryman, until he gets you to the other side." Chris de Burgh, 1982)

Wälle des Agra Fort.

Wälle des Agra Fort.

Ich habe nach dem abschreckenden Empfang bei meiner frühmorgendlichen Ankunft einen "retiring room" im Bahnhof für 24 Stunden gebucht. Zwar hatte ich meine Buchungsbetätigung, aber die Putze wollte partout den Schlüssel nur gegen weitere 50 Rs Bakshisch herausrücken. Der stellvertretende Bahnhofvorsteher wollte, daß ich vom Eintrag im "complaint book" absähe, weil die Dame sonst in Teufels Küche käme. -- Sollte sie von mir aus! In meinen ersten 20 Minuten in Agra hatte ich nur Geier getroffen. (Den Schlüssel gab es dann trotz aller Proteste gnädigerweise für 30 Rs. Daß sich diese Herrschaften um ein vielleicht deutlich besseres Trinkgeld bringen wird wohl nie vermittelbar sein -- Flexibilität ist nicht des Inders Ding.) Das große Zimmer selbst war ein Traum: leicht angestaubtes koloniales Mobiliar von ca. 1920 und ein gutes Bad.

Blick vom Fort auf das Taj, wie ihn der von seinem Sohn abgesetzte Shah Jahan hatte. (Könige abzusetzen, die nach Ansicht der Familie zu viel Geld für den Schloßbau ausgeben, ist keine orientalische Spezialität, auch der bayrische König Ludwig II. wurde dafür ersäuft.)

Blick vom Fort auf das Taj, wie ihn der von seinem Sohn abgesetzte Shah Jahan hatte. (Könige abzusetzen, die nach Ansicht der Familie zu viel Geld für den Schloßbau ausgeben, ist keine orientalische Spezialität, auch der bayrische König Ludwig II. wurde dafür ersäuft.)

Die Regierung hatte Anfang der 1990er erkannt, daß die Abgase der zahlreichen kleinen Industriebetriebe -- Indien verfügt über große Kohlevorkommen, die kostengünstig Brennmaterial liefern, aber einen im internationalen Vergleich extrem hohen Schwefel- und Ascheanteil haben -- den Marmor des Taj angreifen. Man begann daher etliche Dreckschleudern zwangsweise zu schließen, was auf ziemlich autoritäre Weise geschah -- es traf zuerst die Kleinen. Die großen Industriebetriebe waren für die örtliche Wirtschaft zu wichtig und hatten außerdem genug Geld sich juristisch zu wehren.

Nachdem es noch morgendlich kühl war bin ich zu Fuß losmarschiert. Man konnte aber keine 20 m laufen, ohne von einem Tuk-tuk-Fahrer angemacht zu werden, so daß ich zum Agra Fort den Bus nahm. Das Fort aus rotem Sandstein ist mindestens genauso beeindruckend wie das in Delhi. Zum Taj lief ich dann zu Fuß, und kam gegen 14 Uhr an.

[Seit einigen Jahren hat man die "you travel, you rich, you pay"-Diskriminierung, die schon in allen anderen indischen Museen die Preise verdrei- bis verzehnfacht, perfektioniert. Inder zahlen 2012 25 Rs, Ausländer 250 + 500 "Sondersteuer"! Bei der Abzocke ist es fast sinnvoller einen schönen Photo-Kalender zu kaufen.]

("Hausordnung")

("Hausordnung")

Mein erster Eindruck, nachdem ich durch das Tor geschritten war -- man hat ja etliche Photos des Taj gesehen -- und das ist alles? Ziemlich klein! Der "Aha"-Effekt stellte sich erst ein, nachdem ich ein paar Stunden im Gelände war.

Die Einlegearbeiten sind vom Feinsten. Der Sarg der Mumtaz Mahal überraschend klein.

Zu Lunst und Geschichte wissen andere mehr, daher auch hier wieder Buchtips:

  • Geschichte: Tillotson, Giles H. R.; Taj Mahal; Cambridge, Mass. 2009 (Harvard Univ. Press); ISBN 978-0-674-03186-9

  • Bildband: Taj Mahal; München 1993 (Hirmer); ISBN 3-7774-6030-3

Seitenflügel des Eingangsportals.

Seitenflügel des Eingangsportals.

