Iran Nordwest-Rundreise im März und April 2013

Iran-Reisebericht  |  Reisezeit: März / April 2013  |  von Ulrike Bohra

Soltaniyeh, Ali-Sadr Höhle, Hamadan

Das Oldjeitu Mausoleum in Soltaniyeh, 45 km südöstlich der Provinzhauptstadt Zanjan. Oldjeitu, bekannt auch als Mohammad Chodabande, war ein ilchanidischer Herrscher Anfang des 14. Jahrhunderts. 5. April 2013

Das Oldjeitu Mausoleum in Soltaniyeh, 45 km südöstlich der Provinzhauptstadt Zanjan. Oldjeitu, bekannt auch als Mohammad Chodabande, war ein ilchanidischer Herrscher Anfang des 14. Jahrhunderts. 5. April 2013

Arabeske in türkis- und kobaltblau, im Inneren des Oldjeitu Mausoleums

Arabeske in türkis- und kobaltblau, im Inneren des Oldjeitu Mausoleums

Wandmalerei und Kufi Kalligraphie im Inneren des Oldjeitu Mausoleums.

Wandmalerei und Kufi Kalligraphie im Inneren des Oldjeitu Mausoleums.

Kobalt- und türkisblaue Fliesenornamente im Inneren des Oldjeitu-Museums.

Kobalt- und türkisblaue Fliesenornamente im Inneren des Oldjeitu-Museums.

Das Oldjeitu-Mausoleum von Soltaniyeh. Die Rundkuppel ist mit türkisblauen Fayencen verziert und eine der größten Kuppeln der Welt mit einer Höhe von 35,1 m.

Das Oldjeitu-Mausoleum von Soltaniyeh. Die Rundkuppel ist mit türkisblauen Fayencen verziert und eine der größten Kuppeln der Welt mit einer Höhe von 35,1 m.

Soltaniyeh - Das Oldjeitu Mausoleum - 5. April 2013

Nach dem Frühstück fahren wir bei regnerischem Wetter von Zanjan nach Soltaniyeh, einer heute beschaulichen Kleinstadt mit 6000 Einwohnern. Der Ort wäre völlig unbedeutend, wäre da nicht der mächtige, alles überragende Kuppelbau des Oldjeitu-Mausoleums. Die Rundkuppel mit ihren türkisblauen Fayencen leuchtet blass gegen den wolkenverhangenen grauen Himmel. Imposant ragt das achteckige wuchtige Bauwerk empor. Mehdi und ich gehen in das von Gerüsten gestützte Innere des Bauwerks und bestaunen die detailverliebte Kachelarbeit an den Wänden, Arabesken in türkis- und kobaltblau, regelmäßige geometrische Blumenmuster und aus Ton gearbeitete 10-eckige Sterne in geometrischer Kufischrift. Dann steigen wir eine steile Treppe empor und begehen den mittleren überwölbten Rundgang, der landschaftlich reizvolle Blicke auf die Umgebung über kunstvoll gestaltete Balustraden freigibt. Der mittlere Rundgang besitzt schöne arabeske Wandmalereien in verblasstem Dunkelblau und darüber Streifen mit eindrucksvoller Kufi-Kalligraphie.

Das heute noch in Großteilen erhaltene Oldjeitu-Mausoleum entstand zwischen 1302 und 1312 in Soltaniyeh und war ursprünglich für Ali ibn Abi Talib (Vetter und Schwiegersohn Mohammeds) und dessen Sohn Hossein bestimmt. Letztlich wurde aber der Bauherr, Mongolensultan Oldjeitu Chodabande, darin begraben.

Nach der Besichtigung kaufen wir in den Lebensmittelläden neben dem Mausoleum Proviant für unser Picknick ein. Ich erstehe außerdem einen Mörser aus weißem Marmor für meine Schwiegermutter, das erste Souvenir, das ich kaufe. Der Verkäufer packt es reisesicher in Packpapier ein. Nachdem wir Tee aus Pappbechern getrunken haben, setzen wir unsere Fahrt bei Nieselregen nach Hamadan fort. Auf dem Rücksitz stapeln sich die Tüten mit unserem Proviant, das Stativ und sonstiger Krimskrams.

Blühende Obstbäume hinter Soltaniyeh an der Straße nach Hamadan.

Blühende Obstbäume hinter Soltaniyeh an der Straße nach Hamadan.

Lonesome Nissan Pickup in den Weiten Westirans. Landstraße von Zanjan nach Hamadan.

Lonesome Nissan Pickup in den Weiten Westirans. Landstraße von Zanjan nach Hamadan.

Unser Picknickplatz unweit der Straße Zanjan - Hamadan, bei der Kleinstadt Qeydar. 
5. April 2013

Unser Picknickplatz unweit der Straße Zanjan - Hamadan, bei der Kleinstadt Qeydar.
5. April 2013

Mehdi und ich nach unserem Picknick in der Nähe von Qeydar.

Mehdi und ich nach unserem Picknick in der Nähe von Qeydar.

Westiranische Steppenlandschaft bei Qeydar.

Westiranische Steppenlandschaft bei Qeydar.

Picknick in der Nähe der Stadt Qeydar - 5. April 2013

Je weiter wir durch die Weiten Westirans in Richtung Hamadan fahren, umso mehr lichtet sich der blassgraue wolkenverhangene Himmel. Sanfte zartgrüne und erdbraune Hügel ergießen sich wellenförmig zu beiden Seiten der Landstraße. In den Senken reihen sich knospende Weidensträucher an Bächen entlang. Eine weitläufige harmonische Steppenlandschaft dehnt sich vor uns aus, äußerst karg, steinig und von spröder Schönheit, von grünenden Feldern durchzogen. Über diese leeren Steppen weht stets Wind, heute ist er recht frisch. Mehdi und ich halten Ausschau nach einem windgeschützten Picknickplatz in der Nähe der Landstraße. Ein paar Weidensträucher oder ein kleiner Hain sind rar in dieser Gegend. Schließlich finden wir abseits der Straße eine Gruppe kahler Birkenpappeln und Weidenbäume, ideal zum Picknicken. Mehdi schlittert mit seinem Auto über einen morastigen Weg, der zu einem Kieswerk führt. Uns kommt ein Kieslaster entgegen, das Rangieren fällt schwer im Morast, das Auto rutscht. Schließlich halten wir am Wegrand und nehmen unsere Provianttüten, eine Thermoskanne und meinen Rucksack aus dem Auto. Zuerst steigen wir durch einen matschigen, mit dornigem Gestrüpp bewachsenen Graben und mühen uns eine Böschung hinauf, bis wir die Tüten zwischen den Pappelstämmen abstellen und uns auf einen umgeknickten Stamm setzen. Unser schlichtes Picknick besteht aus Nan, Scheibenwurst, Ziegenkäse, Ketchup, Gemüse und Trockenobst. Dazu trinken wir süßes Bier mit Traubenaroma. An das iranische alkoholfreie Bier mit seinem Fruchtgeschmack kann ich mich einfach nicht gewöhnen. Mag ich nicht einmal Radler, Bier mit Limonade. Und genauso schmeckt das iranische Bier oft, wie Limonade mit leichtem Bittergeschmack. Weil unser Picknickplatz wirklich ein idyllisches Plätzchen ist, macht Mehdi mit seiner Kamera auf dem Stativ eindrucksvolle Landschaftsfotos, die das saftig grüne Aprilgras und die noch kahlen Zweige und Äste einfangen. Lebhaftes Vogelgezwitscher und Windrauschen unterlegen die Szenerie akustisch. Hin und wieder stört nur ein Kieslaster die Ruhe. Ich beginne zu verstehen, warum die Iraner das Picknicken so sehr lieben. Bietet es in einem islamischen Land mit so vielen Vorschriften und rigiden Verboten doch ein Schlupfloch in die Freiheit, in ungestörte Privatheit. In solchen unendlichen Weiten fällt einem das Atmen leichter, die alltäglichen Sorgen fallen ab wie welke Blätter. Immer wieder staune ich über die Spröde und karge Schönheit dieses Landes. Aber die iranischen Steppen sehen so ganz anders aus als die russischen Steppen mit ihren kreideweißen Kuppen. Das Gestein hier ist oft schwärzlich, bisweilen sandsteinrot oder lehmgelb. Auf den Kuppen wächst spärliches Gras, Wermutkraut und Dornengestrüpp. Einsam streifen Schafherden durch diese Weiten. Ich kann mir bis heute nicht erklären, warum mich die Steppenlandschaften mit solcher Sehnsucht erfüllen. In meiner Kindheit habe ich von der Prärie geträumt, als junge Frau von den Donsteppen in Südrussland, die ich dann mit Mitte zwanzig auch selbst gesehen habe, heiß, staubig, sonnenverbrannt. In Kirgisien kroch mir ständig der herbe Geruch des Steppenwermuts in die Nase, auch hier dehnen sich riesige leere Räume, die das Gefühl von Freiheit und Einsamkeit schenken. Die Gedanken schweifen immer in die Ferne.