Kennengelernt habe ich noch eine alleinreisende Amerikanerin. Angesichts der Anmache der sie ausgesetzt war während ihrer Reise, hatte ich einen Spaziergang. Denn sie hatte echtes rotes Haar bis zur Hüfte. Nun sind geschätzt 99% der Inder schwarzhaarig, rot sieht man allenfalls ind den Bärten älterer Herren, die sich ihre Bärte mit Henna färben. Sie wurde laufend aufgehalten, um mit ihr auf Photos posieren zu dürfen. Selbst im Taj, das (siehe Hausordnung) von Schleppern und Anmache frei ist, kamen laufend indische Mittelklassefamilien (die sich Kameras leisten konnten) und fragten. Während wir zusammen waren durfte ich dann getreu der Landessitte nach Bakshish fragen: "You want picture? Five rupeees. One picture, you pay Rupeeees!" Die wenigsten kapierten den Witz. Die Amerikanerin trugs mit Fassung. Nach Sonnenuntergang nahmen wir dann zusammen ein Tuk-tuk, sie war gut im Handeln. 25 + 10 Rs für die sieben Kilometer. Auf halbem Weg wollte der Fahrer dann Geld. Ausnahmsweise nicht als Abzocke, sondern weil er, um zum Ziel zu gelangen, er exakt einen Liter (18 Rs.) tanken fahren mußte. Sie hat dann noch bevor sie ihren Nachtzug, die wirklich gute Retiring Room Dusche genossen. Ich wachte am nächsten Tag zu einem Geräusch auf, das ich seit ich etwa zehn war nicht mehr gehört hatte: Das "tschuk tschuk" einer Dampflok, die dann tatsächlich am Bahnsteig war.

Dampflok, Agra (1994)

Dampflok, Agra (1994)

Delhi

In der Hauptstadt verbrachte ich einige Tage am Paharganj- Bazar bei New Delhi Bahnhof.

Der eigentliche Zweck des Aufenthalts war aber, ein iranisches Visum zu beantragen. Das war aufgrund der politischen Situation für Westler generell schwierig, hatte man mich gewarnt. Ich suchte mir also die Adresse der Botschaft, die sich nicht wie fast alle anderen im Diplomatenviertel (Chankyapuri), das etwas außerhalb liegt, sondern in der Stadt ist. Der Tuk-tuk Fahrer, mit dem ich um den Preis verhandelte schien das aber nicht zu wissen. Erst versuchte er einen hohen Preis wegen der weiten Strecke zu verlangen, von dem er auch nicht abrückte als ich ihm erklärte wohin er zu fahren hatte. Seine Ausrede war nun "heavy traffic in Delhi;" da konnte ich nur lachen -- ich war ein paar Wochen in Bangkok gewesen, dort hatte es wirklich Verkehr! Wir einigten uns dann doch. Wie befürchtet stelllte sich dann in der iranischen Konsularabteilung heraus, daß die Einreiserlaubnis (80 $ ?) in Teheran genehmigt werden müsse, dies mindestens sechs Wochen dauern sollte und die Erteilung nicht sicher war. Ich habe den Überlandplan daraufhin aufgegeben, zu viel Hoffnung hatte ich mir eh nicht gemacht. (Ausweichrouten wie den Karakorum-Highway über China und die Reste der Sowjetunion gab es damals -- schon jahreszeitlich bedingt -- noch nicht. Auch die Staaten der arabischen Halbinsel waren noch sehr schwierig zu bereisen, so daß selbst wenn eine Mitfahrt auf lokalem Frachtschiff von Pakistan eine allenfalls theoretische Möglichkeit blieb.)

Durchaus durchschnittliche aber ungewöhnlich saubere Wohnlage auf dem Weg nach Delhi (aus dem Zug; Feb. 94)

Durchaus durchschnittliche aber ungewöhnlich saubere Wohnlage auf dem Weg nach Delhi (aus dem Zug; Feb. 94)

© Adi Meyerhofer, 2013
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Lang, lang ist's her.
Details:
Aufbruch: November 1993
Dauer: 3 Monate
Heimkehr: 24.02.1994
Reiseziele: Thailand
Sri Lanka
Malediven
Indien
Pakistan
Türkei
Der Autor
 
Adi Meyerhofer berichtet seit 7 Jahren auf umdiewelt.