Schließlich kehren wir zum Auto zurück und spulen die Kilometer herunter wie gleichmäßiges Garn von einer Spule. Unser nächstes Etappenziel ist die Ali Sadr Höhle 100 km nördlich von Hamadan.

Unterirdischer See in der Ali Sadr Höhle in der Nähe von Hamadan. Die Ali-Sadr oder Blaue Höhle wurde vor 40 Jahren zufällig von dem Ziegenhirten Ali Sadr entdeckt, nach dem die Höhle benannt wurde.

Unterirdischer See in der Ali Sadr Höhle in der Nähe von Hamadan. Die Ali-Sadr oder Blaue Höhle wurde vor 40 Jahren zufällig von dem Ziegenhirten Ali Sadr entdeckt, nach dem die Höhle benannt wurde.

Kalzitstrukturen und Stalaktiten in der Ali Sadr Höhle.

Kalzitstrukturen und Stalaktiten in der Ali Sadr Höhle.

Großer Stalagmit in der Ali Sadr Höhle.

Großer Stalagmit in der Ali Sadr Höhle.

Stalaktiten, deren Kalzitstrukturen an Korallen erinnern, in der Ali-Sadr-Höhle.

Stalaktiten, deren Kalzitstrukturen an Korallen erinnern, in der Ali-Sadr-Höhle.

Mehdi vor einem riesigen Kalkstein-Vorhang in der Ali-Sadr Höhle.

Mehdi vor einem riesigen Kalkstein-Vorhang in der Ali-Sadr Höhle.

Die Ali-Sadr Höhle (Ali Sadr Water Cave) - 5. April 2013

Am frühen Nachmittag erreichen wir den Parkplatz vor der Ali-Sadr Höhle. Vor rund 40 Jahren stieß der Hirte Ali Sadr zufällig auf die Höhle, als er seine Tiere auf einer Wiese etwa 100 km entfernt von der Provinzhauptstadt Hamadan weiden ließ. Auf der Suche nach einer Ziege, die sich verirrt hatte, stieß Ali Sadr auf einen Höhleneingang zwischen den Felsen. Dahinter verbirgt sich ein Höhlensystem, das seinesgleichen sucht: Meterhohe Decken, imposante Stalagmiten und Stalaktiten sowie Höhlen, die zuweilen eine Breite von über 100 Metern aufweisen. Eine Besonderheit ist der riesige unterirdische See, dessen klares Wasser der Höhle auch den Beinamen "Blaue Höhle" eingebracht hat. Experten zufolge ist die Höhle ungefähr 70 Millionen Jahre alt.

Mehdi bezahlt den Eintritt in der großen Eingangshalle, dann schreiten wir durch einen Tunnel in das Innere der Höhle und ziehen uns orangefarbene Schwimmwesten an. Die Höhle wird von orangefarbenen und hellgrünen Scheinwerfern beleuchtet. Wir gehen einen schmalen Gang an unzähligen Sitzreihen vorbei, entlang bis zum Steg, an welchem aneinandergekettete Boote schaukeln. Mehdi steigt enthusiastisch beim Bootsführer in das Tretboot ganz vorne ein, zückt seinen Tablet PC und nimmt die fantastischen Höhlenformationen mit der integrierten Videokamera auf. Dabei unterhält er sich lebhaft mit dem Bootsführer.

Mich fasziniert die beschauliche und gemächliche Fahrt durch die Höhle im Boot. Immer wieder müssen wir die Köpfe einziehen, um uns nicht am Gestein zu stoßen. Wundersame Stalaktiten langen wie kleine Finger von den Felswänden herunter, an anderen Stellen blühen Korallen aus Kalzit und wuchern in üppigen blumenartigen Gebilden den Fels herab, unzählige eiszapfenförmige Tropfsteine fließen wie Kerzenwachs ineinander. Die gelblichen Lichter spiegeln sich im klaren, acht Meter tiefen Wasser. An einigen Stellen leuchten Schilder mit Suren aus dem Koran, auch in englischer Sprache. Sie lobpreisen die Schöpfung Gottes. Unwillkürlich denke ich an die Märchenwelten meiner Kindheit, an verborgene Schätze und geheimnisvolle Feen und fleißige Zwerge.

Dann öffnet sich eine große Halle mit einem grandiosen Stalagmiten und gewaltigen weiß beleuchteten Stalaktit-Vorhängen. In diesem Teil der Höhle können wir aus dem Boot steigen und auf Treppen zu den Höhlenwundern hinauf- und heruntersteigen.

Schließlich laufen wir über unter unserem Gewicht nachgebende Pontons aus Metall zurück zur Bootsanlegestelle. Unaufhörlich knipsen ich und die anderen Besucher Fotos. Dann macht Mehdis Akku schlapp, und er drückt großes Bedauern darüber aus, dass er den letzten Film nicht mehr speichern konnte. Heute habe er großen Spaß in der Höhle, bei seinem letzten Besuch habe er nicht den gleichen Enthusiasmus verspürt. Nun, zumindest haben wir eine große Menge spektakulärer Fotos gespeichert. Auf dem Weg zum Ausgang kommen wir an einer Stelle vorbei, an der Wasser über nuggetähnliches goldfarbenes Gestein plätschert. Irgendwie macht sich bei mir Goldgräberstimmung breit, obwohl es nur kalkhaltiges Felsgestein ist.

In der Eingangshalle, die an einen Wartesaal im Bahnhof erinnert, trinken wir aus Pappbechern Tee und essen Biskuits. Die Höhle hat uns beide tief beeindruckt. Draußen hat es zu regnen angefangen. In großer freudiger Eile rennen wir zu Mehdis Auto und setzen unsere Reise nach Hamadan fort.

Neuschnee in den Bergen unmittelbar bei Hamadan. Mehdi springt vor Begeisterung in die Luft.

Neuschnee in den Bergen unmittelbar bei Hamadan. Mehdi springt vor Begeisterung in die Luft.

Verschneite Landschaft unweit der alten Stadt der Meder, Ekbatana, das heutige Hamadan.

Verschneite Landschaft unweit der alten Stadt der Meder, Ekbatana, das heutige Hamadan.

Nebelschwaden vor dem Alvand-Gebirge bei Hamadan.

Nebelschwaden vor dem Alvand-Gebirge bei Hamadan.

Die Alvand-Berge bei Hamadan. Der höchste Berg der Provinz ist der Berg Kuh-e Alvand mit 3.574 m, an dessen Fuß die Stadt Hamadan liegt.

Die Alvand-Berge bei Hamadan. Der höchste Berg der Provinz ist der Berg Kuh-e Alvand mit 3.574 m, an dessen Fuß die Stadt Hamadan liegt.

Neuschnee in den Alvand-Bergen um Hamadan - 5. April 2013

Während wir auf der Landstraße Richtung Hamadan fahren, geht der Regen in Schneefall über. Schnell überzuckert der Schnee die weitläufige kahle Landschaft. Als Mehdi am Straßenrand ein paar tanzende und Schneeball werfende Leute sieht, hält auch er sein Auto an und macht einen Begeisterungssprung in die Luft. Der Asphalt am Straßenrand ist glitschig und matschig. Mehdi stapft mit riesigen Matschklumpen an den Schuhen aus dem Acker zurück zum Auto, steckt mir lausbübisch Schnee in den Hemdausschnitt am Nacken; eiskalt rieselt er mir den Rücken herunter. Ich schreie auf vor Schaudern und Vergnügen.

Am Abend nähern wir uns der wolkenverhangenen Stadt Hamadan, hinter der sich majestätisch die schneebedeckten Alvand-Berge erheben. Nebel wallen auf halber Höhe und breiten sich wie ein Teppich auf der ganzen Länge des Tals aus. Die Berggipfel ragen aus den Nebelschleiern blassblau heraus, mit schneeweißen Kämmen. Ein atemberaubend schönes Panorama bietet sich unserem Auge dar.

In Hamadan fahren wir an der Imamzadeh-ye Abdollah, einer Moschee mit imposanter vergoldeter Kuppel und vergoldeten Minaretten vorbei zum Hotel Arian im Stadtzentrum. Nachdem wir eingecheckt haben und die Koffer auf unsere Zimmer gebracht wurden, fahren wir mit dem Taxi zu einem vornehmen Restaurant zum Abendessen. Ein an Sehenswürdigkeiten und Erlebnissen reicher Tag geht zu Ende.

© Ulrike Bohra, 2013
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Die Reise
 
Worum geht's?:
Reiseroute: Teheran - Qazvin - Masuleh - Bandar Anzali - Talesch - Ardabil - Sareyn - Tabriz - Marand - Jolfa - Maku - Khoy - Orumiyeh - Kandovan - Takab - Zanjan - Soltaniyeh - Hamadan - Malayer - Arak - Isfahan - Teheran
Details:
Aufbruch: 28.03.2013
Dauer: 15 Tage
Heimkehr: 11.04.2013
Reiseziele: Iran
Der Autor
 
Ulrike Bohra berichtet seit 5 Jahren auf umdiewelt.
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